Das unbewusste Wissen der Mobbinggruppe: Pervertierte Empathie

Ein Mädchen erlebt zu Hause Missbrauch, doch niemand weiß davon. In der Schule wird es gemobbt. Eine Anführerin gründet einen „Anti-(NameDesMädchens)-Club“ und animiert die anderen, sich mit ihr gegen das Mädchen zu verbünden. Eine grausame Geschichte, kürzlich gehört im Radio. Was da passiert, ist rätselhaft und kann doch auf verschiedenen Ebenen verstanden werden. Wir vermeiden oder verachten mitunter die Menschen, die Krankheiten oder Schicksale erlitten haben, vor denen wir uns selbst fürchten. Wenn wir diesen Menschen begegnen, können wir spüren, wie es sich anfühlen muss, etwas bestimmtes zu erleiden.

Wir stellen uns vor oder spüren, wie ohnmächtig sich der Betroffene vielleicht fühlt und wir sind froh, dass es uns selbst nicht so geht. Der andere ist in unserer Phantasie „das Opfer“ und wir versuchen, uns „fein raus“ zu halten. Doch die Angst, wir könnten diese schrecklichen Gefühle aufnehmen oder an eigenes Leid erinnert werden, schwingt immer mit, wenn wir demjenigen begegnen.

Blindes Handeln

So reflektiert können Grundschulkinder natürlich nicht denken und doch herrschen dort mitunter dieselben psychischen Prinzipien, die zumeist unbewusst bleiben. Das Mädchen „hat etwas an sich“. Es ist etwas „nicht richtig“. Es hat etwas mit Moral zu tun. Es löst Angst aus und „es“ ist verachtenswert.

Es würde sich furchtbar anfühlen, wäre man in derselben Position wie dieses Mädchen. Und dann scheint es da Erwachsene zu geben, die das Mädchen – vor was auch immer – nicht schützen. Und Erwachsene, die „Dreckiges“ mit ihm machen. Solche Erwachsenen kann man nur verachten. Gegen das Rätselhafte wird die Abwehr hochgefahren.

Spiegelbilder

Wenn man nun diese psychischen Vorgänge transportiert auf die Mobbing-Gruppe, dann lässt sich vieles erkennen. Es geht um Ausschluss, Macht-und-Ohnmachts-Gefälle, Angst, Verachtung, Verhöhnung, Abgrenzung, Verletzung, Ekel, Moral und vieles mehr. Das Unbewusste möchte inszenieren, wofür es keine Worte findet. Die „Anführerin“ der Gruppe fühlt sich vielleicht besonders bedroht von dem „Opfer-Mädchen“, weil es etwas spiegelt, das gerade ihr besonders Angst macht. Täter und Opfer können sich in ihren Problemen und Ängsten manchmal sehr nahe sein und spiegeln. Die Mobbing-Gruppe spürt und zeigt auf grausame Art, dass da „etwas nicht stimmt“.

Manche erwachsene Mobbing-Opfer werden in größeren Betrieben immer wieder in andere Abteilungen versetzt und erleben mitunter nach kurzer Zeit wieder dasselbe. Auch die ganz anderen Kollegen haben etwas gewittert und verhalten sich ganz ähnlich wie die alte Mobbing-Gruppe – mal mehr mal weniger willentlich oder bewusst. „Ich habe diese Kollegin einfach nicht ertragen“, sagt eine „Mit-Mobberin“ und spiegelt dadurch wider, dass es hier um etwas „Unaushaltbares“ geht.

Das Grausame kommt zum Vorschein

Der Mensch ist grausam. Vor allem dann, wenn Ängste und Bedrängnisse groß werden und sich Rätselhaftes auftut, das sich nicht benennen und nicht fassen lässt. Bei aller Grausamkeit und Perversion ist es bei der Aufklärung der Fälle jedoch auch wichtig, zu verstehen, was die Mobbing-Gruppe dazu gebracht hat, sich so zu verhalten. Manche geraten in einen Strom und handeln mit, ohne es wirklich zu wollen. Immer wieder ist da Angst im Spiel, besonders die Angst vor Ausgrenzung und Ungewissheit. Spricht man mit dem Einzelnen, kann man oft erstaunt sein, wie er/sie „wirklich“ fühlt und denkt. Es wird deutlich: Der (einzelne) Mensch ist gut, die Meute ist schlecht.

„Ich wurde vom zweiten Schuljahr an nur gemobbt“, erzählt eine Patientin. Die Psychotherapeutin denkt bei sich: „Das kann ich mir bestens vorstellen.“ Die Patientin hat etwas sehr „Eigenartiges“ und auch „Abstoßendes“ an sich. Sie fühlt es selbst und sie spiegelt wider, was ihr geschehen ist. Es muss ihr furchtbar schlecht gehen. Was könnte es Schlimmeres geben, als dringend Hilfe zu benötigen, aber etwas auszustrahlen, was die anderen zurückweichen lässt? Bald wird klar: Das „Mobbing“ ist keine Überraschung, es ist kein Rätsel. Es sollte und darf nicht sein. Aber wenn wir uns überwinden, uns die Mobbinggruppe genauer anzusehen, können wir zu einer Lösung finden.

