Narzisstische Persönlichkeitsstörung – wenn Liebe verachtet wird
„Der Narzissmus ist das Interesse am Selbst.“ So einfach definiert es der amerikanische Psychoanalytiker Ben Bursten in seinem Buch „The Manipulator“ (amazon). Der Begriff leitet sich ab von Ovids Sage über Narziss, dem Jungen, der so in sein Spiegelbild im Teich verliebt ist, dass er davon nicht wegkommt und stirbt. Verachtung für andere, Überbetonung von Erfolg, Ehrgeiz und Eitelkeit sind narzisstische Verhaltensweisen. Auch Neid und Wut, wenn die selbstbezogene Haltung in Gefahr ist, gehören zum Narzissmus. Zu relativ nicht-narzisstischen Affekten zählen laut Bursten z.B. Schuld, Reue, Anteilnahme und Respekt.
Beim Narzissmus geht es also um das „Selbst“. Viele Theorien dazu entstanden in den 1960er Jahren. Der bekannteste Vertreter der Selbst-Psychologie ist Heinz Kohut. Neu hierbei war, dass neben Sigmund Freuds Theorie von „Es, Ich und Über-Ich“ nun das „Selbst“ als psychische Instanz hinzukam. Das Selbst versucht, innere Sicherheit aufrechtzuerhalten. Nicht nur einfache Lust ist das Ziel, sondern Freude.
Narzissmus von Anfang an
Am Anfang des Lebens steht die enge Beziehung von Mutter und Kind. Der Säugling, der die Mutter vollkommen beansprucht, entwickelt gemäß der Vermutung von Säuglings-Forschern ein „Größen-Selbst“. Die Mutter merkt: Mein Baby kann ganz schön rücksichtslos sein – wenn es die Brust will, ist es ihm egal, wie es mir geht. Dieser „natürliche Egoismus“ wird als Primärer Narzissmus bezeichnet.
In der ersten Zeit des Lebens hält das Kind die Eltern für vollkommen. (So wie später der Analysand den Analytiker immer wieder für „allwissend“ oder „vollkommen“ hält.) Das kleine Kind hat eine idealisierte Vorstellung von den Eltern, also eine idealisierte Eltern-Imago. Das Kind ist stolz auf seine Eltern, die ihm Sicherheit geben („Mama hat gesagt, …“). Die Eltern sind Selbstobjekte des Kindes. Ohne sie kann es selbst noch nicht leben – es braucht ihre Zuwendung und Fürsorge.
Mütter und Väter wünschen sich für ihre Kinder das Beste. Aber sie sehnen sich auch danach, dass das Kind Dinge erfüllt, die sie selbst nicht erreichen konnten. Wenn diese Neigung übertrieben ist und das Kind nahezu ständig die Wünsche und Sehnsüchte der Eltern erfüllen soll, dann findet es nur schwer zu seinem „natürlichen“ Selbst, zu seinen wahren Bedürfnissen und Neigungen. Man sagt, das Kind ist von den Eltern „narzisstisch besetzt“.
Wenn das Kind merkt, dass es nicht um seiner selbst willen geliebt wird, entwickelt es häufig Hassgefühle und wird chronisch unzufrieden. Es fühlt sich von seiner Umwelt unverstanden und meistens wird es tatsächlich nicht verstanden. In der Folge zieht es sich zurück und flüchtet sich in großartige Phantasien. Schließlich wird es für sein Gutsein, sein Falsches Selbst und für seine Leistung geliebt. So entsteht ein sekundärer Narzissmus.
Während der Entwicklung erlebt das Kind immer wieder Frustrationen. Es lernt, dass die Eltern nicht allmächtig sind und nicht nur dazu da sind, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Eltern sind vom Kind getrennte Menschen mit eigenen Interessen. Das schmerzt das Kind. Es lernt, sich selbst und seine Umwelt realistischer einzuschätzen. Echte Selbstverwirklichung wird dadurch später möglich.
