Psychoanalytiker werden – eine Alternative nicht nur für Ärzte und Psychologen: Auch Akademiker anderer Fachrichtungen können Psychoanalytiker (Laienanalytiker) werden
Wer Psychoanalytiker wird, ist meistens Arzt oder Psychologe – doch auch Akademiker anderer Fachrichtungen können eine Psychoanalyse-Ausbildung machen. Ärzte, die keinen Facharzttitel haben und nicht im Gesundheitssystem arbeiten möchten, können dennoch die Ausbildung z.B. bei der DPV oder DPG machen. Sie sind als Psychoanalytiker dann auf Selbstzahler angewiesen.
Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen die Psychoanalyse (unter dem Namen „Analytische Psychotherapie“) von den gesetzlichen Krarnkenkassen gezahlt wird. Das ist absolut sinnvoll und für viele Patienten und auch Analytiker ein Segen.
Doch das Eingebundensein ins Kassensystem bringt den Nachteil mit sich, dass die Psychoanalyse sehr in das medizinische System rutscht und viele gar nicht mehr wissen, dass Psychoanalyse auch außerhalb des Gesundheitssystems praktiziert werden kann. Es entsteht für die Institute der Zwang, die Psychoanalyse hektisch zu erforschen, dabei ist es schwierig, die Psychoanalyse so zu erforschen, wie es von „der Wissenschaft“ erwartet wird. Patientenbehandlungen müssen zudem manchmal zu früh enden, weil die Kasse nach einer bestimmten Sitzungszahl weitere Anträge nicht mehr genehmigt.
Manchmal erscheint es so, als könnte die Psychoanalyse außerhalb des Gesundheitssystems gar nicht überleben.
Die analytischen Institute selbst sind manchmal zögerlich, einen Ausbildungs-Interessierten aufzunehmen, wenn er nicht ins Krankenkassensystem passt. Dabei ist es vielleicht gerade jetzt sehr wichtig, diese Perle zu sehen, die die Analytische Ausbildung jenseits des Kassensystems sein kann. Ohne den Zwang, „wirtschaftlich“ und „zweckmäßig und ausreichend“ sein zu müssen, können Patient und Analytiker sich auf den Weg machen, um wirklich tiefgreifende Veränderungen zu bewirken.
Hierbei entsteht natürlich die Frage der Finanzierung, doch vielleicht gibt es Möglichkeiten außerhalb des Kassensystems, die wir noch nicht im Blick haben wie z.B. Stiftungen oder Patenschaftssysteme.
Ärzte können mit Zusatzweiterbildung „Psychoanalyse“ direkt nach dem dritten Staatsexamen (Approbation) beginnen
Nicht wenige Ärzte glauben, sie könnten mit der Psychoanalyse-Weiterbildung erst beginnen, wenn sie einen Facharzttitel der Unmittelbaren Patientenversorgung (UPV) haben. Doch es reicht das 3. Staatsexamen, um mit der Psychoanalyse-Weiterbildung zu beginnen. Die Ärztekammer Nordrhein schreibt: „Die Zusatzweiterbildung kann jedoch bereits absolviert werden, ohne dass die Anerkennung in einem Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung vorliegt“ (Schreiben vom 2.11.2016). Einen „Facharzt der unmittelbaren Patientenversorgung“ (UPV) braucht man erst, wenn man die Abschlussprüfung ablegen will.
Die Ärztekammern schreiben verwirrenderweise: „Voraussetzung zum Erwerb des Zusatztitels Psychoanalyse ist ein Facharzt der unmittelbaren Patientenversorgung“ (UPV-Facharzt).“ Dieser Satz hat zur Folge, dass sich viele Ärzte und Ärztinnen nicht zur Weiterbildung anmelden, weil sie meinen, mit dem Begriff „Erwerb“ sei auch schon die Weiterbildung selbst, also das Erlernen der Psychoanalyse gemeint. Gemeint ist mit „Erwerb“ sozusagen jedoch die Abschlussprüfung.
