Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik: Die fünf OPD-Achsen

„Behandlungsvoraussetzungen und Krankheitsverarbeitung“ lautet die Überschrift der Achse I der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD). Hier kann der Therapeut folgende Punkte beschreiben:

Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen: Seit wann bestehen die Beschwerden? Zur Krankheitsdarstellung des Patienten: Wie hoch ist der Leidensdruck? Welche körperlichen/psychischen/sozialen Probleme bestehen? Zum Krankheitskonzept des Patienten: Orientiert er sich am Körper? An der Psyche? Am Sozialleben? Veränderungskonzepte des Patienten: Welche Therapie wünscht er sich? Welche Veränderungsressourcen und -hemmnisse bestehen?

Achse II: Beziehungsgestaltung

Eselsbrücke: Zu einer Beziehung gehören „zwei“. Auf der Achse II der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) wird die Beziehungsfähigkeit des Patienten eingeschätzt. Welche „zentralen dysfunktionalen Beziehungsmuster“ zeigen sich? Wie sehen Übertragung und Gegenübertragung aus? Der Psychotherapeut schätzt zum Beispiel das „Interpersonelle Verhalten zentriert auf das Gegenüber“ sowie das „Interpersonelle Verhalten zentriert auf die eigene Person“ ein.

Der Psychotherapeut beobachtet: Wie gut kann der Patient mir (dem anderen) Autonomie gewähren? Wie sehr muss er mich (den anderen) kontrollieren? Wie sehr kann er lieben, wie sehr muss er angreifen? Wie sehr ignoriert er den anderen oder setzt er ihn herab, bestätigt er ihn oder will er ihn beschützen?

Bei der Betrachtung der eigenen Person des Patienten geht es um die Frage, wie sehr er sich behauptet, öffnet, liebevoll hingibt, anklammert, unterwirft, gekränkt ist, zurückschreckt oder sich abschottet.
Und auch umgekehrt: Wie sehr löst der Patient im Gegenüber zum Beispiel das Gefühl aus, ihn beschützen zu wollen? Diese sogenannten „interpersonellen Kreismodelle“ wurden von der Psychologin Lorna Smith Benjamin (geb. 1934) im Jahr 1974 entwickelt.

Vereinfacht gesagt geht es darum, wie der Patient sich selbst sieht, wie er andere sieht und wie andere sich in Gegenwart des Patienten fühlen:

Perspektive A beschreibt das Erleben des Patienten

  • Der Patient erlebt sich als …
  • Der Patient erlebt andere als …

Perspektive B: Das Erleben der anderen

  • Andere erleben den Patienten als …
  • Andere erleben sich (in Gegenwart des Patienten) als …

Achse III: Konflikte

Wir können verschiedene Konflikte haben – in uns selbst und mit anderen.
1. Individuation (Autonomie) versus Abhängigkeit:
Fühlen wir uns eher frei oder abhängig?
2. Unterwerfung versus Kontrolle: Neigen wir dazu, uns zu unterwerfen, oder wollen wir über dem anderen stehen, um die Kontrolle zu behalten?
3. Versorgung versus Autarkie: Möchten wir uns eher versorgen lassen oder pochen wir auf unsere Eigenständigkeit?
4. Selbstwertkonflikt: Selbstwert versus Objektwert: Fühlen wir uns minderwertig und schämen wir uns oft? Versuchen wir unsere Minderwertigkeit zu kompensieren, indem wir uns als besonders selbstbewusst darstellen? Vielleicht sind wir auch manchmal „größenwahnsinnig“?
5. Schuldkonflikt: Suchen wir die Schuld eher bei uns selbst oder schieben wir gerne anderen die Schuld zu? (Selbst- versus Fremdbeschuldigung)
6. Ödipal-sexueller Konflikt: Unsere sexuellen Konflikte führen vielleicht dazu, dass wir unsere Sexualität einfach nicht mehr wahrnehmen. Sie ist uns nicht mehr wichtig. Dann sind wir im passiven Modus. Es kann auch sein, dass wir andere ständig „anmachen“, aber dann nicht ernsthaft eine sexuelle Beziehung eingehen („Locken und Bocken“ – gefunden auf der hervorragenden Website von Maren Hofmann: Psychotherapie-Neumünster). Dann sind wir im aktiven Modus.
7. Identitätskonflikt: Identitätsmangel versus Identitätssicherheit, Identität vs. Dissonanz: Beispielfragen: Wer bin ich eigentlich? Was möchte ich vom Leben? Wie fühle ich mich als Frau oder Mann? Wie erwachsen bin ich? Habe ich überhaupt ein Recht, zu leben? Welcher Kultur, Religion möchte ich angehören? Welcher Beruf schwebt mir vor?
8. Fehlende Konflikt- und Gefühlswahrnehmung: Intellektualisierung, emotionale Verflachung, asoziales Verhalten und vieles mehr kann die Folge sein

Konflikte: Autonomie versus Abhängigkeit | Versorgung versus Autarkie. Was ist der Unterschied?

