Neurologische Soft Signs (NSS) häufig bei Zwangsstörungen und Schizophrenie

Neurologische Soft Signs (NSS) sind leichte neurologische Störungen, die sich bei Bewegungen bemerkbar machen. Sie können z.B. durch Sauerstoffmangel unter der Geburt entstehen. Solche NSS sind manchmal kaum bemerkbar, aber an bestimmten Bewegungen erkennbar. Zum Beispiel können Musiker oder andere Künstler darüber klagen, dass sie bei Repetitionsbewegungen scheitern – einzelne Muskeln des Körpers verkrampfen und die Bewegung geht nicht weiter. Deutlichere NSS zeigen sich z.B. im motorischen Luria-Test (Youtube): Wenn es uns schwerfällt, in einem flüssigen Bewegungsablauf mehrmals mit unserer Hand zuerst eine Faust zu machen, dann die Hand auf der Kante, dann auf der Handinnenfläche aufzustellen (englisch: „Fist-Edge-Palm“-Reihenfolge), weist dies auf ein NSS hin. Häufig ist dies ein Zeichen für leichte Schädigungen des Frontalhirns. Früher wurde auch von „Minimaler zerebraler Dysfunktion“ (MCD) gesprochen.

Bei Zwangsstörungen sind NSS besonders häufig anzutreffen. Nicht selten hatten die Betroffenen bereits als Kind eine Angststörung (Mergl und Hegerl, 2005). Aber auch bei Psychosen lassen sich häufig Neurologische Soft Signs finden, noch bevor die Betroffenen erstmalig Medikamente einnehmen (Bachmann, Bottmer, Schröder, 2005).

Viele psychisch Erkrankte leiden daran, dass man ihnen ihre Erkrankung doch auch irgendwie äußerlich ansehen kann: „Mir gelingt es nicht, mich gut anzuziehen, obwohl ich das möchte“, sagen manche. Auch an die Bewegungen sehen mitunter „unnatürlich“ aus, ohne dass man genauer beschreiben könnte, was es nun eigentlich ist – dieses „Komische“. Nicht selten haben Betroffene schon im Schulsport extrem schlechte Erfahrungen gemacht und fühlten sich als Außenseiter. Das Gute ist jedoch: Wer an der Bewegung arbeitet, der verbessert gleichzeitig auch sein psychisches Befinden. Alles, was die Bewegung verbessert, kann möglicherweise helfen, wie z.B. Yoga, Qi-Gong, Klettern oder Schwimmen. Aber auch das Lernen eines Instruments kann bei neurologischen Softsigns vermutlich (in Grenzen) helfen, ebenso wie Bewegung zur Musik. Allerdings braucht man Disziplin und muss lange dran bleiben. Aber damit kann man dann vielleicht auch sehr beweglich alt werden.

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Links:

Roland Mergl und Ulrich Hegerl (2005):
Neurologische Soft Signs bei Patienten mit Zwangsstörung (Übersichtsreferat)
Fortschr Neurol Psychiatr 2005; 73(9): 504-516
DOI: 10.1055/s-2004-830173
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-2004-830173
„In den meisten Studien zeigten Patienten mit Zwangsstörung NSS abnorm häufig, vor allem Störungen der motorischen Koordination, der sensorischen Integration und pathologische Reflexe. Diese NSS waren häufig mit stärkeren Zwangsgedanken sowie Störungen visuell-räumlicher Funktionen und des visuellen Gedächtnisses assoziiert. Sie scheinen oft schon in der Kindheit – zusammen mit Angststörungen – aufzutreten und somit ein Vulnerabilitätsmarker für Zwangsstörung zu sein.“ (Mergl und Hegerl, 2005)

(Anmerkung Voos:) Sensorische Integration = Einordnung von Sinneseindrücken, z.B. Wahrnehmung des Körpers im Raum, Gleichgewichtssinns-Eindrücke usw. Wenn wir meinen, wir stünden fest, aber die Umwelt bewegt sich, weil wir im Zug sitzen, kann uns schwindelig werden.)

„Bewegungsmelder“ für Psychosen
Dr. Annette Tuffs Unternehmenskommunikation
Universitätsklinikum Heidelberg
9.3.2006
https://idw-online.de/de/news?print=1&id=150194
„In akuten Krankheitsphasen treten diskrete Bewegungsstörungen vermehrt auf, bei günstiger Prognose werden sie seltener“, erläutert Professor Schröder diese Ergebnisse. Auch nach positiv verlaufener Therapie blieben die „soft signs“ erhöht. Dass sie meist schon vor Ausbruch einer akuten Psychose und der ersten Medikation auftreten, spreche dafür, dass „soft signs“ keine Nebenwirkungen von Arzneimitteln, sondern echte „Vulnerabilitätsmarker“ seien. Man könne sie als Ausdruck krankheitsbedingter Veränderungen in den Nervenleitungsbahnen zwischen Großhirnrinde, Stammhirn und Kleinhirn interpretieren.“
Silke Bachmann, Christina Bottmer, Johannes Schröder:
Neurological Soft Signs in First-Episode Schizophrenia: A Follow-Up Study.
In. American Journal of Psychiatry 162: 12, December 2005, p. 2337-2343.
https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/zpm/psychatrie/schroeder/NSS-Bachmann.pdf

Stephan Bender, Johannes SChröder, Marco Essig, Laura Melendez (2009-2011):
Neurologische soft signs (NSS) als state und trate marker bei schizophreniformen Psychosen.
Uniklinik Heidelberg
https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/zentrum-fuer-psychosoziale-medizin-zpm/klinik-fuer-allgemeine-psychiatrie/forschung/ag-neurokognition/default-title/ag-neurokognition/aktuelle-studien/schizophrenie/neurologische-soft-signs-nss-als-state-und-trate-marker-bei-schizophreniformen-psychosen

Sander RD (2010):
Motor examinations in psychiatry.
Psychiatry (Edgmont). 2010 Nov;7(11):37-41.
PMID: 21191532; PMCID: PMC3010968.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3010968/
„Psychiatric medications are prone to adversely affect motor functioning. Also, a minor change in motor activity can be the only indication of a shift in emotional state.“ … „The most useful motor signs for detecting subtle brain lesions are the relatively unknown digiti quinti sign (Youtube), the finger rolling test, and the forearm rolling test. Fortunately these tests are quick and easy for both patient and doctor.“

Robert C. Wolf et al. (2021):
Neurological Soft Signs Predict Auditory Verbal Hallucinations in Patients With Schizophrenia.
Schizophrenia Bulletin, Volume 47, Issue 2, March 2021, Pages 433–443,
https://doi.org/10.1093/schbul/sbaa146
https://academic.oup.com/schizophreniabulletin/article/47/2/433/5937245

Bindu Rathod et al. (2020)
Neurological Soft Signs and Brain Abnormalities in Schizophrenia: A Literature Review.
Cureus 2020 Oct 19;12(10):e11050. doi: 10.7759/cureus.11050.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33224647/

Dieser Beitrag erschien erstmals am 8. Mai 2024
Aktualisiert am 24.5.2024

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