Schizophrenogene Mutter – gibt es sie noch? (Psychose-Serie 2)

Der Begriff „schizophrenogene Mutter“ kam in den 70er Jahren noch häufig vor. Man ging davon aus, dass die Mutter (bzw. die engste Bezugsperson) ein Kind schizophren „machen“ konnte. Der Begriff wurde von der Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann (1889-1957) geprägt. Sie war die Analytikerin von Joanne Greenberg (geb. 1932), die schon als Jugendliche unter Schizophrenie litt. Später (1964) schrieb Joanne Greenberg unter dem Namen „Hannah Green“ das Buch „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ (Verlag Rowohlt).

Im Dokumentarfilm „Take these broken wings“ (Youtube) von Daniel Mackler (wildtruth.net) erzählt Joanne Greenberg von ihrem Weg aus der Schizophrenie.

Heute hört man den Begriff „schizophrenogene Mutter“ kaum noch. Die meisten Experten gehen nicht mehr davon aus, dass eine Mutter eine Schizophrenie in ihrem Kind verursachen kann. Die Entwicklung der Psychopharmakotherapie führte jedoch dazu, dass kaum noch jemand solche Fragen stellte. Viele Eltern sind entlastet, wenn ihnen Ärzte erklären, dass sie nichts für die Erkrankung ihres Kindes können. Doch was, wenn alles doch komplexer ist?

Der Psychotherapeut Bertram P. Karon (1930-2019) sagt in dem Film „Take these broken wings“ (3’50):
„I have never met a schizophrenic whose life wouldn’t have driven me crazy if I had lived it. Not the life as it is described in the hospital record by people who don’t want to hear what it was like, but the life that this person has experienced. There is no question: I would be just as sick and in just the same way that this patient is.“
„Ich habe noch nie einen Schizophrenen getroffen, dessen Leben mich nicht genauso verrückt gemacht hätte, wenn ich es hätte leben müssen. Nicht das Leben, wie es in den Krankenberichten beschrieben wird von Menschen, die es nicht hören wollen, sondern das Leben, das diese Person wirklich erlebt hat. Es ist keine Frage: Ich würde genauso krank sein auf genau dieselbe Art wie dieser Patient.“

Karon sagt auch, dass die meisten Psychiater noch nie erlebt haben, wie ein Schizophrener allein durch Psychotherapie wieder gesund werden konnte. Die in dieser Hinsicht dürftige Ausbildung der Psychiater und das System, in dem sie arbeiten müssen, geben das einfach nicht her.

In seinem Buch „Psychotherapy of Schizophrenia“ (Rowman&Littlefield, 1977) spricht Bertram Karon das Eltern-Thema äußerst einfühlsam an. Ich habe es – außer bei Harold Searles – bisher noch nirgends so mitfühlend aufgegriffen gesehen. Bertram Karon widmet das 5. Kapitel dem Thema „Eltern und Schizophrenie“ und beschreibt eindrücklich, wie Mütter und Väter die Psyche ihres Kindes wirklich krank machen können. Aber: Die Eltern sind nicht „schuld“. Denn was das Kind krank macht, ist das Unbewusste der Eltern.

„… and no one is responsible for his or her unconscious, since no one can control anything until after it becomes conscious.“
„… und niemand ist verantwortlich für sein Unbewusstes, denn niemand kann die Dinge kontrollieren, bis sie bewusst werden.“ (S. 113)

Beispielsweise fühlen sich Psychotiker oft von Blicken verfolgt. Es gelingt ihnen oft nur schwer, sich von dieser Vorstellung oder den tatsächlichen Blicken der anderen abzugrenzen. Vielleicht wurde ihr „Ich-will-nicht“ allzu oft übergangen. Aus der Säuglingsforschung weiß man, dass Babys häufig ihren Kopf abwenden, um zu zeigen: „Ich brauche Ruhe.“ Manche Mütter können das schwer ertragen – sie fühlen sich abgelehnt und fragen sich ängstlich, ob es ihrem Baby gut geht. Dann „verfolgen“ sie den Säugling mit ihren Blicken und wollen ihn gerne wieder aufmuntern.

