Schematherapie und Psychoanalyse ähneln sich in mancher Hinsicht

Die Schematherapie, entwickelt zwischen 1985 und 1998 von Jeffrey Young (Wikipedia), gehört zur Dritten Welle der Verhaltenstherapie. Hier wird die Kindheit stark berücksichtigt. Schematherapeuten gehen davon aus, dass es „Lebensfallen“ (Schemata) gibt, die uns in unserer Entwicklung behindern und die im Laufe unserer Kindheit und Jugend entstanden sind. Dies entspricht in etwa dem Begriff der „Fixierung“ in der Psychoanalyse. Es gibt 18 Schemata (gut aufgelistet auf der Website der Psychotherapeutin Ellen Gross) und unzählige Modi, also Arten des Umgangs mit unseren Hemmnissen. Während ein „Schema“ eher etwas Tiefsitzendes aus der Kindheit ist (ein „Trait“), ist der „Modus“ etwas später Hinzugekommenes – etwas, das der Patient weiter aus seinem Schema entwickelt hat (ein „State“).
Zu den Grundmodi gehören der Kindmodus, der Bewältigungsmodus (z.B. Überkompensation), der schädigende Elternmodus und der Modus des gesunden Erwachsenen. Begründer der Schematherapie ist Jeffrey Young (schematherapysociety.org).
Der Schematherapeut Dr. med. Eckhard Rödiger beschreibt die Schema-Therapie anschaulich in einem Youtube-Video. Die Schematherapie steht auf diesen drei Beinen:
- Alle Interventionen werden auf das Modell verwendet. Es finden sich Elemente der Konsistenztheorie von Klaus Grawe (basierend auf den Grundbedürfnissen nach Kontrolle, Bindung, Selbstwert und Lustgewinn), der Plan-Analyse nach Franz Caspar (ein Schwerpunkt: Verbindung zwischen Bedürfnis und Verhalten, Stichwort „SORK-Modell“ = Stimulus-Organismus-Response-Konsequenz), der Entwicklungstheorie nach Jean Piaget und der Polyvagaltheorie nach Stephen Porges.
- Erlebnisaktivierende Techniken, übernommen aus der Gestalttherapie und dem Psychodrama und an die Schematherapie angepasst.
- Beziehungsgestaltung: Der Therapeut ist pädagogisch ausgerichtet und übernimmt die Elternrolle – zuerst beschützend, späterhin fördernd und zur Selbstständigkeit ermutigend. In der Therapie wechseln sich Erlebnis-Ebene und Reflexions-Ebene ab (was auch ein Grundprinzip er Psychoanalyse ist): Zuerst sind Therapeut und Patient im Erleben, danach sprechen sie über das gemeinsame Erleben.
Der Wechsel zwischen Erlebens- und Reflexionsebene ist auch charakteristisch für die Psychoanalyse. Was Patient und Analytiker in einer Sitzung erleben, wird nach der erlebten Szene besprochen.
So sieht die Schematherapie aus
Zur Schematherapie gehören unter anderem diese Elemente: Warmherzigkeit des Therapeuten, flexible Termine (in der Psychoanalyse sind feste Termine die Regel), Imaginationsübungen, Selbstsicherheitstraining, Exposition, Kognitive Umstrukturierung sowie Psychoedukation. Auch die Psychoanalyse ist inzwischen zur Warmherzigkeit übergegangen (Judd Marmor, 2022: Change in Psychoanalytic Treatment, PDF). Imaginationsübungen, Selbstsicherheitstraining und Psychoedukation kommen direkt in der Psychoanalyse nicht vor, jedoch „träumt“ der Analysand während des Erzählens oder Schweigens. Auch die „Kognitive Umstrukturierung“ erfolgt eher indirekt über Deutungen und Erkenntnisse.
Die Schematherapie wird in drei Phasen eingeteilt: In der Anfangsphase findet die Diagnostik, Problem-Einschätzung und Edukation (Erklärungen zur Störung) statt. Die zweite Phase ist die „Phase der Veränderung“, in der an den Problemen gearbeitet wird. In der Schlussphase soll das Erlernte in den Alltag übertragen werden. Die Schematherapie kann mehrere Jahre dauern. Im Durchschnitt findet die Therapie zweimal pro Woche im Sitzen statt – diese Frequenz ist auch typisch für eine Analytische Psychotherapie. Hier nähern sich Analyse und Schemaherapie an. In der Psychoanalyse finden wir hier auch den Begriff des „Durcharbeitens“, den Sigmund Freud geprägt hat in seiner Trias von „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“ (Sigmund Freud, 1914, Projekt Gutenberg)
Was ist ein Schema?
