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Scham – ein zwischenmenschliches Gefühl, das durch Blicke verstärkt werden kann

Für uns selbst können wir denken, machen, tun, was wir wollen. Zwar kann man sich auch vor sich selbst schämen, doch Scham tritt besonders dann auf, wenn andere Menschen hinzukommen. Wer sich schämt, befürchtet, verachtet zu werden und schuldig zu sein (Gerhart Piers und Milton Singer, 1953: Shame and Guilt: A Psychoanalytic and Cultural Study). Weiterlesen

„Ich liebe Dich“ – warum gehen Gefühle kaputt, wenn wir sie aussprechen?

Ich las einmal ein englisches Stück, das ging ungefähr so: Sie spürte Liebe in ihrem Bauch. Das Gefühl stieg in ihrem Hals auf und legte sich auf ihre Zunge. Sie sprach das Wort „Liebe“ aus. Und es fiel auf den Boden und zerbrach wie Glas in tausend Scherben. | Warum haben wir so oft den Eindruck, dass unser Gefühl stirbt, wenn wir es aussprechen? Vielleicht, weil die Worte unserem Gefühl nicht immer gerecht werden können. Unsere Gefühle sind oft so unaussprechlich, dass wir spüren: Das Wort kann nicht annähernd ausdrücken, was wir wirklich fühlen. Vielleicht denken wir, der andere will von uns hören, was wir fühlen – so wie Erwachsene zu einem Kind manchmal sagen: „Was sagt man da?“, um das Wort „Danke“ zu hören. Doch dadurch wird etwas Wertvolles zerstört: Das Gefühl geht kaputt. Weiterlesen

Alexithymie: über die Schwierigkeit, eigene Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen

Alexithymie ist die Schwierigkeit, Gefühle wahrzunehmen, zu beschreiben und zu regulieren. Wenn wir ein Gefühl nicht wahrnehmen können, obwohl es gerade stark aktiv ist, können körperliche Beschwerden auftreten. Das Kleinkind spürt Wut vielleicht nur als „Bauchweh“ – anstatt eines Affektes hat es eine Körpersensation. Auch wir kennen das: Wir spüren Schuldgefühle, bekommen aber gleichzeitig Magenschmerzen, weil uns die Schuldgefühle zu viel sind und wir sie nicht besser regulieren können. Manchmal aber können wir unser Grundgefühl nicht erkennen oder benennen. Es kommt vielleicht zu einem Symptom (Angst, Kopfschmerz etc.), aber es fehlt die bewusste Wahrnehmung der Emotion (z.B. Wut, Neid, Schuld). Weiterlesen

Über das Gefühl, ekelig zu sein

Manchmal haben wir vielleicht das Gefühl, uns vor uns selbst ekelig zu fühlen. Möglicherweise fing dieses Gefühl in der Pubertät an. Da bekam man Akne, fing an, zu riechen, Speckröllchen anzusetzen und sich mit Haar und Körper unwohl zu fühlen. Lieblose Eltern haben durch ihre kritischen Blicke und distanzlose Sprache dafür gesorgt, dass sich das Gefühl von Ekel verstärkte. Frauen, die darunter leiden, sich ekelig zu fühlen, hatten oft Mütter, die sich selbst als Frau nicht schätzten und sich nicht gut pflegten. Oft kamen die Mütter oder Väter einem mit ihrem Körper viel zu nah.Weiterlesen

Duckmäuser? Den Ausgang aus dem Kreislauf von Schuldgefühl und strafendem Über-Ich finden

Man bekommt zu hören, dass das Schuldgefühl irgendwie nicht richtig sei, dass es eingeredet oder vererbt sei oder dass es aus sonstigen Gründen nicht so ganz richtig sei. Doch auch das Schuldgefühl ist in einem inneren und äußeren System verankert und es hat Recht – es fragt sich nur oft, wozu es wirklich passt. Weiterlesen

Verachtung – was ist das für ein Gefühl? „Wenn ich etwas Gutes bekomme, verachte ich den anderen dafür.“

Verachtung ist ein Gefühlsgemisch. Es mag eine Mischung aus Enttäuschung, Angst, Häme, Schmerz und Ärger sein. Oft ist der Wunsch nach Distanzierung dabei: „Ich bin nicht so wie mein Vater oder meine Mutter. Ich bin nicht so rassistisch wie die da. Ich verachte die Mitläufer von damals.“ Weiterlesen

