23.04.2014

Hyperventilation

“Hilfe, ich ersticke”, denkt sich so mancher, der gerade hyperventiliert. Die plötzliche Atemnot ist ziemlich erschreckend. Manche Menschen leiden den ganzen Tag unter dem Gefühl, nicht richtig “durchatmen” zu können. Wieder andere sind besonders beim Einschlafen davon betroffen. Wenn Sie darunter leiden, haben Sie vielleicht schon häufiger den Arzt aufgesucht – doch die Untersuchungen ergeben keinen Hinweis auf eine ernsthafte Erkrankung. Asthma und Herzprobleme wurden ausgeschlossen. (Text: © Dunja Voos, Bild: © Uschi Dreiucker, Pixelio)

Leiden ohne Diagnose

Bei Atemnot ohne körperliche Erkrankung handelt es sich meistens um Hyperventilation. “Hyper” ist die griechische Bezeichnung für “zuviel”. Es findet also ein “Zuviel” an Atmung statt. Der Körper erhält mehr Sauerstoff als gewöhnlich, sodass das Gehirn meldet: “Stopp, es reicht, mal kurz die Luft anhalten.” Das empfinden wir als Atemnot.

Hyperventilation und die dramatische Rettung

Sie kennen vielleicht eine dieser dramatischen Filmszenen: Eine junge Frau hyperventiliert. Dann kommt ein attraktiver Arzt und hält ihr eine Plastiktüte vor’s Gesicht. Bald beruhigt sich die junge Frau und ist von ihrer Atemnot befreit. Auch in der Realität kommt es vor, dass unsensible Ärzte den Patientinnen (oft sind es Frauen) eine Tüte vor die Nase halten, was die Situation nicht immer wirklich entspannt. Der Trick mit der Tüte ist der: Wenn sich “zu viel” Sauerstoff im Blut befindet, dann ist “zu wenig” Kohlendioxid (CO2) vorhanden. Atmet man in eine Plastiktüte aus und danach wieder ein, so atmet man das Kohlendioxid aus der eigenen Ausatemluft wieder ein. So gleicht man das Verhältnis der Atemgase im Körper langsam wieder aus.

Tipps bei Hyperventilation

• Wenn Ihnen die Atemnot zeigt, dass Sie gerade hyperventilieren, dann halten Sie Ihren Arm vor Ihre Nase und atmen Sie durch Ihren Ärmel ein und aus. Sie können auch, wenn Sie sich überwinden können, einen Augenblick die Luft anhalten. Manchmal hilft es auch, den Raum zu verlassen. Vielleicht können Sie dann vor der Tür sagen: “Ich bin sooooo sauer!” Denn oft ist Hyperventilation ein Anzeichen unbemerkten Ärgers oder unausgesprochener Worte.

• Wenn es Ihnen hilft, können Sie einen sogenannten “Peak-Flow-Messer” in der Apotheke kaufen. Das ist ein kleines Gerät, in das Sie atmen können. Zeigt es Ihnen normale Werte an, obwohl Sie das Gefühl haben, keine Luft zu bekommen, dann hyperventilieren Sie wahrscheinlich.

• Auch ein Finger-Puls-Oxymeter kann beruhigen. Dieses kleine Gerät ermittelt am Zeigefinger über Lichtsignale den Sauerstoffgehalt im Blut. Auch hier können Sie dann sehen, dass die Werte normal sind – so können Sie sich durch das Feedback beruhigen.

• Manche Menschen beruhigen sich durch solche Kontrollmöglichkeiten, andere macht es nur noch verrückter, weil sie jede noch so kleine Abweichung vom Normalen direkt hochschrecken lässt. Sie können es ausprobieren – tun Sie nur, was Sie persönlich als hilfreich empfinden.