Fehlende Liebe – krankmachender Frust
Erlebt ein Kind überwiegend Frustrationen und zeigen die Eltern nur wenig Verständnis und Zuwendung, dann führt das zu einer narzisstischen Störung. Das Kind erhält die Liebe, die es den Eltern zeigt, nicht zurück. Sehr häufig sind Kinder betroffen, die im ersten Lebensjahr früh von der Mutter getrennt wurden. Dazu gehören Kinder, die in den „Brutkasten“ oder auf die Intensivstation mussten. Die frühe Trennung hat Mutter und Kind überfordert, sodass es für beide schwer wurde, wieder zueinander zu finden.
Nicht erwiderte Liebe ist das schmerzhafteste Erlebnis überhaupt.
Natürlich wird durch die fehlende Liebe auch das Selbstwertgefühl geschwächt. Das Kind zieht sich enttäuscht auf sich selbst zurück. Es fühlt sich minderwertig und tröstet sich als Reaktion darauf mit Größenphantasien. Kritik ist kaum auszuhalten. Sie führt dazu, dass sich das Kind dann vollkommen wertlos und zerstört fühlt. Es befürchtet, den anderen dann ganz zu verlieren, wenn es nicht perfekt ist. Gleichzeitig wird das Kind neidisch auf das scheinbar mühelose Leben der anderen, die ihren Neigungen nachkommen dürfen und dadurch erfolgreich sind. Arroganz und Abwertung der anderen sind die Folge.
Verachtung und Arroganz sind mitunter ein Zeichen der Enttäuschung darüber, dass da niemand ist, auf den man sich wirklich verlassen kann.
Die Realität ist nur schwer zu ertragen. Der heranwachsende „Narzisst“ wünscht sich nichts sehnlicher, als mit einem Seelenverwandten zu verschmelzen. Die Sehnsucht, endlich verstanden zu werden, ist unendlich groß und kann doch so schwer erreicht werden.
Mit anderen verschmolzen
Ein Kind, das so frustriert aufwachsen musste und sein Selbst nicht ausreichend entdecken konnte, kann sich selbst kaum als eigenständigen Menschen erleben. Trennung war der größte Schmerz. Dieser Mensch kann es nicht aushalten, getrennt zu sein – alle frühen Erinnerungen werden durch die Trennung geweckt. Durch die Angst vor Trennung heftet er sich auf urtümliche Weise an andere Menschen an. Wenn sie ihm nicht gehorchen und zeigen, dass sie eigene Wege gehen, dann entsteht narzisstische Wut. Sie ist das Ergebnis einer ungeheuren Trennungsangst und eines großen Schmerzes.
Was so offensichtlich klingt, passiert unbewusst im Verborgenen. Die Betroffenen selbst spüren meistens nur die Wut, nicht die Angst vor Trennung. Sie spüren auch nicht den Anspruch, dass der andere nur zur Wunscherfüllung „sein eigen“ ist. Das wird meistens erst in einer Psychoanalyse im Zusammenspiel mit dem Therapeuten deutlich, wenn der Patient maßlos wütend und/oder ängstlich wird, weil der Therapeut einmal einige Minuten später als sonst die Tür öffnet. Diese Wut ist Zeichen der Ohnmacht und der Trennungsangst.
Der „narzisstische Mensch“ leidet ganz schrecklich, wenn er wahrnimmt, dass sich ein anderer von ihm trennt. Es fehlt ihm zu sehr an innerer Liebe und echter Verbindung zu sich selbst und anderen Menschen, um die Trennung aushalten zu können. Wenn sich der andere trennt, fühlt es sich für den Betroffenen unter Umständen so an, als ob ein Teil von ihm selbst abfällt. Das Leeregefühl, das dann entsteht, ist so schwer auszuhalten, dass die Betroffenen sich manchmal Schmerzen zuführen, um sich wieder selbst zu spüren und sich als „ganze Person“, also zusammenhängend (kohärent), erleben zu können.
Das Kind braucht Bestätigung von den Eltern
Damit sich ein Kind gesund entwickeln kann, braucht es Liebe und Bestätigung von den Eltern. Sie dürfen ruhig auch die Größenphantasien des Kindes bestätigen. Gesunde Eltern können sich in das Kind einfühlen und sich mit ihm freuen, wenn es sich selbst entdeckt. Das Kind freut sich über liebevolle Bewunderung der kleinen Schritte. Gleichzeitig können gesunde Eltern die Ängste des Kindes auffangen und es beruhigen. So lernt das Kind schrittweise, sich selbst zu beruhigen – eine der wichtigsten Fähigkeiten im Leben überhaupt. Je älter das Kind wird, desto realistischer werden auch Lob und Tadel der Eltern, so dass ein sanfter Übergang zu einem realistischen Selbstwertgefühl stattfindet.
