Corona auf der Couch
Patient (C): „Ich halte das nicht mehr aus. Ich kann so auf keinen Fall weiterleben! Also wie soll ich sagen, ich traue mich kaum, es auszusprechen.“ Analytiker (A): „Hmm.“ C: „Also … äh … ich habe zuerst ein ganzes Land lahmgelegt. Und schließlich sogar die ganze Welt.“ A: „Donnerwetter.“
C: „Ja, aber jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich diesen Fluch loswerden soll.“ A: „Vielleicht können wir uns ja mal anschauen, was Sie da gemacht haben.“ C: „Hmm … eigentlich ging es mir gar nicht darum, den Menschen so krank zu machen. Aber manchmal, da war ich einfach so im Rausch, ich war so wütend und voller Rachlust, dass ich die Lungen der Menschen einfach zerstört habe. Selbst wenn sie diese Dinger – diese Beatmungsgeräte – eingesetzt haben, dann wühlte ich mich weiter bis zum bittren Ende durch. So kenne ich mich gar nicht! Meine Geschwister machen doch einfach nur Schnupfen.“
A: „Vielleicht wollten Sie sich ja rächen?“ C: „Irgendwie schon. Ich saß vorher im Tierreich und musste mit ansehen, wie die Menschen die ganze Umwelt zerstörten. Das hat mich so wütend gemacht!“ A: „Und jetzt zerstören Sie die Menschen.“ C (beschämt und leise): „Ja.“
Und weiter verzweifelt: „Aber der Mensch hat irgendwann mitgemacht! Er hat angefangen, die Grenzen zu schließen, er hat die Menschen voneinander isoliert, in Deutschland geben sie sich noch nicht mal mehr die Hand.“ A: „Ach was!“
C: „Ja, ich wollte ja immer nur an den Körper ran, sonst hätte ich mich ja damals schon an den Rinderwahnsinn geheftet. Aber nun geht’s an die Psyche der Menschen und bei allem Todestrieb: Das will ich nicht.“ A: „Vielleicht wollen Sie ja einfach nur verstanden werden.“ C: „Aber wie soll man mich denn verstehen? Ich führe die Leute ja an der Nase rum.“
A: „Ja, manchmal tun Sie ihnen nichts und manchmal bringen Sie sie um. Es ist, als seien Sie Ihrer Identität selbst nicht sicher. Wenn Sie zu mörderisch sind, kostet es letzten Endes selbst Ihr Leben.“ C: „Ja, ich weiß selbst nicht, wer ich bin. Ich hoffe, die Menschen finden es heraus. Dann könnte ich vielleicht wie meine Geschwister einfach mit ihnen zusammenleben.“
Wir fühlen uns „wie in einem Film“ und sitzen alle im selben Boot
„Wie in einem Film“ fühlen sich gerade viele Menschen. Es ist ein Gefühl nahe an der Derealisation. Wir können einfach nur zusehen bei dem, was gerade passiert – wie Zuschauer im Kino. Was gerade um uns passiert, ist so ganz anders als das, was normal für uns ist und wir haben uns noch nicht daran gewöhnt. Der Wechsel kam plötzlich. Doch der Körper spielt dabei eine große Rolle: Sobald wir körperlich beteiligt sind, fühlen wir uns manchmal weniger wie in einem Film. Beispielsweise sind die Menschen, die in den Laboren arbeiten, zur Zeit hoch beschäftigt. Sie müssen nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten, sie haben Pipetten in der Hand, können über die Viren und das Immunsystem nachdenken und versuchen, etwas zu verstehen, zu erforschen und zu erfinden.
Dadurch, dass die Wissenschaftler mit ihren Händen und mit ihrem „Denkapparat“ tatsächlich etwas tun können, fühlen sie sich oft weniger wie in einem Film.
Auch wenn wir selbst auf einmal körperlich schwer krank werden, fühlen wir uns unter Umständen weniger wie in einem Film, weil wir dann unsere reale Beteiligung spüren. Wenn wir mit Fieber und dickem Kopf im Bett liegen, fühlen wir uns zwar sehr schlecht, aber wir spüren: Da passiert etwas Reales. Das Gefühl der Fremdheit und des passiven Ausgeliefertseins können wir verändern, indem wir versuchen, etwas aktiv zu finden, das wir selbst gestalten können. Wir können uns einem zukünftigen Projekt widmen und versuchen, uns die neue Situation anzueignen. So bekommen wir wieder mehr das Gefühl, in der Realität zu leben – auch, wenn die Straßen gespenstisch leer sind.
