Mentalisierungsbasierte Psychotherapie (MBT): Das Nachdenken über sich und andere kann man lernen und verfeinern

Meistens können wir uns unsere Gefühle und unser Verhalten selbst erklären. Wir können uns vorstellen, wie es ist, wenn wir ärgerlich sind, warum wir es sind und wie wir uns beruhigen können. Wir können aber auch in Grenzen ahnen, was im Kopf unseres Gegenübers vorgeht.

Wir können uns vorstellen, was er sich wünscht, welche Gefühle und Überzeugungen er hat, ob er die Wahrheit sagt oder lügt – und verstehen auch das. Diese Fähigkeit, uns „mentale Zustände“ in uns selbst und in anderen vorzustellen, heißt „Reflexionsfunktion“, oder auch „Mentalisierungsfunktion“.

Wir erlangen die Fähigkeit zur Mentalisierung bereits im Kleinkindalter – allerdings nicht von selbst: Die Bindung zu Mutter und Vater (bzw. einer verlässlichen Bezugsperson) ist dabei unabdingbar.

Eine wertvolle Errungenschaft

Die Fähigkeit, sich selbst und andere Menschen einschätzen zu können, ist ein wertvolles Gut, denn so sind wir dem anderen nicht einfach ausgeliefert. Bereits kleine Kinder reagieren nicht nur auf das äußere Verhalten eines anderen Menschen, sondern bereits auch auf seine „wahre Verfassung“ und in Grenzen auf seine Vorstellungen, Wünsche und Absichten, also auf seine „mentalen Zustände“. Das kleine Kind hat schon bald eine eigene Vorstellung von seinem Gegenüber.

Die Erfahrungen, die wir als Kinder früh mit anderen Menschen gemacht haben, führten dazu, dass wir eine Vorstellung von uns selbst bekamen und davon, wie andere auf uns reagieren.

Wir haben insbesondere durch unsere frühen Erfahrungen sogenannte „Selbst-Anderer-Repräsentanzen“ in unserer Psyche aufgebaut. Wir wussten schon früh, wie die Kommunikation zwischen Mutter und Vater oder zwischen uns und unseren Eltern, Geschwistern oder Nachbarskindern aussah. Diese Erfahrungen fließen auch in die Erwartungen mit ein, die wir haben, wenn wir neue Menschen kennenlernen.

Wie gut ist das Einfühlungsvermögen ausgeprägt?

Doch wir alle wissen auch, wie schwer es sein kann, uns selbst und andere zu verstehen. Wie gut wir uns in andere hineinversetzen oder uns selbst verstehen können, hängst stark davon ab, wie gut sich unsere Eltern in unsere Bedürfnisse, Absichten, Wünsche und Nöte einfühlen konnten.

Wenn ein Baby die Mutter anschaut, dann spiegelt die Mutter dem Baby seine Gefühle wider (Affektspiegelung).

Während die Mutter das aufgeregte Baby anblickt, „markiert“ sie ihre Gesichtsausdrücke, das heißt, sie übertreibt ihre Gesichtsausdrücke und zeigt dem Baby damit, dass sie zwar sein Gefühl nachempfinden kann, dass es aber nicht ihr eigenes Gefühl ist. Etwa so: „Ich sehe, Du bist traurig. Das spiegele ich Dir wider. Ich selbst fühle mich gerade im Kern zwar nicht traurig, aber ich kann Deine Trauer spüren und mich einfühlen.“

Das, was sich gerade in unserer Psyche abspielt, ist ein mentaler Zustand. Zu den mentalen Zuständen gehören beispielsweise Gefühle, Aufmerksamkeit, Überzeugungen, Wünsche, Nachdenklichkeit, Täuschungsabsichten usw. Sie sind der Motor für unser Handeln. Wir können über sowohl über unseren eigenen mentalen Zustand nachdenken, als auch anhand bestimmter Zeichen auf den Zustand eines anderen rückschließen (Reflexionsfunktion). Dieses Wissen über mentale Zustände nennt man auch Theory of Mind, zu deutsch „Theorie des Geistes“.