„Allein!“, sagt das Kleinkind. Es will alles alleine schaffen, wenn es merkt, dass es ein eigenständiges, aber auch abhängiges Menschlein ist. Dieser Punkt beschäftigt uns ein Leben lang: Kann ich alleine sein? Wo bin ich abhängig von anderen? Muss ich gar einem anderen Menschen körperlich nahe sein, um mich psychisch überlebensfähig zu fühlen? Dieser existenzielle Konflikt heißt „Autonomie versus Abhängigkeit“ oder auch „Individuation versus Abhängigkeit“ (Individuation bedeutet so viel wie „Selbstwerdung“). Dieser Konflikt-Begriff wird auf der Achse III der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) verwendet. Bei der Autonomie geht es also um die Fähigkeit, emotional selbstständig leben zu können.

Bei der (emotionalen) Abhängigkeit geht es um die Frage: „Brauche“ ich den anderen, um mich lebensfähig zu fühlen? Ein Kleinkind in der Phase der Individuation kann „Ich“ und „Nein“ sagen. Ausgereift sind wir, wenn wir zu etwas „Ja“ sagen können, obwohl der andere auch „Ja“ zum Selben sagt. Wir fühlen weiterhin unser Eigenes und fühlen uns nicht verschlungen oder zum Widerstand gezwungen.

Daneben gibt es den Konflikt namens „Versorgung versus Autarkie“. Dieser Konflikt ähnelt dem Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt, doch können wir hier als Eselsbrücke eher an ein altes Ehepaar denken, bei dem man sich fragt, ob der Eine noch ohne den Anderen kann.

Beim (konkreteren) Versorgungs-Autarkie-Konflikt geht es um Fragen wie: „Wie sehr möchte ich den anderen versorgen (vielleicht auch aus einem Schuldgefühl oder Dominanzwunsch heraus)? Wie sehr möchte ich mich versorgen lassen? Möchte ich mich finanziell vom anderen versorgen lassen oder mein eigenes Geld verdienen? Möchte ich lieber alleine in einer Wohnung leben?“

  • Die Fragen rund um „Versorgung und Autarkie“ beziehen sich meistens auf eine Beziehung, die schon besteht.
  • Der Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt ist existenzieller und oft geht es um Fragen wie: „Will ich überhaupt eine Beziehung eingehen? Kann ich alleine oder zu zweit emotional überleben?“ Oder: „Wie sehr kann ich ‚Ich‘ bleiben in der Beziehung?“

Oft gehen diese Fragen ineinander über und die Trennung der beiden Konfliktformen erscheint manchmal künstlich.

Alloplastische und autoplastische Anpassung/Konfliktlösung

Wenn ich in einen Konflikt gerate, kann ich ihn auf zwei Arten lösen: Bei der alloplastischen Konfliktlösung verändere ich meine Außenwelt, bei der autoplastischen Lösung mich selbst. Die Begriffe „alloplastische“ und „autoplastische Anpassung“ wurden von Sigmund Freud 1924 geprägt. Besonders ausgeprägt ist die „autoplastische Anpassung“ bei Menschen mit Psychosen: Die äußere Realität ist für den Psychotiker nicht zu bewältigen; dies führt zu stark

OPD-Achse IV: Das Strukturniveau sagt etwas über die Beziehungsfähigkeit aus

Mithilfe der 4. Achse des Systems „Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik“ (OPD) schätzt der Psychotherapeut ein, wie „strukturiert“ ein Patient ist, also wie gut er sich selbst und seine Beziehungen (die Beziehungsstruktur) regulieren kann. Das Strukturniveau beschreibt die Fähigkeit zur „Regulierung des Selbst und der Beziehung zu inneren und äußeren Objekten“. Siehe: Reiner W. Dahlbender und Karin Tritt, Einführung in die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD), Psychotherapie 2011, Bd. 16, Heft 1 (PDF).

