Reizdarm: Psyche und Körper arbeiten zusammen

Wenn du an Reizdarm leidest, brauchst du vor allen Dingen eines: eine eigene Toilette und viel Zeit. Insbesondere in den Morgenstunden solltest Du Dir – wenn eben möglich – viel Zeit einrichten. Das Reizdarmsyndrom verschlimmert sich häufig im Kampf um Pünktlichkeit.

Der Wunsch ist da, allein und ungestört zu sein, doch die Umwelt wirkt mit ihren Erwartungen unbarmherzig: Du sollst funktionieren. Und das erwartest Du auch von Dir selbst. Wenn Du irgendwo bist, wo Du nicht auf Toilette kannst, erscheint Dir die Umwelt feindlich. Wenn Du vor einer Haustür warten musst und Dir erst spät aufgemacht wird, könntest Du den anderen für seine Ahnungslosigkeit verachten.

Das Gegenüber erscheint wie eine Wand aus Unbarmherzigkeit. Der andere wird als fordernd erlebt und als jemand, dem Du nicht mehr aus dem Weg gehen kannst. Die anderen Menschen werden wie ein Entzug der persönlichen Freiheit erlebt. Dabei ist der Körper der Fordernde – er braucht jetzt die Entleerung. Bei Angststörungen kann der Darm manchmal kurz vor dem spürbaren Entleerungs-Druck zu Angstgefühlen führen. Oder umgekehrt: Angst kann zu Darmdruck führen.

Tipp: Du kannst versuchen, einen Euro-WC-Schlüssel zu beantragen. Mehr Infos beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V., www.bsk-ev.org/…

Gedanken und der Dickdarm

Was machen wir mit Gedanken und Gefühlen, die wir nicht ausdrücken dürfen oder wollen? Sie drücken auf den Magen, machen uns Bauchschmerzen und sie machen uns unruhig. Kleine Babys strampeln unruhig mit den Beinen, wenn sie sich entleeren müssen. Uns wird zudem manchmal heiß, wenn der Druck kommt. Die gedehnte Darmmuskulatur sorgt für Wärmegefühle.

Wir wollen keinen „Mist von uns geben“ und kommen manchmal einfach nicht zu Potte. Wir wollen eigentlich niemandem „in den Arsch kriechen“. Wir lassen uns „bescheißen“ und wünschen uns einen Dukatenesel – Geld stinkt nicht.

Mit Druck funktionieren weder Stuhlgang noch das Denken. Am besten funktioniert der Darm, wenn wir nicht über ihn nachdenken müssen. Wenn wir zur Toilette gehen, wenn wir müssen, ist alles gut. Doch wenn wir nicht zur Toilette gehen können, obwohl wir müssen, können sich Reizdarmsymptome verstärken: Krämpfe, Verstopfung und Durchfall sind die Folge. Hinzu kann das Problem der Scham kommen, wenn wir in unangemessenen Situationen plötzlich zur Toilette müssen. Wie soll man danach fragen? Auch die Sorge, auf der Toilette von anderen gehört zu werden, kann einengen. Die Angst vor dem Stuhlgang im Allgemeinen und/oder auf öffentlichen Toiletten heißt Rhypophobie (rhypo = altgriechisch „Dreck, Schmutz“).

Normalerweise wird Wasser im Darm zurück in die Blutbahn resorbiert. Bei Durchfällen ist es umgekehrt: Da heißt es „Wasser marsch“. Paradoxerweise hast Du vielleicht das Gefühl, dass im Darm ein Feuer brennt. Im Yoga heißt das Verdauungsfeuer „Agni“ (european-ayurveda.at/agni).

Der Dickdarm ist nach traditionell chinesischer Medizin verbunden mit der Lunge – auch hier geht es beim Ausatmen um das entspannte Loslassen. Tägliche Atemübungen wie z.B. die Ujjayi-Atmung aus dem Yoga, können meiner Erfahrung nach bei Reizdarm etwas helfen, denn Ujjayi beruhigt den Geist. Dickdarm und Lunge wiederum sind auch mit der Haut verbunden. Es gibt die Vorstellung, dass die Lunge die eingefaltete Haut von oben und der Darm die eingefaltete Haut von unten ist. Die Haut ist ein Ausscheidungsorgan, aber auch ein Kontaktorgan. Der Reizdarm tritt sehr oft in Situationen des Kontaktes auf. Manchmal bekommen wir Durchfall nur dann, wenn wir einer bestimmten Person gegenüberstehen. Die Aggression oder Erregung zu spüren ist wichtig – schon allein das kann helfen, den Druck im Darm zu kanalisieren.

