Versuchung des Bösen (Buchtipp)

Aggression ist nichts Schlechtes. Eine Abgrenzung, ein „Nein, das will ich nicht“, ist schon eine Form der Aggression, die wir täglich leben und die wir brauchen. Doch pathologische Aggression und Gewalt müssen in dieser Welt nicht sein. Über sein neues Buch „Versuchung des Bösen“ sprach der Wiener Psychoanalytiker und Autor Hans-Otto Thomashoff mit Moderator Achim Schmitz-Forte in der in der WDR5-Redezeit am 5.3.2010.

Für die Aggression der Jugendlichen gibt es eine Erklärung

Viele wundern sich darüber, dass die Aggression unter den Jugendlichen zunimmt. Doch Thomashoff hält das nicht für überraschend: „Der Mensch braucht zwei Dinge, um sich psychisch gesund entwickeln zu können: das Gefühl der Selbstwirksamkeit und Beziehung. Von beidem haben viele Kinder heute zu wenig“, so Thomashoff. Die Kinder sitzen vor den Bildschirmen und machen seltener als früher die Erfahrung, dass sie etwas bewirken und gestalten können. Auf der anderen Seite sind beide Eltern schon bald nach der Geburt des Kindes wieder berufstätig und dem Kind stehen nicht genügend enge Beziehungen zu Erwachsenen zur Verfügung, die ihnen helfen, ihre Gefühle kennenzulernen, zu halten, zu verdauen und zu steuern (siehe „Containment“ – Gefühle wollen gehalten werden).

Die Umwelt hat schon in der Schwangerschaft Einfluss auf das Kind

Thomashoff erklärt anschaulich, wie das Kind schon im Mutterleib von seiner Umwelt beeinflusst wird. Studien* haben gezeigt, dass im Kind vermehrt aggressive Gene aktiviert werden, wenn die Mutter in der Schwangerschaft übermäßigen Stress erlebt. Es sei daher wichtig, sich dessen bewusst zu sein, denn allein dieses Wissen und die Bemühung, Schwangere vor übermäßigem Stress zu schonen, hilft dabei, krankhafte Aggression zu verringern. Auch Depressionen der Mutter können zur Aggression beim Kind führen, denn Depression bedeutet Aggression gegen sich selbst. Mütter geben ihre eigenen Verletzungen an ihre Kinder weiter und so hängt die Depression der Mutter eng mit der Aggression des Kindes zusammen.

Den Kreislauf durchbrechen

Thomashoff veranschaulicht in der „Redezeit“, wie Traumata von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Opfer werden zu Tätern und geben das weiter, was sie selbst erlebt haben. Diese Weitergabe kann nur durchbrochen werden, wenn es gelingt, sich mit den eigenen Verletzungen auseinanderzusetzen. Das gelingt häufig nur in einer Therapie – und die ist dann notwendig, wenn man selbst die Kontrolle über seine Aggressionen verliert und der Schmerz, die Erinnerungen, die Aggression zu stark sind, um sie selbst zu bearbeiten.

Das Trauma sitzt auf einer psychischen Insel

Traumatisierte Menschen haben das Problem, dass das furchtbare Erlebnis psychisch abgespalten ist. Thomashoff erklärt es in der WDR5-Redezeit so: Wer Extremsituationen erlebt hat, ohne dass eine andere Person dabei helfen konnte, die Gefühle zu verarbeiten, der verbannt das Erlebnis psychisch auf eine „Insel“. Es ist, als wäre das Erlebte nicht Teil der Person selbst. Erst, wenn äußere Situationen an das schreckliche Erlebnis erinnern, kommen die Erinnerungen mit aller Macht zurück. Die dazugehörigen Bilder und Gefühle drohen dann erneut, den Betroffenen zu überfordern. Mithilfe eines Therapeuten, also eines verstehenden Anderen, kann es dem Betroffenen gelingen, sein Trauma zu verarbeiten und psychisch zu integrieren. Erst dann erhält er die Kontrolle über seine Aggressionen zurück und verhindert somit, dass er seine eigenen Verletzungen an seine Kinder weitergibt.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Buchtipp:

Hans-Otto Thomashoff
Versuchung des Bösen –
So entkommen wir der Aggressionsspirale

272 Seiten, 19,95
Kösel Verlag 2009

Studien:

David I.W. Phillips, Alexander Jones:
Fetal programming of autonomic and HPA function: do people who were small babies have enhanced stress responses?
The Journal of Physiology 2006, 572: 45-50
doi: 10.1113/jphysiol.2005.104695

Dale F. Hay et al.
Mothers‘ antenatal depression and their children’s antisocial outcomes.
Child Development 2010; 81: 149-65.

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