Insbesondere Frauen schaffen es oft nicht mehr bis zum Facharzttitel. Familiengründung, langjährige Teilzeitstellen oder gesundheitliche Probleme lassen viele vor dem Facharzttitel aufgeben. Wer dennoch Psychoanalytiker*in werden möchte, kann bei einigen Gesellschaften dennoch eine Ausbildung zum Psychoanalytiker/zur Psychoanalytikerin machen – später ist man dann eben auf Selbstzahler*innen angewiesen. Infos gibt es z.B. bei den Gesellschaften #DPV, #DPG oder #GPP.
Mit dem Ärztekammer-Begriff „Erwerb“ ist sozusagen die Abschlussprüfung zum Zusatztitel gemeint. Erst, wenn man die Prüfung „Psychoanalyse“ (nach der Weiterbildungsordnung, WBO) machen will, geht das bei Ärzten nur in Kombination mit einem Facharzttitel auf dem Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung (UPV, wozu seit 2018 auch die Arbeitsmedizin gehört). Der „Erwerb des Wissens“, also die „staatliche“ Psychoanalyse-Weiterbildung oder privatrechtliche DPV-Ausbildung selbst ist ohne Facharzttitel möglich. Das ist bei anderen Fachrichtungen genauso: Wer Kardiologe werden will, kann mit der kardiologischen Weiterbildung schon während der Weiterbildung zum Internisten beginnen.
Bei „Nein“ nochmal nachfragen.
Akademiker*innen, die nicht Psychologe oder Arzt sind, können ebenfalls die DPV-Ausbildung machen – sie nennen sich später „Laienanalytiker*in“ (ein abwertender Name, wie ich finde. Die Ausbildung ist dieselbe wie für Ärzte oder Psychologen auch). Dieser Weg ist äußerst beschwerlich, aber möglich. Es ist hier insbesondere eine finanzielle Frage. Aber auch das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören, ist für viele angehende akademische Psychoanalytiker*innen schwierig.
Bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV, > Ausbildung > Grundlagen und Standards) heißt es: „Zulassungsvoraussetzung (zur Ausbildung) ist in der Regel ein abgeschlossenes Hochschulstudium der Medizin oder Psychologie. … Über die Möglichkeiten der Zulassung von Absolventen aus anderen Hochschulbereichen gibt eine individuelle Beratung Auskunft“. Das heißt also: Auch Akademiker anderer Fachrichtungen als die der Medizin und Psychologie können Psychoanalytiker werden. Sie heißen dann – nach Sigmund Freud – „Laienanalytiker“.
„Solange ich lebe, werde ich mich dagegen sträuben, dass die Psychoanalyse von der Medizin verschluckt wird.“ (Zitat von Sigmund Freud in einem zuvor unveröffentlichten Brief an Paul Federn, März 1926, zitiert in: Paul Federn: Wie freudianisch sind die Freudianer?)
Sigmund Freud selbst sagte zur Laienanalyse: „Daran konnte die Frage anknüpfen, … welche die für den Analytiker geeignetste Ausbildung sei. Ich meinte und vertrete es auch jetzt, es sei nicht die, welche die Universität dem künftigen Arzt vorschreibt. Die sogenannte ärztliche Ausbildung erscheint mir als ein beschwerlicher Umweg zum analytischen Beruf, sie gibt dem Analytiker zwar vieles, was ihm unentbehrlich ist, lädt ihm aber außerdem zuviel auf, was er nie verwerten kann.“
„Mit der Formel ‚Weltliche Seelsorge‘ könnte man überhaupt die Funktion beschreiben, die der Analytiker, sei er nun Arzt oder Laie, dem Publikum gegenüber zu erfüllen hat.“ Sigmund Freud (1927), Aus: Nachwort zur Frage der Laienanalyse, projekt-gutenberg.org
Sigmund Freud nannte nur Ärzte „Psychoanalytiker“. Psychologen und Akademiker anderer Fachrichtungen zählte er damals zu den „Laienanalytikern“. In Deutschland wird die Psychoanalyse manchmal nur noch im Kassensystem gedacht, daher werden heute manchmal auch diejenigen „Laienanalytiker“ genannt, die nicht im Kassensystem arbeiten, also z.B. fälschlicherweise auch Ärzte, die keinen Facharzttitel haben.