Kinder, die nicht genügend Liebe und Bestätigung von den Eltern bekommen und nur ein schwaches Selbstwertgefühl haben, flüchten sich später manchmal in suchtartiges Verhalten, z.B. in der Sexualität. Umgekehrt können Kinder, die genügend „narzisstische Zufuhr“ erhalten haben, gut damit umgehen, wenn sie im Alltag einmal frustriert werden.
„Narcissism is precisely that condition of mind that shuts out the existence both of myself and of the other.“ „Narzissmus ist ein Geisteszustand, bei dem die Existenz beider – sowohl meine als auch die des anderen – ausgeschaltet ist.“ Neville Symington: Becoming a person through psychoanalysis (Link zu amazon)
Narzisstische Persönlichkeitsstörung und ihre Symptome
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine sogenannte Frühe Störung, also eine Störung, die schon in der frühen Bindung zur Mutter zustande kommt. Beim Erwachsenen kommen die Folgen voll zum Tragen. Wer kein Grundsicherheitsgefühl entwickeln konnte, der hat Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen: Beziehung wird gefährlich. Wenn sich nahe Bezugspersonen entziehen, dann fühlen sich die Betroffenen unter Umständen so alleingelassen und „abgerissen“, dass sie sich oder den anderen (in sich) am liebsten umbringen möchten. Sie fühlen sich dann komplett verloren und gleichzeitig minderwertig.
„Narzisstisch gestörte“ Patienten, die einen Therapeuten aufsuchen, haben oft keine Symptome, die sie konkret benennen könnten. Irgendwie fühlt sich der Betroffene – vielleicht trotz zahlreicher Erfolge – leer. Das Leben erscheint völlig sinnlos. Immer wieder leidet der Betroffene unter Kränkungen und schämt sich für alles Mögliche. Andererseits fühlt er sich selbst oft großartig oder beschreibt auch die eigenen Eltern als großartig. Seine Beziehungen gehen ständig in die Brüche. Ohnmacht und Größenphantasien sind zwei Seiten desselben Problems. Die Diagnose „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ stellt der Therapeut im Miteinander, wenn die Art der Beziehung offenkundig wird. Übertragungs- und Gegenübertragungsgefühle sind bei der Diagnosestellung hilfreich.
Stehengeblieben
Der Psychoanalytiker Heinz Kohut meint, dass der narzisstisch Gestörte auf einer Entwicklungsstufe stehen geblieben ist, die jedes Kind normalerweise durchläuft. Der Analytiker Otto Kernberg hingegen sagt, dass es nicht nur ein Stehenbleiben an einem normalerweise gesunden Punkt ist, sondern dass sich der Betroffene ein schädliches Gemisch aus Real- und Idealselbst zusammengebraut hat. Das passiere, wenn die Mutter kalt, dominant, selbst narzisstisch und zugleich überfürsorglich sei.
Oft sind die Patienten auf einem speziellen Gebiet sehr begabt. Die Mutter ist stolz auf die Begabung, scheint das Kind aber nicht als eigenes Wesen zu lieben. Dieses traurige Gefühl, ungeliebt zu sein, wehrt das Kind ab, indem es überzeugt ist, etwas ganz Besonderes zu sein. So entsteht eine Sucht nach Bewunderung.
In der International Classification of Diseases (ICD-10) gibt es die Narzisstische Persönlichkeitsstörung als eigenständige Diagnose nicht. So müssen Ärzte und Psychologen die Störung kodieren als „sonstige spezifische Persönlichkeitsstörung“ (F60.8).
