John Bowlby: Aus der Bindungstheorie (Attachment Theory) lässt sich herleiten, wie sich die Psyche gesund entwickelt und was sie krank macht

Sobald ein Ungeborenes das Licht der Welt erblickt, nimmt es Kontakt zur Mutter auf. Seine Stimme und Blicke erreichen sie und die Mutter weiß intuitiv, was zu tun ist. Dieses angeborene Bindungsverhalten sichert uns seit jeher das Überleben. Der britische Arzt und Psychoanalytiker John C. Bowlby (www.sgipt.org) (1907-1990) und die amerikanische Entwicklungspsychologin Mary S. Ainsworth (Wikipedia) (1913-1999) entwickelten die Bindungstheorie.

John Bowlby war Sohn eines hohen britischen Offiziers, Sir Anthony Alfred Bowlby. Er (John) hatte im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Ende des zweiten Weltkrieges erforscht, was mit den Kindern passierte, die ihre Eltern verloren hatten. Er kam zu dem Ergebnis, dass traumatische Trennungserfahrungen in der Kindheit zu psychischen Störungen führen können, die sich bis ins Erwachsenenalter hinein zeigen.

Das kleine Kind braucht die Mutter, den Vater und/oder eine andere enge Bezugsperson, um mit Spannungen wie Angst oder Schmerzen umgehen zu können. Emotionale Entwicklung, Emotionsregulation und psychische Sicherheit sind nur durch Bindung möglich. Die Bindungsforscher Judith und Allan Schore (www.allanschore.com) sagen, dass sich die klassische Bindungstheorie heute mehr in eine „Regulationstheorie“ weiter entwickelt hat. Kinder lernen ihre eigenen Affekte zu regulieren, indem zunächst die Eltern ihre Affekte wahrnehmen und sie beruhigen.
Judith and Allan Schore (2008):
Modern Attachment Theory: The Central Role of Affect Regulation in Development and Treatment
Clinical Social Work Journal, 36, 9-20 (2008)
link.springer.com/article/10.1007/s10615-007-0111-7

Die Theorien beschreiben ein Ideal, sodass man sich als Eltern fast automatisch schlecht fühlen kann, wenn man darüber liest. Auch siehst du bei der Beschäftigung mit der Bindungstheorie die Fehler deiner eigenen Eltern verstärkt und manchmal denkst du vielleicht, alles sei verloren. Doch Entwicklung ist niemals ideal und Entwicklung ist ein Leben lang möglich. Die Suche ist das, was zählt.

Die Entwicklungspsychologen Klaus und Karin Grossmann fassen zusammen, was Bowlby erkannt hatte: „Die Entwicklung von Bindungen an Erwachsene, die für das Kind da sind, die stärker und weiser sind, und die seine Bindungsbedürfnisse befriedigen, sind eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung psychischer Sicherheit. Ein bindungsloser Mensch ist ein psychisches Wrack und wegen seiner depressiven oder gewalttätigen Neigungen und Impulse eine Bedrohung für sich selbst und für andere.“ (Anmerkung Voos: Ich denke hier eher an den Düsseldorfer Hauptbahnhof. Wenn Du zu den Lesern und Leserinnen hier gehörst, lass dich nicht zu sehr herunterziehen.)
Klaus E. Grossmann und Karin Grossmann, Universität Regensburg:
Die Qualität der Bindungen und ihre Auswirkungen auf die individuelle Anpassungsfähigkeit im Lebenslauf. Vortrag Burg Rothenfels, 02.07.2004

Wie Kinder auf Trennung reagieren

Die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth (1913-1999) untersuchte Mitte der 1980iger Jahre, wie sich Kinder verhalten, wenn sie von ihrer Mutter getrennt werden. Sie schaffte eine so genannte Fremde Situation: Die Kinder gingen mit der Mutter in einen Raum, in dem eine fremde Person war. Dann verließ die Mutter das Zimmer und kam nach einer Weile zurück. In einem zweiten Versuch verließen sowohl Mutter als auch die fremde Person den Raum und kamen schließlich nacheinander zurück.