Wenn wir Mobbing-Situationen ganzheitlich betrachten, können wir weiterkommen, als wenn wir einseitig im Opfer das Gute und Schützenswerte und in den Mobbenden das Böse, zu Bestrafende sehen. Nicht selten verhalten sich Mobbing-Opfer bzw. schwer traumatisierte Menschen auch tatsächlich „unangemessen“, abwehrend, rätselhaft oder verletzend. Dies ist ihnen meistens gar nicht bewusst. Es zeigt sich meistens nur, wie mit ihnen selbst umgegangen worden ist. Nicht wenige schwer traumatisierte Menschen leben isoliert und haben kaum die Erfahrung von guten, warmherzigen Beziehungen machen können.

Wir sollten die unbewusste Intelligenz der Mobbing-Gruppe mit berücksichtigen – auch wenn das Mobben an sich „unintelligent“ und zerstörerisch ist.

In dem Fall des Grundschulmädchens wurde etwas Grausames offensichtlich. Die Mobber haben nicht „einfach so“ gemobbt. Etwas Verbotenes, Schreckliches wurde sichtbar. Diesem roten Faden zu folgen ist emotional oft extrem schwer auszuhalten, aber oft sehr lohnenswert. Denn wenn die Mobber die Chance bekommen, sich am Ende selbst besser zu verstehen, ist das die beste Prävention gegen neue Taten. Ideal wäre es natürlich, wenn sowohl die Mobber als auch das Opfer in ihrem Zusammenspiel verstanden werden könnten. Eine große Zufriedenheit und Erleichterung auf beiden Seiten kann die Folge sein.

Mobbing in der Schule

Wut, Ohnmacht, Unverständnis – das erleben wohl die meisten, wenn klar wird, dass ein Kind in der Schule gemobbt wird. „Mob“ ist das englische Wort für „Meute“. Mobbing bedeutet, dass ein Täter sich ein Opfer aussucht und es gemeinsam mit seinen Mitläufern triezt. Wann immer Menschen zu einer Gruppe zusammenfinden, kann sich eine Mobbing-Situation entwickeln. Den Opfern geschieht dabei großes Leid. Doch auch der Täter bringt mit seinen Taten zum Ausdruck, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Risikofaktor: Fehlendes Selbstbewusstsein

Bei der Erklärung dafür, wie Mobbing entstehen kann, wird oft der Blick auf das Opfer gerichtet. Schüler, die an verschiedenen Schwächen leiden, können leicht zum Mobbing-Opfer werden. Fehlendes Selbstbewusstsein, Kleidung, die auf Armut schließen lässt, unangenehmer Geruch, Teilleistungsschwächen oder Schwächen im Sportunterricht bieten oft eine Angriffsfläche. Doch auch, wenn man sich mit den Tätern befasst, wird schnell deutlich, dass fehlendes Selbstbewusstsein ein Teil des Problems ist. Häufig ist eine tiefe innere Unsicherheit der Auslöser dafür, dass ein Schüler zum „Mobber“ wird.

Wo die Worte fehlen, wird gehandelt

Schüler spielen in der Schule und mit ihren Mitmenschen oft nach, was sie zu Hause erleben, wofür sie jedoch nur schwer Worte finden. Lebt der Schüler zu Hause unter emotionaler Anspannung, erlebt er Demütigungen oder sogar Gewalt, dann wird er mit einem „Nachspielen“ dieser Situationen auf seine missliche Lage aufmerksam machen. Mit dem einseitigen Mitleid für das Opfer und den verachtenden Fingerzeig auf den Täter ist also niemandem geholfen. „Wer erfolgreich Mobbingphänomene bearbeiten will, der muss sich mit der Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen und sich besonders um die Entwicklung des Selbstwertgefühls kümmern“, sagt Dr. Karl Gebauer in seinem Buch „Mobbing in der Schule“. Der ehemalige Grundschuldirektor aus Göttingen befasst sich seit Jahren intensiv mit diesem Thema.

Merkt der Lehrer nichts, hat der Mobber leichtes Spiel

Wird ein Schüler von einem Mitschüler gemobbt, bemerken das meistens alle Klassenkameraden. Allein dem Lehrer bleibt die Situation oft über lange Zeit verborgen. Dadurch gewinnt der Täter an Macht. Er kann sein Opfer dank seiner Mitläufer „ungestört“ systematisch ausgrenzen, es verbal oder auch körperlich attackieren.

