Was ist ein Psychoanalytiker? Wer wird Psychoanalytiker*in und wer ist „analysierbar“?

Der Psychoanalytiker Hermann Beland beschreibt einen Psychoanalytiker so: „Ein Psychoanalytiker lässt sich definieren als einer, der dazu ausgebildet wurde und sich dazu weitergebildet hat, durch warmes und intensives Zuhören das Schicksal einer „nameless dread“ (Anmerkung: „namenlosen Angst“) aufzunehmen.“ Hermann Beland: Leidenschaftliches Zuhören bei namenloser Angst. Psychosozial-Verlag, 2020, S. 10, Leseprobe (PDF)

„Namenlose Angst“ (Nameless Dread) ist ein Ausdruck des Psychoanalytikers Wilfred Ruprecht Bion (1962). Damit ist vieles gemeint, z.B. eine „psychotische Angst“, eine Todesangst des Säuglings, Alpha-Elemente der Psyche, Bion’s „O“

Psychoanalytiker und Hebammen verhelfen mit Geduld zu neuem Leben

Ich werde immer dankbar dafür sein, dass meine Hebamme mir geholfen hat, mein Kind aus eigener Kraft zu gebären. Was eine Hebamme leistet, erfahren besonders die Frauen, die im Geburtshaus oder zu Hause entbinden, weil sie dann meistens die ganze Zeit über eine vertraute Hebamme an ihrer Seite haben.

Wenn kein Arzt da ist und die Krankenhausstrukturen fehlen, kommt es allein auf die Hebamme an. Die Beziehung zu ihr ist eng und meistens hilfreich. Um zu verstehen, was eine Hebamme bedeutet, ist es am besten, selbst eine natürliche Geburt in ihrer Begleitung erlebt zu haben.

So, wie die Hebamme dem Baby zur Welt hilft, so verhilft der Psychoanalytiker dem Menschen zu seiner emotionalen, psychischen Geburt.

Die Erfahrung zählt

Um zu verstehen, was die Psychoanalyse bewirkt und was ein Psychoanalytiker dem Patienten bedeutet, muss man selbst einmal die Erfahrung einer Psychoanalyse gemacht haben. Doch nur relativ wenige Menschen unterziehen sich einer Psychoanalyse. Ebenfalls sind es heute nur noch wenige Frauen, die sich eine Entbindung außerhalb des Krankenhauses wünschen. Theoretische Diskussionen über die Bedeutung von Psychoanalytikern und Hebammen werden oft von denen geführt, die selbst keine praktische Erfahrung damit haben. Die aber, die gute Erfahrungen mit ihren Hebammen und Psychoanalytikern gemacht haben, setzen sich besonders leidenschaftlich für diese Berufsgruppen bzw. Methoden ein.

Schützenswerte Bindung

Die Kraft der Beziehung wird oft unterschätzt und oft nicht gut genug gepflegt: Mütter hören relativ früh auf zu stillen, Kinder kommen früh in die Krippe oder Kita und in der Schule wird immer noch vernachlässigt, dass Bildung unweigerlich mit Bindung zusammenhängt: Nicht für die Schule oder für’s Leben lernen wir, sondern für den Lehrer, den wir lieben.

Hebammen und Psychoanalytiker sind „barfuß“ unterwegs. Beide verlassen sich auf ihre Intuition und ihre Erfahrung. „Ich verlasse mich auf mein Hörrohr und auf meine Hände“, sagt eine Hebamme. „Ich verlasse mich auf meine Gegenübertragungsgefühle“, sagt ein Psychoanalytiker. Hebammen und Psychoanalytiker verlassen sich auf die Kräfte des zu behandelnden Menschen. Oftmals sind die Erfahrungen „pur“, weil auf Medikamente verzichtet wird.

Berührungsängste

Viele Berührungsängste führen zur Missachtung der Psychoanalyse, aber auch zur Vernachlässigung der natürlichen Geburt. Bei einer Psychoanalyse und bei einer Geburt liefert man sich einem anderen Menschen aus – man fühlt sich für eine Zeit abhängig. Und Abhängigkeit macht Angst. Diese intime Nähe zu einem anderen Menschen ist für viele schwer vorstellbar.

Das Unliebsame wird angenommen

In der Psychoanalyse setzt man sich vor allem mit den Seiten auseinander, die man an sich selbst nicht mag. Es wird der eigene „Schmutz“ sichtbar. Bei einer natürlichen Geburt ist es ähnlich: „Inter faeces et urinam nascimur“ – „Wir werden zwischen Stuhl und Urin geboren.“ Fernab von Klinik und Technik wird deutlich, wie wenig wir kontrollieren können und wie sehr wir den Kräften der Natur unterliegen. Diese Erfahrung ist vielen Menschen wertvoll, aber sie wird nur von relativ wenigen Menschen bewusst gemacht, sodass es auch nur wenige Stimmen gibt, die sich für die Psychoanalyse und die Hebammen einsetzen.

Wer wird Analytiker?