Mary Ainsworth fand drei Bindungstypen, die sich je nach Feinfühligkeit der Mutter ergaben:

  • Sichere Bindung (B-Bindung):
    Sicher gebundene Kinder weinen, wenn die Mutter den Raum verlässt. Sie vermissen sie während der Abwesenheit und zeigen ihren Schmerz bei ihrer Rückkehr. Sie laufen zu ihr hin und lassen sich von ihr beruhigen
  • Unsicher-vermeidende (A-Bindung) und unsicher-ambivalente Bindung (C-Bindung):
    Die „vermeidenden“ Kinder laufen nicht freudig auf die Mutter zu, wenn die Mutter nach einer Trennung zurückkommt, sondern halten vorsichtigen Abstand. Sie bleiben bei ihrem Spielzeug, ohne es zu beachten. „Unsicher-ambivalent“ gebundene Kinder laufen auf die Mutter zu, lassen sich von ihr auf den Arm nehmen, erwidern jedoch nicht die Umarmung. Sie bleiben passiv auf dem Arm der Mutter. Unsicher gebundene Kinder lassen sich nicht so leicht von ihrer Mutter beruhigen. Sie beobachten sie ängstlich.

C-Bindung

Kinder, die unsicher-ambivalent gebunden sind, haben oft eine Mutter, die sich unberechenbar verhält. Oft ist die Mutter gestresst, schwankt zwischen Wut und schlechtem Gewissen. Ein mögliches Verhalten bei unsicher-ambivalenter Bindung zeigt sich bei der Rückkehr der Mutter, wenn sie weg war: Das Kind läuft auf die Mutter zu, bleibt dann aber vielleicht wieder stehen. Es weiß nicht, ob es sich ihr zuwenden soll oder nicht. Oft lässt es sich nur passiv umarmen.

Die amerikanische Psychologin Mary Main beschrieb später noch die

Desorganisierte und desorientierte Bindung (D-Bindung):
Während unsicher-vermeidend und unsicher-ambivalent gebundene Kinder in ihrem Verhalten noch organisiert sind, sind die desorganisiert gebundenen Kinder völlig unvorhersehbar in ihrem Verhalten. Oft hatten sie eine Mutter, die ihnen grosse Angst machte – das heisst, die Person, die schützen sollte, war gleichzeitig die Gefahr. Die Kinder sind während der Trennung äußerst gestresst und wissen nicht, wen sie bei der Rückkehr der Mutter zu erwarten haben. Sie sind gestresst, wenn sie sich der Mutter wieder annähern sollen, wenn sie zurückkommt – mitunter zeigen sie Angst bei der Rückkehr und bizarre Verhaltensweisen.

Schnell malen sie sich bei Trennungen von der Mutter katastrophale Bilder aus – so, als ob sie sterben müssten, wenn sie ohne die Mutter sind. Sie haben kaum eine Chance, sich selbst zu entwickeln, weil sie ängstlich an der Mutter kleben – sie versuchen, die Mutter zu besänftigen. Gleichzeitig kann das Gefühl entstehen, die Mutter würde ein Stück der Kinderseele mitnehmen, wenn sie geht.

Desorganisierte Kinder provozieren genau diejenigen, die sie am liebsten haben und sie verscheuchen den anderen, wenn sie sich Nähe wünschen. Sie werden wütend auf sich selbst, wenn sie Nähewünsche spüren oder sie leiden an den verschiedensten Körpersymptomen, die auftreten, weil die Liebe fehlt und der Bezug zum eigenen Körper selbst desorganisiert ist. Verstehen scheint es in kaum einem Zusammenhang zu geben.

„Das zentrale Charakteristikum desorganisierter Bindung sind Affekte von Furcht im Zusammenhang mit traumatischen Beziehungserfahrungen. Ein desorganisiertes Bindungsverhalten beim Kleinkind entsteht, wenn die Interaktion mit der Bezugsperson angstauslösend ist (z.B. wie bei misshandelnden oder dissoziierenden Eltern) und die Bindungsfigur somit gleichzeitig die Urache wie auch die potenzielle Beruhigung für den kindlichen Stress darstellt.“ (Eva Flemming, Laura Lübke, Sasche Müller, Lisa Petra Sophia Rümler, Carsten Spitzer (2023): Validierung der deutschsprachigen Version der Adult Disorganized Attachment Scale (ADA-D). PPmP – Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, Thieme 2023 73(11): 473-479, doi 10.1055/a-2140-8260)