„Laienanalytiker“ zu werden, bedeutet, z.B. bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) oder Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) dieselbe intensive Ausbildung zu durchlaufen wie Ärzte und Psychologen auch. Es gibt in der Ausbildung keine Unterschiede. Da Laienanalytiker*innen jedoch nicht dem Kassensystem angeschlossen sind, und auch private Kassen die Kosten meistens nicht übernehmen, sind sie auf Selbstzahler*innen angewiesen oder auf finanzielle Unterstützung, um Patienten zu einem geringen Preis zu behandeln.
Beharrlich bleiben
Ich höre immer wieder, dass Akademiker, die sich für die Psychoanalyse-Ausbildung interessieren, manchmal schon am Telefon eine Absage erhalten. Die sogenannte „Laienanalyse“ ist auch in manchen Ausbildungsinstituten nahezu aus dem Blick geraten. Die Institute stehen heute unter so einem Druck, dass sie manchmal kaum Kapazitäten haben, um einen angehenden Laienanalytiker in die Ausbildung zu integrieren. Die Ansprechpartner für die Ausbildung sind sich in dieser Frage nicht immer sicher. Hier gilt es, beharrlich zu bleiben und bei Absagen verschiedene Ansprechpartner erneut zu fragen.
Psychoanalyse und Juristerei
„Das sind emotionale Dinge, die tun hier nichts zur Sache. Lassen Sie uns bei den Fakten bleiben“, sagt die Richterin. „Wir nehmen die Psychodynamik sehr ernst“, sagt der Psychoanalytiker. Es gibt wohl kaum zwei gegensätzlichere Fachgebiete als die Juristerei und die Psychoanalyse. Besonders interessant finde ich es dann, wenn Juristen sagen: „Das reicht mir nicht“ – und dann doch noch Psychoanalytiker werden.
Juristen, die auch Psychoanalytiker geworden sind:
- Professor Lorenz Böllinger, emeritierter Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bremen und Psychoanalytiker (DPV), hielt auf der Veranstaltung „Richterratschlag“ im November 2011 in Siedelsbrunn/Odenwald einen Vortrag über den Zusammenhang von Jurisprudenz und Psychoanalyse. Die Website Richterratschlag.de regt Richter und Staatsanwälte an, über ihren „inneren Richter“ zu reflektieren.
- Der Jenaer ermeritierte Professor für Strafrecht und Psychoanalytiker Professor Günter Jerouschek.. Er ist Autor des Kommentars zum Psychotherapeutengesetz (München 2004, Rezension auf socialnet.de)
- Der Dormagener Rechtsanwalt Dr. Peter Abels („Der Anwalt mit der Couch“) studierte Jura, Psychologie und wurde Psychoanalytiker (DPV).
- Die Münchener Juristin, Psychologin und Psychoanalytikerin Dr. Giulietta Tibone (Zehn Jahre BVVP-Bayern mit Symposium „Ethik und Psychotherapie“, PDF) beschäftigt sich mit dem Thema „Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie“. Vortrag vom 16.5.2006, Symposium „Ethik und Psychotherapie“ in München.