Die Mitläufer laufen meistens nicht freiwillig mit. „Die Mitläufer beteiligen sich oft, weil sie hoffen, dadurch nie in die auswegslose Situation eines Opfers zu geraten“, so Gebauer.

Ein Mobbingprozess ist jedoch nur so lange ein Selbstläufer, solange er unentdeckt bleibt. Wird er aufgedeckt, hat er oft ein schnelles Ende.

Vom Kleinsten zum Größten

„Im Zentrum von Mobbingprozessen steht die Umwandlung eines Ohnmachtsgefühls. Innere Leere, die mit Unsicherheit einhergeht, wollen die Betroffenen auf diese Weise in eine Allmachtsgefühl umwandeln“, erklärt Gebauer. Der Täter will durch seine Tat die Kontrolle gewinnen, die ihm innerlich abhanden gekommen ist. Emotionale Sicherheit ist sein höchstes Ziel. Größenphantasien spielen dabei eine besondere Rolle. Gerade Kinder, die sich eigentlich minderwertig fühlen, entwickeln häufig Größenphantasien. Damit können sie ihr geringes Selbstwertgefühl ausblenden. Wenn sie dann ihre Größenphantasien in die Tat umsetzen, fühlen sie sich in diesem Moment groß und stark. Allzu leicht lässt dieses Gefühl der Stärke jedoch nach. So wird der Täter zu immer weiteren Taten getrieben. Er kämpft gegen sich selbst.

Analyse der äußeren und inneren Situation

Für Lehrer ist es wichtig, nicht nur die äußere Mobbing-Situation zu analysieren, sondern auch die inneren Szenen, die sich bei den Beteiligten abspielen, zu verstehen. Lehrer können durch echtes Interesse an den Schülern oft mehr bewirken, als sie selbst glauben. Denn auch der Täter sendet dem Lehrer Signale, dass etwas nicht in Ordnung ist. Er hat einerseits Angst, entdeckt zu werden, möchte jedoch andererseits mit seiner inneren Not bei jemandem „ankommen“ und verstanden werden.

Mobbing ist ein Signal an die Erwachsenen

Eine Mobbingtat ist auch ein Signal an die Erwachsenen und der Täter hat Glück, wenn er auf Erwachsene trifft, die aufnehmen können, was er zeigen will. Kinder, die nie gehört werden, wollen auf sich aufmerksam machen. Wer zu Hause viel Ohnmacht erfährt, will endlich einmal mächtig sein. Kinder, die zu Hause Gewalt erfahren, saugen diese Erfahrungen förmlich auf.

„Solche Kinder haben auf Konflikte nur eine sehr einseitige Sicht- und Erlebnisweise. So können bereits kleinere Streitereien große Angst auslösen. Diese Angst versucht das Kind dann, durch einen Gewaltakt rasch zu überwinden. Es hat nicht die Möglichkeit, die Streiterei differenziert zu interpretieren oder über andere Handlungsmöglichkeiten als die Gewalt nachzudenken“, erklärt Gebauer.

Nach der aggressiven Tat folgen Scham, Verdrängung und die Angst, entdeckt zu werden. So kommt es zu neuen aggressiven Handlungen und der Kreislauf erhält sich aufrecht.

Geborgenheit schützt vor Mobbing

Den besten Schutz vor Mobbing, bieten Geborgenheit, Bindung und Stärkung der sozialen Kompetenz. Lehrer können den Kindern und Jugendlichen dabei helfen, ihre Phantasien mit der Realität abzugleichen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Indem sie den Schülern zeigen, dass sie Interesse an ihnen haben, dass sie sie achten und für ein vertrauensvolles Klima sorgen, können sie dem Mobbing vorbeugen. Dabei ist es wichtig, dass auch der Lehrer sich selbst gut kennt und möglichst an Supervisionsrunden teilnimmt. „Lehrer sollten sich darum bemühen, sich mit den Nachbardisziplinen der Pädagogik zu beschäftigen und sich Wissen aus der Entwicklungspsychologie, Psychoanalyse, Psychotherapie, Säuglings-, Bindungs- und Hirnforschung anzueignen“, empfiehlt Karl Gebauer. Das ist oft ein großer Aufwand für Lehrer, die unter engen Rahmenbedingungen leiden. Doch auf Dauer wird der emotionale und zeitliche Aufwand Früchte tragen.

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Links:

Karl Gebauer
Mobbing in der Schule
Beltz Taschenbuch 2007

www.gebauer-karl.de

Schulpsychologische Beratungsstellen in Deutschland: www.schulpsychologie.de
Schulpsychologische Beratungsstellen in der Schweiz: www.schulpsychologie.ch

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 7.2.2019
Aktualisiert am 19.1.2022

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