Die soziale Phobie wird durch innere Verbote verstärkt

Wenn Du an einer Sozialen Phobie leidest, bekommst Du vielleicht schon Schweißausbrüche, wenn Du nur daran denkst, anderen Menschen zu begegnen oder mit ihnen zusammen zu sein. Besonders spannungsgeladen sind die ersten Momente der Begegnung und Situationen, in denen Du im Mittelpunkt stehst.

Manche Menschen stört ihre soziale Phobie überhaupt nicht, weil sie sich Berufe und Lebensformen gesucht haben, bei denen sie anderen Menschen aus dem Weg gehen können. Andere Menschen in hohen beruflichen Positionen verzweifeln vor jeder Präsentation, wieder andere können im „ganz normalen Alltagsleben“ schlecht mit der Begegnung anderer Menschen umgehen.

Soziale Phobien sind bunt: Manchen wird es schlecht, andere bekommen Harndrang, Schweißausbrüche, einen schnellen Puls oder sie erröten. Der Körper ist enorm beteiligt, sodass auch ein Reizdarmsyndrom eine Form der Sozialen Phobie sein kann. So bunt das Bild auch ist, so ist anscheinend vielen Eines gemeinsam: Die Betroffenen haben Angst, dass sie nicht „ganz dicht“ sind. Da ist die häufig unbewusste Vorstellung, dass andere in ihre Köpfe schauen und sofort erfassen könnten, was sie denken und fühlen.

Durch das Gefühl, dass andere sofort in Dich hineinschauen könnten, bist Du vielleicht stets bemüht, Deine Gefühle zu unterdrücken. Taucht Neid auf, wird er sofort weggedrückt. Kommt ein Anflug von Ärger: weg damit. Das ständige Verdrängen kostet unglaubliche Kraft. „Wenn ich’s selbst nicht sehe, sehen es die anderen auch nicht“, denkst Du Dir vielleicht. Doch verdrängte Gefühle machen schließlich unsicher.

So kann der Mechanismus der sozialen Phobie bei Dir aussehen: „Der andere sieht, was in mir vorgeht. Der andere darf keinesfalls entdecken, wie schlecht ich über ihn denke, wie abgeneigt ich mich fühle, wie neidisch und aggressiv ich bin. Ich schiebe all das weg und werde dann selbst ganz unsicher: Was fühle und denke ich eigentlich? Dazu gesellt sich ein unbestimmtes Schuldgefühl – ein Schuldgefühl dafür, dass ich so bin wie ich bin. Meine Scham ist riesengroß. Und weil ich glaube, dass andere mich sofort erfassen können, werde ich unglaublich nervös und unruhig. Ich will die anderen am liebsten nicht sehen.“

Jeder Mensch mit einer sozialen Phobie hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Ängste und unbewussten Phantasien. Daher lässt sich auch nichts verallgemeinern – es gibt immer nur individuelle Hilfe. Während manche auf Gruppenpsychotherapie schwören, kommen andere mit einer Einzeltherapie besser zurecht. Bei sehr großem, lang anhaltendem Leid hilft oft eine Psychoanalyse. „Wo Es war, soll Ich werden“, sagte Freud. Das heißt, dass das, was uns selbst verborgen und daher unkontrollierbar ist, gefunden werden soll, sodass wir es selbst wieder erfassen und bewusst verarbeiten können.

Was erlaubst du dir? Soziale Phobie und innere Verbote

Uli hat eine soziale Phobie. Als seine Therapeutin über den Parkplatz kommt und die Tür öffnet, geht er drei Schritte zurück. Er will ihr nicht zu nahe kommen. Er errötet und schämt sich. Doch was steckt hinter dieser Reaktion? Andere Menschen können mit solchen Situationen viel natürlicher umgehen. Was Uli nicht weiß: Er wünscht sich Nähe.

Doch er verbietet sich diesen Wunsch so sehr, dass er vorbewusst bleibt. Dadurch ist er verwirrt. Er spürt nur, dass er unsicher und rot wird, wenn die Therapeutin kommt. Erst im Laufe der Therapie bemerkt Uli, dass er sich eigentlich wünschen würde, der Therapeutin näher zu sein und sie zu umarmen. Schritt Nummer Eins ist also geschafft: Uli ist bewusst geworden, was er sich wünscht.

Doch wie soll Uli damit umgehen? Meistens weicht er nur noch mehr zurück, als er müsste. Er wehrt seinen Wunsche also mit einer Reaktionsbildung ab: Er tut das Gegenteil von dem, was er sich wünscht. Anstatt sich zu nähern, geht er weiter weg. Manchmal reagieren wir auch kontraphobisch: Wir kommen dem anderen besonders nah, um unsere Angst vor Nähe zu kaschieren.

Wünsche sind keine Taten

Uli begreift mit der Zeit mehr und mehr, dass seine Wünsche noch keine Taten sind. Wenn er sich also wünscht, der Therapeutin näher zu sein, bedeutet das noch lange nicht, dass er sich ihr wehrlos um den Hals wirft. Uli bemerkt, dass er stark genug ist, sich zurückzuhalten. Er bemerkt, dass er seinen Wunsch wahrnehmen und betrachten kann. Er kann mit der Zeit sogar darüber schmunzeln. Und er kann den Schmerz spüren, den dieser Wunsch mit sich bringt: Er darf sich der Therapeutin nicht in Wirklichkeit an den Hals werfen. Das ruft auch Wut und Trauer hervor.