Eckhard Rödiger erklärt im Youtube-Video, dass die Schematherapie auf die Umstrukturierung der Persönlichkeit abzielt. Dies ist auch eines der Ziele der Psychoanalyse. Der Begriff „Schema“ hängt mit verschiedenen Begriffen zusammen, so Rödiger: mit dem Begriff der „inneren Repräsentanz“ (auch ein typisch psychoanalytischer Begriff) oder dem „Muster“ in der Tiefenpsychologie, dem Schemabegriff von Aaron Beck (siehe Schema Change Processes in cognitive therapy, PDF), dem Schemabegriff von Klaus Grawe, der kognitiven Struktur von Jean Piaget und dem Begriff „Skript“ der Transaktionsanalyse nach Eric Berne. Eine Beziehungserfahrung, die sich verfestigt habe, die „geronnen“ sei, zeige sich auch körperlich in neuronalen Erregungsmustern, so Rödiger.
Was ist der Modus?
„Der Modus ist das, was man sieht“, erklärt Eckhard Rödiger. Hinter dem Modus steckt das Schema. Psychoanalytisch gesprochen liegt hinter der Beziehungsgestaltung die vorbewusste bzw. unbewusste Phantasie.
Von einem Modus (z.B. „Ich fletsche die Zähne“) kann man nicht automatisch auf ein bestimmtes Schema rückschließen. Das Schema ist verborgen. Es kann sein, dass ein überängstlicher Mensch lächelnd die Zähne zeigt, weil er damit seine Angst kompensiert, es kann aber auch sein, dass jemand aggressiv und siegesgewiss seine Zähne zeigt.
Es gibt laut Schematherapie eigentlich undendlich viele Modi, aber drei bis vier Grundmodi:
- Kind-Modi (Zorro-Modus, Verpisser-Modus …) (Modi = Mehrzahl von Modus)
- Innere-Bewerter- und Elternmodi
- Bewältigungsmodi
Zwar spricht die Schematherapie davon, dass man ins Erleben kommen möchte, doch erscheinen mir viele Therapiesituationen in Lehrvideos als sehr „gewollt“ und bewusst denkend. In der Schematherapie arbeitet man meinem Eindruck nach sehr viel mit bewussten Vorstellungen. Im Vergleich dazu können sich in der Psychoanalyse Gefühle, die zwischen Analytiker und Patient entstehen, im Hier und Jetzt langsamer, unkontrollierter und weiter ausbreiten. Psychotherapeutische Interventionen sind oft gerade dann besonders wertvoll, wenn die Gefühle im Moment voll erblüht sind (siehe z.B. Richard Lane et al., 2014). Das lässt sich weniger durch bewusste Steuerung, sondern eher durch Warten und Sich-Entfaltenlassen erreichen. Da hat die Analytische Psychotherapie oder Psychoanalyse mit drei oder vier Terminen pro Woche noch mehr Spielraum. Möglicherweise ist die Schematherapie auch deshalb so wirkungsvoll, weil sie oft zwei mal pro Woche stattfindet und nicht mehr nur einmal pro Woche wie die klassische Verhaltenstherapie.
Limited Reparenting
„Limited Reparenting“, also „begrenzte Nach-Beelterung“ ist ein Begriff aus der Schematherapie. Der Therapeut übernimmt die Rolle von Mutter oder Vater, die/der sich in den Patienten einfühlt und sich wie ein guter Elternteil ihm gegenüber verhält. Dazu gehört auch, dass der Therapeut dem Patienten Grenzen setzt und so etwas sagt wie: „So geht es nicht! Lassen Sie uns über alternative Verhaltensweisen nachdenken.“ Der Therapeut soll nach dieser Idee in einem begrenzten Rahmen die Bedürfnisse des Patienten erfüllen, die damals von den Eltern nicht erfüllt wurden.
Auch in der Psychoanalyse geschieht – eher unausgesprochen – „Nach-Beelterung“. Der Analytiker wird zur Elternfigur. Es besteht eine „asymmetrische Beziehung“: Der Patient liegt auf der Couch (bildlich gesprochen wie ein Kind/Baby), der Analytiker sitzt dahinter (wie ein Erwachsener).