Heute werden häufig diejenigen Akademiker als „Laienanalytiker“ bezeichnet, die weder Arzt noch Psychologe sind. Durch die gute Einbindung der Analytischen Psychotherapie ins System der Gesetzlichen Krankenkassen werden fälschlicherweise mitunter auch diejenigen Ärzte und Psychologen als Laienanalytiker bezeichnet, die ausschließlich eine Ausbildung gemäß den Regularien einer Vereinigung abgeschlossen haben – ohne einen Abschluss vor der Ärztekammer/Psychotherapeutenkammer.
Hier einige bekannte und weniger bekannte Laienanalytiker:
- Beland, Hermann, psychosozial-verlag.de, Theologe (DPV/IPA)
- Blos, Peter (1904-1997), Lehrer und Biologe
- Bollas, Christopher, psychoanalysis.org.uk (geb. 1943), ehemaliger Professor für englische Literatur, spezialisiert auf die psychoanalytische Therapie der Psychosen
- Erik Homburger Erikson (1902-1994)
- Fromm, Erich, Wikipedia
- Gekle, Hanna, Dr. phil., DPV, Philosophin, Frankfurt
- Gfäller, Georg, Dr. phil.
- Herdieckerhoff, Eberhard, Dr. theol.
- Kakar, Sudhir Dr., www.kakarartcollective.com, IPA, Ingenieur und Ökonom
- Kristeva, Julia, Professor, Literaturtheoretikerin
- Ohtsuki Kenji: Ohtsuki Kenji and the beginnings of lay analysis in Japan
- Pazzini, Karl-Josef, Prof. Dr. phil., Pädagoge, Erziehungswissenschaftler
- Philipps, Adam (Anglist): „For me, psychoanalysis has always been … a kind of practical poetry.“ (Wikipedia, On Flirtation, London: 1994, p. xi)
- Rank, Otto, Wiener Psychoanalytische Vereinigung, gilt als erster Laienanalytiker
- Rohde-Dachser.de, Christa, Prof. Dr. (DPG), Wirtschaftswissenschaftlerin
- Scharfenberg, Joachim, Professor (1927-1996) (DPV), Theologe, Seelsorger
- Schöpf, Alfred, Wikipedia (1938-2018), Philosoph
- Schwaber, Paul (IPA), Englisch-Professor emeritus
- Whelan, Maurice: Theologe und Philosoph. Siehe auch: Conversation about poetry.
Sudhir Kakar schreibt in seinem Buch „Die Seele der anderen“ (Beck, 2012): „‚Sie haben nie Psychologie studiert‘, sagte er (Anmerkung: Erik Erikson zu Sudhir Kakar). Zu diesem Einbruch der Realität konnte ich lediglich zustimmend nicken. ‚Das macht aber nichts‘, sagte er. ‚Das habe ich auch nicht.‘ Obwohl er (Erikson) in seinem späteren Leben mit Ehrendoktorwürden von Universitäten aus der ganzen Welt überschüttet wurde, bestanden seine einzigen offiziellen Ausbildungsqualifikationen aus dem Abitur und einem Montessori-Diplom. Er hatte nie an einer Universität studiert … (S. 167) Hier agierte Erikson im Geiste Freuds, dessen Auswahl der Männer und Frauen, die die erste Generation der Psychoanalytiker bildeten, dem Kriterium folgte, dass sie lediglich über eine gute Allgemeinbildung verfügen und mit einer gewissen Aufnahmefähigkeit für das Nicht-Rationale begabt sein mussten …“ (S. 168).
Adam Phillips: „… he has always believed psychoanalysis to be closer to poetry than medicine.“ Wikipedia
Approbation – was heisst das für Ärzte und Psychologen?
Die Approbation ist die staatliche Erlaubnis, einen Heilberuf auszuüben. Der Arzt, der mit dem Abschluss des Medizinstudiums seine Approbation bekommt, darf Patienten behandeln. Bei Psychologen war das früher anders: Sie waren mit dem Abschluss des Studiums nicht approbiert.