Mal so, mal so

Die Einteilung in Bindungstypen ist keine „Alles-oder-nichts-Frage“. Je nach Lebensphase kann ein Kind sicher oder unsicher gebunden sein. Vielleicht zeigt es ein unsicheres Bindungsverhalten an nur einem Tag. Es lässt sich auch kein absolutes Schema festmachen. Grob einteilen lässt sich jedoch, ob ein Kind grundsätzlich eher sicher oder unsicher gebunden ist. Sicher gebundene Kinder laufen freudig auf die Mutter zu und lassen sich von ihr trösten, wenn sie weinen. Unsicher gebundene Kinder verhalten sich beim Wiedersehen mit der Mutter zögerlich oder uninteressiert.

Reaktive Bindungsstörung: Wenn das Kind jedem sofort auf den Schoss springt

Bindungsstörungen, die innerhalb der ersten fünf Lebensjahre auftreten und mit einem häufigen Wechsel von Bezugspersonen und Vernachlässigung zusammenhängen, heißen „reaktive Bindungsstörungen“. Sie kommen dann vor, wenn Kinder früh misshandelt, vernachlässigt oder abgegeben werden, wenn sie die Familien wechseln müssen oder in einem Heim leben, in dem sie sich nicht wohlfühlen. Die Bindungsstörung zeichnet sich dadurch aus, dass die Kinder emotional instabil und ohne festen Bezug zu einer anderen Person sind. Es fällt ihnen schwer, mit anderen Kindern zu spielen. Sie sind entweder gehemmt, furchtsam und zurückgezogen oder sie verhalten sich „draufgängerisch“, aggressiv, wahllos freundlich oder distanzlos.

Wenn sich ein kleines Kind fast jedem Erwachsenen scheinbar furchtlos annähert, mit ihm sofort spricht, seine Hand nimmt oder rasch auf seinen Schoß will, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um ein bindungsgestörtes Kind handelt. Misshandlung und Traumatisierung sind mögliche Ursachen für das Verhalten.

Es gibt zwei Formen der reaktiven Bindungsstörung: die „gehemmte Form“ (ICD10: F94.1) und die „ungehemmte Form“ (F94.2).

Die betroffenen Kinder sind sehr unglücklich. Sie fühlen sich ständig missverstanden. rupfen sich mitunter die Haare aus (Trichotillomanie), schlagen mit dem Kopf gegen die Wand oder verletzen sich auf andere Weise. Manchmal greifen sie andere ganz unvermittelt an – sie treten und schlagen. Damit zeigen sie dem anderen, welchen Schmerz sie selbst fühlen. „Was, das tut Dir schon weh?“, fragt ein Junge seinen Therapeuten, nachdem er ihm plötzlich heftig gegen das Schienbein getreten hat. „Da kannst Du mal sehen, wie es mir geht: Die Schläge, die ich bekomme, sind noch viel schlimmer.“

Was sagt Mama dazu? Social Referencing

„Soll ich nun auf die Wippe gehen, oder nicht?“ Wenn ein Kind überlegt, ob es auf etwas Neues, Abenteuerliches zusteuern soll oder nicht, dann schaut es nach der Mutter. Es sucht nach ihrer Rückversicherung (Soziale Referenzierung, englisch: Social Referencing). Mit etwa acht bis neun Monaten beginnt das Kind, sich an den Gefühlen und Gesichtsausdrücken der anderen zu orientieren. Schaut die Mutter ängstlich, wird sich auch das Kind zurückhalten. Schenkt sie dem Kind aufmunternde Blicke, wird seine Abenteuerlust gestärkt.

Wenn wir als Erwachsene darunter leiden, dass unsere Eltern uns nur selten aufmunternd anblickten, dann können wir selbst uns vielleicht helfen, indem wir uns neue innere Objekte erschaffen oder an Menschen denken, die uns zuversichtlicher angeblickt haben. Auch wenn die Eltern längst nicht mehr da sind, so leben sie in uns mit ihren Blicken und Einstellungen auf gewisse Weise weiter. Wir können jedoch darauf achten, wie wir mit uns sprechen und wie wir uns selbst und die Sache, auf die wir zugehen möchten, anblicken. Wir können uns innerlich anstupsen und vielleicht an Menschen denken, die uns wirklich gut taten.

