Ego States: Mit Kind-Ich, Erwachsenen-Ich und Eltern-Ich lassen sich Ichzustände oft nur oberflächlich beschreiben

Bild Nr. 797 ego states von Dunja Voos

Je nach Tagesform, Ort und Aufgaben haben wir verschiedene „Ich-Zustände“. Manchmal fühlen wir uns gut und sind dankbar für diesen Zustand. Aber vielleicht werden wir immer wieder überwältigt von unaushaltbaren Zuständen, die aus unserer Vergangenheit herrühren oder aus aktuellen Lebenslagen, die lange anhalten. Wir würden am liebsten weglaufen.

Ego-State-Therapeuten sprechen auch von einem „Inneren Team“, also von verschiedenen Anteilen. Darunter werden z.B. Anteile verstanden wie der„innere Kritiker“ oder das verängstigte Kind. Dabei ist zu bedenken, dass der Begriff „Anteil“ den Gedanken auflassen kommen könnte, dass es sich um abgegrenzte, handhabbare seelische Bereiche handeln könnte, was aber meistens nicht wirklich der Fall ist.

Ein „inneres Team“ im positiven Sinne kann auch so verstanden werden, dass verschiedene innere Objekte (= Vorstellungen von Personen) miteinander in Verbindung stehen. Zum Beispiel lässt sich bei Lampenfieber das innere Team, bestehend aus den Freundinnen A, B und C, wie eine Unterstützergruppe empfinden.

Du kannst aber innerlich auch zum „Chef“ einer inneren Gruppe von gegensätzlichen Anteilen werden – fühlst du dich zerrissen zwischen verschiedenen Empfindungen und inneren Stimmen, kannst du dir vorstellen, dass du diese Anteile dirigierst und durch das Schliessen von Kompromissen zusammenführst.

Der Psychoanalytiker Paul Federn (1871-1950) sprach schon früh über Ich-Gefühle und Ich-Grenzen. Der italienische Psychoanalytiker Edoardo Weiss, Ärzteblatt (1889-1970), ein Schüler von Paul Federn, arbeitete die Ich-Zustände weiter aus.

Edoardo Weiss‘ Freunde John Goodrich Watkins, egostateinternational.com (1913-2012) und dessen Frau Helen Huth Watkins (1921-2002) entwickelten daraus die Ego-State-Therapie. Auch der Psychiater Eric Berne (1910-1970) entwickelte eine Ego-State-Theorie über seine Transaktionsanalyse (z.B. „Eltern-Ich“ = Parent-Ego-State, Erwachsenen-Ich = Adult Ego State und „Kind-Ich“ = Child Ego State) mit.

John Watkins war auf Hypnose spezialisiert und brachte die Patienten über die Hypnose mit ihren verdrängten Ich-Anteilen (Gefühlen, Vorstellungen, Erinnerungen) in Kontakt. Ziel war es, durch freundliches Annehmen auch unangenehme Zustände aufzuspüren und in das Seelenleben zu integrieren.

Die drei States „Parent Ego State“, „Adult Ego State“ und „Child Ego State“ könnte man auch vergleichen mit dem Über-Ich, Ich und Es der Psychoanalyse. Aufgeteilt werden die States noch in „Critical Parent/kritischer Elternteil“ oder „Nuturing Parent/unterstützender Elternteil“ sowie in das rebellische Kind „rebellious child“ und das angepasste Kind, „adaptive Child“.

Demgegenüber steht das „freie Kind“, Free Child. Nur der Erwachsene wird einheitlich idealisiert dargestellt als nicht-richtend, realitätsorientiert und offen. Auch dies wieder liesse sich mit dem „reifen Ich“ der Psychoanalyse vergleichen sowie mit dem Über-Ich, das beschützend oder zerstörend sein kann. Über das überangepasste Kind schrieb die Psychoanalytikerin Alice Miller in ihrem Buch „Das Drama des begabten Kindes“.