Unter Freunden und Kollegen

Vielleicht hyperventilieren Sie, wenn Sie gerade mit Menschen zusammen sind, die Ihnen viel bedeuten. Möglicherweise sind da zwiespältige Gefühle, die Sie kaum bemerken. Sie können dann Ihrer Eifersucht, Ihrer Zuneigung oder Ihrem Ärger keinen Ausdruck verleihen. Sie sind sich über Ihre Gefühle nicht im Klaren oder können sie nicht ausdrücken oder aussprechen. Vielleicht sind Sie gerade auch traurig und meinen, die Trauer nicht zeigen zu dürfen. Wer sein Weinen unterdrückt, der hyperventiliert unter Umständen. Oder Sie ängstigen sich vor einem Vortrag. Dann wird es Ihnen eng ums Herz und Sie wollen sich Luft verschaffen. Wortwörtlich.

Hyperventilation ist harmlos

Auch, wenn es sich furchtbar anfühlt: Die Hyperventilation selbst ist harmlos. Selbst wenn es zu Kribbeln oder zu einer so genannten “Tetanie” kommt, bei der sich die Hände infolge des unausgeglichenen Sauerstoff-Kohlendioxid-Verhältnisses verkrampfen, gehen die Symptome folgenlos zurück.

Psychotherapie kann helfen

Hyperventilation kann in aufregenden Lebensphasen gehäuft vorkommen. Sollte sie jedoch so ausgeprägt sein, dass sie zu einem Leidensdruck führt, dann kann es hilfreich sein, sich an einen Psychotherapeuten zu wenden. Mithilfe der Psychotherapie findet man heraus, welche Situationen zur Hyperventilation führen und welche Gefühle nicht gefühlt werden wollen oder dürfen.

Eine längere Therapie kann dann sinnvoll sein, wenn sich sehr ernste Hintergründe für die Hyperventilation herausstellen wie z.B. sexueller Missbrauch. Auch bei Angststörungen treten Hyperventilationssymptome sehr häufig auf – und zwar so häufig, dass manche Wissenschaftler die Hyperventilation mit der Panikstörung quasi gleichsetzen (siehe Links: Speich und Büchi, 2001).

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Asthma und die Psyche
Tipps gegen Panikattacken
Respiratorische Psychophysiologie

Links:

Speich Rudolf, Büchi Stefan:
Hyperventilationssyndrom Adieu.
Hyperventilationssyndrom oder Panikstörung – nicht nur ein semantisches Problem [665]
Schweizerisches Medizin-Forum
Schweiz Med Forum Nr. 25 20. Juni 2001

Physiologie und Pathophysiologie der Blutgase
Universität Graz

Voos, Dunja:
Atemnot und flache Atmung bei Angst und Aufregung:
Neurotizismus und Hyperventilationssymptome hängen eng zusammen.
Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG)
20. Januar 2012

Nijmegen Questionnaire zum Hyperventilationssyndrom
(englischsprachig): http://www.heartofengland.nhs.uk/upload/HoE/chestclinic/Nijmegen_Questionnaire.pdf

Herrmann, Jörg M.; Radvila, Andreas:
Serie: Funktionelle Störungen – Funktionelle Atemstörungen – Das Hyperventilationssyndrom
Dtsch Arztebl 1999; 96(11): A-694 / B-532 / C-490
Kommentare zu diesem Beitrag: http://www.aerzteblatt.de/archiv/19060 und hier: http://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=19060:

“In der medizinischen Literatur findet sich kein Hinweis dafür, daß das akute Hyperventilationssyndrom zum Tod führen kann. Eine entsprechende Medline-Literaturrecherche (1966 bis 1999) hat keinen einzigen Artikel ergeben, in dem Hyperventilation als Todesursache beschrieben wurde.”
Deutsches Ärzteblatt, Schlusswort von Prof. Dr. med. Jörg Michael Herrmann, Reha-Klinik Glotterbad, Deutsches Ärzteblatt 96, Heft 38, 24. September 1999 (57) – A 2369

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 22.4.2010
Aktualisiert am 14.3.2014

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