Wenn sie Patienten behandeln wollten, brauchten sie entweder eine Erlaubnis durch den Titel „Heilpraktiker für Psychotherapie“ oder aber sie mussten eine Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten machen. Jetzt, mit der Möglichkeit des Psychotherapiestudiums, sind Psychologen am Ende des Masterstudienganges „Psychotherapie“ ebenfalls approbiert.
„Bist du schon approbiert?“, fragten Psychologen manchmal die Ärzte in der Psychotherapieweiterbildung. Ärzte sind von Anfang an „approbiert“. Was die Psychologen da meinten, war: „Hast Du schon den Zusatztitel ‚Psychotherapie‘ erworben?“ Den Zusatztitel „Psychotherapie“ brauchen Ärzte dafür, um sich „Psychotherapeut“ nennen zu dürfen und mit den Krankenkassen abrechnen zu können.
Dies ist aber nicht im eigentlichen Sinne eine Erlaubnis, Psychotherapie durchführen zu dürfen. Ein Arzt darf gleich nach dem Studium Patienten behandeln – theoretisch auch mit „Psychotherapeutischen Gesprächen“. Es ist dann nur die Frage, unter welcher Bezeichnung er es abrechnen kann. Wenn ein Psychologe approbiert ist, heißt das, dass er den Psychotherapeutentitel erlangt hat. Er darf dann seine Patienten eigenständig psychotherapeutisch behandeln. Dies ist künftig bereits nach dem Psychotherapiestudium (Master) möglich.
Neid zwischen Ärzten und Psychologen, Neid unter Ausbildungskandidaten
Früher war alles besser: Da brauchte der Arzt gar keinen Facharzttitel. Er war nach dem Studium einfach „Praktischer Arzt“. Und als „Praktischer Arzt“ konnte er einfach einen Psychotherapietitel machen. Fertig. Irgendwann kam man auf die Idee, dass der Arzt, wenn er Psychotherapeut werden wollte, einen Facharzttitel als Grundausstattung brauchte. Das bedeutet: Fünf Jahre Facharzt-Weiterbildung nach dem Studium sowie eine Weiterbildung zum Psychotherapeuten sind notwendig für den Zusatztitel „Psychotherapie“ (der eine Zeitlang nur „fachgebunden“ galt).
Ärzte haben zwar die Möglichkeit, Psychiater (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie) zu werden, doch das hat mit der Psychotherapie, die viele Ärzte gerne ausüben möchten, oft wenig zu tun. Auch die Facharztweiterbildung für Psychiatrie dauert fünf Jahre. Und es ist verbunden mit Medikamentenverabreichung, mit etlichen Nacht- und Wochenenddiensten, mit Fragen zur Fixierung von Patienten und der Arbeit auf der „geschlossenen“ Station. Doch wer „nur“ Psychotherapeut werden möchte, der wird später anders arbeiten. Die Arbeit in der Psychiatrie ist nicht das, was Ärzte mit Psychotherapie-Weiterbildungswunsch wollen.
Psychologen beneiden die Ärzte auch um ihre Psychotherapie-Zusatzweiterbildung, weil sie für Ärzte recht leicht zu durchlaufen ist. Aufwand und die Kosten sind relativ gering, es wird relativ wenig Selbsterfahrung gefordert und die Theoriekurse verteilen sich meist auf wenige Wochenendkurse. Der Nachteil: Ärzte erhalten eine nur sehr schwache Ausbildung – viele fühlen sich danach oft nicht gut gerüstet für die Psychotherapie.
Qualität der Aus- und Weiterbildung ist abhängig vom Institut
Auch für engagierte Ärzte ist es möglich, eine gründliche Psychotherapie-Zusatzweiterbildung durchlaufen – ist das Weiterbildungsinstitut z.B. ein Institut, das der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) oder der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschsaft (DPG) angeschlossen ist, dann ist auch die Psychotherapie-Zusatzweiterbildung qualitativ hoch.
