Berührung beruhigt, lindert Schmerzen und senkt den Blutdruck. Doch frühtraumatisierten Menschen fällt schon ein Arztbesuch oder eine Massage schwer

Wenn du überwiegend gute Bindungen erfahren hast, wirst du Berührungen wahrscheinlich genießen. Wenn Du weniger gute Erfahrungen gemacht hast, bist Du vielleicht vorsichtiger. Dennoch sehnst du dich möglicherweise nach Berührung. Wenn du keinen anderen Menschen zum Berühren hast, kann auch ein Haustier für Wohlbefinden sorgen. Katzen wirken beruhigend und stimmungsaufhellend (durch Studien bewiesen: Nagasawa et al. 2020). Das Streicheln eines Tieres kann möglicherweise ebenso beruhigen wie die Berührung eines anderen Menschens.

Körperliche und psychische Beschwerden können unter Berührung nachlassen. Schon die Anwesenheit eines vertrauten Menschen kann Schmerzen reduzieren, jedoch ist Berührung wirkungsvoller, wie die Forscher Pavel Goldstein und Kollegen (2017, Nature, Open Access) herausfanden. Berührung wirkt allerdings nur dann besonders schmerzlindernd, wenn der Berührende mit uns mitfühlen kann. In ihrer Studie mit 22 Paaren im Alter von 23 bis 32 Jahren stellten die Forscher fest: Auch die Atmung gleicht sich an: Der mitfühlende Partner wechselt genau dann zur Einatmung, wenn der andere Partner einatmet. Wenn wir uns berühren, werden wir sensibler für den anderen.

Wie das Gehirn reagiert

Wenn ein Mensch leidet, kann das eine emotionale Resonanz im Beobachter auslösen. So zeigt der Beobachter ähnliche Hirnreaktionen wie der Leidende (z.B. im vorderen Cingulum und in den Inselrinden). Auch die Regionen, in denen die „Spiegelneuronen“ liegen, reagieren (z.B. die untere parietale Hirnrinde). Eine warmherzige Berührung kann die Konzentration von Oxytozin im Blutplasma erhöhen und Stress sowie Depressionen lindern (Holt-Lunstad et al. 2008 und 2011).

„Allein die bloße Verbindung zwischen zwei Menschen führt zur Synchronisation (der Körpervorgänge).“
„According to this explanation, the mere connection between objects creates synchrony between these objects.“ (Goldstein-Studie, 2017)

„Sei ganz du selbst“

Manchmal sagen wir uns: „Sei ganz du selbst“, bevor wir jemanden treffen oder auf eine Gruppe stoßen. Doch wenn du bedenkst, dass sich sogar die körperlichen Vorgänge verändern, wenn wir mit anderen zusammen sind, dann sollte es uns auch nicht wundern, wenn wir uns psychisch verändern. „Sei ganz du selbst“ ist im Alleinsein etwas anderes als in der Zweierbeziehung oder der Gruppe: „Considering that human behavior is fundamentally different when we are interacting with others rather than merely observing ourselves, here we investigate physiological response using a paradigm that also considers social contexts.“ (Goldstein et al. 2017)

Gerade Babys und Kleinkinder brauchen viel Körpernähe. Fühlen sich kleine Kinder gestresst, laufen sie zur Mama und schmiegen sich an. Dort „tanken sie auf“, wie es die Kleinkindforscherin Margaret Mahler (1897-1985) nannte. Auch Erwachsene geben sich gegenseitig Kraft durch gute Bindung und Berührung. Nicht nur das Kind tankt bei der Mutter auf, sondern auch die Mutter genießt das Kuscheln, wenn sie gerade in der Stimmung ist. Viele Menschen unterschätzen ihre eigene Wirkung. Doch gute Berührung wirkt schmerzlindernd, angstmildernd und blutdrucksenkend. So konnten die amerikanischen Forscherinnen Carolyn Herrington und Lisa M. Chiodo (2014) nachweisen, dass Frühgeborene bei einem Nadelstich in die Ferse weniger schmerzempfindlich sind, wenn die Ferse vorher in den Händen gehalten wurde. Die in dieser Studie verwendete Technik hat den Namen „Gentle Human Touch“, GHT.

