Bluthochdruck und die Psyche
Fette, wenig Bewegung, Rauchen, Stress – all das wird als Ursache für hohen Blutdruck (Hypertonie) angenommen. Bei einem chronischen Blutdruck von 160/95 mmHg lautet die Diagnose meistens “essenzielle Hypertonie”. Das bedeutet, dass sich die Ursache nicht wirklich erklären lässt. Doch die Hypertonie zählt auch zu den klassischen psychosomatischen Erkrankungen (Holy Seven). Was hat es damit auf sich? (Text: © Dunja Voos, Bild: © Verena N., PIXELIO)
Unter dem Deckel brodelt es
Es ist nicht so, dass bestimmte Probleme zu speziellen psychosomatischen Erkrankungen führen. Doch manches lässt sich bei vielen Menschen mit Bluthochdruck wiederfinden. Beispielsweise fällt es vielen Patienten schwer, ihrem Ärger in angemessener Form Luft zu machen. Sie halten quasi einen Deckel auf einen kochenden Topf. Der Druck wird immer höher. Manche Patienten können ihren Ärger nicht wahrnehmen. Sie verdrängen ihn, denn sie scheuen sich vielleicht davor, mit Menschen, die in ihnen am Herzen liegen, einen Konflikt auszutragen. Doch das Ergebnis kann auf Dauer ein Spannungszustand sein, der sich als hoher Blutdruck äußert. Daher helfen Entspannungsübungen manchmal nur wenig, wenn der eigentliche Streitpunkt und der eigentliche Ärger nicht aus der Welt geschafft werden können.
Bereit zu Kampf und Flucht
Viele Hochdruckpatienten sind engagiert im Beruf, haben gerne alles unter Kontrolle, mögen es ordentlich und sind nahezu zwanghaft. Sie fühlen sich schnell schuldig und sind in ständiger Kampfbereitschaft, ohne dass ein effektiver Kampf stattfindet. Es ist, als wäre das sympathische Nervensystem, das uns zu Flucht und Kampf verhilft, die ganze Zeit aktiviert: Weite Pupillen, erhitzter Kopf, schlechte Verdauung und angespannte Muskeln gehören dazu. Der Psychosomatiker Franz Alexander ging davon aus, dass sich die feine Muskulatur, die die Arterien umgibt, ebenfalls anspannt. Die Gefäße werden enger, der Druck erhöht sich. Das Herz muss dagegen anpumpen.
Zurück in die Höhle
Andererseits ziehen sich manche Hochdruckpatienten gerne zurück “in ihre Höhle” und tauschen selten Persönliches aus. Hier überwiegt die Seite des Parasympathikus, quasi die Seite der Ruhe, der Verdauung und Müdigkeit. Die beiden Nervensysteme Sympathikus und Parasympathikus werden in unlösbaren Situationen abwechselnd aktiv. Das führt zu Rot- und Blasswerden, zu wechselnden Pulsfrequenzen, Schweißausbrüchen, Blutdrucksteigerung und -erniedrigung bis hin zur Ohnmacht, zu Gänsehaut, Harn- und Stuhldrang.
Leistung ist alles
Viele Hochdruckpatienten haben hohe Ansprüche an sich selbst oder arbeiten in Berufen, die hohe Anforderungen stellen. Wer ständig viel leisten muss, ohne dafür ausreichend belohnt zu werden, der ist für den hohen Blutdruck prädestiniert. Oft spielt auch Konkurrenzdenken eine Rolle. “Ich muss besser sein als der andere” wird zu “mein Druck ist höher als der des anderen”.
Geld und Gene
Einerseits ist die Hypertonie genetisch bedingt. Andererseits sind Bildung und wirtschaftliche Verhältnisse wichtige Faktoren. Wer ständig Geldsorgen hat, wird selten wirklich entspannt sein. So sterben in den USA beispielsweise besonders häufig schwarze Männer mit niedrigem Bildungsstand an den Folgen des Bluthochdrucks.