Ärzte, die diese Weiterbildung durchlaufen haben, fühlen sich wiederum nicht gut verstanden, wenn Psychologen glauben, auch diese Ärzte hätten ihren Psychotherapie-Titel leicht erlangt. Manche Ärzte erlangen ihn auch im Rahmen einer Psychoanalyse-Ausbildung bei der DPV – dann ist die Weiterbildung natürlich besonders ausführlich und ist vergleichbar mit der Ausbildung der Psychotherapie-Ausbildung von Psychologen.
Zu lange Wege
Natürlich steht einem noch der Facharzt für Psychosomatische Medizin offen, aber auch hier wieder: Es ist eine aufwendige, jahrelange Weiterbildung mit Diensten im Krankenhaus, was gerade für Mütter mit Kindern oft einfach „too much“ ist. Kaum hat man als Arzt dann seine Psychotherapiepraxis, wird man zu Notdiensten verpflichtet. „Ich möchte doch einfach nur Psychotherapie machen – hätte ich doch Psychologie studiert!“, dachte ich manches Mal. Warum kann man als Arzt nicht einfach direkt nach dem Studium – wie ein Psychologe auch – ausschließlich eine Psychotherapie-Weiterbildung bzw. -Ausbildung absolvieren?
Frühe Approbation hilft
Der große Vorteil für Ärzte ist jedoch: Sie sind direkt nach dem Studium „approbiert“, das heißt, sie dürfen direkt Patienten behandeln. Und: Sie erhalten heutzutage gleich nach dem Studium ein Assistenzarztgehalt, wobei nicht vergessen werden darf, dass die letzten beiden Semester des Medizinstudiums aus einem „Praktischen Jahr“ bestehen, also klinischer Arbeit, die sehr gering bezahlt wird.
Psychologen arbeiten in der Psychotherapie-Ausbildung eineinhalb Jahre als „Psychotherapeut in Ausbildung“ (PiA). Sie arbeiten faktisch und praktisch in der Klinik wie ein fertig ausgebildeter Psychotherapeut, erhalten jedoch dafür kein oder nur ein geringes Gehalt. Diese Zeit bringt die Psychologen regelmäßig an ihre Grenzen. Fehlende Bezahlung heißt psychologisch auch fehlende Wertschätzung. Das ist ein unhaltbarer Zustand, gegen den die Psychologen gerade protestieren.
Der Name „Psychotherapiestudium“ suggeriert etwas, was es nicht ist. Auch in der „Direkt-Ausbildung“ (Ärzteblatt, Oktober 2016) muss man nämlich vorher Psychologie studiert haben und kann erst dann „Psychotherapie“ studieren (wie ein Masterstudiengang).
Fakt ist: Wer wirklich Psychotherapeut werden will, hat es sehr schwer – unabhängig davon, ob er Arzt ist oder Psychologe. Ich habe als promovierte Fachärztin für Arbeitsmedizin mit Zusatztitel Psychotherapie in der Klinik nicht mehr verdient als junge Psychologen-KollegInnen, die teilweise ihre Psychotherapie-Ausbildung noch nicht abgeschlossen hatten.
Geldmangel und Finanzierungsneid
Manche können sich die Ausbildung relativ leicht leisten, andere müssen mit großem Kraftaufwand das Geld zusammenbekommen. Vielleicht musste man sich mühselig aus einem bildungsfernen Elternhaus herausarbeiten, während die Kolleginnen aus den Akademikerhaushalten es scheinbar schon immer leichter hatten. Man schaut sich in der Ausbildungsrunde um: Wer erlebt mehr Versorgung und wer kennt den Mangel nur zu gut? Leicht entsteht die Furcht vor Konkurrenz untereinander. Das Vertrauen darin, dass man schon bekommen wird, was man braucht, muss oft erst wachsen.