Lesetipp: Zeitschrift „Attachment Journal“

Wenn du dich für Bindung, Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse interessierst, sei dir das „Attachment Journal“ (Bowlby Centre) ans Herz gelegt. Das englischsprachige Journal informiert alltagsnah über aktuelle Entwicklungen in Psychotherapie und Relationaler Psychoanalyse („New Directions in Psychotherapy and Relational Psychoanalysis“). Es versteht sich ausdrücklich nicht als akademisches Journal. Die Herausgeber möchten die Kollegen ermuntern, Beiträge über ihre klinische Arbeit, Gedichte, persönliche Erfahrungen, Buchbesprechungen und ähnliches einzureichen. Sie schreiben unter anderem: „Wir glauben, dass psychisches Leid seinen Ursprung in unangemessenen frühen Bindungsbeziehungen hat und am besten durch eine Langzeit-Beziehung behandelt werden kann.“

„Our values for clinical work are:

  • We believe that mental distress has its origin in failed or inadequate attachment relationships in early life and is best treated in the context of a long-term human relationship.
  • Attachment relationships are shaped in a social world that includes poverty, discrimination and social inequality. The effects of the social world are a necessary part of the therapy.
  • Psychotherapy should be available to all, and from the attachment perspective, especially those discriminated against or described as „unsuitable“ for therapy.
  • Psychotherapy needs to be provided with respect, warmth, openness, a readiness to interact and relate, and free from discrimination of any kind.
  • Those who have been silenced about their experiences and survival strategies need to have their reality acknowledged and not pathologised.“

Adult Attachment Projective Picture System (AAP) erfasst Bindungsrepräsentanzen

Die frühe Vorstellung über die Beziehung mit den Eltern übertragen wir mehr oder weniger stark auch auf andere Beziehungen. Das heißt, wir erwarten von anderen Menschen (selten, manchmal, oft oder fast immer), dass sie die Beziehung so gestalten, wie wir es bereits bei unseren Eltern erfahren haben. Der Psychoanalytiker Daniel Stern nannte dies „Representations of Interactions that have been generalized“ (RIG). Im Laufe des Lebens verändern sich unsere Beziehungen und je mehr verschiedene Beziehungen wir kennengelernt haben, desto mehr Vorstellungen haben wir über sie. Diese Vorstellungen über nahestehende andere Menschen, über unsere Eltern, über unseren Körper und über Beziehungen heißen Repräsentanzen.

„Gemessen“ werden können unsere Beziehungsrepräsentanzen z.B. mit dem Adult Attachment Projective Picture System (AAP) (George et al. 1999)

Das Adult Attachment Interview AAI

Mit dem Adult Attachment Interview (AAI) soll der Psychotherapeut erfassen können, welchen Bindungsstil der Erwachsene möglicherweise vorrangig zeigt. Das Adult Attachment Interview (AAI, adult = Erwachsener, Attachment = Bindung) besteht aus 20 Fragen, die sich hauptsächlich auf die Bindung zu Mutter und Vater in der Kindheit beziehen. Außerdem fragt der Interviewer den Patienten nach anderen wichtigen Bezugspersonen in der Kindheit, nach Trennungserfahrungen und möglichen Misshandlungen in der Kindheit. Ein Interview kann mehrere Stunden dauern. Auf der Website der Stony Brook University, New York, sind die Fragen des AAI mit Kommentaren in englischer Sprache aufgeführt (PDF).