Frau oder Mann
Das männliche Hormon Testosteron ist blutdrucksteigernd, das weibliche Östrogen wirkt auf die Gefäße schützend. Dies erklärt unter anderem die höhere Lebenserwartung der Frauen.
Unentschlossenheit
Auch die Schwierigkeit, sich zwischen verschiedenen Lebenssituationen zu entscheiden, kann zu Bluthochdruck führen. Gegenteilige Gefühle “kämpfen” miteinander, der Ausweg ist vielleicht eine Zeitlang versperrt. Sobald jedoch eine Entscheidung gefallen ist und sich die Dinge in eine eindeutige Richtung entwickeln, kann ein Bluthochdruck zurückgehen.
Therapie
So verschieden die Ursachen des Hochdrucks und die Menschen sind, so verschieden sind auch die Therapieansätze. Medikamente und Blutdruckmessung gehören meistens dazu. Viel Wissen und Motivation zu gesunder Lebensführung können die Erkrankung im Rahmen halten. Entspannungs- und Feedbackverfahren wirken unterstützend. Wenn sich Probleme festmachen lassen, z. B. bei Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit in Beruf oder Partnerschaft, dann kann je nach Vorliebe eine tiefenpsychologisch fundierte oder eine Verhaltenstherapie weiterhelfen.
Literatur:
Stephan Ahrens:
Lehrbuch der psychotherapeutischen Medizin.
Schattauer, Stuttgart 1997: 423–429
Links:
Deutsche Herzstiftung, www.herzstiftung.de
Informationen der Hardtwaldklinik II, Bad Zwesten:
Die Psychosomatik bei Bluthochdruck.






Oktober 24th, 2008 11:25
Als ich Ihr Veröffentlichung las, wurde mir heiß und ich fand ganau mich in meiner Selbsteinschätzung hier beschrieben. Befinde mich z.Z. wieder in einer Hochdruck-Phase. Habe, nach jahrelangem Medikamtengebrauch die Nase voll davon, da sich der Blutdruck nach geraumer Zeit, trotz regelmäßiger Einahme wieder hoch pegelte. Hab meine Ernährung und mein Leben vollkommen geändert, 15 kg abgenommen, vornehmlich pflanzliche Ernährung und regelmäßig Sport, keinen Kaffee und keinen Alkohol –> Erfolg ca. 1/4 Jahr und dann ging es systematisch wieder bergauf. Durch meine tägliche Selbstkontrolle schaffe ich mir scheinbar auch wieder Streß und messe morgens zw. 150/89 bis 190/110. Ich merke jedoch genau, wann ich wieder hippelig und unruhig werde, hitziges Gefühl sich breit macht und Kopfschmerzen kommen, dass es wieder mal hoch her geht in mir. Zur Risiko-Gruppe gehöre ich wohl nicht mehr und trotzdem soll ich nun wieder Tabletten nehmen und will das überhaupt nicht. Wer hat einen Rat für mich?
Oktober 25th, 2008 12:22
Liebe Carmen,
es gibt Ärzte mit dem Zusatztitel “Psychotherapie” oder “Psychosomatische Grundversorgung”. Sie betrachten den Bluthochdruck oft ganzheitlich und im Telefonbuch lassen sich diese Ärzte (Internisten, Allgemeinmediziner) finden.
Wenn Sie die Zusammenhänge zwischen Anspannung und Bluthochdruck genauer verstehen wollen oder Ihnen psychische Anspannung zu schaffen macht, kann ein Psychologe weiterhelfen. Adressen gibt es zum Beispiel bei der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie, http://www.dgpt.de.
Viele Grüße von Dunja Voos
Januar 24th, 2010 14:10
Ein sehr schöner Beitrag, der zeigt, wie sehr Körperfunktionen von unseren inneren Bildern und Erwartungen abhängen.
August 19th, 2010 10:41
Weiß jemand Rat was ich bei Bluthochdruck für Alternativen zu Tabletten & Co habe ?
LG