Der Familiengründungsvergleich
Viele Ausbildungskandidaten sind in einem Alter, in dem die Familiengründung ansteht: Wer ist schon verheiratet, wer hat schon Kinder? Werde ich noch jemals ein Kind bekommen? Wer hat schon eine eigene Praxis, wer ist promoviert, wer hat schon einen Facharzttitel und warum haben es die Psychologen in der Psychoanalyse-Ausbildung heute vielleicht überhaupt leichter als die an den Rand gedrängten Ärzte? Oder ist es umgekehrt? Wie kann ich als einzige Laienanalytikerin hier Anschluss finden und überhaupt: Vielleicht bin ich einfach auch schon zu alt für die Ausbildung?
Es gibt hunderte Möglichkeiten, sich mit den anderen in der Ausbildung zu vergleichen. Manchmal führt auch der Kampf um den Platz bei beliebten Supervisoren zu Neid: „Ich bin bei Frau X“, sagt die Kollegin, während die beliebte Frau X. keinen Supervisionsplatz mehr für einen selbst hat. Meistens hilft es, sich näher kennenzulernen, denn dann merkt man: Niemand hat es leicht.
Sprachlos
Über viele entscheidende Dinge wird verständlicherweise manchmal nur wenig gesprochen, weil es sehr persönliche Themen sind, die noch nicht verdaut sind. Häufig tauchen „Geschwisterkonflikte“ auf. Die Psychoanalyse-Ausbildung geht an den Kern der eigenen Persönlichkeit. Hat der andere etwas geschafft, woran man selbst gescheitert ist, schmerzt das. Die Psychoanalyse-Ausbildung fühlt sich manchmal wie ein Hochleistungssport an, obwohl man doch gerade das Loslassen und Nicht-Kontrollieren erlernen möchte.
Der Neid ist oft da besonders groß, wo die Umstände sehr schwierig sind. Ähnlich wie beim Thema „Kinderwunsch“ kann sich der Neid im Laufe der Jahre auflösen: Ist man selbst schwanger geworden, ist der Neid auf die anderen Schwangeren vorbei. Auch kann man lernen, mit den Lücken des Lebens zu leben, sodass der Neid im Laufe des Älterwerdens nachlassen kann.
Fallvorstellungen: Neid auf die guten Gedanken der anderen
Insbesondere während der Fallvorstellungen in den KT (Kasuistischen-technischen Seminaren) kann Neid aufkommen, wenn wir merken, dass andere ihren Fall sehr geschickt vorstellen. „Da komm‘ ich nie hin!“, mag man denken, wenn der andere sprachlich elaboriert die kühnen und wohlklingenden Hypothesen zu seinem Fall vorträgt. Die Psychoanalytikerin Danielle Quinodoz (1934-2015) hat in einer Gruppe mit Ausbildungskandidaten versucht, diesem Neid auf den Grund zu gehen. Sie schreibt:
„Dank der Unverblümtheit, mit der wir verschiedene Themen in unserer Gruppe zu diskutieren versuchten, konnten wir verstehen, dass die guten Ideen anderer Menschen manchmal Neid und destruktive Gefühle in jedem von uns wecken: Es ging um jene Art von Neid, die in ihrem Kern den unbewussten Wunsch beinhaltet, die Idee der anderen Person zu zerstören, also jenen Gedanken, den wir gerne selbst gehabt hatten. … Dass wir in der Lage waren, uns dieser neidischen Impulse bewusst zu werden, half uns, sie zu überwinden; wir lernten nicht nur, die Tatsache zu akzeptieren, dass andere Menschen interessante Dinge mit uns teilen können, sondern wir waren auch zunehmend fähig, uns wirklich für ihre Vorstellungen zu interessieren und uns darüber zu freuen.“ …