Wenn das Spiegeln gestört ist

Manchmal können Mütter nicht ausreichend widerspiegeln, was das Kind ihnen zeigt. Beispielsweise, weil sie selbst keine einfühlsamen Eltern hatten, weil sie überlastet oder mit eigenen Sorgen beschäftigt sind. Depressive Mütter haben oft einen relativ starren Gesichtsausdruck. Wenn Psychotherapeuten dies mit Einverständnis der Mutter einmal filmen, sind die Mütter oft selbst darüber erschrocken, wie wenig resonant ihr Gesichtsausdruck ist.

Das „Zuwenig“ an Affektspiegelung hat oft den Effekt, dass sich das Kind unverstanden und alleingelassen fühlt. Es kann jedoch auch passieren, dass die Mutter dem Baby „zu viel“ widerspiegelt, weil sie selbst gerade genauso aufgeregt, traurig oder wütend ist wie das Baby. Das kann dazu führen, dass dem Kind die eigenen Gefühle zu stark werden oder dass es denkt, es würde andere mit seinen Gefühlen anstecken und überfordern.

Wenn es der Mutter über lange Zeit nur schlecht gelingt, dem Kind seine Affekte widerzuspiegeln, kann es passieren, dass das Kind später Schwierigkeiten bekommt, die eigenen Gefühle oder die Gefühle anderer zu verstehen. Die Gefühle können dann nur schlecht wahrgenommen, benannt und gesteuert werden. Wenn diese Situation so ausgeprägt ist, dass sie Leiden schafft und Beziehungen erschwert, dann kann eine Psychotherapie oder Psychoanalyse hilfreich sein, denn sie kann die Reflexionsfunktion verbessern.

Hypermentalisierung

„Mentalisieren“ heißt, über uns und über andere nachzudenken. Wir können erahnen, dass ein Kind, das ein Eis sieht, das Eis haben möchte. Wir wissen, dass wir wütend werden, wenn uns jemand nicht beachtet. Was wir und andere glauben, denken, fühlen und vorhaben, das ist uns oft klar. Wir erkennen die „mentalen Zustände“ (mental states) des anderen. Aber: Oftmals stimmt es nicht, was wir uns vom anderen denken – obwohl wir uns sicher sind, dass der andere dieses oder jenes denkt, liegen wir falsch. Ähnlich wie bei der Übertragung verallgemeinern wir unsere eigenen Lebens-Erfahrungen manchmal zu sehr. Wer Eltern hatte, die uns rasch angriffen, wird auch von anderen rasch einen Angriff erwarten. Wer schwer frühtraumatisiert ist, neigt sehr viel eher zum Hypermentalsieren als Menschen, die bei überwiegend entspannten Eltern groß geworden sind.

Die Gesünderen fühlen sich sicherer und können sich eher vom anderen und von seiner Realität „überraschen“ lassen. Gesündere halten eher aus, wenn sie nicht so genau wissen, was gerade im anderen vorgeht. Sie können dadurch anderen offener begegnen. Wenn wir zu viel denken, kann die Rückkehr zum Fühlen eine große Erleichterung sein. Schön ist hier ein Buch von Safi Nidiaye: Herz öffnen statt Kopf zerbrechen.

Wer hingegen früh traumatisiert wurde, ist fast immer und ganz besonders auf der Suche nach Sicherheit. Die Betroffenen gehen dasvon aus, dass das, was sie beim anderen sehen oder hören, wahrscheinlich genauso zu interpretieren ist wie das, was sie bei den Eltern erlebten. Damit tun sie anderen Menschen oft unrecht – doch die Crux ist, dass sich die Betroffenen „ganz sicher“ sind, dass sie recht haben. Ein erster Schritt zu einem gesünderen Mentalsieren ist es, die eigene Sicherheit in Frage zu stellen. Ist es beim anderen wirklich gerade so, wie ich es von ihm denke? Mit dieser Frage im Hinterkopf können ganz neue, viel befriedigendere Beziehungen entstehen.

Frühtraumatisierte neigen dazu, dem anderen Absichten zuzuschreiben, die er gar nicht hat (Über-Attributierung). Sie kreisen in Gedanken und „denken nach“, ohne dass der Bezug zum Hier und Jetzt und zu den wahren Gefühlen und Absichten des anderen hergestellt ist. Beim „Hypermentalisieren“ denkt man bis zum Umfallen nach, tut so, „als ob“ alles klar wäre, kommt aber mit den eigenen wirklichen Gefühlen oder mit der Realität des anderen nicht in Kontakt.