Unangenehme Ichzustände sind schwer zu tolerieren

Manche Ich-Zustände können sehr quälend und zerstörerisch sein. Beispielsweise kann man im Grübeln über Unlösbares, wie z.B. Tod oder Unendlichkeit, den Körper quasi mitreissen, sodass der Grübelstatus aufs Herz geht.

Solche Zustânde hängen teilweise auch mit schweren Nöten in der Vergangenheit zusammen. Wir können sie kaum benennen. Anders als bei bewussten „Rollen“, die wir annehmen, z.B. die Berufsrolle, die Mutterrolle etc., sind tiefgreifendere Ich-Zustände oft kaum benenn- und besprechbar. Wir spüren sie zum Beispiel als Unruhe.

In der Psychoanalyse werden im Liegen auf der Couch verschiedene Ich-Zustände sehr deutlich bewusst. Mögliche Zusammenhänge mit aktuellen Geschehnissen, Erinnerungen, Gefühlen und Phantasien können dann hergestellt werden. Dabei können Narrative entstehen, also Geschichten, die dem Erlebten eine Form geben. Im Laufe der Analyse lässt sich auch lernen, die unaushaltbaren Ich-Zustände besser zu tolerieren – eine mühsame, oft jahrelange Arbeit.

Die „Ich-Zustände“ hängen eng zusammen mit unseren inneren Objekten, also den „Menschen in uns“. Wenn wir an unsere Mutter denken, fühlen wir uns wahrscheinlich anders, als wenn wir an unsere jüngeren Geschwister oder unseren Vorgesetzten denken. Auch unsere innere Stimme hat Einfluss auf unseren Ichzustand – und umgekehrt: Unser Ichzustand kann die innere Stimme beeinflussen. Im Schlaf und beim Einschlafen haben wir andere Ich-Zustände als im Wachen.

Während John und Helen Watkins eher davon ausgingen, abgespaltene „Ego-States“ über die Hypnose zu erreichen, können Psychoanalytiker diese Zustände durch die Faktoren Couch, tranceartiges Arbeiten und hohe Frequenz (z.B. vier Termine in der Woche) erfassen.

Das Konzept vom Inneren Kind ist streckenweise hilfreich

Das Arbeiten mit dem „inneren Kind“ ist spätestens mit dem Buch „Das Kind in Dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl (Kopp-Verlag, 2015) bekannt geworden. Es bedeutet, dass man sich selbst eine gute Mutter sein kann und viele innere Ängste und Regungen auch als etwas versteht, das aus der Kindheit erwachsen sein kann.

Durch dieses Konzept gewinnst Du Abstand zu Dir selbst. Es kann sehr hilfreich sein, z.B. wenn Du Angst hast. Dann kannst Du Dir zum Beispiel sagen: „Ein Teil von mir hat Angst, mein inneres Kind hat Angst. Ich als Erwachsene bemuttere nun mein inneres Kind. Ich habe als Kind erlebt, wie meine Mutter mich anschrie und jetzt habe ich Angst, dass meine neue Vorgesetzte mich genauso anschreien könnte. Ich kann meine Angst in meine Hände legen, mein inneres Kind an die Hand nehmen und zusammen mit dieser Angst als Erwachsene zur Arbeit gehen.“

Auch mir selbst hat es bei Panikattacken immer geholfen, mir erwachsene Vorbilder vorzustellen, wie sie mit drängenden Problemen umgegangen sind – wie sie darüber nachgedacht haben, wie sie sie mit anderen Menschen besprochen haben. Ich habe sie bewusst imitiert (Lernen am Modell).

Die Arbeit mit dem inneren Kind ist auch in der Schematherapie (Begründer: Jeffrey Young) bekannt. Der amerikanische Psychologe JohnBradshaw.com (1933-2016) brachte 1992 das Buch „Homecoming: Reclaiming and Championing Your Inner Child“ (amazon) heraus. Der Psychoanalytiker Roberto Assagioli (1888-1974) entwickelte das Bild der „Teilpersönlichkeiten“, die in einer Psychosynthese wieder zusammenfinden können.