Die Forscherin Joan G. Turner und Kollegen führten eine Studie mit 99 Männern und Frauen mit Verbrennungen durch. Sie wendeten spezielle Berührungen an („Therapeutic Touch“, TT) und verglichen die Patienten der „TT-Gruppe“ mit einer Vergleichsgruppe, die mit „Plazebo-Berührungen“ behandelt wurden. Die Patienten der TT-Gruppe litten weniger unter Schmerzen und Angst als diejenigen der Kontrollgruppe. Blutuntersuchungen von 11 Studienteilnehmern zeigten, dass die therapeutischen Berührungen sogar mit positiven Veränderungen im Immunsystem verbunden waren: „Lymphocyte subset analyses on blood from 11 subjects showed a decreasing total CD8+lymphocyte concentration for the TT group.“

Von der Angst, sich berühren zu lassen – emotional und körperlich

Gerade Frühtraumatisierte Menschen können und wollen sich oft nicht berühren lassen. Ist das Gegenüber sanft und zärtlich, erfüllt es die Betroffenen mit großem Unbehagen. „Schläge sind leichter zu ertragen als eine sanfte Berührung“, sagen manche. Warum ist das so? Es gibt viele Erklärungen, z.B. den „Schmerz des Unterschieds“ und auch die Unsicherheit, sich den Menschen zu nähern, von denen man sich auch gerne berühren lassen würde.

Berührung ist unangenehm

Früh traumatisierte Menschen werden höchst aufmerksam, wenn die Stimme des Therapeuten sanft wird. Was sie sich so sehr wünschen, nämlich selbst einmal berührt zu werden, ist auch ihre größte Furcht. Manchmal erschreckt die Vorstellung, es könnte allein durch die Zärtlichkeit gleich zum Geschlechtsverkehr kommen. Zärtlichkeit und Sanftheit kann Türen öffnen. Doch ist die Tür einmal auf, kann der andere sich auch leicht verwandeln, zum Bösen werden, eindringen, die Grenzen wieder nicht beachten, verletzen und festhalten, so die Befürchtung. Doch auch im eigenen Inneren lauern Gefahren: Sanfte Berührungen könnten Wohlgefühl und Lust wecken – und wohin dann damit? Also lieber die Tür von Anfang an zulassen.

Wie verbrannte Haut. Manchmal erinnern früh traumatisierte Menschen an Brandopfer: Die Haut ist so wund, dass Berührung nur schmerzt. In der Seele sieht es ebenso aus: Sie ist so wund, dass sie niemand berühren darf. Oft hilft hier meiner Erfahrung nach eine Psychoanalyse sehr gut. Doch auch Musik, Bewegung, Reisen, Meditation und ein geduldiger Partner können helfen. Die Berührung wird mit der Zeit denkbar, dann erträglich, dann möglich, dann genießbar.

Thai-Yoga-Massage als Alternative für Menschen mit frühem Trauma

„Ich würde nie zu einer Massage gehen“, höre ich manchmal von Menschen, die schon im vorsprachlichen Bereich, also als sehr kleine Kinder, traumatisiert wurden. Vielleicht gehörst du dazu. Dennoch vermisst du möglicherweise die Berührung. Vielleicht lohnt es sich, sich einmal die Thai-Yoga-Massage näher anzuschauen. Die Thai-Yoga-Massage findet in der Regel auf dem Boden statt. Das unsichere Liegen auf einer Liege mit der Gefahr des „Absturzes“ ist also nicht gegeben. Du kannst deine Kleidung an lassen. Der Thai-Yoga-Masseur arbeitet mit sanftem bis festem Druck, wobei er nicht nur seine Hände, sondern seinen gesamten Körper einsetzt.

Der Thai-Yoga-Masseur bringt dich in verschiedene Yoga-Positionen – aber nur so weit, wie es deine Beweglichkeit erlaubt. Es erinnert an einen Tanz, bei dem du jedoch nichts tun musst – du wirst geführt. Anspannung und Angst dürfen ruhig bleiben, es gibt keine Aufforderung, sich zu entspannen. Aus meiner Sicht bietet die Thai-Yoga-Massage die Möglichkeit, sich während der Massage frei zu fühlen. Der Fluchtimpuls muss nicht versteckt werden, sondern es wird ihm begegnet, indem du bewegt wirst.