Am leichtesten lassen sich die Einteilungen vielleicht merken, wenn Du versuchst, Dich selbst einmal einzuordnen. Es wird vielleicht Tage geben, an denen Du vieles hiervon bei Dir selbst feststellst – bekomm‘ keinen Schrecken und fühl‘ Dich nicht gleich „krank“. Theoretische Einteilungen der Psyche sind meistens problematisch.

1. Bei einem „gut integrierten Strukturniveau“ hast Du ein autononomes Selbst und einen strukturierten psychischen Innenraum (was sich auch darin widerspiegelt, wie Du etwas erzählst). Du kannst die Realität gut wahrnehmen, Dich selbst gut steuern und bist empathiefähig. Du kannst Deine Konflikte innerlich bearbeiten, bist selbstreflexiv und hast Angst, die Zuneigung Deiner Liebsten (Deiner nächsten Objekte) zu verlieren.

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2. Bei einem mäßig integrierten Strukturniveau leidest Du unter inneren Spannungen und Konflikten, die Du auf destruktive Weise lösen willst. Du entwertest Dich selbst und neigst vielleicht dazu, Dich selbst zu schädigen. Du hast Schwierigkeiten, Deine Identität zu finden und zeigst vielleicht nur selten Empathie für andere (möglicherweise, weil Du selbst zu sehr leidest und niemand das wahrnimmt und Dir hilft). Du hast möglicherweise vorwiegend Zweier-Beziehungen, weniger Beziehungen in der Gruppe. Deine zentrale Angst ist es vielleicht, Deine Dir am nächsten stehenden Menschen zu verlieren (also nicht nur die Zuneigung zu verlieren, sondern die Personen als Ganzes).

3. Bei einem gering integrierten Strukturniveau konnte sich Dein „psychischer Innenraum“ nicht weit entwickeln. (Man könnte auch sagen: Dein Denkraum ist klein und Du musst immer gleich handeln. Du kannst Deine Gefühle schlecht aushalten.) Du kannst wenig differenzieren und teilst Deine Welt rasch in „gut und böse“ ein. Du versuchst, Deine Konflikte rasch durch Streit zu lösen, anstatt Dir Zeit zum Nachdenken zu geben. Du kannst kaum selbstreflektieren, also Du weißt nicht so recht, was mit Dir los ist, was Du fühlst und warum Du so fühlst. Du fühlst Dich manchmal ganz und gar „so“ und manchmal komplett anders – so, als gehörte nicht beides zu Dir. Das nennt man „Identitätsdiffusion“. Ungute Gefühle kannst Du kaum tolerieren (vielleicht, weil Du schon viel Schlimmes erlebt hast und dabei meistens allein gelassen wurdest).

Du fühlst Dich leicht gekränkt und Deine Impulse brechen leicht durch, sodass Du rasch laut und gewalttätig wirst. Du entwertest Dich selbst, aber leicht auch andere. Es fällt Dir schwer, Dich mit Worten auszudrücken, Worte für Dein Befinden zu finden und mit anderen über Deine Gefühle zu sprechen. Deine „inneren Objekte“ (also die inneren Bilder, die Du von Deinen Eltern, Lehrern etc. hast) verfolgen und strafen Dich.

Deine zentrale Angst besteht vielleicht darin, dass Deine inneren „bösen“ Kräfte so stark werden könnten, dass Sie Dein Selbst zerstören (das zeigt möglicherweise, dass die Menschen in der äußeren Welt oft übermächtig und böse mit Dir waren). Du befürchtest, dass Du den Menschen, der Dir am meisten bedeutet, verlierst (was mitunter eine „normale“ menschliche Angst ist, aber bei Dir ist sie vielleicht sehr groß, weil der andere Dir vielleicht z.B. im Streit rasch droht, Dich zu verlassen).

4. Bei einem desintegrierten Strukturniveau bemerkst Du Dein inneres Chaos. Dein Selbst ist nicht „kohärent“, das heißt, Du fühlst Dich unberechenbar und bist jeden Tag wie ein anderer Mensch. Deine Emotionen sind so stark, dass Sie dich ganz einnehmen. Sie scheinen stärker als Dein Wille zu sein. Du versuchst, Gefühle und Probleme abzuwehren, indem Du Deine Welt z.B. in gut und böse einteilst (Spaltung) oder Deine Gefühle nicht mehr wahrnimmst und sie stattdessen in anderen siehst (Projektion).

