Es war in der Zeit, als ich in meiner eigenen Lehranalyse merkte, dass es in mir ein beobachtendes, ruhiges Ich gibt, das sich von dem ganzen inneren und äußeren Chaos nicht beeindrucken lässt. In dieser Zeit sagte mir ein Patient, der sich in einer schrecklich aufwühlenden Lage befand: „Und wissen Sie – in all der Aufregung gibt es da etwas in mir, das immer ganz ruhig bleibt und das alles nur beobachtet.“ Ich hatte das Gefühl, dass dieser Satz meine Entdeckung, mein Bewusstwerden, noch vertieft. Solche Wechselwirkungen finde ich in den Therapiestunden immer wieder. Dieser Beruf erscheint mir so sinnvoll, weil er aus vielen kleinen Bausteinen besteht, die gegenseitige Befreiung bewirken. Weiterlesen
In Psychoanalysen braucht man sehr viel Geduld – und den Glauben daran, dass das Wesentliche, um das es geht, schon auftauchen wird. Der britische Psychoanalytiker Wilfred Bion (1897-1979) gilt als der Psychoanalytiker, der für „Intuition“ steht. Gleichzeitig lässt er das Objektive, das Logische nicht aus dem Blick. Bions ehemaliger Analysand James S. Grotstein (1925-2015, Melanie-Klein-Trust) hat in seinem Buch „A Beam of Intense Darkness“ die wichtigsten Erkenntnisse Bions zusammengefasst (Wilfred Bions Legacy to Psychoanalysis, Karnac Books, 2007 und Kommentar von James Grotstein, Karnac). Weiterlesen
Während wir Sport machen, haben quälende Gedanken oft weniger Platz, als wenn wir still im Zimmer sitzen. Das Gehirn konzentriert sich ganz auf die Bewegung: Sowohl motorische als auch sensorische und autonome Hirnregionen sind aktiv. Jene Hirnareale, die während der Bewegung gerade nicht benötigt werden, sind weniger aktiv. Diese Theorie über die Umverteilung der Aktivität im Gehirn während des Sports nennen Wissenschaftler die „transiente Hypofrontalitätstheorie“ (transient = vorübergehend). Das Frontalhirn (= das Vorderhirn) ist der „Sitz der Persönlichkeit“. Unter anderem hier findet das bewusste Denken statt. Während des Sports ist diese Hirnregion herunterreguliert („hypo“ = griechisches Wort für „unter“).Weiterlesen

Wenn wir wütend sind, dann haben wir manchmal das Gefühl, unser Gegenüber ist aggressiv. Insbesondere dann, wenn wir uns lieber als friedfertig wahrnehmen und sehr streng mit uns selbst sind. So beruhigen wir unser Gewissen (unser Über-Ich) und meinen, damit unser Selbstwertgefühl zu erhalten. Doch dann befürchten wir, dass die Wut irgendwie zu uns zurückkehrt, z.B. indem der andere uns anschreit oder indem wir unsere Wut doch plötzlich mit aller Macht spüren. So kann es auch mit allen anderen Gefühlen gehen, die wir nach außen „projizieren“.Weiterlesen

Die Mutter lässt nicht los. Sie hat Angst vor dem Verlassenwerden. Jeder Schritt des Kindes eine Bedrohung. Das Kind, es schielt nach der Mutter. Es spürt ihre Angst. Es muss sich heimlich entwickeln. Es klettert eine Etage höher. Die Mutter bemerkt es. Und gerät in Rage. Das Kind will die Mutter schützen. Es zeigt ihr mutig: „Schau her, ich bin eine Stufe höher gekommen, aber ich freue mich nicht daran. Ich bleibe bei Dir.“ Das Kind sitzt eingesperrt mit der Mutter im Turm. Es heißt Rapunzel. Weiterlesen
Manchmal habe ich Patienten vor mir sitzen, die wirken, als würden sie gerade etwas Schönes träumen. Ich selbst bin irritiert. Was ist das? „Wissen Sie, ich mache gerade eine Low-Dose-LSD-Therapie“, sagen mir dann manche. Mir fällt auf, dass Menschen mit sehr schwerem psychischen Leid nach Therapieformen wie dieser fragen. Oft werde ich auch gefragt, was ich von Psilocybin- oder Ketamin-gestützten Psychotherapien halte. Ich halte da nichts von. Die Psychotherapeutenwelt spaltet sich gerade in diejenigen, die sich damit auskennen und es befürworten und diejenigen, die sich davon fernhalten. Weiterlesen
Jahrelang ringt man in der Psychoanalyse um Erkenntnisse. Irgendwann dämmert es einem, warum man da ist, wo man gerade ist und warum man es früher nicht anders machen konnte. Und dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Jetzt weiß man, warum man nicht seinen Traumberuf ergriffen hat, warum man kein Geld hat, warum man krank geworden ist, warum man keinen Partner finden und/oder kein Kind bekommen konnte. Doch jetzt ist es für manches zu spät. Der Schmerz, der dann entsteht, ist unendlich groß. Will man noch retten, was zu retten ist, oder will man einfach verbittern?Weiterlesen
Was nicht bewusst ist und daher nicht mit Worten ausgedrückt werden kann, das agieren wir häufig aus. Wenn wir eine Psychotherapie machen und uns etwas gänzlich unbewusst ist, dann stellen wir unsere Probleme mithilfe von Handlungen dar. Wir kommen vielleicht ständig zu spät und machen damit unseren Widerwillen deutlich. Wir können unsere „Wut ausagieren“, indem wir dem anderen die Autoscheibe einschlagen. Wenn wir agieren, veranlassen wir andere Menschen zum Reagieren und Mit-Agieren. Sobald die Gründe für das Agieren verstanden sind und wir Vorstellungen und Worte für unser Erleben gefunden haben, können wir darüber nachdenken und darüber sprechen. Unser Agieren lässt dann nach. Weiterlesen
„So würdest Du mit Deinen Patienten nie reden!“, sagt die Frau eines Psychoanalytikers. Und Recht hat sie. Mit Patienten lässt sich so gut umgehen, weil Psychotherapeuten sie nur für jeweils 50 Minuten sehen, weil sie Geld dafür bekommen und weil die Rollen klar verteilt sind. Die Partner und Partnerinnen von Therapeuten verspüren dennoch mitunter Neid auf die Patienten. Während in den Partnerschaften manchmal kaum Zeit für ein Gespräch bleibt, sind dem Patienten, der im Kalender steht, Zeit und Aufmerksamkeit sicher – und im Fall einer Psychoanalyse sogar Jahrelang. Das ist nicht immer leicht zu ertragen.Weiterlesen

Manchen fällt es so richtig erst in einer Psychotherapie auf: Wenn sie nach der Kindheit gefragt werden, haben sie kaum Erinnerungen. Während sich viele etwa ab dem vierten Lebensjahr zumindest an prägende Ereignisse aus der Kindheit erinnern, scheint bei manchen die Kindheit völlig aus dem Gedächtnis gestrichen zu sein. Die Erfahrung in der Psychoanalyse zeigt, dass in diesen Fällen häufig schwer traumatisierende Ereignisse vorlagen. Zum Beispiel ist Erinnerung schwierig, wenn man als Kind kaum Gelegenheit hatte, zu erzählen, denn durch Erzählungen festigt sich auch die Erinnerung. Im Laufe einer Psychoanalyse kehren häufig Erinnerungen zurück und die Analysanden sagen: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich daran noch erinnere!“Weiterlesen