
Im weitesten Sinne bedeutet „Abstinenz“, dass der Therapeut keine private – vor allem aber auch keine sexuelle – Beziehung mit dem Patienten eingeht. Der italienische Psychoanalytiker Gaetano Benedetti (1920-2013) schreibt: „Die Abstinenzregel bleibt grundsätzlich gültig als Selbstdisziplin, als Selbstreflexion, als ständige Überprüfung der unbewussten Motivationen, als Verzicht auf narzisstische Interventionen“ (Die Kunst des Hoffens, Vandenhoeck & Ruprecht 2000, S. 158). Weiterlesen

In der Psychotherapie gerade schwer kranker Patienten kann das vorkommen: Der Patient will den Therapeuten verklagen, weil er ihn angefasst, in die Suizidalität oder in den Wahnsinn getrieben hätte. So etwas kann sich für Psychotherapeuten und Psychoanalytiker in der Beziehungsdynamik sehr bedrohlich anfühlen. Der Patient möchte den Therapeuten – bildlich gesprochen – „vernichten“. Er möchte ihm beruflich schaden, aber er möchte auch die Hand, die ihm hilft, wegstossen. Natürlich gibt es auch in Psychotherapien Situationen, in denen Patienten ihre Psychotherapeuten berechtigterweise verklagen wollen (z.B. bei sexuellem Missbrauch), doch in diesem Beitrag soll es um die Bedeutung von Anklagen, Beklagen und Verklagen gehen in Therapien, in denen bereits gute Entwicklungsschritte zu erkennen waren. Weiterlesen

Psychoanalyse sei eigentlich eine „Heilung durch Liebe“, schrieb Sigmund Freud im Brief an C.G. Jung am 6.12.1906. Daran musste ich denken, als ich das Buch „Mein größtes Rätsel bin ich selbst“ (Verlag Hanser, 2023) las. Es erzählt berührende, wahre Therapiegeschichten, die erahnen lassen, wie bedeutsam die Psychoanalyse für den Einzelnen werden kann. Die Psychoanalytikerin Cécile Loetz und der Psychoanalytiker Jakob Müller, Gründerin und Gründer des Podcasts „Rätsel des Unbewussten“, haben mit ihrem Buch etwas ganz Wunderbares geschafft: Sie bringen dem Leser die Psychoanalyse näher und bewirken durch die Art ihrer Sprache gleichzeitig, dass das Gefühl von innerer Bewegung entsteht. Man kann den Geschichten folgen und dabei auch für sich selbst Einsichten gewinnen.Weiterlesen
„Ich brauche mehr Einzelgespräche“ – kaum einen Satz hörte ich öfter, als ich noch als Ärztin in einer psychiatrischen Tagesklinik arbeitete. Der Hunger nach haltgebender und empathischer Beziehung ist riesig. Wenn das Selbst wie „rupturiert“ (eingerissen) ist, braucht der Mensch einen anderen Menschen, der dabei hilft, das Selbst wieder „ganz“ werden zu lassen. Tageskliniken und vollstationäre Behandlungen in den Psychiatrien werden dem großen Bedürfnis der schwer Leidenden nach einer „zweiten Seele“ nicht gerecht. Wenn man sich die Videos der Säuglingsforscherin Beatrice Beebe anschaut oder an das Still-Face-Experiment denkt, dann sieht man, wieviel Gegenüber die menschliche Seele braucht, um gesund zu reifen. Schwer psychisch kranke Menschen haben oft einen großen Drang danach, diese Erfahrung einer engen Beziehung zu einem empathischen Menschen nachzuholen. Weiterlesen

„Die Situation an sich ist so wie sie ist. Was sie so unerträglich macht, sind die Gedanken dazu. Unsere Bewertung entscheidet darüber, ob etwas gut ist oder schlecht“, hört man. Ich denke, dass es anders ist für Menschen, die frühe, schwere traumatische Erfahrungen gemacht haben – insbesondere, wenn der Körper mit einbezogen war. Da spürten sie genau: Zuerst ist da das Unerträgliche. Die Gedanken sind nur die Folge, um es zu begreifen. Sie hatten keinen anderen Menschen, der das Unerträgliche mit ihnen ertrug. Weiterlesen
„So würdest Du mit Deinen Patienten nie reden!“, sagt die Frau eines Psychoanalytikers. Und Recht hat sie. Mit Patienten lässt sich so gut umgehen, weil Psychotherapeuten sie nur für jeweils 50 Minuten sehen, weil sie Geld dafür bekommen und weil die Rollen klar verteilt sind. Die Partner und Partnerinnen von Therapeuten verspüren dennoch mitunter Neid auf die Patienten. Während in den Partnerschaften manchmal kaum Zeit für ein Gespräch bleibt, sind dem Patienten, der im Kalender steht, Zeit und Aufmerksamkeit sicher – und im Fall einer Psychoanalyse sogar Jahrelang. Das ist nicht immer leicht zu ertragen.Weiterlesen
In Balintgruppen stellen Therapeuten ihre Patienten vor. Sie erzählen von einer Szene, die sie bewegt. Dann sollen sie sich schweigend zurückziehen und hören, was die Gruppe dazu sagt. Manche Gruppenleiter fügen noch eine „Sachfragen-Runde“ ein: „Hat noch jemand aus der Gruppe eine sachliche Frage zu dem Erzählten?“ Hier kann derjenige, der den Patienten vorgestellt hat, „falsch“ Verstandenes noch korrigieren. Damit geht jedoch auch eine wichtige Spannung verloren. Gruppenleiter, die keine korrigierende Sachfragen-Runde einlegen, „verdammen“ den Erzähler somit dazu, in Anspannung zu verharren. Weiterlesen