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„Ich liebe Dich“ – warum gehen Gefühle kaputt, wenn wir sie aussprechen?

Ich las einmal ein englisches Stück, das ging ungefähr so: Sie spürte Liebe in ihrem Bauch. Das Gefühl stieg in ihrem Hals auf und legte sich auf ihre Zunge. Sie sprach das Wort „Liebe“ aus. Und es fiel auf den Boden und zerbrach wie Glas in tausend Scherben. | Warum haben wir so oft den Eindruck, dass unser Gefühl stirbt, wenn wir es aussprechen? Vielleicht, weil die Worte unserem Gefühl nicht immer gerecht werden können. Unsere Gefühle sind oft so unaussprechlich, dass wir spüren: Das Wort kann nicht annähernd ausdrücken, was wir wirklich fühlen. Vielleicht denken wir, der andere will von uns hören, was wir fühlen – so wie Erwachsene zu einem Kind manchmal sagen: „Was sagt man da?“, um das Wort „Danke“ zu hören. Doch dadurch wird etwas Wertvolles zerstört: Das Gefühl geht kaputt. Weiterlesen

Tipps gegen Anusschmerzen

Manchmal leiden wir unter Schmerzen am Anus, ohne dass wir Schäden wie z.B. Hämorrhoiden oder Fissuren dort haben. Meiner Erfahrung nach sind die Ursachen oft Kälte und zu viel Essen am Abend. In einer Studie aus dem Jahr 1986 (Dodi et al.) konnte gezeigt werden, wie Kälte den Druck im Anus erhöhen kann. So höre ich auch oft, dass Betroffene (gerade auch Kinder) nach einem längeren Besuch im Schwimmbad über Anusschmerzen klagen. Anusschmerzen können sich ähnlich anfühlen wie ein Vaginismus, also eine schmerzhafte Verkrampfung der Vagina. Der innere Anusschließmuskel besteht aus glatter Muskulatur, die wir kaum bewusst steuern können, ähnlich wie die übrige Darmmuskulatur. Weiterlesen

Das Tourette-Syndrom aus psychoanalytischer Sicht

Billie Eilish hat es, Jan Zimmermann beschreibt sein Tourette-Syndrom sehr anschaulich in seinen Videos „Gewitter im Kopf“ und im Fernsehen finden sich immer häufiger Menschen, die von dieser Erkrankung erzählen. Dabei leiden die Betroffenen unter nicht oder nur schwer kontrollierbaren Bewegungen (Tics) und Ausbrüchen von Worten, kurzen Sätzen und Geräuschen bzw. Stimmlauten (Vokalisationen). Sehr oft sind es aggressive, provokante und obszöne Worte, die plötzlich aus den Betroffenen ausschießen. Weiterlesen

Wie kann ich meine Impulse in der Gruppe aushalten? Oder: In Balintgruppen auf die Sachfragen verzichten

In Balintgruppen stellen Therapeuten ihre Patienten vor. Sie erzählen von einer Szene, die sie bewegt. Dann sollen sie sich schweigend zurückziehen und hören, was die Gruppe dazu sagt. Manche Gruppenleiter fügen noch eine „Sachfragen-Runde“ ein: „Hat noch jemand aus der Gruppe eine sachliche Frage zu dem Erzählten?“ Weiterlesen

Der innere Kritiker – bin ich das selbst oder kommt er von außen?

„Wag‘ es Dich ja nicht!“, zischte uns die strenge Mutter zu. „Du wirst schon sehen, was Du davon hast“, sagte der Vater. Wir hörten es oft. Wenn wir als Erwachsene vor einer Entscheidung stehen, kommt die Erinnerung: „Wag‘ es Dich nicht!“, hören wir eine Stimme in uns. Wir verbieten uns das Gute. „Es ist, als sei da ein ganz anderer Mensch in mir, der so mit mir spricht“, sagt der Patient über seine innere kritische Stimme. „Diese Stimme ergab früher vielleicht einen Sinn, aber heute tut sie es nicht mehr“, sagt der Therapeut in der Schematherapie. Aber warum fühlt es sich dann immer noch sinnvoll an?Weiterlesen

Warum können wir uns oft nicht an unsere Träume erinnern?