Die passiven Bewegungen fühlen sich tatsächlich manchmal an wie aktives (Weg-)Laufen. Eine Thai-Yoga-Massage ist nicht vergleichbar mit der „normalen“ Massage, die wir aus der Physiotherapie oder aus den gängigen Thai-Yoga-Studios kennen. Es ist wichtig, nach einem guten Thai-Yoga-Masseur zu suchen. Empfehlen kann ich z.B. hans-luetz.de.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Ilona Croy
Touch me – die geheime Superkraft der Berührung
Komplett Media, amazon

Kathleen C. Light et al. (2005):
More frequent partner hugs and higher oxytocin levels are linked to lower blood pressure and heart rate in premenopausal women.
Biological Psychology, Volume 69, Issue 1, April 2005, Pages 5-21
doi.org/10.1016/j.biopsycho.2004.11.002
www.sciencedirect.com/s… Kathleen C. Light und Kollegen (2005) zeigten an 59 Frauen, dass Berührungen mit einem erniedrigten Blutdruck und erhöhten Oxytocin-Werten verbunden waren.

Pavel Goldstein et al. (2017, Universität Haifa, Israel):
The role of touch in regulating inter-partner physiological coupling during empathy for pain
Scientific Reports 7, Article number: 3252 (2017), Open Access
doi:10.1038/s41598-017-03627-7
www.nature.com/articles/s41598-017-03627-7

Takumi Nagasawa et al. (2020):
Effects of the characteristic temperament of cats on the emotions and hemodynamic responses of humans. PlosOne
doi.org/10.1371/journal.pone.0235188
journals.plos.org/;;;

Mueller, Stephanie Margarethe (2023):
Social Touch and Touching Patients.
In: Human Touch in Healthcare.
Springer, Berlin, Heidelberg
doi.org/10.1007/978-3-662-67860-2_5
link.springer.com/…

Ai Kobayashi et al. (2017):
The Effects of Touching and Stroking a Cat on the Inferior Frontal Gyrus in People
Anthrozoös, Volume 30, 2017 – Issue 3
www.tandfonline.com/…

Philosoph über den Sinn der Berührung
Der Körper als Seele: „Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy spricht über den Sinn der Berührung und Kontaktbeschränkungen zu Coronazeiten.“
Interview von Astrid Kaminski, taz, 25.5.2020
taz.de/… „Dieses Interesse, dieses Motiv der Berührung hat sich fast heimlich in die Geschichte des modernen Denkens eingeschlichen. Es gibt etwas davon bei Merleau-Ponty, auch bereits bei Nietzsche.“ (Jean-Luc Nancy)

Carolyn J.Herrington and Lisa M. Chiodo (2014):
Human Touch Effectively and Safely Reduces Pain in the Newborn Intensive Care Unit
Pain Management Nursing, Volume 15, Issue 1, March 2014, Pages 107-115
doi.org/10.1016/j.pmn.2012.06.007
www.sciencedirect.com/…

Laura A.Frey Law et al. (2008):
Massage Reduces Pain Perception and Hyperalgesia in Experimental Muscle Pain:
A Randomized, Controlled Trial
The Journal of Pain, Volume 9, Issue 8, August 2008, Pages 714-721
doi.org/10.1016/j.jpain.2008.03.009
www.sciencedirect.com/…

Joan G. Turner et al. (1998):
The effect of therapeutic touch on pain and anxiety in burn patients
Journal of Advanced Nursing, July 1998, Volume 28, Issue 1, Pages 10-20
onlinelibrary.wiley.com/…x/full

David M. Owens and Ellen A. Lumpkin (2014):
Diversification and Specialization of Touch Receptors in Skin
Cold Spring Harb Perspect Med. 2014 Jun; 4(6): a013656.
doi: 10.1101/cshperspect.a013656
www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4031957/

Elisabeth von Tadden (2021)
Die berührungslose Gesellschaft
Verlag C.H. Beck
www.chbeck.de/…

Francis McGlone, Forscher mit dem Forschungsschwerpunkt „Berührung“
somaffect.org

Dieser Beitrag erschien erstmals am 18.9.2017
Aktualisiert am 24.7.2025

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