Die Begriffe „Körperbild“ und „Körperschema“ werden oft gleichsinnig benutzt und sind nicht streng definiert. Je mehr ich über diese Begriffe lese, desto verwirrter bin ich. Der italienische Psychologe Massimo Cuzzolaro schreibt (2018): „However, there are no reliable definitions of these two notions that were and are often used interchangeably, as synonyms, in a confused way. Body schema and body image are metaphorical expressions.“ Cuzzolaro Massimo (2018): Body Schema and Body Image: History and Controversies. In: Body Image, Eating, and Weight. Springer, 2018.
„Körperschema meint nach (Sir Henry) Head* die neurophysiologische Repräsentanz der gemachten Erfahrungen. Körperbild bezeichnet nach (Paul) Schilder, psycalpha.net, (1886-1940) die phänomenale Körperlichkeit in den Beziehungen zur Umwelt, als ‚Summe aller auf den Körper bezogenen Empfindungen‘.“ Anne Budjuhn: Körperbild. Wörterbuch der Psychotherapie: S. 375-376, link.springer.com. Die Autorin Anne Budjuhn schreibt auch, dass die Fähigkeit zur Symbolisierung gestört werden kann, wenn sich das Körperbild bzw. das Körperschema nicht richtig entwickeln können.
* Nach Henry Head (1861-1940) sind auch die „Headschen Zonen“ benannt, also die Areale auf der Körperoberfläche, die breitflächig von einem Nerven und seinen Verästelungen durchzogen werden.
Wenn man sagt, dass magersüchtige Menschen eine „Körperschemastörung“ haben, dann heißt das, dass sie sich – im Vergleich zu „normalen“ Frauenkörpern – als zu dick empfinden. Sie empfinden sich als dicker als sie in Wirklichkeit sind. Die „Repräsentanz“ über die Körperproportionen stimmt dann also nicht: Was sich die Patientinnen vorstellen bzw. was sie fühlen ist anders als das, was Waage und Zentimetermaß sagen.
Der Psychoanalytiker Wolfgang Leuschner schreibt: „Der Begriff ‚Körperbild‘ ist bekanntlich von dem Wiener Psychoanalytiker und Neuropathologen Paul Schilder (1886-1940) geprägt worden.“
„Paul Schilders Körperbild-Modell und der ‚Body Intercourse'“, Psyche Klett-Cotta 2017, Heft 2.
Leuschner erklärt, dass das Körperbild ein dreidimensionales Bild unseres Körpers sei, das Folge von Berührungen, Bewegungen und optischen Eindrücken ist. (Wolfgang Leuschner: Einschlafen und Traumbildung, Brandes&Apsel 2011: S. 93, amazon). Leuschner schreibt auch: „Allerdings zeigt heute eine schon oberflächliche Durchsicht der Literatur eine kaum überschaubare begriffliche und konzeptuelle Unschärfe, ja Konfusion dieses Begriffs.“ (S. 93)
„Das Körperbild kann durch einen Introjektions-Projektions-Mechanismus verändert werden.“ (Schilder, 1923). In: Renate Schwarze: Körperbildstörungen. Wörterbuch der Psychotherapie, Springer: S. 376
Der Psychiater und Psychologe Serge Sulz schreibt: „Henry Head (1861-1940) hat 1920 den Begriff des Körperschemas geprägt: als einem neurophysiologischen Vergleichsstandard, der hilft, afferente propriozeptive Impulse zu identifizieren, z.B. Änderungen der Körperhaltung, und der zudem der Lokalisation von Oberflächenreizen dient.“ Sulz, S.K.D. (1987): Eine Methode zur Erfassung des Körperbildes: Mein Körper als kognitives Konzept in einem Bedeutungsraum. In: Lamprecht, F. (Hrsg.): Spezialisierung und Integration in Psychosomatik und Psychotherapie. Springer-Verlag
Im Dresdner Körperbildfragebogen DKB-35 steht: „Der Begriff Körperbild bezeichnet ein mehrdimensionales Konstrukt, das ‚one’s body-related self-perceptions and self-attitudes, including thoughts, beliefs, feelings and behaviors‘ (Cash, 2004) umfasst.“ (Diagnostische Verfahren in der Sexualwissenschaft, Hogrefe, 2014: S. 62; Cash F.T. 2004: Body image: Past, present, future.)
