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Träumen Blinde?

„Ein violetter Apfel – das ist für mich genauso falsch wie für Sie“, hörte ich den blinden Bergsteiger AndyHolzer.com in einer Dokumentation einmal sagen. Auch Blinde können innerlich Dinge „abbilden“. Viele Vorstellungen, die wir haben, entstehen aus unserem Körperinneren. Wenn wir die Augen schließen und uns unseren Magen vorstellen, den wir ja auch nicht sehen können, haben wir dennoch ein Gefühl für ihn. Wir haben eine Vorstellung von Form und Struktur, von Fülle und Leere, von Magensäure, Hunger und Sattsein. Manche Blinde haben keinen REM-Schlaf, also ihre Augen bewegen sich nicht schnell hin und her beim Träumen. Dennoch träumen sie. (Do Blind People Dream? howtolucid.com/blind-dreaming)

Wir haben auch ohne zu sehen eine Vorstellung von Nähe und Abstand. Wir können streiten, lieben, Angst haben, uns berühren lassen und wir haben Kenntnis von der Lage unseres Körpers im Raum. Wir erfassen so vieles, ohne mit den Augen zu sehen. Und so träumen auch Blinde genauso intensiv wie Sehende, doch während visuelle Eindrücke nur schwach im Traum vertreten sind, träumen Blinde häufiger von Berührungen, Gerüchen und Geräuschen (Kerr et al., 1982).

Traumverlust beim Charcot-Wilband-Syndrom

Menschen, die einen Schlaganfall in der hinteren Hirnregion (im „Okzipitallappen“) erlitten haben, können manchmal nicht mehr träumen. Oft erst nach einigen Monaten kommt die Fähigkeit zu träumen zurück. Hier sprechen Mediziner vom „Charcot-Wilbrand-Syndrom“ (CWS), da es von dem Neurologen Jean-Martin Charcot (1825-1893), neurologienetz.de und dem Augenarzt Hermann Wilbrand (1851-1935), Wikipedia genau beschrieben wurde.

Obwohl die Patienten berichten, nicht mehr träumen zu können, kann man dennoch einen REM-Schlaf bei ihnen feststellen. REM = Rapid Eye Movement: Die Augen bewegen sich während des REM-Schlafes schnell hin und her. Bei Gesunden ist der REM-Schlaf mit lebhaften Träumen verbunden.

Wenn wir träumen, träumen wir vorrangig in Bildern. Dabei ist unser hinteres Gehirn, der Okzipitallappen, aktiv. Dort liegt die Sehrinde, die Gesehenes aufnimmt und verarbeitet. Sie ist normalerweise auch bei geschlossenen Augen aktiv, wenn wir uns Bilder vorstellen. Ist diese Region jedoch nach einem Hirninfarkt beschädigt, können die Betroffenen entweder gar nicht mehr sehen und nicht mehr träumen oder z.B. keine Gesichter oder Gegenstände mehr erkennen. Diese Störungen können sich nach einiger Zeit wieder verbessern.

Auch das Frontalhirn und der Hirnstamm sind am Traum beteiligt

Ein einziges „Traumzentrum“ im Gehirn gibt es nicht. Viele verschiedene Hirnareale sind beteiligt. Der REM-Schlaf bzw. die Traumimpulse gehen alle 90 Minuten vom Hirnstamm aus. Und auch das Vorderhirn (Frontalhirn, „Sitz der Persönlichkeit“ und der Emotionsverarbeitung) ist im Traum aktiv. Menschen, deren Frontalhirn verletzt ist, können ebenfalls häufig nicht mehr träumen (siehe Mark Solms im Beitrag von Wolfgang Merkel: „Flüchtige Botschaften der Seele“, Die Welt, 10.6.2006).

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Kerr, Nancy; Foulkes, David; Schmidt, Marcella (1982):
The Structure of Laboratory Dream Reports in Blind and Sighted Subjects
The Journal of Nervous and Mental Disease: May 1982
journals.lww.com/…

Do Blind People Dream? Everything You’ve Wanted To Know
howtolucid.com/blind-dreaming/

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