Im Zusammenhang mit Darmkrankheiten ist oft die Rede von „Entgiften, Sanieren und Reinigen“. Wer schmutzige Gedanken hat, ist ein schlechter Mensch. Die Vorstellung, einen sauberen Darm zu haben stimmt mit der Vorstellung überein, innerlich rein zu sein. Wir wollen uns erleichtern.

Bewegung und Imaginationen können helfen

Tägliche Bewegung, am besten ein Ausdauersport, aber auch Tai Chi oder Yoga können den Darm beruhigen. Aus chinesischer Sicht wird beim Sport das Lungen-Chi gestärkt, was wiederum zu einem gesunden Darm führt. Manchmal hilft die Vorstellung, dass man seinen inneren Raum erweitert – psychisch wie körperlich. Man kann sich darin üben, „Ungelöstes“ langsam besser zu tolerieren und Problemen einen inneren Platz zu geben. Auch die Imagination, dass man um sich herum noch einen kleinen Vorgarten mit Zaun hat, der einem Abstand zum Nächsten gibt, kann helfen.

Bereits 1984 haben britische Wissenschaftler an einer kleinen Patientengruppe herausgefunden, dass die Hypnosetherapie bei Reizdarm hilft. Die Studiengruppe bestand aus 30 Teilnehmern mit Reizdarm. Etwa die Hälfte wurde mittels Psychotherapie und einem Scheinmedikament (Plazebo) behandelt, die andere Hälfte erhielt Hypnose. Während sich in der Psychotherapie nur das allgemeine Wohlbefinden und der Schmerz verbesserten, zeigten sich in der Hypnosegruppe beeindruckende Verbesserungen aller Symptome. Die Verbesserungen waren auch noch zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung drei Monate später nachweisbar.

Entschleunigung ist wichtig. Den Druck aus dem Leben zu nehmen, hilft beim Reizdarmsyndrom. Gehe in Deinen Planungen – falls möglich – immer nur so weit, bis Du innerlich an die Grenze des Drucks gerätst. Dann gehe einen Schritt zurück. Nimm nicht auch noch das in Deinen realen Plan auf, was Dir schon gedanklich Druck bereitet. Das ist in vielen Lebensphasen kaum möglich – aber wenn es möglich wird, verbessert sich der Reizdarm oft enorm.

Der Psychotherapeut Daniel Mackler beschreibt auf Youtube, wie er durch den Beruf des Psychotherapeuten Reizdarm bekam und wie die Beschwerden vergingen, nachdem er den Beruf aufgab.

Von medizinischer Seite wird heute oft dazu geraten, Milchprodukte wegzulassen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Kakao und Milch im Kaffee bei mir entscheidende Faktoren sind, um den Reizdarm zu beruhigen. Eine gesunde Ernährung insgesamt, ist sicher hilfreich, aus meiner Sicht insbesondere auch das Weglassen von Zucker.

Vielleicht kannst Du Dir über die Jahre Dein Leben so einrichten, dass Du Raum zu gutem Kochen und Backen hast – das ermöglicht Dir mit großer Wahrscheinlichkeit auch, Deine Reizdarmbeschwerden über die Zeit deutlich zu lindern oder sogar zu verlieren. Das kann jedoch Jahre dauern – wenn Du noch kleine Kinder hast oder viel arbeiten musst und Geldsorgen hast, kann der Reizdarm eine ganze Lebensphase zu Dir gehören.

Reizdarm ist eng verbandelt mit der Stuhlinkontinenz. Bei Frauen können auch die Wechseljahre erheblichen Einfluss auf Reizdarmsymptome und Stuhlinkontinenz haben. Da hilft es immer nur, sich schlau zu machen, auszuprobieren und mit anderen Betroffenen über die Probleme zu sprechen.

Reizdarm ist hartnäckig. Meiner Erfahrung nach hilft nur eine ganzheitliche Lebensveränderung über viele Jahre.

Zwischendurch besser nichts essen?