Die Regelsetzerstruktur des Narzissten
Wenn wir besonders narzisstisch sind, dann haben wir oft starke Erwartungen an andere. Sollten wir Narzissten sein, dann sind wir psychisch möglicherweise manchmal so „strukturiert“, dass wir davon ausgehen, dass andere unsere Erwartungen erfüllen. Beispiel: Im Straßenverkehr erwarten wir – vielleicht im Stress-, dass man uns nicht zu behindern hat. Der Psychotherapeut Professor Rainer Sachse (IPP-Bochum) erklärt, dass Narzissten mitunter Erwartungen an andere stellen, die so gelten, als seien es Vorschriften für andere (Rainer Sachse: Der narzisstische Persönlichkeitsstil: Ressourcen und Kosten. Psychiatrie und Neurologie, 3/2016: S. 3, PDF). Sachse schreibt: „Die Person setzt die Regeln selbstverständlich, unreflektiert und automatisch; sie denkt nicht über ihre Legitimation nach oder darüber, ob andere solche Regeln wollen; sie geht eher selbstverständlich von einer Regelbefolgung aus.“ (S. 3)
Rainer Sachse und Kollegen schreiben über den „Narzissten“: „Daraus entwickelt sich ein ich-bezogenes Regel-Setzer-System. Da dieses System kompensatorisch ist, bezieht es sich inhaltlich auf das negative Selbst sowie auf das negative Beziehungsschema. Sagt das Selbstschema z.B.: – Ich bin nicht wichtig. …
und das Beziehungsschema: – In Beziehungen wird man nicht respektiert, … dann werden mit hoher Wahrscheinlichkeit im Regel-Setzer-Schema kompensatorische Regeln entwickelt wie: „Ich will, dass ich immer und jederzeit respektvoll behandelt werde.“ … „Ich will, dass man mir extrem aufmerksam zuhört.“
Auf der Kontingenzebene dieses Schemas stehen dann auch nicht drohende Konsequenzen für die Person des Regelsetzers, sondern konsequenterweise stehen hier drohende Konsequenzen für die Person, der die Regel gilt, für den Fall, dass sie die Regel nicht einhält: „Wenn jemand mich nicht uneingeschränkt respektiert, dann wird er meine Wut zu spüren bekommen.“ … Auf der Kontingenzebene nimmt die Person somit an, dass sie das Recht hat, die Befolgung ihrer Regeln einzufordern bzw. den Nicht-Befolger der Regeln zu strafen und sie definiert auch Konsequenzen für den Nicht-Befolger.“
Rainer Sachse et al. Beziehungsmotive und Schemata: Eine Heuristik, www.ipp-bochum.de/….pdf
Was „Regelsätze“ (mit „ä“ wie der Schriftsatz in der Juristerei) aus philosophischer Sicht sind, beschreibt der Philosoph Wolfgang Friedhuber in seiner Masterarbeit: „Der Mensch ist in der Lage, aus symbolhaften Gleichnissen und Alltagserfahrungen allgemeine Regelsätze zu konkretisieren.“ (S. 44/45, Masterarbeit, Wolfgang Friedhuber: Kategorische Imperative in der Angewandten Ethik; Graz 2020, PDF) Friedhuber gibt anhand der 10 Gebote (= ein Regelsatz) aus der Bibel ein Beispiel für Regeln und einen Regelsatz: „Solange an die Erlangung eines ewigen, leidlosen Lebens durch Wohlverhalten geglaubt wird, ist darin eine hohe Motivation enthalten, sich gemäß der Regeln zu verhalten. Die Regeln sind einfach und leicht verständlich. Der für den Alltag benötigte Regelsatz umfasst gerade einmal zehn Regeln die gemäß der Überlieferung direkt von Gott übermittelt wurden. Diese Regeln sind konkret handlungsleitend ausformuliert.“ (Friedhuber, S. 125)
Otto Kernberg: Narzissmus, Aggression und Selbstzerstörung (Buchtipp)
Also für Otto-Normalanfänger ist das Buch nichts. Man lese auf S. 230 zum Beispiel diesen Satz: „Oder anders gesagt: Das Gespräch über die Arbeit an der Gegenübertragung im Kontext ihrer Integration in die Interpretation der Übertragung verweist nicht nur die projektive Identifikation des Patienten in milderer Form an diesen zurück, sondern fügt ihr eine neue Komponente hinzu: den Kampf des Analytikers darum, den entsprechenden Konflikt zu verstehen und durchzuarbeiten.“
Der Psychiatrieprofessor Otto Friedmann Kernberg (geboren am 10. September 1928 in Wien) ist einer der renommiertesten Psychoanalytiker unserer Zeit. Sein Spezialgebiet sind die schweren Persönlichkeitsstörungen. Otto Kernberg entwickelte mit Kollegen zum Beispiel die Übertragungsfokussierte Psychotherapie (Transference Focused Psychotherapy, TFP), die bei Borderline-Störungen angewendet werden kann und Studien zufolge sehr erfolgreich ist.