Der Säugling hat dann keine Ruhe vor seiner Mutter. Das „macht“ natürlich noch keine Psychose. Doch es ist eine Szene, die ahnen lässt, wie empfindlich und störanfällig die frühe Kommunikation ist. Erlebt ein Kind in den ersten drei Monaten eine andauernde Nicht-Passung in der Face-to-Face-Kommunikation mit der Mutter, kann dies enorme Auswirkungen auf seine zukünftigen Beziehungen, sein Fühlen und auch sein Denken haben (siehe Beatrice Beebe: Decoding the nonverbal language of Babies, Youtube). Für die Eltern eines psychotischen Patienten ist die ernsthafte Therapie eine echte Herausforderung. Sie sind mit enormen Ängsten konfrontiert. Es sei die Aufgabe des Therapeuten, den Eltern taktvoll zu begegnen, so Karon.

Bertram Karon schreibt in seinem Buch „Psychotherapy of Schizophrenia“, dass die Mutter eindeutig der wichtigere Elternteil des Patienten sei. Es gehe um die Angst vor dem „wichtigeren Elternteil, der Mutter“ („the fear of the more important parent, the mother“, S. 204). Diese Mutter sei als so überwältigend erlebt worden, dass der Patient kaum etwas dagegensetzen oder Eigenes entwickeln konnte.

„It is easy to traumatize the parents.“ „Es ist leicht, die Eltern zu traumatisieren“, so Karon (S. 113). Es sei eine schwierige Aufgabe, die Eltern zu Verbündeten und nicht zu Feinden zu machen.

Karon beschreibt das Beispiel einer angesehenen Familie, in der es schweren Missbrauch gab, doch wenn das Geheimnis offenbart worden wäre, wären die Eltern ins Gefängnis gekommen. Häufig werden die Eltern als Kriminelle angesehen – ein weiteres großes Hindernis auf dem Weg des Verstehens. Die Patienten, die psychotisch wurden, haben Ungeheures erlebt und Karon hat die Erfahrung gemacht, dass es sehr wirkungsvoll ist, die Patienten wieder mit der Realität zu verbinden, indem man anerkennt, dass sie Unvorstellbares erlebten.

Es sei wichtig, ihnen etwas zu sagen wie: „Improbable as it may seem, this really did happen to you.“ „So unwahrscheinlich es auch scheint: das alles ist Dir wirklich passiert.“ (S. 117).

„The parent has usually raised the child to the best of his or her knowledge or capacity.“ (S. 112)

Wie entlastend es sein kann, wenn das kaum Vorstellbare endlich von einem Therapeuten erkannt wird, wissen die betroffenen Patienten. Heute erscheint es vielen kaum noch vorstellbar, dass Eltern so einen direkten Einfluss auf die Psyche ihres Kindes haben – ja, dass sie möglicherweise sogar die Schizophrenie ihres Kindes mit-verursachen können. Doch es lohnt sich, diesen Gedanken neu aufzunehmen. Die Säuglings- und Bindungsforschung zeigt, wie empfindlich die Mutter-Kind-Kommunikation ist und wie fein sie abgestimmt sein muss, damit sich ein Kind gesund entwickeln kann. Der Vater spielt dabei eine entscheidende Rolle. Doch Schizophrenie und Psychose sind ein multifaktorielles Geschehen. Es ist bis heute nicht geklärt, was alles zusammenkommen muss, damit ein Kind tatsächlich psychotisch wird.

Dort, wo die Angst vor Schuld dem Interesse an den Zusammenhängen weichen kann, ist den Patienten sehr geholfen. Und es gibt viele kleine Inseln, wo Verstehen geschehen kann. Es gibt einige Psychoanalytiker, die sich intensiv mit den psychischen Ursachen der Schizophrenie beschäftigen wie z.B. Daniel Dorman (IPA), Danielle Knafo (IPA) oder Joachim Küchenhoff (DPV/IPA).