„Why can’t some people remember their dreams?“, lautet der Titel eines Beitrags von Stephen Dowling auf BBC.com vom 17.5.2019. Hier erklärt die Traumforscherin Deirdre Barrett, dass die Traumbilder zu durcheinander sind, als dass wir sie uns merken könnten. Je mehr Ordnung und hervorstechende Details es im Traum gebe, desto besser könnten wir ihn uns merken. Die Fähigkeit, sich an einen Traum zu erinnern hängt auch davon ab, wieviel Bewusstsein im Traum dazugemischt ist. Träume, die wir vor Mitternacht haben, sind oft besonders tief, weil der Schlaf so tief ist. Da ist luzides (also gesteuertes) Träumen kaum möglich – unser Bewusstsein, so wie wir es vom Tag her kennen, ist da quasi ausgeschaltet. Weiterlesen

Unser Körperbild und Körperschema hängen auch mit unseren Bindungserfahrungen zusammen

Die Begriffe „Körperbild“ und „Körperschema“ werden oft gleichsinnig benutzt und sind nicht streng definiert. Je mehr ich über diese Begriffe lese, desto verwirrter bin ich. Der italienische Psychologe Massimo Cuzzolaro schreibt (2018): „However, there are no reliable definitions of these two notions that were and are often used interchangeably, as synonyms, in a confused way. Body schema and body image are metaphorical expressions.“ Cuzzolaro Massimo (2018): Body Schema and Body Image: History and Controversies. In: Body Image, Eating, and Weight. Springer, 2018.

„Körperschema meint nach (Sir Henry) Head* die neurophysiologische Repräsentanz der gemachten Erfahrungen. Körperbild bezeichnet nach (Paul) Schilder, psycalpha.net, (1886-1940) die phänomenale Körperlichkeit in den Beziehungen zur Umwelt, als ‚Summe aller auf den Körper bezogenen Empfindungen‘.“ Anne Budjuhn: Körperbild. Wörterbuch der Psychotherapie: S. 375-376, link.springer.com. Die Autorin Anne Budjuhn schreibt auch, dass die Fähigkeit zur Symbolisierung gestört werden kann, wenn sich das Körperbild bzw. das Körperschema nicht richtig entwickeln können.
* Nach Henry Head (1861-1940) sind auch die „Headschen Zonen“ benannt, also die Areale auf der Körperoberfläche, die breitflächig von einem Nerven und seinen Verästelungen durchzogen werden.

Wenn man sagt, dass magersüchtige Menschen eine „Körperschemastörung“ haben, dann heißt das, dass sie sich – im Vergleich zu „normalen“ Frauenkörpern – als zu dick empfinden. Sie empfinden sich als dicker als sie in Wirklichkeit sind. Die „Repräsentanz“ über die Körperproportionen stimmt dann also nicht: Was sich die Patientinnen vorstellen bzw. was sie fühlen ist anders als das, was Waage und Zentimetermaß sagen.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Leuschner schreibt: „Der Begriff ‚Körperbild‘ ist bekanntlich von dem Wiener Psychoanalytiker und Neuropathologen Paul Schilder (1886-1940) geprägt worden.“
„Paul Schilders Körperbild-Modell und der ‚Body Intercourse'“, Psyche Klett-Cotta 2017, Heft 2.
Leuschner erklärt, dass das Körperbild ein dreidimensionales Bild unseres Körpers sei, das Folge von Berührungen, Bewegungen und optischen Eindrücken ist. (Wolfgang Leuschner: Einschlafen und Traumbildung, Brandes&Apsel 2011: S. 93, amazon). Leuschner schreibt auch: „Allerdings zeigt heute eine schon oberflächliche Durchsicht der Literatur eine kaum überschaubare begriffliche und konzeptuelle Unschärfe, ja Konfusion dieses Begriffs.“ (S. 93)