Wir haben nur noch fünf Minuten Zeit, bis der nächste Klient kommt und stecken uns noch rasch einen Keks in den Mund – nur, um es schon kurz danach zu bereuen: Der Durchfall kommt. Wir merken, wie eng Mund, Magen und Darm zusammenhängen. Kleine Babys entleeren sich oft während des Stillens. Der Magen-Darm-Trakt ist ein zusammenhängender Schlauch aus glatter Muskulatur.

Wird die glatte Muskulatur aktiviert – egal, ob „oben oder unten“, dann reagiert das andere Ende gleich mit. Auch die Gebärmutter besteht aus glatter Muskulatur. Daher neigen manche Frauen zu beschleunigter Verdauung, wenn sie ihre Tage bekommen: Darm und Gebärmutter regen sich gleichzeitig zur Bewegung an.

Nach der chinesischen Organuhr ist der Dickdarm besonders zwischen 5 und 7 Uhr morgens aktiv. Es hilft, morgens so spät wie möglich arbeiten zu gehen.

Bei gesunden ausgeglichenen Erwachsenen sind solche Zusammenhänge oft nicht so deutlich ausgeprägt. Doch wenn wir an Reizdarm leiden, ist das gesamte System empfindlicher, ähnlich wie bei einem Kind. Daher hilft es manchen, vor wichtigen Terminen nichts zu sich zu nehmen – bei anderen wiederum ist es umgekehrt. Es kann sich auch im Laufe der Zeit verändern: Während man eine Zeitlang besser ohne Zwischenmahlzeiten hinkommt, kann es in einer anderen Phase sogar helfen, fünf oder mehr kleine Mahlzeiten am Tag zu haben.

In der mdr-Sendung „Hauptsache gesund“ (7.6.2018) wurde das Thema „Reizdarmsyndrom besprochen. Das ayurvedische Prinzip: Dreimal täglich essen und zwar um 7, um 12 und um 18 Uhr, möglichst leicht bekömmlich, möglichst warm. Mittags darf am meisten gegessen werden, weil das Verdauungsfeuer („Agni“) hier am aktivsten ist. Um festzustellen, ob es hilft, muss man es etwa drei Wochen lang ausprobieren.

Was bei Reizdarm auf die Schnelle sehr entspannend wirken kann, ist ein warmer Druck von unten. Tränke einen Waschlappen oder Toilettenpapier unter dem Wasserhahn mit sehr warmem, fast heißem Wasser. Drücke dann das warmfeuchte Tuch mit sanftem Druck gegen die Dammregion. Du wirst wahrscheinlich direkt eine entspannende Wirkung merken.

Das Reizdarmsyndrom (Colon irritabile, englisch: Irritable Bowel Syndrome, IBS) betrifft möglicherweise viele Menschen, die sexuellen Missbrauch erlebten. Französische Wissenschaftler um Anne-Marie Leroi (1995) befragten in ihrer Studie 344 Patienten und Patientinnen, die sexuell missbraucht worden waren. 40% dieser Patienten litten an funktionellen Problemen des unteren Darmtraktes, also Durchfall und Verstopfung – „funktionell“ bedeutet, dass sich kein körperlicher Schaden feststellen lässt.

Auch bei Fibromyalgie, Craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) und Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS, chronisches Erschöpfungssyndrom) findet sich häufig auch ein Reizdarmsyndrom (Aaron et al., 2000). Daraus lässt sich möglicherweise schließen, dass diese Erkrankungen gemeinsame Mechanismen haben. Die Betroffenen spüren, dass dies alles zusammenhängt – doch wo soll man anfangen, damit es einem besser geht?

Es bestehen Kiefer-, Zahn- und Kreuzschmerzen und manchmal ein schweres, fiebriges Krankheitsgefühl. Die Betroffenen fühlen sich kaum fähig, den Tag zu überstehen, doch die Besuche beim Arzt sind oft fruchtlos. Der Arzt untersucht die Schilddrüse und Nebenschilddrüse, den Hormonstatus und die Nebennieren – oft ohne krankhafte Befunde. Da hilft es nur, sich eigenständig auf eine lange Reise zu begeben und nach Lösungen zu suchen.