Pseudomentalisierung: Wenn Menschen in der Psychotherapie oder Psychoanalyse hypermentalisieren, erweckt es manchmal den Eindruck, als würden sie stark nachdenken und viel verstehen. Manchmal ist es da für den Therapeuten nicht leicht zu erfassen, dass der Patient gerade „im Leerlauf mentalisiert“, also ohne Bezug zu den echten Gefühlen und Absichten nachdenkt. „Das Echte“ wird beim Hypermentalisieren oft nicht erkannt – vor allem traumatisierte Patienten überinterpretieren die Handlungen des anderen oft. Sie unterstellen ihm Dinge, die andere Beobachter nicht aus den Handlungen oder dem Gesagten schließen würden.

Es gibt zwei Arten des Mentalisierens (nach Lieberman 2006):
Explizit-kontrolliertes Mentalisieren: Wir denken bewusst über den anderen oder über uns selbst nach. Wir beobachten den anderen und ziehen daraus unsere Schlüsse.
Implizit-automatisches Mentalisieren: Wir haben blitzschnell eine Theorie darüber, was im anderen vorgeht oder wie wir selbst sind. Hier haben wir keinen Abstand. Unsere Annahmen sind sofort da – wir stellen sie nicht infrage.

Online- und Offline-Mentalisierung

Wir können über den anderen nachdenken, während wir mit ihm in direkter Beziehung sind. Selbst, wenn wir aufgeregt sind, kann das Nachdenken im guten Fall noch funktionieren. Das bezeichnen der Psychoanalytiker Peter Fonagy und Kollegen als „Online-Mentalisierung“. Unter „Offline-Mentalisierung“ versteht man das Nachdenken über sich und den anderen, während man selbst wieder alleine im stillen Kämmerlein sitzt und über das Geschehen in der Beziehung nachdenkt.

Buchtipp: Psychotherapie der Borderlinestörung

„Manche Therapeuten unterstellen Borderline-Patienten Falschheit, Hinterlist und Unaufrichtigkeit. Wer diese Zuschreibungen für richtig hält, sollte keinen Borderline-Patienten behandeln.“ Dieser Satz von Seite 302 aus dem Buch „Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung“ zeigt, wieviel Verständnis die Autoren für ihre Borderline-Patienten haben. Die Psychoanalytiker Anthony Bateman und Peter Fonagy erklären mit großer Sorgfalt, wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung verstanden werden kann. Erschienen ist es im Jahr 2008 im Psychosozial-Verlag.

Mentalisierungsbasierte Psychotherapie

Die Autoren beschreiben in diesem Buch die von ihnen entwickelte Therapieform, die auch als Ergänzung zu anderen Therapieformen verstanden werden kann: Die mentalisierungsbasierte Psychotherapie (MBT). Dieses Buch nimmt den Leser mit auf die Reise durch die psychoanalytische Entwicklungspsychologie, die Borderline-Theorien und die verschiedenen Therapieformen. Jeder, der verstehen möchte, wie ein Kind sein eigenes „Selbst“ begreift und warum manche Menschen nur ausgeglichen leben können, wenn andere sie schlecht behandeln, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Borderline-Patienten haben oft eine eingeschränkte Mentalisierungsfähigkeit. Diese zu fördern, ist Ziel der mentalisierungsbasierten Psychotherapie (Mentalisation based Therapy, MBT). Dabei wird sehr viel Wert auf die Eigenständigkeit des Patienten gelegt – ihm also „Mediakamente aufzudrücken“ oder bei Selbstmordäußerungen sofort zu handeln, steht dem Konzept entgegen. Immer entscheidet der Patient mit, was mit ihm passiert.

Die MBT kann als Rahmen für verschiedene Therapieformen dienen. Die Autoren möchten Therapeuten nicht „umkrempeln“, sondern ihnen ein zuätzliches Werkzeug mit an die Hand geben. Um das Buch zu verstehen, ist wahrscheinlich einiges an Vorbildung notwendig.