Hassliebe – Liebe und Hass gehen oft Hand in Hand

Wenn wir wütend sind, ist die Sache schnell gegessen: Wir zeigen unsere Wut und reagieren uns ab. Wenn ein Kleinkind immer wieder wütend wird, weil es von seiner Mutter wiederholt eingeengt oder verlassen wird, dann kann die immer wiederkehrende Wut jedoch zum festen Hass werden. Das Kind hat dann ein Bild von einer Beziehung im Kopf, die immer nur wütend macht. So entsteht eine Repräsentanz, also eine Vorstellung von einer hasserfüllten Beziehung. Der Hass ist dann im Gegensatz zur Wut dauerhaft installiert. Dieses Beziehungsmuster kann sich dann leicht auf andere Beziehungen im Erwachsenenalter übertragen. Manche Menschen leiden sehr darunter, dass ihre engeren Beziehungen schnell hasserfüllt sind.

Ungute Abhängigkeit schürt Hass

Hassliebe tritt oft dann auf, wenn eine große, ungute Abhängigkeit zwischen zwei Menschen besteht. Das kleine Kind fühlt mitunter Hassliebe gegenüber seiner Mutter, von der es ganz und gar abhängt. Wenn die Mutter dem Kind nicht den Entwicklungsraum bietet, den es braucht, wird die Hassliebe zum Alltag. Wie eng Liebe und Hass zusammenhängen, zeigt schon unsere Sprache: „Den hab‘ ich gefressen“, sagen wir, wenn wir jemanden verabscheuen. Oder aber wir haben jemanden „zum Fressen gern“. „Du bist zum Anbeißen süß“, sagt die Mutter entzückt zu ihrem Kind oder der Mann zur Partnerin. Das Problem mit der Hassliebe ist, dass sie so verwirrend ist und uns oft so hilflos zurücklässt. Erwachsene, die sich in einer Hass-Liebes-Beziehung befinden, finden oft nur schwer heraus.

Man kann jemanden dafür hassen, dass man ihn liebt.
Man merkt dann, dass man den anderen „braucht“ – und das hasst man.

Die Mischung aus Aktivität und Passivität

Bei der Hassliebe scheinen Aktivität und Passivität ganz nah beieinander zu liegen. Hass kann man relativ leicht „machen“: Man zerstöre bei einem anderen etwas, das ihm lieb ist und schon hat man in wenigen Augenblicken den Hass des anderen auf sich gezogen. Auch mit Schweigen oder Liebesentzug kann der Hass entflammt werden. Die Liebe zu entflammen erscheint da weitaus schwieriger. Während man Hass durch Aktion herbeiführen kann, ist man bei der Liebe stärker auf das Glück angewiesen.

Ist es möglich, dass ein anderer mich liebt?

Wir haben Glück, wenn ein anderer uns anschaut und uns liebt. Manche Menschen sind sicherer, geliebt zu werden als andere. Diejenigen, die in der Kindheit genug Liebe von ihren Eltern mit auf den Weg bekommen haben, gehen selbstverständlicher davon aus, Liebe zu erhalten. Diejenigen jedoch, die Liebe in ihrer Kindheit vermissten, wissen oft nicht so genau, ob es möglich ist, dass ein anderer sie liebt. Sie fühlen sich dann sehr ohnmächtig. Ob die Liebe im anderen erweckt wird, das weiß man eben nicht so genau. Man kann sich noch so attraktiv machen und noch so sehr an sich arbeiten – ob man geliebt wird, das kann man eben kaum steuern. Weil diese Ohnmacht oft so schwer auszuhalten ist, „machen“ manche Menschen, dass man sie hasst – das ist ihnen lieber, als dass gar nichts passiert.

Innere Zwiegespräche können zu Hass führen: „Der will das bestimmt nicht“, sagt man sich. Und fragt ihn gar nicht. Allein durch falsche Annahmen kann Hass entstehen.

Liebe kann entstehen

Liebe ist oft nicht sofort da. Zwar gibt es die „Liebe auf den ersten Blick“, doch bei vielen entsteht die Liebe erst im Laufe des längeren Zusammenseins. Zwei Menschen, die viel zusammen erleben, beginnen, sich zu lieben, weil sie sich genau kennengelernt haben. Mit der Zeit ist die Liebe entstanden und gewachsen. Liebe kann langsam entstehen – zum Beispiel auch aus Gefühlen der Dankbarkeit, weil man merkt, dass ein anderer stets verlässlich für einen da ist. Sie kann entstehen, wenn man den anderen verstehen lernt.

Liebe ist wie Vertrauen etwas Langsames, das wächst. Hass kann dagegen sehr schnell sein.