Wünsche sind erlaubt

Uli kann jetzt offen sein für seinen Wunsch nach Nähe. Er erlaubt es sich, diesen Wunsch zu bemerken, weil er die Phantasie als Phantasie erkannt hat und seine innere Stärke spürt. Er kann den Wunsch jetzt sozusagen gedanklich hin- und herschieben, er kann ihn containen. Er muss nichts machen. Er muss weder übermäßig weit zurückgehen, noch muss er die Therapeutin mit übergroßer Nähe bedrängen. Er kann warten, bis sie die Tür aufgeschlossen hat. Uli hat sich seine Wünsche in dem Moment erlauben können, in dem er gemerkt hat, dass Wunsch und Wirklichkeit zwei unterschiedliche Dinge sind und dass er die Kraft hat, seinen Wunsch nicht in die Tat umzusetzen.

Wie kann ich innere Verbote lockern?

Uli hat bei seinen Eltern gelernt, immer anständig und höflich zu bleiben. Schon der Wunsch nach Nähe galt zu Hause als „unanständig“. Man darf es sich nicht zu bequem machen! „Wie schnell landet man bei dem Wunsch nach Nähe miteinander im Bett!“, so die Befürchtung der Mutter. Befürchtungen wie diese hat er sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Was ihm früher die Mutter verboten hat, verbietet Uli sich heute selbst. Uli fühlt sich manchmal immer noch so, als sei es die Mutter, die ihm „etwas eintrichtert“. Er möchte sich freimachen davon und beginnt darauf zu achten, dass er immer mehr innere Verbote in Frage stellt. Langsam, sehr langsam kann er innerlich ein Verbotsschild nach dem anderen wegnehmen. Stück für Stück wird er freier.

Erythrophobie – die Angst vor dem Erröten kann mit einer Erotophobie verbunden sein

Die Angst, rot zu werden, heisst „Erythrophobie“ (erythros, griechisch = „rot“). Die Erythrophobie hängt stark mit unbewussten Phantasien, Gefühlen von Nähe und Gedanken von Minderwertigkeit zusammen. Wenn du eine soziale Phobie hast, kennst du vielleicht auch die Eryhtrophobie gut. Wenn du anderen begegnest, schleichen sich rasch sexuelle Phantasien ein, die du schnell wieder loswerden willst. Oft reicht schon der Wunsch nach einer inneren Verbindung aus, um dir die Röte ins Gesicht schiessen zu lassen. Es entsteht das Gefühl, der andere wäre quasi schon in dir drinnen und hätte erkannt, was du dir wünschst.

Du nimmst vielleicht an, der andere wüsste schon genau, was in dir vorgeht. Du denkst vielleicht, dein Wunsch nach Nähe und Verbindung bedeute gleich schon, dass du dich eng an den anderen schmiegst. Du befürchtest, man könnte dir deine Gedanken schon „an der Nasenspitze“ ansehen. Die Gedanken scheinen dir wie „auf die Stirn geschrieben“ zu sein.

Rot wird man, wenn man „versehentlich“ nackt ist, wenn die Hose auf ist, wenn der Pullover falsch herum angezogen ist, wenn man einen Sahnetropfen auf der Wange hat oder ein Pups entweicht. Das Rote steht auch für das Fleischliche. Die Erythrophobie hängt daher oft zusammen mit einer Art „Erotophobie“ zusammen, also der Angst vor Erotik und Erregung. Wenn du Schamhaftes nicht mehr verstecken kannst, kann manchmal auch ein Gefühl der Erregung entstehen.

Die einzelnen „Kurzchlussverbindungen“ innerlich zu untersuchen, kann hilfreich sein. Manchmal vergeht das Problem irgendwann auch von alleine – zum Beispiel dann, wenn du in eine neue Lebensphase trittst, einen Partner gefunden oder eine Prüfung bestanden hast.

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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 3.7.2017
Aktualisiert am 31.12.2025

2 thoughts on “Die soziale Phobie wird durch innere Verbote verstärkt

  1. Marcel sagt:

    Wie entsteht denn eigentlich der bewußte, oder auch unbewußte Glaube das ich für den Anderen komplett durchsichtig bin?
    Hat mich, oder mein Verhalten in der Frühzeit jemand „durchschaut“ und dann sein „Wissen“ in einer öffentlichen Gruppe preisgegeben?
    Fühlte ich mich dadurch vielleicht so stark beschämt und ausgegrenzt, das ich dieses Gefühl der Scham unbedingt „weghaben“ wollte und dann als Folge daraus angefangen habe alle meine Verhaltens- und Reaktionsweisen zu kontrollieren? – und trotzdem immer die Angst im Hintergrund das es doch wieder zu einem ähnlich beschämenden Ereignis kommen kann.

  2. Marcel sagt:

    Vielleicht ist die soziale Phobie auch ein Resultat aus dem ambivalenten Verhalten, dem Anderen eine Grenze zu setzen und ein bestimmtes Selbstbild aufrecht zu erhalten, das der Andere möglicherweise von einem selbst haben könnte oder auch sollte?

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