„Das Körperbild kann durch einen Introjektions-Projektions-Mechanismus verändert werden.“ (Schilder, 1923). In: Renate Schwarze: Körperbildstörungen. Wörterbuch der Psychotherapie, Springer: S. 376

Der Psychiater und Psychologe Serge Sulz schreibt: „Henry Head (1861-1940) hat 1920 den Begriff des Körperschemas geprägt: als einem neurophysiologischen Vergleichsstandard, der hilft, afferente propriozeptive Impulse zu identifizieren, z.B. Änderungen der Körperhaltung, und der zudem der Lokalisation von Oberflächenreizen dient.“ Sulz, S.K.D. (1987): Eine Methode zur Erfassung des Körperbildes: Mein Körper als kognitives Konzept in einem Bedeutungsraum. In: Lamprecht, F. (Hrsg.): Spezialisierung und Integration in Psychosomatik und Psychotherapie. Springer-Verlag

Im Dresdner Körperbildfragebogen DKB-35 steht: „Der Begriff Körperbild bezeichnet ein mehrdimensionales Konstrukt, das ‚one’s body-related self-perceptions and self-attitudes, including thoughts, beliefs, feelings and behaviors‘ (Cash, 2004) umfasst.“ (Diagnostische Verfahren in der Sexualwissenschaft, Hogrefe, 2014: S. 62; Cash F.T. 2004: Body image: Past, present, future.)

Ein Körperschema kann erweitert werden: „Diese verkörperte Dimension des Selbst ist so eng an die Interaktion mit der Umwelt gebunden, dass seine Grenzen nicht einmal notwendig mit denen des Körpers zusammenfallen. Beim geschickten Werkzeuggebrauch, etwa beim Klavierspielen oder Autofahren, schließen sich die Instrumente an das Körperschema an und werden zu Teilen des fungierenden Leibes; daher spürt der Blinde den Boden an der Spitze seines Stocks, nicht in seiner Hand.“
Thomas Fuchs: Selbst und Schizophrenie. Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Akademie Verlag 60 (2012) 6: S. 889, www.degruyter.com

Unser Körperbild hängt auch mit unseren Bindungserfahrungen zusammen

Wenn Du an einer Angststörung leidest, dann hängt Deine Angst möglicherweise auch damit zusammen, dass es Dir Angst macht, von anderen Menschen abhängig zu sein. Angewiesen zu sein auf andere Menschen bedeutet, darauf zu hoffen, dass die anderen es gut mit Dir meinen. Wenn Du in sehr unsicheren Bindungen großgeworden bist, empfindest Du die Bindung zu anderen Menschen möglicherweise als sehr wackelig. Du fragst Dich vielleicht ständig, ob Du dem anderen vertrauen kannst. Ähnlich kann es Dir mit Deinem Körper gehen: Du bist Dir nicht sicher, ob Dein Körper verlässlich ist oder ob er Dich im Stich lässt oder von irgendwoher angreift. Du erlebst Deinen Körper vielleicht als unberechenbar und auch unattraktiv. All das hängt miteinander zusammen.

Die amerikanischen Wissenschaftler Thomas F. Cash und Kollegen haben hierzu bereits 2004 eine Studie veröffentlicht, die zeigt: Unsichere Bindungen und ein gestörtes Körperbild hängen zusammen.

Die Wissenschaftler befragten 103 männliche und 125 weibliche College-Studenten nach ihrem Körperbild, ihrer sozialen Angst, ihrer Angst vor Intimität, ihrem Bindungsstil und ihren Liebesbeziehungen. Bei beiden Geschlechtern zeigte sich, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Körperbild und sozialer Angst gab: Je schlechter das Bild vom eigenen Körper, desto stärkere soziale Ängste waren vorhanden. Bei Frauen hing das Körperbild zusätzlich stark mit dem Thema „Liebesbeziehung“ zusammen. Bei beiden Geschlechtern waren Störungen des Körperbildes mit wenig sicheren Bindungen verknüpft.

Was kannst Du tun?