Wir sind alle gleich – das macht uns Angst
Wenn es uns mal schlecht geht, dann gibt es andere, denen es besser geht. Wenn ich eine Depression habe, gibt es genügend Menschen ohne Depression. Wenn ich Regeln unangemessen finde, kann ich protestieren. Ich kann auch provozieren. Ich kann durch Protest, Regelbruch und Provokation meine Einzigartigkeit spüren. Das geht bei Corona auf einmal nicht mehr. Wir können nicht ausbrechen, so scheint’s, und jedem geht es genau wie mir. Wir scheinen alle hypnotisiert und gelähmt – das macht Angst.
Früher konnten wir uns rausreden: Wenn es mir hier nicht gefällt, dann wandere ich eben aus. Das geht jetzt in unserer Vorstellung nur schwer.
Bei vielen Problemen können wir sagen: Das ist absehbar. Ich beiße zwei Wochen die Zähne zusammen und dann ist es wieder gut. Auch das geht hier nicht. „Ich war zwei Jahre lang in einem Schweige-Kloster“, sagt eine ehemalige Nonne und wird von den anderen dafür bewundert. Jetzt ist es aus mit der Bewunderung: Wir alle sind vereinzelt und sitzen isoliert in der Zelle, so scheint’s. Dieses Gefühl von kollektiver Ohnmacht ist es, was uns Angst macht. Wenn ich mit meiner Angststörung zum Psychotherapeuten gegangen bin, wusste ich: Er hat keine Angst und kann mir helfen. Wenn ich mit Bronchitis zum Arzt ging, konnte er mir helfen. Jetzt sind die Helfer selbst in Gefahr. Der Psychotherapeut sitzt mit mir in einem Boot. Er hat selbst Angst.
Gelähmt
Dieses Gefühl des weltweit Kollektiven ist unangenehm. Es ist, als würden nun alle Menschen gleichgemacht. Als würde ein Meteorit aus dem All auf uns zufliegen und uns alle plattmachen, egal, wie gebildet, reich, arm oder krank wir sind. Wir sind nun gegen unseren Willen alle gleichgemacht worden. Kaum Proteste auf der Straße. Kaum Wissenschaftler mit anderer Meinung. Selbst ich schwimme im Fahrwasser mit. Wenn wir unsere Identität verlieren, unsere Einzigartigkeit, dann macht uns das Angst. Zur Zeit könnte so ein Gefühl aufkommen. Wir können nicht mehr „hervorstechen“, wir sind alle gleich abhängig und bedroht, egal, wo wir hinschauen. Es ähnelt einem Horrorfilm.
Aber …
Aber wir können kreativ sein! In den abgelegenen Wäldern Kanadas gibt es noch Orte und Hütten, wo Corona niemals hinkommt. Wir können uns an den „Engel von Mogadischu“, Gabriele von Lutzau erinnern. Die Stewardess der Lufthansa-Maschine „Landshut“ saß wie alle anderen Passagiere in der Maschine mit den Entführern fest. Und doch hatte sie eine besondere Kraft. Sie hatte beschlossen, den anderen zu helfen.
Auch unter uns gibt es weiterhin die sehr Verzagten und die, die ihre Zuversicht nicht verlieren. Und wenn der Psychotherapeut mit uns im selben Boot sitzt, dann können wir entdecken, wie wir mit dieser Gemeinsamkeit umgehen. Wir können zu Forschern unserer Situation werden und uns überlegen, wie es ist, wenn wir später unseren Nachkommen davon erzählen.
Wir lernen hier gerade sehr, sehr viel über die menschliche Psyche. Wir können uns vorstellen: So wie unsere eigene Psyche funktioniert, so funktioniert in vieler Hinsicht auch die Psyche einer Gruppe oder sogar die Psyche einer ganzen Menschheit. Und jetzt können wir sie von innen heraus betrachten. Und so wie wir uns selbst psychisch auch weiterentwickeln und zu immer besseren Lösungen finden, so werden auch die Menschen gemeinsam weitergehen und immer mehr entdecken, wissen, fühlen und verstehen. Wie können alle gemeinsam irgendwann aus dieser Ohnmacht aufwachen und uns freuen über die Entwicklung, die wir gemeinsam gemacht haben.
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Ein Interview mit mir (Dunja Voos) zur Corona-Angst findet sich bei Spiegel-Online vom 18.3.2020: „Die Beunruhigung kommt in Wellen.“ Dank an die Journalistin Barbara Supp und die Fotografin Britta Frenz.