Depression als Ausdruck früher Körpergefühle
Wie fühlen sich erwachsene Menschen, wenn sie als Baby früh von der Mutter oder vom Zwillingsgeschwister getrennt wurden oder wenn sie im Brutkasten lagen? Wenn sie medizinische Eingriffe oder die Vojta-Therapie erhielten? Kommen weitere ungute Faktoren hinzu wie z.B. eine postpartale Depression der Mutter oder eine Alkoholabhängigkeit der Eltern, dann können daraus im Laufe des Lebens hartnäckige Depressionen entstehen.
Es ist faszinierend, wie Betroffene mit 30, 40 oder 50 Jahren ihre depressiven Gefühle beschreiben. Hört man genau hin, kann man sich das hilflose Baby zu Beginn des Lebens genau vorstellen: „Es ist ein Gefühl wie zwischen Leben und Tod. Ich möchte einfach nur noch dasitzen und nichts mehr tun. Ich fühle mich zu schwach für irgendeine Anstrengung. Ich will irgendwie nicht sterben, aber leben kann ich auch nicht.“
Bei solchen Beschreibungen können beim Zuhörer innere Bilder von schwachen Säuglingen auftauchen, die sich eben genau in diesem Zustand befinden: einem Zustand zwischen Leben und Tod. Man bangt um ihr Leben, man will, dass sie leben, aber sie sind noch zu schwach, um es eigenständig zu tun. Die Kleinen spüren die jähe Trennung von der Mutter oder vom Zwillingsgeschwister, der Körperkontakt ist abgebrochen und es kommt zu tiefen Einsamkeitsgefühlen.
Auf der Haut spüren die Kinder die fehlende Berührung. In diesem Zustand fehlt die Kraft, weiterzuleben. Jeder Atemzug erscheint wie eine große Anstrengung.
Frühe Körpergefühle melden sich später wieder
Die Körpergefühle und die innere Verzweiflung des Säuglings, der noch keine Worte und ein fragliches Zeitgefühl hat, tauchen bei vielen Menschen anscheinend ab der Pubertät wieder auf und können sich verstärken, wenn beim Älterwerden und im Beruf die körperliche Kraft und Energie wieder nachlässt. Auch auf der Suche nach einem Partner, der ja Nähe bedeutet, können unbewusste Ängste vor alten Körpererfahrungen mit Berührung, Schmerz und Trennung wieder auftauchen. Wenn man die Betroffenen fragt, was genau sie denn fühlen, sagen sie häufig: „Ich weiß nicht.“ Dies könnte ein Ausdruck dafür sein, dass das aktuelle Befinden dem so frühen Befinden sehr ähnelt, doch weil es damals noch keine Worte gab, lassen sich auch jetzt schwer Worte finden.
Wie sieht Heilung aus?
Aus diesen Lebensgefühlen herauszukommen, kann enorm schwierig werden. Doch wir alle waren auch einmal Baby und tragen die frühen Erfahrungen von Geborgenheit, Verlassenheit, Hunger, Wortlosigkeit, Chaos und Zeitlosigkeit in uns. Wichtig bei einer Psychotherapie oder Psychoanalyse ist es, dass der Therapeut bedenkt, dass er sich mit dem Patienten möglicherweise in solch frühen Sphären bewegt.
Es schafft dem Betroffenen oft große Erleichterung, wenn er spürt, dass der Therapeut sich in diese Zustände einfühlen kann und ein Konzept davon hat. Vielleicht ist es sogar besonders wertvoll, wenn der Analytiker selbst Ähnliches erlebt hat und in einer eigenen Analyse diese Gefühlswelten schon bearbeiten konnte. So kann er dem Patienten immer einen Schritt voraus sein, was der Patient oft als wertvollen Halt erlebt. Allein durch diese Erfahrung, endlich eine Art „Grip“ für das Rätselhafte zu erhalten, können Ansätze von Kraft und Lebensfreude zurückkehren.


