Die autistisch-berührende Position nach Thomas Ogden: Frühe Formen des Erlebens

Kommt ein Baby zur Welt, ist es ganz auf seine Sinne gestellt – es spürt Berührung auf der Haut, es wird (zusammen-)gehalten, geschaukelt, gefüttert und besungen. Diese frühe Art des sensorischen Erlebens beschreibt der Psychoanalytiker Thomas Ogden als ein Sein in einer „autistisch-berührenden Position“ (englisch: autistic-contiguous position, contiguous = direkt aneinanderliegend). Der kleine Säugling hat noch keine Symbole. Er erfährt über seine Sinne, was etwas bedeutet. Die kuschelige Decke, die später als Symbol für Wärme, Weichheit und Geliebtwerden stehen kann, wird am Anfang nur gefühlt. Hieraus erschließt der Säugling die Bedeutung von „Decke“. Diese autistisch-berührende Position ist als früheste Grundlage in jedem von uns ein Leben lang vorhanden.

Beim Baby oder bei frühen Traumata liegt eine große Panik ganz nah: Diese empfindliche Oberfläche könnte verletzt werden oder sich auflösen. Diese Furcht kann zu einem Gefühl des tiefen Fallens oder der „Formlosigkeit“ führen.

„Die autistisch-berührende Position wird als die tiefliegendste Schicht der schizoiden Persönlichkeitsorganisation verstanden und liegt damit Kleins paranoid-schizoider und Fairbairns Welt der inneren Objekte zugrunde“ (Ogden: Frühe Formen des Erlebens, Springer 1995).

Das Wort „Position“ deutet im Gegensatz zum Wort „Phase“ darauf hin, dass es sich bei der „autistisch-berührenden Position“ um eine psychische Verfassung bzw. Ebene handelt, die eine wichtige Grundlage für unser gesamtes Leben bietet.

„Sie (die autistisch-berührende Position) ist ein sensorisch dominierter Modus, bei dem sich ein Selbstgefühl in seinen allerersten Anfängen durch den Rhythmus der Sinneswahrnehmung (Tustin 1984) bildet, insbesondere durch Sinneseindrücke der Hautoberfläche (Bick 1968).“ Thomas Ogden: Frühe Formen des Erlebens. Neuauflage der Ausgabe von 1995, Springer, 2006 Psychosozial-Verlag: S. 31

Geräusche haben bei frühen Störungen eine besondere Bedeutung

Als „Frühe Störung“ bezeichnet man in der Psychoanalyse solche psychischen Störungen, die bereits in der vorsprachlichen Zeit entstanden sind. Schon die frühe Mutter-Kind-Bindung war hier oft gestört. Psychoanalytisch spricht man auch von der „präödipalen Phase“, also von der Zeit vor dem dritten Lebensjahr. Doch die Säuglingsforschung zeigt: Bereits die ersten drei Lebensmonate können wegweisend sein (siehe beatricebeebe.com).

Früh traumatisierte Menschen sind besonders aufmerksam: Sie nehmen jedes Geräusch in der Umgebung wahr. Eindrücke über die Haut, die Ohren und das Gleichgewichtssystem sind oft fein, aber schon sehr früh sehr wichtig. Geräusche können frühtraumatisierte Menschen furchtbar verschrecken. Viele Betroffene sind höchst lärmempfindlich.

Geräusche können aber auch eine sehr beruhigende Wirkung haben. Es kann uns gut tun, wenn wir im Alleinsein andere Menschen nebenan wahrnehmen, die ruhig sprechen. Das Gespräch (herzens-)gebildeter Menschen kann sich für uns anhören wie schöne Musik. Auch Züge in der Ferne und sogar das Geräusch des Rasenmähers nebenan kann uns in tiefen Schlummer lullen. Du merkst dann: Ich bin nicht ganz allein. Da gibt’s noch was, da draußen.

Das Geräusch ist das rettende Dritte

Wie erleichternd – und manchmal auch beunruhigend – können die Geräusche da draußen sein: das Meer, der Wind, der Regen. Insbesondere frühtraumatisierte und/oder autistische Menschen können ganz verliebt in Geräusche sein – zum Beispiel in das Klackern einer Schwimmbadpumpe. Viele Babys schlafen neben laufenden Staubsaugern, Rasenmähern oder Föhnen wunderbar ein. Die Atemgeräusche des Partners können zutiefst beruhigen – oder stören. Sind sie nicht da, vermissen wir sie schmerzlich – oder wir sind erleichtert. Wohl jeder Mensch hat „sein Geräusch“ oder „seinen Geruch“, mit dem er Negatives oder Angenehmes und Rettendes verbindet.

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Links:

Thomas Ogden:
Frühe Formen des Erlebens
Psychosozial-Verlag, Juli 2006

Bick, Esther (1968):
The experience of the skin in early object relations.
International Journal of Psycho-Analysis 49: 484-486.
taylorfrancis.com…

Tustin, Frances (1984):
Autistic Shapes
International Review of Psycho-Analysis 279-290
psycnet.apa.org/record/1985-15188-001

Tustin, Frances (2021):
Autistic States in Children
Published March 29, 2021 by Routledge

Dieser Beitrag erschien erstmals am 8.9.2021
Aktualisiert am 6.6.2022

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