Kernbergs Buch „Narzißmus, Aggression und Selbstzerstörung“ liest sich in der ersten Hälfte für mich wie ein Mathematikbuch. Ich bin fasziniert davon, wie logisch Kernberg alles aufbaut, wie er erklärt, wie Wut, Neid, Hass und Persönlichkeitsstörungen entstehen. Andererseits ermüden die kompliziert aufgebauten Sätze. Vieles wird sicher nur verständlich, wenn man sich schon lange mit der Psychoanalyse beschäftigt und einiges in der eigenen Analyse erfahren hat. So manches leuchtet einem wahrscheinlich erst ein, wenn man schon länger als Psychoanalytiker arbeitet und selbst Erfahrungen mit Patienten gemacht hat. In der zweiten Hälfte wird das Buch allerdings lebendiger und verständlicher. Es gibt mehr Beispiele und konkrete Anleitungen zur Behandlung schwer gestörter Patienten.
Manche Bücher über die Psychoanalyse finde ich unglaublich spannend. Sie lassen meine Freude am Beruf des Psychoanalytikers wachsen. Andere Bücher hingegen frustrieren mich und lassen mich fragen, ob dieser Beruf so erstrebenswert ist. Kernbergs Buch gehört für mich eher zur zweiten Sorte. Vielleicht liegt es daran, dass schwere Störungen wirklich Anlass zu wenig Hoffnung geben. Das Buch lässt erahnen, wie schwierig der Beruf des Psychoanalytikers sein kann.
Manchmal fehlt es mir in diesem Buch an spürbarem Verständnis. Ich habe zum Beispiel Schwierigkeiten damit, wenn über Borderline-Patienten gesagt wird, dass ihre Wut und ihr Neid „unangemessen“ seien. „Unangemessen“ sind diese Gefühle vielleicht in Bezug auf die aktuelle Situation – gemessen aber an dem, was der Betroffene in seiner Kindheit erlebt hat, und wo er im Vergleich zu anderen Menschen steht, sind seine sehr starken Gefühle doch „angemessen“. Hier ist mir der Text zu trocken, zu „wissenschaftlich“ und technisch.
Fazit: Das Buch ist oft schwer verständlich geschrieben. Doch es gibt einen sehr guten Einblick darüber, wie sich Patienten mit sehr schweren Störungen verhalten, warum sie oft so abweisend sind und wie die Behandlungstechnik aussehen kann. Auch, wenn das Buch wahrscheinlich nichts für Anfänger ist: Wenn man es häppchenweise liest und sich einige Passagen rauspickt, ist es sehr lesenswert.
Abschiednehmen von der Allmachtsphantasie
Wir haben Allmachtsphantsien, wenn wir gierig sind oder glauben, wir könnten jede Erkrankung allein durch Meditation heilen. Wir fühlen uns vielleicht allmächtig, wenn wir unsere Wünsche ans Universum schicken. Es hilft, der Ohnmacht zu entrinnen – meinen wir.
Wir fühlen uns vielleicht allmächtig, wenn wir einen netten Menschen angesprochen haben und er tatsächlich antwortet, obwohl wir nicht damit gerechnet haben. „So ein Schlappschwanz“, könnten wir dann denken, „der hat sich tatsächlich zurückgemeldet. Was ich alles bewirken kann! Und der fällt drauf rein!“ Bei den Allmachtsphantasien spielen Verachtung und Häme eine große Rolle. Doch was häufig übrig bleibt, ist ein Gefühl von Leere oder Unerfülltsein. Nach der grossen Rede eines Redners merken wir: Da war zu viel Schweben, da fehlte echter Kontakt. „So ein Grosskotz“, denken wir später.