Wie sieht der typische angehende Psychoanalytiker (in den USA) von heute aus? Weiblich, zwischen 45 und 64 Jahre, verheiratet, in eigener Praxis, mit einem Haushalts-Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Dollar. Die Psychoanalytikerin Debra A. Katz (2012) und ihre Kollegen von der University of Kentucky, USA, haben das in ihrer kleinen Studie herausgefunden. Die Autoren werteten die Daten von 226 angehenden Psychoanalytikern aus. Debra Katz et al. (2012): A National Survey of Candidates: I. Demographics, Practice Patterns, and Satisfaction with Training. J Am Psychoanal Assoc 2012 Feb; 60 (1): 71-96, apa.sagepub.com/content/60/1/71

Wie stehen Psychoanalytiker zur Homosexualität?

Manchmal werde ich gefragt, ob ich als angehende Psychoanalytikerin Homosexualität als Krankheit ansehen würde. Meine Antwort: Nein. Ich würde mich einfach für die Geschichte meines Patienten interessieren Viele haben das Bild, dass die Psychoanalyse die Homosexualität als „krankhaft“ betrachtet. Doch Freud selbst hat schon den „organischen Faktor“ anerkannt und sich dennoch für die psychischen Vorgänge interessiert.

Auch bei Heterosexuellen interessiert sich der Analytiker für die psychischen Entwicklungen und Vorgänge. Heute habe ich die Website des britischen Psychoanalytikers barrywattpsychotherapy.com entdeckt. Er beschreibt wunderbar, wie er zu den Themen Homosexualität und Transgender steht.

Sigmund Freud: „Homosexualität. Die Anerkennung des organischen Faktors der Homosexualität überhebt uns nicht der Verpflichtung, die psychischen Vorgänge bei ihrer Entstehung zu studieren.“ Sigmund Freud: Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität. Erstveröffentlichung: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. 8 (3), 1922, S. 249-258. Gesammelte Werke, Bd. 13, S. 195-207, Quelle: textlog.de

Wer ist „analysierbar“ und wer nicht?

Psychotiker haben oft einerseits „zu viel“ von diesem Phantasie- und Assoziationsraum – Menschen mit stärkeren autistischen Anteilen haben mitunter „zu wenig“ davon. Andererseits leiden Menschen mit Schizophrenie ebenfalls oft darunter, dass das Symbolische abhanden gekommen ist und sie so vieles konkret verstehen. Im Grunde aber geht es immer wieder um den „dritten Raum“, der bildlich gesprochen vom Vater mitgeschaffen wird und der sozusagen „über“ den zwei Menschen einer Beziehung steht.

Der Vater, der als „Dritter“ in die Welt von Mutter und Kind kommt, ermöglicht dem Kind ein erweitertes Denken und Fühlen. Plakativ gesprochen lernt das Kind, dass es noch etwas anderes gibt, als die Mutter – dass es Unterschiede zwischen sich und anderen gibt und dass Veränderungen keine Katastrophe bedeuten müssen. Um diese Räume geht es in der Psychoanalyse. Mit der Zeit entwickelt sich der psychische Innenraum des Patienten. So kann er sich dann auch besser in anderen Räumen, sozusagen in Beziehungsräumen bewegen, ohne sich allzu sehr bedroht oder eingeengt zu fühlen. Dadurch können Gefühle von Selbstwirksamkeit, Eigenständigkeit und Lebensfreude wachsen. Das Gefühl der Abhängigkeit in der Beziehung wird nicht mehr so sehr als Gefahr gesehen.

„Ist der Patient analysierbar?“ heisst für mich oft auch: „Will ich mit diesem Patienten arbeiten und er mit mir?“ Im Film „Take these broken wings – Schizophrenie heilen ohne Medikamente“ arbeitet der Psychoanalytiker Daniel Dorman mit einer schwer schizophrenen Patienten über viele Jahre fünf bis sechs Mal pro Woche. Die Patientin kann schliesslich einen Beruf ausüben, einen Partner finden und Freude am Beisammensein mit anderen empfinden – für sie das grösste Geschenk (Youtube). Vielleicht kein anderer Psychoanalytiker hätte sich zu dieser Zusammenarbeit entschieden.

Der Psychoanalytiker Salman Akhtar hält die Einteilung in analysierbare und nicht-analysierbare Patienten für problematisch. Er sagt, man müsse immer schauen, welcher Analytiker zu welchem Patienten passt (Youtube). Er kenne einige Analytiker, bei denen er selbst „nicht analysierbar“ wäre, wohingegen er es bei anderen sehr wohl wäre. (Zu bedenken ist, dass er seine Aussagen von einem psychisch hohen Niveau aus trifft.) In früheren Diskussionen zur Frage der Analysierbarkeit sei die Person des Analytikers einfach zu oft ausgeblendet worden. Wer also bei Psychoanalytiker „X“ nicht analysierbar ist, der kann bei Analytiker „Y“ durchaus weiterkommen.

Was macht einen guten Psychoanalytiker aus?