Buchtipp: „Konzept Mentalisieren“

„Mentalisierung“ ist – vereinfacht gesagt – das Nachdenken über sich und andere. Wer sich gut vorstellen kann, welche Gefühle man selbst oder der andere hat, welche Ideen, Phantasien, Wünsche und Absichten einen Menschen bewegen, der hat eine gute Fähigkeit zur Mentalisierung. Menschen mit psychischen Störungen sind in ihrer Mentalisierungsfähigkeit oft geschwächt. Das Konzept der Mentalisierung ist in dieser Form noch relativ jung und wurde vor allem durch den britischen Psychoanalytiker Peter Fonagy (IPA) bekannt.

Mentalisieren kann man nicht einfach so – das Kind erlernt es. Ein wichtiger Baustein dabei ist bereits die gelungene Kommunikation zwischen Mutter und Säugling. Die Fähigkeit zur Mentalisierung kann in einer Psychotherapie oder Psychoanalyse weiter entwickelt werden. Bisherige Erkenntnisse und Forschungsarbeiten zu diesem Thema hat die Psychoanalytikerin Professor Svenja Taubne (DPG) in ihrem Buch „Konzept Mentalisieren“ zusammengetragen.

Svenja Taubner: „Wir warten nicht auf den motivierten, einsichtigen Patienten, sondern wir befähigen den Patienten zur Einsichtsfähigkeit … Wenn Sie einem kriminellen jungen Patienten sagen: ‚Das darfst du nicht tun!‘, dann ist er weg.“ NTPP Conference 2023, Youtube

Das Buch ist besonders interessant für Psychotherapeuten, Pädagogen und Wissenschaftler. Es ist insgesamt verständlich geschrieben, doch es finden sich auch komplizierte Sätze:

„Im Zeitraum ab dem fünften Lebensjahr erreicht die Selbstentwicklung im Kontext normaler Entwicklung die Ebene des repräsentationalen oder mentalisierenden Akteurs durch eine Integration des Modus des Als-ob und des Modus der psychischen Äquivalenz“ (S. 49). … „Mentalisierte Affektivität als höchste Stufe der Affektregulation bedeutet eine spezifische Form von Mentalisierung, bei der während der Aufrechterhaltung einer Emotion über diese reflektiert wird (Online-Affekt-Mentalisierung).

Im Kontrast zur klassischen Affektregulation, bei der kognitive Aspekte ‚über die Emotion gelegt‘ werden im Sinne einer Bewertung und teilweise einer intellektuellen Distanzierung, geht es bei der mentalisierten Affektivität um das Bedeutungserleben des Affektes im Licht der repräsentationalen Welt eines Individuums, das heißt, aktuelle Emotionen werden durch die Linse der vergangenen Erfahrungen (real und fantasiert betrachtet (Jurist, 2010)“ (S. 59).

Missbrauchte Kinder können oft nur schlecht mentalisieren (Hypomentalisation)

Bei Menschen, die in der Kindheit missbraucht und misshandelt wurden, ist diese Mentalisierungsfähigkeit häufig relativ stark eingeschränkt. Sie haben zwar einerseits gute Antennen für den anderen, andererseits fällt es ihnen jedoch schwer, sich vorzustellen, aus welchen Gründen andere Menschen wirklich etwas sagen oder tun. Sie gehen oft vom Schlechtesten aus. Zu sehr sind sie verhaftet in alte Muster, nach denen einst ihre Eltern gehandelt haben.

Wir können uns gut in einen anderen einfühlen, wenn wir uns selbst gut kennen und etwas Ähnliches wie der andere erlebt haben. Kleine Kinder kennen sich selbst noch nicht so gut, jedoch erforschen sie schon früh die innere Welt der Eltern, damit sie sich ihnen anpassen können. Die Kinder wiederum lernen, wer sie selbst sind, indem die Eltern sie spiegeln und über sie nachdenken.

Gewalttätige Eltern aber wollen oft gar nicht wissen, was im Kind vorgeht. Sie überfahren es und tun so, als würde das Kind nicht leiden. Würden sie anders vorgehen, würden sie ihre Scham deutlicher bemerken. Ein besonderes Beispiel hierfür ist die Vojta-Therapie beim Baby: Hier berichten Mütter häufig, dass Therapeutinnen ihnen gesagt hätten, sie sollten das Schreien des Kindes ignorieren.

„Ich will die Hölle nicht sehen“

Missbrauchte Kinder können kaum verstehen, was in den Eltern vorgeht. Zu grausam wäre es, wenn ein Kind entdecken würde, wie mental leer die misshandelnde Mutter/der misshandelnde Vater ist und welch brutale Gedanken die Eltern haben. Das will sich das Kind nicht ausmalen, weil es zu schrecklich wäre.