Ein Körperschema kann erweitert werden: „Diese verkörperte Dimension des Selbst ist so eng an die Interaktion mit der Umwelt gebunden, dass seine Grenzen nicht einmal notwendig mit denen des Körpers zusammenfallen. Beim geschickten Werkzeuggebrauch, etwa beim Klavierspielen oder Autofahren, schließen sich die Instrumente an das Körperschema an und werden zu Teilen des fungierenden Leibes; daher spürt der Blinde den Boden an der Spitze seines Stocks, nicht in seiner Hand.“
Thomas Fuchs: Selbst und Schizophrenie. Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Akademie Verlag 60 (2012) 6: S. 889, www.degruyter.com
Wenn Du an einer Angststörung leidest, dann hängt Deine Angst möglicherweise auch damit zusammen, dass es Dir Angst macht, von anderen Menschen abhängig zu sein. Angewiesen zu sein auf andere Menschen bedeutet, darauf zu hoffen, dass die anderen es gut mit Dir meinen. Wenn Du in sehr unsicheren Bindungen großgeworden bist, empfindest Du die Bindung zu anderen Menschen möglicherweise als sehr wackelig. Du fragst Dich vielleicht ständig, ob Du dem anderen vertrauen kannst. Ähnlich kann es Dir mit Deinem Körper gehen: Du bist Dir nicht sicher, ob Dein Körper verlässlich ist oder ob er Dich im Stich lässt oder von irgendwoher angreift. Du erlebst Deinen Körper vielleicht als unberechenbar und auch unattraktiv. All das hängt miteinander zusammen.
Die amerikanischen Wissenschaftler Thomas F. Cash und Kollegen haben hierzu bereits 2004 eine Studie veröffentlicht, die zeigt: Unsichere Bindungen und ein gestörtes Körperbild hängen zusammen.
Die Wissenschaftler befragten 103 männliche und 125 weibliche College-Studenten nach ihrem Körperbild, ihrer sozialen Angst, ihrer Angst vor Intimität, ihrem Bindungsstil und ihren Liebesbeziehungen. Bei beiden Geschlechtern zeigte sich, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Körperbild und sozialer Angst gab: Je schlechter das Bild vom eigenen Körper, desto stärkere soziale Ängste waren vorhanden. Bei Frauen hing das Körperbild zusätzlich stark mit dem Thema „Liebesbeziehung“ zusammen. Bei beiden Geschlechtern waren Störungen des Körperbildes mit wenig sicheren Bindungen verknüpft.
Das Gute bei diesen komplexen Zusammenhängen ist, dass Du eigentlich überall ansetzen kannst. Du kannst versuchen, Deinen Körper besser kennenzulernen. Dazu kannst Du Anleitungen zur Achtsamkeit lesen, schwimmen gehen, einen Yogakurs machen und vieles mehr. Wenn Du Deine Beziehungsfähigkeit verbessern möchtest, kannst Du eine Psychotherapie oder Psychoanalyse (Analytische Psychotherapie) anstreben. Wo immer Du Dich mit der Beziehungsfähigkeit beschäftigst, liegen Möglichkeiten zur Entwicklung.
Auch im traditionellen Yoga heisst es: Ohne Beziehung kein Yoga. Du kannst versuchen, einen Yogalehrer zu finden, der Einzelunterricht anbietet. Aber auch das Erlernen eines Musik-Instruments oder der Anschluss an eine Gruppe wie z.B. an einen Kirchenchor oder an eine buddhistische Gruppe (= Sangha) kann Dir dabei helfen, Dich selbst besser kennenzulernen. Das geht oft zunächst über aversive Gefühle – über Unsicherheit, über das Gefühl, steckenzubleiben oder über das Gefühl, sich vergeblich anzustrengen. Doch wenn Du Dir Zeit gibst und mit den Menschen um Dich herum vertrauter wirst, können sich Ängste reduzieren. Oft wächst das Gefühl, attraktiver zu werden in dem Maße, in dem Du Dich selbst besser kennenlernst.