Wir können Allmachtsgefühle von gesundem Schwung unterscheiden
Manchmal fühlen wir uns einfach wohl. Wir spüren eine gute Energie in Körper und Geist, fühlen uns lebendig, tatkräftig und zuversichtlich. Wir denken auf eine Art, wir könnten alles schaffen. Und doch ist das etwas anderes, als diese merkwürdige Allmachtsphantasie, die uns so schaden kann. Beim gesunden Hochgefühl merken wir, dass es echt ist und dass wir uns nicht so leicht irritieren lassen. Beim ungesunden Allmachtsgefühl hingegen spüren wir, dass es eine Art Aufgedrehtsein ist. „Hochmut kommt vor dem Fall“, könnte man hier sagen.
Bei der Allmachtsphantasie fürchten wir uns vor dem Moment danach, in dem wir uns wie abgestürzt fühlen. Manche Stars haben das, wenn sie nach ihrem Auftritt ins Hotelzimmer gehen und sich einsam und leer fühlen.
Erkennen ist der wichtigste Schritt
Seine Allmachtsphantasie zu erkennen ist der wichtigste Schritt zur Reifung. So gut sie sich auch anfühlen mag – sie ist einfach sehr anstrengend. Für einen selbst und für die anderen. Allmachtsphantasien verhindern den echten Kontakt und echte Glücksgefühle. Allmachtsphantasien können uns scheinbar magische Kräfte verleihen. Aber sie machen blind und verletzen mitunter andere Menschen. Sie aufzugeben, ist oft ein Schritt zu einem zufriedeneren Leben, das von innen heraus zum Reichtum führt. Für Kinder sehr empfehlenswert ist hier das Buch: „Räuber Ratte“ von Axel Scheffler und Julia Donaldson (Beltz-Verlag).
Wenn ich einen netten Menschen anspreche, dann weiß ich nicht, ob er antworten wird. Und wenn er es tut, dann tut er das aus seiner Motivation heraus. Ich war der Situation ausgeliefert, ich konnte nicht wissen, wie er reagiert. Seine Reaktion ist nicht das Ergebnis meiner „Macht“. Wenn wir das feststellen, freuen wir uns, weil es einfach auch Glück ist, dass der andere uns auch mag. Wenn wir jedoch aus Ohnmachtsgefühlen heraus den Spieß umdrehen und uns als übermächtig erleben, dann bleiben wir unbefriedigt. Wir leben in dem Moment in einer Illusion. Später denken wir: „Der andere grüßt uns ja nur zurück, weil wir ihn bezaubert – oder auch einfach nur gezwungen – haben.“
Zum Allmachtsgefühl gehört oft auch die Verachtung. Wir strecken dem anderen die Zunge heraus und sagen: „Nana-na-naanaa!“
Wir mögen mithilfe des Allmachtsgefühl vielleicht vieles schaffen, doch droht uns der Herzinfarkt, wenn wir uns davon leiten lassen. Manchmal verhilft uns ein Allmachtsgefühl zu einem wichtigen Schritt – und doch ist es sehr erfüllend, wenn wir zunehmend auf unsere Allmachtsgefühle verzichten können. Vielleicht tun wir das automatisch, wenn wir älter werden und unsere Grenzen spüren. Doch mit dem Alter steigt bei vielen Menschen auch die Zufriedenheit. Dadurch werden Allmachtsgefühle unnötig.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Rätsel des Unbewussten:
Die Tragödie des Narzissmus
youtube.com/watch?v=1wUmXTo3bno
Roland Kopp-Wichmann:
Ein Narzisst kommt selten ins Coaching.
Wenn doch, ist es oft eine Gratwanderung für den Coach.
www.persoenlichkeits-blog.de/article/111929/narzisst
Robin S. Edelstein et al. (2010):
Narcissism predicts heightened cortisol reactivity to a psychosocial stressor in men
Journal of Research in Personality
Volume 44, Issue 5, October 2010, Pages 565-572
pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2976540/
Siegfried Elhardt:
Tiefenpsychologie – eine Einführung
Kohlhammer, Stuttgart 2001
amazon
Alice Miller:
Das Drama des begabten Kindes
Suhrkamp Verlag
Rainer Sachse et al.