Das Gute bei diesen komplexen Zusammenhängen ist, dass Du eigentlich überall ansetzen kannst. Du kannst versuchen, Deinen Körper besser kennenzulernen. Dazu kannst Du Anleitungen zur Achtsamkeit lesen, schwimmen gehen, einen Yogakurs machen und vieles mehr. Wenn Du Deine Beziehungsfähigkeit verbessern möchtest, kannst Du eine Psychotherapie oder Psychoanalyse (Analytische Psychotherapie) anstreben. Wo immer Du Dich mit der Beziehungsfähigkeit beschäftigst, liegen Möglichkeiten zur Entwicklung.

Auch im traditionellen Yoga heisst es: Ohne Beziehung kein Yoga. Du kannst versuchen, einen Yogalehrer zu finden, der Einzelunterricht anbietet. Aber auch das Erlernen eines Musik-Instruments oder der Anschluss an eine Gruppe wie z.B. an einen Kirchenchor oder an eine buddhistische Gruppe (= Sangha) kann Dir dabei helfen, Dich selbst besser kennenzulernen. Das geht oft zunächst über aversive Gefühle – über Unsicherheit, über das Gefühl, steckenzubleiben oder über das Gefühl, sich vergeblich anzustrengen. Doch wenn Du Dir Zeit gibst und mit den Menschen um Dich herum vertrauter wirst, können sich Ängste reduzieren. Oft wächst das Gefühl, attraktiver zu werden in dem Maße, in dem Du Dich selbst besser kennenlernst.

Es ist sehr schwierig, sich einzugestehen, dass sich manches im Alleingang nur sehr schwer verändern lässt und es ist mit vielen Ängsten verbunden, weil Du nicht weißt, wer Dir helfen wird und wie es ausgeht mit Deinen Problemen. Doch allein schon die Suche bringt Bewegung in Deine Schwierigkeiten und kann Dich aus dem Stillstand herausführen.

Verwandte Beiträge in diesem Blog:

Literatur:

Leuschner, Wolfgang (2011):
Körpergefühl, Körperbild, Körperschema im Einschlafvorgang.
In: Wolfgang Leuschner: Einschlafen und Traumbildung:
Psychoanalytische Studie zur Struktur und Funktion des Ichs
und des Körperbildes im Schlaf.
Brandes und Apsel, 2011: S. 93, amazon

Lemche, Erwin. (1993, 2006):
Das Körperbild in der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie
Verlag Dietmar Klotz, 2006, amazon

Von Arnim, Angela; Joraschky, Peter; Lausberg, Hedda (2007):
Körperbild-Diagnostik
In: Peter Geißler (Mitbegründer der analytischen Körperpsychotherapie) und Günter Heisterkamp (Hrsg.):
Psychoanalyse der Lebensbewegungen
Springer, Wien 2007: 165-196, www.bisp-surf.de/…

Karin Pöhlmann , Marcus Roth , Elmar Brähler , Peter Joraschky
Der Dresdner Körperbildfragebogen (DKB-35): Validierung auf der Basis einer klinischen Stichprobe
The Dresden Body Image Inventory (DKB-35): Validity in a Clinical Sample
Psychother Psychosom Med Psychol 2014; 64(03/04): 93-100
DOI: 10.1055/s-0033-1351276
www.thieme-connect.com/…

Francoise Dolto (2023):
The unconscious Body Image
Routledge 2023,
www.routledge.com…
Klick ins Buch (Google)

Frankfurter Körperkonzeptskalen (FKKS)
www.testzentrale.de/shop/…

Thomas F. Cash et al. (Old Dominion University, Norfolk, Virginia, USA):
Body Image in an Interpersonal Context: Adult Attachment, Fear of Intimacy and Social Anxiety.
Journal of Social and Clinical Psychology: Vol. 23, 1 Special Issue: Body Image and Eating Disorders: Influence of Media Images, pp. 89-103
doi: 10.1521/jscp.23.1.89.26987
guilfordjournals.com/doi/abs/10.1521/jscp.23.1.89.26987

Francoise Dolto:
The Unconscious Body Image
Routledge, 2022
amazon.de

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 5.12.2020
Aktualisiert am 15.5.2023

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