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Dieser Beitrag erschien erstmals am 14.9.2019
Aktualisiert am 26.2.2024

7 thoughts on “Schizophrenogene Mutter – gibt es sie noch? (Psychose-Serie 2)

  1. Banjo Hansen sagt:

    1400 Euro sind keine Schulter zum anlehnen .

  2. Dunja Voos sagt:

    Das freut mich, lieber Mattias, ich danke Dir für den Kommentar. Ja, ich denke auch, dass man dann das Leid eines Patienten leicht leugnen kann, wenn man selbst große Angst davor hat.

  3. Mattias sagt:

    Es ist so wichtig für Betroffene, dass jemand ihre Geschichte und ihr Leid anerkennt. Wie soll man denn auch ein eigenes Ich entwickeln, wenn einen niemand so sieht, wie man wirklich ist? Vielleicht leugnen Psyichater das Leid Ihrer Patienten, weil sie es so unfassbar schrecklich fänden, nähmen sie es ernst?!

    Aber gerade an Schizophrenie Erkrankte brauchen jemanden, der sie so sieht und annimmt, wie sie sind. Nur so können die massiven seelischen Kränkungen aufgedeckt und langsam geheilt werden.
    Außerdem gibt es den Betroffenen Ihre Würde zurück, wenn man anerkennt, was war.

    Dein Artikel hat wirklich gut getan :-)
    Ich danke Dir sehr!

  4. Dunja Voos sagt:

    Liebe Frau Orth-Franke,
    vielen Dank für den Hinweis auf die Soteriakliniken. Hier auch der Beitrag dazu im Blog: https://www.medizin-im-text.de/2013/20535/soteria-geborgenheit-in-psychiatrischen-kliniken/

  5. Rita Orth-franke sagt:

    Soteriakliniken erfüllen diese Bedingungen des Verstehenwollens und des nur absolut notwendigen Medikamentengebens in Absprache mit den PatientInnen.
    Näheres unter „Internationale Arbeitsgemeinschaft Soteria“!

  6. Fischmondfahrt sagt:

    Sehr gut! Ich arbeite in einer Psychiatrie und finde, dass allein der Zeitdruck und der finanzielle Druck, die dort herrschen dazu führen, dass „schnell und einfach“ gedacht und gehandelt wird. Kausalitätsfragen werden kaum gestellt – man geht eh immer von multifaktoriellen Komponenten aus und macht sich nicht die Mühe herauszufinden wie die verschiedenen Aspekte im Einzelfall ineinandergreifen. Natürlich wird so etwas wohl selten völlig auslotbar sein. Aber der Weg der Psychiatrie scheint mir zu sein: Es wird einfach getan was schnell und einfach machbar ist, nämlich Medikamente verteilen. Interessanterweise ist es so, dass der allergrösste Anteil der PatientInnen die Psychopharmaka nach dem Aufenthalt nicht konstant bzw. gar nicht weiter nehmen.
    Die Geschichten, die ich von meinen PatientInnen höre ähneln sich wirklich alle: massloses Leid seit Kindheit an und anschliessend meist sich weiter verstärkender sozialer Abstieg aufgrund psychischer sich wiederholender Einbrüche, so dass es immer schwieriger wird der Abwärtsspirale zu entkommen. Ich gehe fest davon aus, dass in der Psychiatrie ein mehr „verstehender Zugang“, verbunden mit viel Zeit, manch einem psychotischen Patienten tatsächlich langfristig mehr helfen würde. Meines Erachtens wäre schon viel gewonnen, wenn Mitarbeitende in den Psychiatrien analytisches Denken und Verstehen erlernen würden. Auch wenn das für die Mitarbeitenden das Leiden am System (finanzielle Effizienzdruck) verstärken würde.

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