„Unsere eigenen unbewussten Neidgefühle verführen uns dazu, in unseren Diskussionspartnern jenen Neid zu wecken, von dem wir annehmen, dass er bereits in ihnen schlummert. Diese Form der inszenierenden Abwehr kann unsere eigene Gedankenfreiheit blockieren … Es wurde während der Diskussionen deutlich, dass es den Mitgliedern der Gruppe half, ihr eigenes Denken genauer unter die Lupe zu nehmen und eigene Gedanken zu entwickeln, wenn ein anderer Teilnehmer eine eigene Idee zur Sprache brachte. Jede Idee war hilfreich. Diese Überzeugung ermutigte alle Anwesenden, ihre eigenen Gedanken zu äußern.“ Danielle Quinodoz: Wie vermitteln wir einem Supervisanden die Unerschrockenheit, Analytiker zu sein? Aus: Ausgewählte Beiträge aus dem International Journal of Psychoanalysis: Die Tägliche Unerschrockenheit des Psychoanalytikers (2007) Int. Psychoanalyse (2): 15-41, pep-web.org/browse/anijp-de/volumes/2
Milde kommt
Hat man selbst schon ein paar Schäfchen im Trockenen, wird man milder gestimmt. Neid ist etwas, was sich schwer thematisieren lässt – vor allem gibt es nur selten Gespräche zwischen dem Neider und dem Beneideten über den Neid. Manche ziehen sich zurück, andere nehmen kontraphobisch alle möglichen Ämter an, um das Gefühl zu haben, mehr beeinflussen zu können und die anderen besser kennenzulernen. Wieder andere verspüren kaum Neid und sind in gutem, befriedigenden Kontakt mit den anderen Ausbildungskandidaten.
Wenn es gelingt, den Neid wahrzunehmen und zur Sprache zu bringen, kann sich viel Gutes entwickeln. In der eigenen Ausbildung lernt man auch die eigenen Vorlieben und Schwerpunkte kennen. Danielle Quinodoz schreibt: „Jeder von uns hatte einen bestimmten Bereich an beruflichem Wissen, von dem die anderen Mitglieder wenig Ahnung hatten.“
Manchmal denke ich in der Ausbildung an das Finale von „Riverdance“ (Youtube), wo es vom Solo-Tanz hin zur Gruppe geht. Am Ende erscheint die Gruppe gleichförmig und doch hat jeder seinen ganz eigenen Weg gehabt, um dorthin zu kommen. „Wir sind Ausbildungskandidaten“, können wir jetzt sagen. Und später vielleicht einmal: „Wir sind Analytiker.“
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psychanalyselaique.wordpress.com/
Ludger M. Hermanns (Hrsg.)
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Bundesärztekammer: Zuständige Stellen zur Erteilung der Approbation
Debatte um Pflichtbereitschaftsdienste ausgelöst. Deutsches Ärzteblatt, 10.2.2017
Antoine Fratini
Président de l’Association Internationale de Psychanalyse Laïque
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Arnold WM Rachman, Harold Kooden (Editors):
Different Paths Towards Becoming a Psychoanalyst
Personal Passions, Subjective Experiences and Unusual Journeys
Routledge 2021
Harald Leupold-Löwenthal:
Ein unmöglicher Beruf: Über die schöne Kunst, ein Analytiker zu sein.
Böhlau Verlag 1997: S. 70: „Solange ich lebe, werde ich mich dagegen sträuben, dass die Psychoanalyse von der Medizin verschluckt wird.“ (Sigmund Freud)
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Manhattan Institute For Psychoanalysis (2018):
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manhattanpsychoanalysis.com/…
Gfäller, Georg:
Interdisziplinäre (Laienanalyse) und Mediation
DGPT-Mitglieder-Rundschreiben 1/2016
www.dgpt.de/mitgliederbereich/
Gabriele Junkers (Hg.):
Psychoanalyse leben und bewahren
Für ein kollegiales Miteinander in psychoanalytischen Institutionen
Psychosozial-Verlag, 1. Auflage 2022
Dieser Beitrag erschien erstmals im Juli 2014.
Aktualisiert am 28.7.2022
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