Null-Prozess beim Trauma (Zero Process)

Wer träumt, der denkt „primärprozesshaft“ – Raum, Zeit und Realität gelten nicht mehr, aber im Traum wird ganz viel mit Gedachtem „gemacht“: Bei primärprozesshaftem Denken gibt es Vorgänge wie Verdichtung oder Verschiebung. Wenn wir wieder wach sind, denken wir „sekundärprozesshaft“ – Verstand und Vernunft setzen wieder ein und wir denken so, dass es in die reale Welt passt. (Text & Bild: © Dunja Voos)

Wer allerdings ein schweres Trauma erlebt hat, der hat unter Umständen ein „stehendes Bild“, oder wie immer man das nennen will, mit dem gar nichts passiert. Die Erinnerung an das Trauma steht mit nichts in Verbindung. Man kann darüber nicht sprechen und davon nicht träumen. Es kommt höchstens zu diffusen Ängsten oder vegetativen Reaktionen, wenn irgendetwas unbewusst an das Trauma erinnert.

Erinnerung an einem isolierten Ort

Das Trauma kann nicht erzählt werden, es scheint auch irgendwie kein Teil der Lebensgeschichte zu sein. Es ist nicht in andere Erinnerungen eingereiht, sondern es liegt irgendwo isoliert wie ein Eisblock in der Psyche. Für dieses „Nichtsmachen“ mit der Erinnerung an das Trauma benutzt der kanadische Psychoanalytiker Dr. Joseph Fernando den Begriff „Zero Process“ (Nullprozess). Diesen Begriff hat er von Dr. William Shantz übernommen, der ihn ihm auf einem Meeting der Neuro-Psychoanalytischen Vereinigung im Jahr 2005 vorschlug.

Erstarrt und isoliert

In seinem Buch „The Processes of Defense – Trauma, Drives, and Reality – a New Synthesis“ beschreibt Joseph Fernando auf den Seiten 146-149, was er mit „Zero Process“ meint. Hier ein Auszug:

„I like this term because it captures an aspect of this form of mental functioning that distinguishes it from both the primary and secondary processes: its frozen quality, with no movement such as the displacements seen in these other forms of functioning.

There is no displacement of affect or energy as happens so easily in the primary process, and under more control in the secondary process. …

Thus I propose to designate the form of functioning left over after trauma and primary dissociation the zero process, and to call the areas where this type of functioning reigns areas of primary dissociation or, alternatively, areas of zero process functioning.“ (S. 148)

Aufgetaut und integriert

Obwohl das traumatische Erlebnis in der Psyche oft auf einer Art „Insel“ liegt und scheinbar mit nichts in Verbindung steht, kann es zum Beispiel in einer psychoanalytischen Therapie oder Psychoanalyse gelingen, das Trauma zu berühren. Die Erinnerungen können dann wiederkommen und vielleicht das erste Mal im Leben in Worte gefasst werden. Das kann sich für den Patienten so anfühlen, als würde endlich ein großer Käfig aufgehen und als würde endlich der Kontakt zur Umwelt hergestellt werden.

Der Psychoanalytiker Sandor Ferenczi hat sich bereits im Jahr 1933 damit beschäftigt, wie sich traumatische Erinnerungen anrühren lassen. Es sei wichtig, dass der Psychoanalytiker warmherzig und offen ist. So könne der Patient den Gegensatz zwischen der vertrauensvollen Beziehung zum Psychoanalytiker und der brutalen Beziehung zu den Eltern bzw. zu den früheren Bezugspersonen spüren. Dann käme die echte, objektive Erinnerung an das Trauma zurück. (Quelle: Joseph Fernando: „The Processes of Defense“, Aronson-Verlag 2012: S. 162)

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Buchtipp:

Joseph Fernando:
The Processes Of Defense.
Trauma, Drives, And Reality – A New Synthesis
Published by Jason Aronson
Rowman & Littlefield Publishers, 2009

Trauma and the Zero Process
By Dr. Joseph Fernando (IPA, Cananda)
Michigan Psychoanalytic Society
(Mitglied der American Psychoanalytic Association/International Psychoanalytic Association (IPA))
www.mpi-mps.org/main/articles/fernando-trauma-zero-process.shtml

Dunja Voos:
Schatten der Vergangenheit.
Trauma liebevoll heilen und innere Balance finden.

Dieser Beitrag wurde erstmals verfasst am 6.6.2013
Aktualisiert am 29.12.2021

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