Dieses Konzept hilft aber nur manchmal. Du kannst es ausprobieren. Wenn Deine Affekte, wie z.B. Wut oder Angst, zu stark sind, dann hast Du mitunter das Gefühl, gar nichts in der Hand zu haben, sondern ausgeliefert zu sein.

Dein „Ich“ lässt sich nicht immer so leicht aufteilen und so soll es auch gar nicht sein – Du spürst auch Deine Ganzheit.

„Ein Teil von mir ist neidisch“ – von Anteilen, Zuständen und dem Stuhldialog

In der Verhaltenstherapie spricht man häufig von „Anteilen“. „Ein Teil von mir möchte nicht an die Ostsee“, sagen wir auch manchmal. Ich finde, von „Anteil“ kann man sprechen, wenn das Gefühl oder der Gedanke relativ klein ist. „Ein Teil von mir ist wütend/neidisch“, wenn ich selbst noch zu 80-90% ruhig bin und darüber nachdenken kann.

Was aber, wenn ich „ganz Neid“ und „ganz Wut“ bin? Manchmal spüren wir ganz genau: Wir sind von einem Gefühl regelrecht übermannt. Wir sind in einem „traumatischen Zustand“. Uns ist alles egal, weil wir so „voller Wut“ sind. Unser Fass ist voll. Wir haben eine Panikattacke und bestehen nur noch aus Angst. Das heißt, unser Inneres ist ganz erfüllt von dem, was wir da fühlen. Oder können wir überhaupt noch sagen, dass unser Inneres irgendwie gefüllt ist? Wir spüren, dass wir in einen Zustand geraten sind.

Sigmund Freud sprach oft von „Ökonomie“ und „Energie“ (gut erklärt auf Gedankenwelt.de). Wenn wir eine Panikattacke überstanden haben, dann sind wir ganz erschöpft. Die Energie scheint verbraucht zu sein und wir kommen zur Ruhe.

Der Stuhldialog

Der „Stuhldialog“ ist ein Element des Psychodramas, der Gestalttherapie und der Schematherapie (Dorsch.hogrefe.com Lexikon der Psychologie). Der Therapeut stellt Stühle um den Patienten auf. Der Patient kann den Stühlen Anteile von sich zuordnen, z.B. kann er auf einem Stuhl die Wut unterbringen, auf einem zweiten Stuhl unterwürfiges Verhalten und auf einem dritten Stuhl ein forderndes „Eltern-Ich“, das zum „Zusammenreißen“ aufruft.

Der Patient setzt sich dann also auf Stuhl Eins und spricht aus seiner Wut heraus über eine bestimmte Situation. Er spricht wütend zum Therapeuten. Dann setzt er sich auf Stuhl Zwei und verhält sich unterwürfig, so, wie er es vielleicht oft tut. Auf Stuhl Drei spricht er mit einer kritischen Stimme zu sich – so, wie es fordernde Eltern tun würden.

Zusammen mit dem Therapeuten spricht der Patient darüber, wie er sich auf dem jeweiligen Stuhl fühlte. Patient und Therapeut denken über die verschiedenen Verhaltensweisen nach und suchen nach Alternativen für einen besseren Umgang mit dem Problem.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Psychoanalyse

Beim Stuhldialog wird versucht, die Emotionen zu erfassen. Wenn der Patient sich auf den Wut-Stuhl setzt, kann er die Wut vielleicht wieder spüren – oder aber er ist schon wütend und hat aus dem schon bestehenden Gefühl den Wut-Stuhl aufgestellt. Die Emotion ist also aktiv – dann kann sie sich therapeutisch gut erreichen lassen.

In diesem Geschehen ist im Vergleich zur Psychoanalyse noch relativ viel „Steuerung“ und „Bewusstsein“ von Therapeut und Patient enthalten. Therapeut und Patient denken sprechend darüber nach, die Situation hat ein relativ hohes Tempo.