Wie beim Kind sind auch beim Erwachsenen verschiedene Bindungstypen möglich. Beim Kind werden diese Bezeichnungen bei Bindungsstilen verwendet:

  • sicherer Bindungsstil (Typ B)
  • unsicher-vermeidend (insecure-avoidant, Typ A)
  • unsicher-ambivalent (insecure-ambivalent, Typ C)
  • desorganisiert (desorganized, Typ D)

Beim Erwachsenen, also im AAI, werden diese Einteilungen verwendet:

  • Autonome Bindung (Typ F: free-autonomous): Der Befragte hat eine sichere Vorstellung von Beziehungen und kann sich gut an Begebenheiten aus der Kindheit erinnern.
  • Unsicher-vermeidende Bindung (Typ D: dismissing = ablehnend): Die Befragten erinnern sich eher bruchstückhaft an ihre Kindheit. Die Eltern werden oft idealisiert.
  • Unsicher-ambivalent und verstrickt (Typ E: entangled = verwickelt, enmeshed = verstrickt, preoccupied = voreingenommen): Hilflosigkeit, Wut und Widersprüchlichkeit machen sich während des Interviews bemerkbar.
  • Unsicher organisiert nach ungelöstem Trauma oder Verlust (Unresolved): Die Betroffenen können sich nur schwer auf das Interview einlassen und ihre Antworten sind häufig irrational.
  • Nicht klassifizierter Bindungstyp (CC)

Das AAI wurde von den Psychologen Mary Main und Erik Hesse (beide: Berkeley University, Kalifornien) entwickelt. Youtube: Interview with Mary Main

Unsichere Bindung im Kindesalter erhöht Amygdala-Volumen

Die Amygdala ist ein Teil des Gehirns, der für die Gefühle und insbesondere die Angst zuständig ist. Er sieht anatomisch aus wie eine Mandel und wird daher auch „Mandelkern“ genannt. Christina Moutsiana und Kollegen des University College London haben eine beeindruckende Langzeitstudie ausgewertet die zeigt: Wer als Kind unsicher gebunden ist, hat als Erwachsener ein besonders großes Amygdala-Volumen. Das kann bedeuten, dass er als Erwachsener besonders ängstlich und schreckhaft ist und zu empfindlichen vegetativen Reaktionen (z.B. Durchfall) neigt.

Die Forscher hatten vor 22 Jahre zuvor 59 Kinder einer Studie zur postpartalen Depression untersucht. Sie stellten fest, dass 24 dieser Kinder sicher gebunden und 35 Kinder unsicher gebunden waren. Das Alter der Kinder betrug damals 18 Monate. Mit 22 Jahren stellten sich diese Kinder zu weiteren Untersuchungen zur Verfügung. Das Ergebnis im MRT: Die ehemals unsicher gebundenen Kinder haben heute als Erwachsene eine deutlich größere Amygdala als die ehemals sicher gebundenen Kinder.

Ein weiterer wichtiger Teil des Gehirns, der für die Emotionen zuständig ist, ist der Hippocampus. Dieser Teil des Gehirns war jedoch bei den ehemals unsicher gebundenen Kindern genauso groß wie bei den sicher gebundenen Kindern.

Es lässt sich also vermuten, dass die Art der Bindung einen Einfluss auf die Amygdala hat. Wie meistens bei solchen Studien ist damit jedoch nicht bewiesen, dass eine unsichere Bindung die Amygdala vergrößert.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Komisaruk & Whipple, 1998: „… this definition of love encompasses having an emotional bond with a person for whom one yearns, as well as having sensory stimulation that one desires. … We propose a neural mechanism by which deprivation of love may generate endogenous, compensatory sensory stimulation that manifests itself as psychosomatic illness.“ | (Übersetzt von Voos:) „Wir stellen einen Mechanismus vor, der zeigt, wie das Fehlen von Liebe eine kompensatorische, sensorische Stimulierung auslösen könnte, die sich dann als psychosomatische Erkrankung manifestiert.
Barry R. Komisaruk and Beverly Whipple (1998):
Love as sensory stimulation: Physiological consequences of its deprivation and expression.
Psychoneuroendocrinology, Volume 23, Issue 8, November 1998, Pages 927-944
doi.org/10.1016/… 
www.sciencedirect.com/…

Eva Flemming, Laura Lübke, Sasche Müller, Lisa Petra Sophia Rümler, Carsten Spitzer (2023):
Validierung der deutschsprachigen Version der Adult Disorganized Attachment Scale (ADA-D).
doi 10.1055/a-2140-8260
PPmP – Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, Thieme 2023 73(11): 473-479