Beziehungsmotive und Schemata: Eine Heuristik
www.ipp-bochum.de/….pdf
Otto F. Kernberg:
Narzißmus, Aggression und Selbstzerstörung
Klett-Cotta, 2. Auflage 2009
Introduction To Psychoanalysis: Otto Kernberg
www.youtube.com/watch?v=UOkG8J9OxKs (full)
Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 23.5.2007
Aktualisiert am 10.12.2025
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8 thoughts on “Narzisstische Persönlichkeitsstörung – wenn Liebe verachtet wird”
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Vielen Dank für diesen Artikel, der mir die Augen geöffnet hat, ohne mich zu beschämen. Wie einfühlsam Sie meine Situation beschreiben, hilft mir wirklich, mich meiner Erkrankung zu stellen, weil ich nicht mit einschüchternden Fachworten und Diagnosen, die wie Diskriminierungen wirken, belegt werde, sondern Sie erklären, was es mit dieser Störung, diesem Defekt auf sich hat.
Ich stamme aus genauso einem Umfeld, die Beschreibung passt auf meine Eltern – meine Mutter noch mehr als meinen Vater – wie die Faust aufs Auge.
Auch ich finde mich darin wieder, ohne Schuldgefühle zu bekommen, dass ich etwas „falsch gemacht“ haben könnte, auch wenn ich noch ein Kind war. Und ja: Als Erwachsener knallt es dann so richtig rein! Dessen wurde ich mir erst nach ca. zwanzig Jahren bewusst und räume es jetzt auf:
Die Gewalt (verbal, emotional, physisch), die Manipulationen, die Gehirnwäschen, die Vernachlässigung, die gespielte Fürsorge, wenn andere beeindruckt werden sollten (meine Supereltern, die einfach die Besten sind, die alles, wirklich alles für ihr Kind tun, z.B. Kleidung kaufen, Schuhe kaufen, Spielzeug kaufen, Medikamente geben, wenn es krank ist – das ist doch fantastisch, oder?! Das macht sonst keiner! *Ironie off*). Ich verstehe erst jetzt mit ca. 42 Jahren, wie pervers die Situation damals war, bin durch die Lösung und die inzwischen geheilten und zu Empathie fähigen Seelenanteile in der Lage, das Verhalten richtig einzuschätzen und bin zum Teil wirklich schockiert darüber, wie Menschen so sein können, aber habe auch Mitgefühl, weil sie es nicht anders gelernt haben und sich auch im Laufe ihres Lebens nicht dazu erzogen haben. Das baut die notwendige innere Distanz bei mir auf, um mich selbst zu „retten“, zu heilen, ohne zu verurteilen oder Vergeltung zu suchen.
Herzlichen Dank dafür! <3
P.S. Ich bemühe mich gerade um einen Platz bei einem Traumatherapeuten. Ich empfehle es allen anderen, die sich in diesem Artikel wiederfinden. Es war wirklich so schlimm und es ist keine Schande, sich Hilfe zu suchen und diese auch anzunehmen und sich einzugestehen, dass man schwach und hilflos ist. Die Lösung der Traumata fühlt sich an wie im Eiltempo erwachsen werden und ist einfach geil!
Das Problem mit dem schauspilerischen Darstellen eines „falschen selbst“, kenn ich. Ja, bis zu einer gewissen Grenzen schauspielert jeder Mensch. :-|
Interessante Beiträge und Blogs stehen auf dieser Seite, ehrlich.
Mit dem Problem eines falschen Selbst+Bezug zur Realität=Depression, wie geht ihr konstruktiv dieses Problem an. Bei welchen Menschen merkt ihr man kann ihn vertrauen? Bei welchen Menschen wird euch bewusst, Vertrauen ist sinnlos bei dem Menschen ?