In der Psychoanalyse ergibt sich eine emotional augeladene Situation eher „schleichend“. Bevor über das Geschehen gesprochen werden kann, findet häufig eine „Inszenierung“ statt. Das heißt, der Patient verwickelt sich vielleicht mit dem Analytiker in einen Streit und beide analysieren anschließend, woher die Wut kam, ob es eine kritische, verbietende Stimme im Patienten gab, ob auch Scham vorhanden war usw.

Die Gemeinsamkeit der beiden Vorgehensweisen besteht also darin, dass an der aktuell wachen Emotion gearbeitet wird. Schon Freud sagte: „Affektloses Erinnern ist fast immer völlig wirkungslos.“ (Sigmund Freud: Studien über Hysterie, 1895d in Gesammelte Werke I, S. 75-312: Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene, von Sigmund Freud und Josef Breuer, 1893a: S. 85)

Schwächegefühle mit und ohne Grip

Bei einer Angststörung oder Traumafolgestörung können manchmal starke Schwächegefühle entstehen. Manchmal entsteht das Gefühl, man hätte gar nichts mehr im Griff. Es ist, als würden die Hände und Arme schwach werden. Dieses Gefühl der „Schwäche ohne Grip“ ist besonders unangenehm, weil das Gefühl entsteht, man sei völlig handlungsunfähig. Manchmal aber fühlt man sich zwar schwach, hat aber trotzdem das Gefühl, noch Herr über sich und seinen Körper zu sein. Das würde ich als „Schwäche mit Grip“ bezeichnen.

Zu diesen verschiedenen Formen der Körpergefühle bzw. Ich-Gefühle hat der britische Psychoanalytiker Paul Federn (1871-1950, Wikipedia) interessante Texte geschrieben wie zum Beispiel „Ego-Feeling in Dreams“ (1932, online 2017). Bei unerklärlichen Zuständen „ohne Grip“ kann es helfen, sich den Körper wieder spürbar zu machen, z.B: durch Essen, Trinken, Schlaf-Nachholen, Kältereize, Bewegung etc.

Vielleicht kennst du diese Methoden aus Schulungen zu „Skills“. Wenn das Gefühl des „Nicht-Grips“ anhält, bleibt manchmal nichts, außer zu warten, bis das „festere Gefühl“ zurückkehrt. Das kann unterschiedlich lange dauern – oft wacht man eines morgens auf und fühlt sich wieder normal.

Paul Federn bearbeitet in seinen Beiträgen zu Ich-Gefühlen und Ich-Grenzen sehr feine Zustände, zu denen es kaum Worte gibt und die teilweise bereits aus dem präverbalen Bereich, also aus der Babyzeit, stammen könnten. Er beschreibt sehr differenziert, wie sich Ich-Gefühle verändern können z.B. im Schlaf, im Traum, bei Depersonalisation, Derealisation und in der Psychose.

Wenn wir also von „Ich-Zuständen“ oder „Ego-States“ sprechen, müssten wir überlegen, auf welcher Ebene wir das tun. Das Sprechen über Ego-States kann hilfreich sein, um etwas zu erfassen, was von allem losgelöst zu sein scheint. In einem zweiten Schritt kann es jedoch wichtig sein, die gefundenen Einteilungen auch wieder etwas zu hinterfragen. Die Fähigkeit, Unsicherheiten auszuhalten, können wir langsam wachsen lassen – und dadurch zu ganz neuen Erkenntnissen finden.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Ruth Riesenberg-Malcolm (2003):
Unerträgliche seelische Zustände erträglich machen. Psychoanalytisches Arbeiten mit extrem schwierigen Patienten. Verlag: Stuttgart, Klett-Cotta, 2003, zvab.com

Luise Reddemann (2009):
Ego State Therapie, ein Bindeglied zwischen Psychoanalyse und Hypnotherapie. Hypnose-ZHH 4, Oktober 2009, S. 207 ff, meg-stiftung.de/…

Federn, Paul (1932): Das Ichgefühl im Traume. IZP 18, 145-170

Beitrag vom 7.5.2026 (begonnen am 13.10.2022)

Schreibe einen Kommentar