Der Patient erlebt den Analytiker in der Übertragung wie einen Elternteil. Das heißt, er erlebt ihn im negativen Fall als unzureichend, als abweisend und nicht Empathie-fähig.
Es findet jedoch eine Ich-Spaltung statt: Einerseits erlebt der Patient es so, als sei alles wieder Wirklichkeit, andererseits „weiß“ er aber auch, dass eine Art „Spiel“, eine „Re-Inszenierung“ im Gange ist.
Nachbeelterung: Ja und Nein gleichzeitig
Der Patient erfährt dann beides: Er erlebt einen Analytiker, der bei ihm sitzen bleibt und ihm seine Aufmerksamkeit schenkt. So hätte er es sich von den Eltern gewünscht. Gleichzeitig erlebt er, dass sich die „Lücke“ niemals schließen kann: Den Mangel, den der Patient bei seinen Eltern erlebt hat, kann auch der Analytiker bei bester „Be-Elterung“ nicht ausgleichen. Doch er ist da, um mit dem Patienten zusammen den Schmerz auszuhalten.
Im Gegensatz zu den „echten Eltern“, die die Gefühle des Kindes vielleicht nicht ertragen konnten, ist der Therapeut bei der „Nachbeelterung“ für den Patienten ein verlässlicher Halt, der ruhiger ist und auch in aufgeregten Situationen weiterhin über den Patienten nachdenken kann.
Der Unterschied zwischen dem Reparenting in der Schematherapie und demjenigen in der Psychoanalyse besteht aus meiner Sicht in dem Zusammenspiel zwischen Patient und Therapeut: Während der Therapeut in der Schematherapie häufig eine eher „pädagogische Haltung“ einnimmt („So geht es nicht! Ich möchte, dass …“), nimmt der Analytiker eher eine träumerische bzw. eine um Verstehen ringende Haltung ein.
Mehr bewusste Steuerung in der Schematherapie
Während die Schematherapie eher eine „Nachbeelterung“ auf bewusster Ebene liefert, handelt es sich bei der Psychoanalyse eher um ein unbewusstes Miteinander.
Man könnte sagen: In der Schematherapie ist der Therapeut eher Vater/Mutter für das ältere Kind. Der Therapeut kann sozusagen mit dem Kind schon reden und erklärt in seiner Elternrolle, was angemessen ist und was nicht. Die Psychoanalyse spiegelt eher die frühe Mutter-Kind-Beziehung wider. Der Analytiker lässt sich mehr einbinden, träumt mehr, versucht, sich affektiv auf den Patienten einzustellen, wie es eine Mutter beim Säugling tut.
Mehr Zeit in der Psychoanalyse
Im Gegensatz zur Schematherapie, in der der Therapeut Grenzen setzt und rasch auf die bewusste Ebene geht, gibt sich der Therapeut in der Psychoanalyse sehr viel stärker seinen Gegenübertragungsgefühlen hin. So nehmen Gefühle wie Wut, Hass und Zuneigung auf Seiten des Therapeuten in der Psychoanalyse einen ausgedehnteren Raum ein als in der Schematherapie. Dies ist allein dadurch möglich, dass dem Analytiker und dem Patienten mehr Zeit zur Verfügung steht.
Durch die Analyse der Gefühle des Therapeuten (Gegenübertragungsanalyse) lässt sich viel vom Patienten verstehen.
Der Therapeut denkt in der Psychoanalyse entweder für sich im Stillen über seine Zustände nach oder aber er spricht mit dem Patienten darüber oder er entwickelt daraus eine Deutung. Er setzt vergleichsweise selten Grenzen – die Grenze wird durch den strengen Rahmen gesichert.
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Links:
Jeffrey E. Young (1999):
Cognitive Therapy for Personality Disorders: A Schema-Focused Approach
amazon
Donna Orange (1995)
Emotional Understanding
Studies in Psychoanalytic Epistemology
The Guilford Press, 1995
psycnet.apa.org/record/1995-98833-000
Joseph Fernando (2022):
A Psychoanalytic Understanding of Trauma:
Post-Traumatic Mental Functioning, the Zero Process, and the Construction of Reality
Routledge, 2022
www.karnacbooks.com…
Jonathan Shedler:
That Was Then, This Is Now: Psychoanalytic Psychotherapy For The Rest Of Us
Contemporary Psychoanalysis, 2022, Vol. 58, Issue 2-3: Pages 405-437
doi.org/10.1080/00107530.2022.2149038
www.tandfonline.com/…
Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 20.9.2016
Aktualisiert am 24.5.2025