Es ist sehr schwierig, sich einzugestehen, dass sich manches im Alleingang nur sehr schwer verändern lässt und es ist mit vielen Ängsten verbunden, weil Du nicht weißt, wer Dir helfen wird und wie es ausgeht mit Deinen Problemen. Doch allein schon die Suche bringt Bewegung in Deine Schwierigkeiten und kann Dich aus dem Stillstand herausführen.
Leuschner, Wolfgang (2011):
Körpergefühl, Körperbild, Körperschema im Einschlafvorgang.
In: Wolfgang Leuschner: Einschlafen und Traumbildung:
Psychoanalytische Studie zur Struktur und Funktion des Ichs
und des Körperbildes im Schlaf.
Brandes und Apsel, 2011: S. 93, amazon
Lemche, Erwin. (1993, 2006):
Das Körperbild in der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie
Verlag Dietmar Klotz, 2006, amazon
Von Arnim, Angela; Joraschky, Peter; Lausberg, Hedda (2007):
Körperbild-Diagnostik
In: Peter Geißler (Mitbegründer der analytischen Körperpsychotherapie) und Günter Heisterkamp (Hrsg.):
Psychoanalyse der Lebensbewegungen
Springer, Wien 2007: 165-196, www.bisp-surf.de/…
Karin Pöhlmann , Marcus Roth , Elmar Brähler , Peter Joraschky
Der Dresdner Körperbildfragebogen (DKB-35): Validierung auf der Basis einer klinischen Stichprobe
The Dresden Body Image Inventory (DKB-35): Validity in a Clinical Sample
Psychother Psychosom Med Psychol 2014; 64(03/04): 93-100
DOI: 10.1055/s-0033-1351276
www.thieme-connect.com/…
Francoise Dolto (2023):
The unconscious Body Image
Routledge 2023,
www.routledge.com…
Klick ins Buch (Google)
Frankfurter Körperkonzeptskalen (FKKS)
www.testzentrale.de/shop/…
Thomas F. Cash et al. (Old Dominion University, Norfolk, Virginia, USA):
Body Image in an Interpersonal Context: Adult Attachment, Fear of Intimacy and Social Anxiety.
Journal of Social and Clinical Psychology: Vol. 23, 1 Special Issue: Body Image and Eating Disorders: Influence of Media Images, pp. 89-103
doi: 10.1521/jscp.23.1.89.26987
guilfordjournals.com/doi/abs/10.1521/jscp.23.1.89.26987
Francoise Dolto:
The Unconscious Body Image
Routledge, 2022
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 5.12.2020
Aktualisiert am 15.5.2023
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Manchmal wird es uns plötzlich übel, ohne dass wir wissen, warum. Möglicherweise erleben wir gerade eine Situation, die wir unbewusst mit einer früheren Situation verknüpfen, die wir als überwältigend erlebten. Bereits damals wurde uns übel, denn das Überwältigende konnten wir nicht gänzlich aufnehmen – wir versuchten es, wieder auszustoßen. Vorgänge wie diese lassen sich mit dem Begriff „Embodiment“ beschreiben: Psychisches ist nicht nur in unserer Psyche vorhanden, sondern auch in unserem Körper. Weiterlesen
Es ist still. Nur der Atem geht. Einer schlägt die Beine übereinander. Einer streicht sich mit der Hand durch das Gesicht. Schlucken. Die Uhr tickt. Ein Räuspern. Darmgeräusche. Spannung auf der Haut. Leichte Übelkeit. Schwindet wieder. Wechselt mit Wohlgefühl. Die Ohren lauschen. Die Augen geschlossen. Wieder offen. Wo sind die Grenzen? Über dem Körper eine Schicht, die man nicht sieht. Ob der andere wohl darauf blickt und starrt und beobachtet? Ob er nur schaut? Oder sich lustig macht? Ob er gleich angreift – im Guten wie im Bösen? Oder gar schläft? Weiterlesen
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