Du kannst kaum zwischen „Selbst- und Objektbildern“ trennen, das heißt z.B. dass Du kaum weißt, was Du selbst willst und was der andere will. Es fällt Dir extrem schwer, Eigenverantwortung zu übernehmen, also zu bemerken, dass Dein Handeln Folgen hat und dass Du Dinge auslösen kannst. Es ist Dir kaum möglich, Dich in andere hineinzuversetzen, das heißt, Du scheinst kaum Empathie zu haben. Du handelst oft impulsiv (und leidest möglicherweise selbst darunter). Du kannst Dich kaum selbst als Verursacher von Schaden oder Verletzungen erleben (vielleicht, weil Du versteckt sehr große Schuldgefühle hast oder weil Dir Deine eigenen schlechten Seiten Angst machen). Deine zentrale Angst besteht darin, dass die Vorstellungen von Dir selbst mit den Vorstellungen von anderen verschmelzen und Du dann nicht mehr weißt, wer Du selbst bist (Angst vor Selbstverlust).

Wir funktionieren nicht immer nur auf einem Strukturniveau. Wenn wir an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, können wir psychische Räume haben, in denen wir „desintegriert“ sind. In stressigen Situationen sind wir vielleicht „niedriger“ strukturiert als in Lebensphasen, in denen die Dinge überwiegend gut und ruhig verlaufen.

Die OPD beschreibt (Beziehungs-)“Struktur“ in vier Dimensionen:

  • Selbstwahrnehmung und Objektwahrnehmung (hier spielt die Art der „Übertragung“ mit hinein)
  • Steuerung des Selbst und der Beziehungen (Wie gut kann Spannung ausgehalten werden?)
  • Emotionale Kommunikation nach innen und außen (Greife ich mich selbst und andere wütend an? Kann ich mich selbst mitfühlend behandeln?)
  • Innere Bindung und äußere Beziehung (Wie gut kann ich meine guten inneren Objekte zur Selbstregulierung und Beruhigung nutzen, z.B. indem ich in Krisen liebevoll mit mir spreche? Wie gut kann ich mich an andere binden, ohne das Gefühl zu haben, verschlungen zu werden? Wie gut kann ich meine Bindungen halten und was passiert bei Trennungen?)

Hier noch einmal zum Lernen aus dem Lehrbuch „Praxis der Psychotherapie“, Thieme 2020, Klassifikation psychischer Störungen und Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik, Reiner W. Dahlbender, S. 337: „Die vier Fähigkeitsdimensionen mit drei Subdimensionen für Subjekt und Objekt:
Selbstwahrnehmung
(Selbstreflexion, Affektdifferenzierung, Identität) – Objektwahrnehmung (Selbst-Objekt-Differenzierung, ganzheitliche Objektwahrnehmung, realistische Objektwahrnehmung)
Selbststeuerung (Impulssteuereung, Affekttoleranz, Selbstwertregulierung) – Objektsteuerung (Beziehung schützen, Interessenausgleich, Antizipation)
Emotionale Kommunikation nach innen (Affekte erleben, Fantasien nutzen, Körperselbst) – Emotionale Kommunikation nach außen (Kontaktaufnahme, Affektmitteilung, Empathie)
Bindung an innere Objekte (Internalisierung, Introjekte nutzen, variable Bindungen) – Bindung an äußere Objekte (Bindungsfähigkeit, Heilfe annehmen, Bindung lösen)“

OPD-Achse V: Psychische und psychosomatische Störungen

Die Operationalisierte Psychodynamische Diganostik beschreibt auf der 5. Achse, woran der Patient psychisch und psychosomatisch leidet. Hier kommen Fragebögen zum Einsatz, das Diagnostische Manual Psychischer Störungen (DSM) sowie die Internationale Klassifikation von Erkrankungen (ICD). Die ICD-10 beschreibt in „Kapitel F“ die möglichen psychischen Störungen:

F0: organisch bedingte psychische Störungen
F1: psychische Störungen durch psychotrope Substanzen
F2: Schizophrenie
F3: affektive Störungen
F4: neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
F5: Verhaltensuaffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
F6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
F7: Intelligenzminderung
F8: Entwicklungsstörungen
F9: Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn inder Kindheit und Jugend

Die ICD 11 hat psychische Störungen nun unter der Kapitelzahl „6“ verschlüsselt:

Kapitel 6 der ICD 11: Mental, behavioural or neurodevelopmental disorders. icd.who.int/…

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Beitrag vom 2.5.2026 (begonnen am 8.3.2017)

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