The Bowlby Centre, London
thebowlbycentre.org.uk

Blair Paley et al.:
Attachment and Marital Functioning: Comparison of Spouses With Continuous-Secure, Earned-Secure, Dismissing, and Preoccupied Attachment Stances
Journal of Family Psychology 1999, Vol. 13, No. 4, 580-597

Bilder „Abfahrt“ und „Bank“ in:
Marianne Leuzinger-Bohleber: Psychoanalyse, Neurobiologie und Trauma
Seite 107, Schattauer-Verlag

Bilder „Bett“ und „Friedhof“ auf Seite 344 in:
Anna Buchheim, Carol George et al.:
Mimische Affektivität von Patientinnen mit einer
Borderline-Persönlichkeitsstörung während des Adult
Attachment Projective
(PDF)

Korff, Jessica (2009):
Bindungsdiagnostik mittels Adult Attachment Projective bei Patienten mit Herzinsuffizienz oder Herzinsuffizienz-Risikofaktoren
Dissertation Medizin, Universität Magdeburg, 2009
(Im Anhang finden sich alle 8 AAP-Zeichnungen)

The Ainsworth Strange Situation Experiment
The New York Attachment Consortium
Youtube, 16.11.2010

Karl Heinz Brisch, Bindungsforscher
www.khbrisch.de

Christina Moutsiana et al.
Insecure attachment during infancy predicts greater amygdala volumes in early adulthood
Journal of Child Psychology and Psychiatry, Early View
Article first published online: 23 Aug 2014
DOI: 10.1111/jcpp.12317
onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jcpp.12317/full

John Bowlby (1907-1990)
Arzt, Psychoanalytiker, Pionier der Bindungsforschung
Society for General and Integrative Psychology

New York Attachment Consortium

The Attachment Projekt
www.attachmentproject.com/about/

Gunilla Stenberg (2003):
Effects of maternal inattentiveness on infant social referencing.
Infant and Child Development, Volume 12, Issue 5, pages 399-419, December 2003
onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/icd.321

Karl-Heinz Brisch:
Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie.
Klett-Cotta, 11. Auflage, 2011

Klaus E. Grossmann und Karin Grossmann (Hrsg.):
Bindung und menschliche Entwicklung.
John Bowlby, Mary Ainsworth
und die Grundlagen der Bindungstheorie.
Klett-Cotta, Stuttgart 2003

Karin Grossmann und Klaus E. Grossmann (Hrsg.):
Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit.
Klett-Cotta, Stuttgart 2004

John Bowlby (1953):
Childcare and the Growth of Love
amazon

Hesse Erik, Main Mary (2006):
Frightened, threatening, and dissociative parental behavior in low-risk samples:
description, discussion, and interpretations.
Development and Psychopathology 2006 Spring; 18(2):309-343
Source: Department of Psychology, University of California at Berkeley, Kalifornien, USA
journals.cambridge.org/…

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 21.8.2012
Aktualisiert am 8.11.2025

One thought on “John Bowlby: Aus der Bindungstheorie (Attachment Theory) lässt sich herleiten, wie sich die Psyche gesund entwickelt und was sie krank macht

  1. Robby sagt:

    Es wird spannend zu beobachten sein inwieweit psychologische Erkenntnisse zu pädagogisch-politischen Imperativen werden.
    Innerhalb der Forschungen zur Epigenetik beispielsweise wurden die negativen Auswirkungen von Depressionen auf die Mutter-Kind-Beziehung als schwerwiegend erkannt / eingestuft.
    Prof. Dr. Johannes Huber berichtet in diesem Zusammenhang von Überlegungen schwedischer Behörden depressiven Müttern das Sorgerecht zu entziehen (in „Liebe läßt sich vererben“).

    Ähnlich gelagerte Eingriffe in die persönliche Freiheit sind speziell bezogen auf (Umsetzungen der) Erkenntnisse der Bindungstheorie kann man in Großbritannien beobachten. Dort mit der Tendenz zu(r) (zwangsweise verordneten Annahme von) Beratungs-„Angeboten“.

    Auch wenn solche Maßnahmen in Einzelfällen sinnvoll und angebracht sein mögen scheint mir die implizite Tendenz zu paternalistischer Bevormundung (Stichwort‚benevolent dictator‘) außerordentlich bedenklich.

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