Traumatische Zustände und das Herz

Wer frühkindliche Traumata erlitten hat (z.B. durch frühe Trennungen von der Mutter, medizinische Eingriffe, Therapien und Gewalt), der leidet oft ein Leben lang unter immer wiederkehrenden „traumatischen Zuständen“. Das sind Zustände höchster körperlicher Anspannung und einer Beunruhigung, die sich kaum beruhigen lässt. Solche Zustände sind auch belastend für den Kreislauf. Nicht wenige bemerken verspannte Muskeln und „Herzschmerzen“, die durch Verspannungen bedingt sind.

Mit dem Älterwerden können solche Zustände dem Körper mehr und mehr zu schaffen machen. Fragt der Arzt: „Haben Sie Stress?“, kann man gar nicht richtig antworten. Natürlich haben wir alle Stress. Doch wer frühe Traumata erlebt hat, für den ist Stress viel belastender. Das ganze System ist viel empfindlicher als von weniger traumatisierten Menschen. Die psychischen Schmerzen sind oft so groß, dass nur Essen beruhigen kann. So kann es zum Übergewicht kommen und zu weiteren herzbelastenden Folgen.

„Stress“ bedeutet in dem Fall auch ein wiederholtes Auftreten dieser angespannten Zustände, die sich kaum in Worte fassen lassen. Besonders belastend ist der „Duldungsstress“, also das Leben in Situationen, die sich über mehrere Jahre hinziehen und die sich nur schwer oder über lange Zeit verändern lassen. Nur durch viel Disziplin, durch fast tägliches Yoga oder TaiChi oder Zen-Meditation lassen sich Körper und Psyche beruhigen.

Das vegetative Nervensystem lässt sich nur durch viel Üben beeinflussen. Wichtig ist es, das eigene Leiden anzunehmen. Wir können über unsere Lebensnöte und Lebensthemen meditieren und uns immer wieder neu damit auseinandersetzen.

Wer sich das Stressgeschehen auf Molekül-Ebene anschauen möchte, kann durch einige Studien stöbern, die versuchen, die Folgen des frühen Traumas irgendwie dingfest zu machen. Neben der Feststellung, dass die „Schutzkappen der Chromosomen“ (Telomere) bei Traumatisierten oft verkürzt sind und somit auch die Lebenserwartung verkürzen (Spiegel.de), gibt es auch Theorien rund um das Vasopressin.

Jedoch sollte man sich hier nicht verrückt machen: Andere „Medizin“ wie z.B. die Traditionell Chinesische Medizin, Ayurveda, die Yoga-Medizin etc. sehen die Veränderungen durch frühe Traumata weniger schicksalhaft an. Früher glaubte man, dass sich Nervenzellen und -bahnen kaum verändern könnten, doch heute weiß man von der Plastizität des Gehirns und Nervensystems. Solch eine Plastizität ist auch für andere Körpersysteme anzunehmen. Man kann also trotz allem – auch noch später im Leben – mit guten Maßnahmen anfangen, um die Folgen der schlechten Voraussetzungen zu Beginn des Lebens in etwas Sinnvolles zu transformieren.

Für Molekularbiologie-Liebhaber:

Bei Frühtraumatisierten ist die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophsen-Nebennieren-Achse) empfindlicher, das heißt, die Betroffenen produzieren bei Stress rascher höhere Mengen des Stresshormons Cortisol. Auch die Konzentration von Vasopressin (Antidiuretisches Hormon, ADH) kann erhöht sein.

Wenn wir uns ein Vasopressin-Gen anschauen, dann lässt sich beobachten, wie das Gen gehemmt werden kann durch das Andocken von Methylgruppen. Es wird dann weniger Vasopressin gebildet. Bei traumatisierten Mäusen wird die Vasopressin-Produktion kaum gehemmt, sodass sie mehr Vasopressin bilden. (Max-Planck-Gesellschaft: „Gene lernen aus Stress“)

Eine Methylgruppe ist ein Kohlenstoffatom mit drei Wasserstoffatomen (-CH3). Wenn ich nun einen Abschnitt einer Genkette (DNA, Desoxyribonukleinsäure) habe, dann können sich dort Methylgruppen (über das Methylgruppenbindende-Protein-2, MeCP2) anheften.

Je nachdem, wie viele Methylgruppen sich an bestimmte Gene heften, werden diese Gene mehr oder weniger häufig abgelesen. Wann immer Gene (von sogenannten RNA-Polymerasen) abgelesen werden, entstehen in der Folge Aminosäuren, aus denen Eiweiße gebildet werden. So kann z.B. in einer Gehirnzelle das Eiweißmolekül Vasopressin (Antidiuretisches Hormon, ADH, Arginin-Vasopressin, AVP) hergestellt werden.

Vasopressin hemmt die Wasserausscheidung und verengt gleichzeitig die Gefäße. Vasopressin kann auch Durst auslösen.

„Die Vorläufermoleküle von Vasopressin werden im Hypothalamus gebildet“ (Pharmazeutische Zeitung, 5/2011). Sie wandern dann in den Hypophysenhinterlappen (Neurohypophyse). Diese Moleküle werden dann gespalten in Vasopressin und Oxytozin – interessanterweise ist Oxytozin das Bindungshormon, also das Hormon, das Mutter und Kind oder Verliebte besonders stark miteinander verbunden fühlen lässt. Vasopressin hingegen sorgt für Stress. Es fördert die Ausschüttung von Corticotropin (ACTH) aus dem Vorderlappen der Hypophyse. Gleichzeitig sorgt es jedoch dafür, dass sich – im Experiment – Rattenmütter um ihren Nachwuchs kümmern.

Durch frühen Stress kann unser Nervensystem also auf „empfindlich“ eingestellt werden. An die frühkindlichen Situationen, die uns in die Hölle versetzten, können wir uns bewusst oft nicht erinnern – jedoch treten die körperlichen Anspannungszustände immer wieder auf. Und sie belasten das Herz. Sich dessen bewusst zu werden, tut unglaublich weh. Es kann auch wütend machen. Doch es kann auch dazu führen, ein bewusst gesünderes Leben zu führen und sich selbst mehr zu behandeln wie eine „Wunde“, wie ein empfindliches System.

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Studie:

C. Murgatroyd et al. (2009):
Dynamic DNA methylation programs persistent adverse effects of early-life stress.
Nature Neuroscience 12 (12), 1559 – 1566 (2009).
https://www.nature.com/articles/nn.2436

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