Christianius
Ich war über 4 Jahre mit einer Partnerin zusammen, die meiner Überzeugung nach an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Sie leidet wirklich, nimmt deswegen seit über zehn Jahren Antidepressiva und hat genauso lange ununterbrochen jede Woche Psychotherapie. An ihrem Leiden, an ihrem Verhalten, an ihrem Leben hat sich trotzdem nie etwas geändert. Besonders auffällig war immer das völlige Fehlen jeglicher Einsicht in konstruktive Kritik, egal von welcher Seite, oft gepaart mit Wut und immer dem Gefühl, verlassen zu sein, sobald Kritik geäußert wurde.. Schuld waren grundsätzlich immer die anderen, Reue oder sich entschuldigen existierte nicht. Was ich nicht verstehe, ist, dass keiner der von ihr seit fast 15 Jahren jede Woche besuchten Psychotherapeuten oder Psychiater jemals diese Diagnose der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung in Erwägung gezogen oder gar in diese Richtung therapiert hat. Sie selbst lehnt diese Diagnose vehement ab. So wird sie wohl tragischerweise schwer leidend auch den Rest ihres Lebens unter ihrer erlernten Fassade verbringen müssen, ohne je erfahren zu haben, dass sie mit ihrem wahren Ich genauso wertvoll ist und mindestens genauso liebenswert wäre.
Liebe Feli,
Ihnen auch vielen Dank für Ihren Kommentar!
Herzliche Grüße
Dunja Voos
Lieber Gast vom 30.06.2013. Sie werden wahrscheinlich meinen Kommentar nicht mehr lesen. Seit 3 Wochen recherchiere ich intensiv im Internet zu diesem Thema, habe sämtliche Seiten, Artikel, Blogs und Foren durch. Ihr Beitrag ist der erste, den ich lese, aus Sicht eines/r „Kranken, der sich seinem Thema stellt.“ Und noch in so knappen Worten. Danke, dass Sie das hier geschrieben haben. Dazu sollte es viel mehr geben. Sie sind mit Sicherheit Pionier auf diesem Gebiet: sich seiner Persönlichkeit und Prägung zu stellen, obwohl diese dies eigentlich gar nicht erlauben kann. Sie zeigen, dass es wohl doch geht.
Frau Voos, vielen herzlichen Dank für diesen hilfreichen Beitrag.
Die Metamorphose des N. ist ein Stück Mythologie, und Mythologie ist die Kunst, von Göttern zu erzählen.
Nemesis hat direkt interveniert, Jupiter und Juno, indem sie Narziss‘ Bezugspersonen (Tiresias, Echo) prägten/bestraften.
Link-Vorschlag zu Narziss und Echo:
http://fressnet.de/m170_Narziss_und_Echo.htm#Narziss_und_Echo
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass nachdem ich angefangen habe, mich näher mit dem Thema Narzissmus zu beschäftigen, die dadurch gewonnenen Erkenntnisse, meinen Blick auf Menschen allgemein etwas verändert haben.
Es ist verblüffend, wie viele Leute eine narzisstische Scharade abhalten, aber trotzdem auf den Großteil ihrer Mitmenschen vollkommen natürlich und rational wirken.
Das kann der pedantische Vorgesetzte sein, der gehässige Nachbar oder auch der eigene Partner, der nie zufrieden ist und einen immer im Schuldbewusstsein hält, nicht genug für die Beziehung getan zu haben – und auch an sich selbst erkennt man natürlich narzisstische Persönlichkeitsanteile.
Heute kann ich Erich Fromm verstehen, der den Narzissmus als eine entscheidende Triebfeder menschlichen Handelns ansah und auch in ihm die Wurzel für viele psychische Störungen ausmachte.
Danke für diesen Satz: „Zu relativ nicht-narzisstischen Affekten zählen laut Bursten z.B. Schuld, Reue, Anteilnahme und Respekt. “
Ich bin ein erwachsenes Kind aus einer von narzisstischer Persönlichkeitsstörung geprägter Familie. Und immer wieder ziehe ich Menschen in mein Leben, ob narzisstisch oder nicht, denen genau diese Affekte fehlen: Schuld, Reue, echte Anteilnahme, Respekt meinen Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen gegenüber.
… anscheinend so normal, so vertraut … geprägt das Fehlen solcher Affekte nicht wahrzunehmen … ich lerne es nun, mühsam …
Herzliche Grüße