Das Kind rettet sich, indem es sich vorstellt, dass die Eltern doch irgendwo gut sind oder indem es einfach gar nicht über die Eltern nachdenkt. Zwar kann es schnell erkennen, wann der nächst Angriff naht, aber ein weiteres Nachdenken über die innere Welt der Eltern ist kaum möglich. Das Kind ist in seiner Situation quasi gezwungen, das schreckliche Innere der Eltern auszublenden. Später haben die Betroffenen manchmal fast eine Phobie vor dem Nachdenken. Erst langsam können sie das Mentalisieren wagen, wenn sie die Ruhe und die Gelegenheit dazu haben (z.B. in einer Psychoanalyse).

Sichere Bindung und Mentalisierung in der Psychosetherapie

Der Psychiater Benjamin K. Brent und Kollegen haben einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie beschreiben, wie gestörte Bindungen und eine beeinträchtigte Fähigkeit zur Mentalisierung bei der Psychose zusammenhängen.

Am Beispiel einer psychotischen Patientin zeigen Benjamin Brent und Kollegen, wie die Fähigkeit, über sich und andere nachzudenken eingeschränkt wird, sobald die Patientin die Gefahr sieht, dass es zu einer Trennung oder zu einem Konflikt in der Beziehung kommt. Das Zusammensein mit dem Therapeuten selbst kann das Nachdenken bereits beeinträchtigen.

Die Gedanken kreisen um sich selbst

Schon in früher Kindheit alleingelassen, denkt die Patientin häufig „zu sehr“ über sich und ihre Angreifer nach (Hypermentalisierung). Sie ist dann auch davon überzeugt, dass andere dasselbe denken wie sie. Wenn sie also denkt, sie sei nichts wert oder sie sei komisch, ist sie überzeugt davon, dass andere dasselbe denken. Was in ihr vorgeht müsse doch auch in der äußeren Welt vorgehen, so lautet die unbewusste Gleichung (psychische Äquivalenz). Solche Gedanken sind oft die Folge eines mangelenden Austausches mit anderen Menschen. In der sogenannten mentalisierungsbasierten Therapie (MBT) versucht der Therapeut, die Mentalisierungsfähigkeit des Patienten zu stärken. Um das zu erreichen, wird viel über die mentalen Zustände gesprochen: Was wünsche ich mir? Was fühle ich, was habe ich vor, was denke ich? Und was könnte der andere denken, fühlen und sich wünschen?

Fragen wie diese werden regelmäßig verfolgt. So kann der Patient sich selbst besser kennenlernen, aber auch erfassen, dass der andere vielleicht ganz anders denkt und fühlt, als er immer dachte. Das eigene Denken wird dabei flexibler und es entsteht eine höhere Toleranz gegenüber der „Andersartigkeit“ des anderen. Der Patient kann dann auch zunehmend aushalten, dass er eben nicht immer so sicher weiß, wie es im Inneren des anderen aussieht. Die sichere Bindung zum Therapeuten verstärkt dabei die Effekte der mentalisierungsbasierten Therapie.

Mentalisierungsschwäche – eine Kurzgeschichte

Er war klein, der Raum, und eng. In so einem Raum wurde er immer wieder überfallen und gequält. Als Kind. Heute ist er erwachsen. Doch wenn er zum Gespräch muss in den dritten Stock, fühlt er sich hilflos. Er kann nicht mehr denken, reagiert in Angst. Seine Fähigkeit zu mentalisieren ist weg. Doch ist sie an den Ort gebunden. Beide nehmen ihre Stühle und setzen sich aufs freie Feld. Um sie herum die frische Luft. Und das Mentalisieren wird möglich, weil die Angst, überfallen zu werden, in die Weite entschwunden ist.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Anthony W. Bateman and Peter Fonagy (2008):
Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ein mentalisierungsgestütztes Behandlungskonzept, Gießen, Psychosozial-Verlag 2008

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Der Säugling und seine Eltern. Die psychoanalytische Behandlung frühester Entwicklungsstörungen, Brandes & Apsel, amazon

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PDF auf FrankYeomans.com

Beitrag vom 2.5.2026 (begonnen am 29.10.2011)

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