Die Frage, was einen guten Psychoanalytiker ausmache, stellte mir eine Verhaltenstherapeutin. Und ich wusste zunächst nicht, was ich antworten sollte. (Das Buch „Was macht einen guten Psychoanalytiker aus?“ von Ralph Zwiebel, klett-cotta.de hierzu hatte ich damals noch nicht gelesen.)

Die Frage ähnelt der Frage: Was macht einen guten Arzt aus? Und was einen guten Partner? „Mein Zahnarzt schweigt während der gesamten Behandlung und ich finde das wunderbar“, sagt Patient A. „Nie im Leben könnte ich dahin gehen, ich brauche immer einen, der mir ständig etwas erzählt, um mich abzulenken“, sagt Patient B. Was jedoch beide Patienten brauchen, ist einen guter Handwerker mit Geschicklichkeit und Einfühlungsvermögen. Ich kann die Frage, was einen guten Psychoanalytiker ausmacht, eigentlich nur für mich selbst beantworten – aber ob das für einen anderen Analysanden auch gut wäre, kann ich nicht sagen.

Daher sucht man sich seinen Psychoanalytiker ja meistens auch nach Sympathie oder Bauchgefühl aus. Für mich selbst ist es wichtig, dass ich weiß, dass er gut ausgebildet ist und ausreichend Selbsterfahrungsstunden hinter sich hat. Das ist bei AnalytikerInnen der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (www.dpv-psa.de) und Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (www.dpg-psa.de) der Fall. Aber das ist meine Prägung, weil ich meine Erfahrungen in der DPV gesammelt habe.

Auch eine Frage der Frequenz

Psychoanalytiker diskutieren oft, welche Frequenz dem Patienten gut tue. Für mich selbst war eine Frequenz von vier Stunden pro Woche optimal, doch wahrscheinlich kann jeder nur für sich selbst sprechen. Mir ist es wichtig, dass der Analytiker das genauso sieht und die Stunden gewissenhaft einhält – dass er auf seine Gesundheit achtet, damit so wenig Stunden wie möglich ausfallen. Dass er pünktlich ist und selten Termine verschiebt. Ich kenne KollegInnen und PatientInnen, denen das „zu eng“ wäre, zu konservativ, zu streng, wie auch immer man es nennen mag.

Mir ist es wichtig, dass der Psychoanalytiker möglichst nicht von sich selbst erzählt und auch möglichst nur selten von anderen Patienten. Mir ist es wichtig, dass der Analytiker am Anfang der Stunde relativ lange schweigt, damit ich mich in Ruhe sortieren und mehrere Themen anschneiden kann, bis das Wichtige für diese Stunde sichtbar wird. Mir tut der Wechsel gut zwischen „aktiveren“ Stunden, die eher einem Dialog gleichen, und Stunden, die fast nur von Schweigen geprägt sind.

Sein lassen können

Mir ist es wichtig, dass der Analytiker auf eine gewisse Art „nicht helfen“ will, sondern dass er es auch über eine lange Zeit hinweg aushält, wenn es mir schlecht geht oder wenn ich wütend auf ihn bin. Mir ist aber auch der Trost wichtig, der nicht offensichtlich als Trost daherkommt, sondern als tief empfundenes Mitgefühl. Ein guter Analytiker ist in meiner Vorstellung das, was eine gute Mutter und ein guter Vater sind: beschützend, (herzens-)gebildet, gelassen, offen, flexibel, grenzenwahrend, einfühlsam, mitfühlend, interessiert, sozial gut eingebunden, nachdenklich und liebevoll.

Es ist gut, wenn der Analytiker sich selbst sehr gut kennt, wenn er belesen ist und sich insbesondere mit dem Körper und der psychischen Entwicklung in der präverbalen Zeit auskennt. Ich brauche es auch, dass er „gesunde Augen“ hat, also offensichtlich kein Alkoholproblem hat und nicht von Medikamenten abhängig ist.

Ein guter Analytiker ist für mich jemand, der „ausreichend unsicher“ ist und nicht mit absoluten Gewissheiten daherkommt. Gleichzeitig ist es mir wichtig, zu merken, wie sicher er ist. Dass er sich in der Übertragung „verwenden“ lassen kann – als mein Hassobjekt, mein Liebesobjekt, mein Objekt, das ich kontrollieren will. Er will dem Unangenehmen nicht entfliehen, sondern gibt ihm Raum. Dass er Grenzen einhalten kann. Ein guter Analytiker achtet auf seine Wortwahl, hört träumerisch zu und kann Spannung aushalten. Und er zeigt auch immer wieder, dass er nicht perfekt ist, sondern auch körperliche Beschwerden hat oder ärgerlich, verständnislos und ungeduldig sein kann. Es ist das Bemühen da, einen Raum zu schaffen, in dem man möglichst über alles reden kann. Mir persönlich ist es auch sehr wichtig, dass der Analytiker ländlich wohnt, zumindest nicht mitten in einer Großstadt.

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Links:

Bion, Wilfred (1962):
Learning From Experience
Routldege 1984

Grotstein, James (1997):
Bion’s „Transformation In ‚O'“ And The Concept Of The „Transcendent Position“ www.sicap.it/…

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