Ein Liebesband wurde vielleicht über viele Jahre hinweg geflochten – mit großer Leichtigkeit oder aber auch mit viel Mühe. Dieses Liebesband hält viel aus, mitunter auch Hass, der immer mal wieder entstehen kann. Hass kann das Liebesband aber auch anreißen und durchschneiden. Hass ist ein starkes Gefühl, bei dem man den anderen abstößt – gleichzeitig kann man mit ihm aber auch im Hass verbunden sein.

Hassliebe klebt

Beziehungen, in denen einer vom anderen stark abhängig ist, sind oft besonders pappig. Zwei Menschen kleben dabei aneinander und fühlen sich nicht frei. Sie können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander. Hass und Liebe können dabei schnell wechseln oder auch parallel bestehen. „Zuckerbrot und Peitsche“ ist eine Erziehungsmethode, die Erfahrungen tief in das Gehirn von Kindern einbrennt. Die Erlebnisse sind auf eine ungute, aber eben sehr stabile Art in der Erinnerung vorhanden. Kinder, die viel „Zuckerbrot und Peitsche“ erlebt haben, suchen sich später oft Partnerschaften, in denen sie dieses Auf und Ab wieder erleben. So können sadomasochistische Beziehungen entstehen.

Catullus 85: „ÅŒdÄ« et amō. QuārÄ“ id faciam fortasse requÄ«ris.
Nesciŏ, sed fierÄ« sentiō et excrucior.“ – „Ich hasse und ich liebe. Warum ich das mache?, magst Du Dich vielleicht fragen. Ich weiß es nicht. Aber ich fühle es und es quält mich.“

Mit Psychotherapie die Gefühle sortieren

Eine Psychotherapie kann helfen, die Gefühle auseinanderzuklamüsern, sie zu verstehen und zu sortieren. Wer seine Hassliebe tiefer verstehen möchte, der kann mithilfe einer Psychoanalyse oft viel erreichen. Therapeuten-Adressen gibt es unter www.dpv-psa.de, www.dpg-psa.de oder www.dgpt.de.

„Das Äußere, das Objekt, das Gehaßte wären zu allem Anfang identisch. Erweist sich späterhin das Objekt als Lustquelle, so wird es geliebt, aber auch dem Ich einverleibt … Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar Liebe-Indifferenz die Polarität Ich-Außenwelt spiegelt, so reproduziert der zweite Gegensatz Liebe-Haß die mit der ersteren verknüpfte Polarität von Lust-Unlust.“
Sigmund Freud: Psychoanalyse. Ausgewählte Schriften. Reclam 1984: S. 246)

Eine mögliche Interpretationen:
Wenn das Kind feststellt, dass es getrennt ist von der Mutter, hasst es die Mutter zunächst, weil es sich so anfühlt, als hätte sie sich ihm entzogen.
Der Andere wird auch „gehasst“, weil man sich durch seine pure Anwesenheit vielleicht gehemmt fühlt, einfach so frei zu leben wie man es täte, wenn man ganz allein wäre. Der andere „zwingt“ einen zu Rücksichtnahme und der andere löst vielleicht Neid in einem aus. Er erinnert uns auch daran, dass wir Menschen voneinander abhängig sind – das Kind fühlt sich abhängig von der Mutter, der Erwachsene fühlt sich abhängig vom Partner, von Kindern und Freunden, was ein Grund zum „Hass“ sein kann. Das Sich-gehemmt-Fühlen und der Neid können jedoch nachlassen, sodass der andere als nicht störend, also „indifferent“, erlebt wird.

Und Wikipedia sagt:
„According to Ian Suttie, Freud saw love and hate as two distinct instincts. Hate had to be overcome with love, and because both terms are seen as two different instincts, this means repression. … Suttie saw hate as the frustration aspect of love. … Hate has to be overcome with love by the child removing the cause of the anxiety and hate by restoring harmonious relationships. The feeling of anxiety and hate can then change back into the feeling of love and security.“ https://en.wikipedia.org/wiki/Love_and_hate_(psychoanalysis)

„Laut Ian Suttie sah Freud Liebe und Hass als zwei verschiedene ‚Triebe‘ an. Hass sollte mit Liebe überwunden werden. Doch weil beide als zwei verschiedene Triebe anzusehen sind, bedeutet dies Verdrängung. … Suttie sah den Hass als einen frustrierten Aspekt der Liebe an. … Hass muss beim Kind durch Liebe überwunden werden, indem die Ursachen von Angst und Hass entfernt und harmonische Beziehungen wiederhergestellt werden. Das Gefühl von Angst und Hass kann sich wieder verändern hin zu einem Gefühl von Liebe und Sicherheit.“

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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am: 15.12.2012
Aktualisiert am 11.12.2020

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