Geborgen an der Grenze zur Katastrophe
Wenn die Katastrophe da ist, fühlen sich viele zwar allein, aber das quälende Einsamkeitsgefühl scheint gewichen zu sein. Man ist beschäftigt mit der Katastrophe und auch irgendwie „gehalten“, denn in der Katastrophe wird das katastrophale Bild zur Gewissheit. Man weiß dann, was man hat. Man sieht den Feind, man spürt genau, was das Leiden verursacht. Ist hingegen alles ruhig, kann sich das wie eine latente Gefahr anfühlen. „Wann kommt der nächste Absturz und wie sieht er aus?“, fragt man sich.
„Als ich noch mit meinem schlagenden Partner zusammen war, hatte ich das Gefühl, ich konnte ihn kontrollieren. Jetzt, wo ich weit weg bin, frage ich mich immer, ob er nicht hinter der nächsten Ecke steht, um mich zu überfallen.“
Dieses Gefühl der Machtlosigkeit ist manchmal schlimmer als die konkrete Nähe zur Gefahr. Der Katastrophe ins Gesicht zu schauen kann Sicherheit bieten. Es ist ein großes Paradox. Aber die Katastrophen sind immer wieder kaum auszuhalten. Die meisten Betroffenen wünschen sich ein ganz normales Alltagsleben – doch sie haben es eben so selten.
Der Weg weiter weg von der Katastrophen-Kante ist un-glaub-lich lang. Es muss langsam Geld hinzukommen, es müssen langsam Freundschaften aufgebaut werden, es müssen die Kinder größer werden, es müssten vielleicht manche Menschen erst sterben, es muss ein gutes Selbstgefühl wachsen und die Fähigkeit, Gefühle des Schmerzes, des Alleinseins, des Aufruhrs und der Ungeduld zu ertragen. Lange dauert das. Sehr lange.
Aber man kann jeden einzelnen Moment etwas dafür tun, dass es besser wird. Und selbst wenn es nur ist, die nächste Katastrophe bewusster zu erleben oder sich für eine Weile ins Bett zurückzuziehen und gar nichts zu tun. Kommt die Kraft zurück, kann man langsam weiterschauen. Langsam, aber stetig.