Auch Asthmatiker leiden häufig an Reizdarm

Die glatte Darmmuskulatur können wir willentlich nicht steuern (höchstens indirekt durch Yoga, Bewegung und Meditation) – sie gehört zum vegetativen Nervensystem. Sind die Darmbewegungen gestört, können auch andere Organe mit glatter Muskulatur betroffen sein. Auch die Bronchien werden von glatter Muskulatur umhüllt. Griechische Forscher um Anastasios Roussos fanden in ihrer Studie mit 150 Asthma-Patienten heraus, dass 41% der Asthmatiker an Reizdarm litten, jedoch nur 20% der 120 Nicht-Asthmatikern dieser Studie. Die Forscher betonten, dass dieses Ergebnis nicht auf die Asthma-Medikamente zurückzuführen ist. Zwischen den Asthma-Medikamenten und dem Reizdarmsyndrom konnten sie keine Zusammenhänge erkennen.

Primärer und sekundärer Durchfall

Durchfälle können sich sehr unterschiedlich anfühlen. Ob der Durchfall primär körperlich bedingt (z.B. Ernährung) oder eher psychisch bedingt ist, lässt sich nicht immer einordnen – manchmal jedoch schon. Man könnte von „primärem und sekundärem Durchfall“ sprechen. Beim „primären Durchfall“ fängt’s plötzlich im Bauch an zu rumoren. Es gibt eine körperliche Ursache, z.B. einen Magen-Darm-Virus. In der Folge können auch Schwitzen, Angst und Wut entstehen. Beim „sekundären Durchfall“, wie ich es bezeichnen würde, ist zuerst die Angst da, z.B. bei einer Angststörung, und dann spürt man, wie alle Schleusen aufgehen und sich im Darm ein Durchfall entwickelt.

Ein gereizter Darm braucht mehr Zeit – ist diese Zeit nicht vorhanden, wird die Verdauung zum Kampf.
Eine starke Angststörung kann zum Durchfall führen, doch der Darm an sich funktioniert meistens normal.
Bei Überforderung fängt das Grummeln im Darm schon bald nach dem Aufwachen an. Hier zeigt sich vielleicht ein empfindlicher Darm, denn man kann auch überfordert und gestresst sein, ohne dass der Darm mit Beschwerden reagiert. Zeitmangel, Schlafmangel, Geldmangel, einengende Beziehungen und besetzte Toiletten sind bei einem empfindlichen Darm besonders Durchfall-triggernd.

Psychotherapie kann helfen

Amerikanische Forscher um Kelsey Laird untersuchten 2015 insgesamt 41 Studien mit der Frage, ob Psychotherapie bei Reizdarm hilft. Die Studien enthielten die Daten von 2290 Teilnehmern mit Reizdarmsyndrom. 1183 von ihnen erhielten Psychotherapie, 1107 Teilnehmer gehörten zur „Kontrollgruppe“ – diese Patienten erhielten Schein-Behandlungen, unterstützende Therapien oder sie wurden wie gewöhnlich vom Hausarzt behandelt. Die Teilnehmer der Psychotherapiegruppe hatten am Ende deutlich weniger Symptome als die Teilnehmer der Kontrollgruppe. Auch ein Jahr nach der Behandlung ging es den Psychotherapie-Patienten besser.

Rhypophobie: Die Angst vor dem Stuhlgang (auf öffentlichen Toiletten)

So mancher wünscht sich wohl Toiletten wie in Japan: dort gibt es Geräusche, damit man denjenigen, der auf der Toilette sitzt, nicht „machen“ hört. Viele betätigen erst einmal die Wasserspülung, bevor sie sich niederlassen, damit sie nur ja nicht gehört werden. Die Scham, woanders als zu Hause zur Toilette zu gehen, ist bei manchen unmenschlich groß. Die panische Angst vor dem Stuhlgang bzw. vor dem Stuhlgang auf öffentlichen Toiletten heißt „Rhypophobie“ (rhypo = altgriechisch: Dreck, Schmutz). Nicht wenige Betroffene leiden auch unter einer Emetophobie (Angst vor dem Erbrechen) und einem Reizdarmsyndrom.

Roemheld-Syndrom

Einmal zu viel abends gegessen und schon hat man den Salat: Man wacht nachts auf, hat Herzrasen, vielleicht Atemnot, Schwitzen, Panik und Schwindel. Die Luft im Bauch hat den Darm gedehnt und so wird reflexartig das gesamte vegetative Nervensystem angekurbelt. „Roemheld-Syndrom“ heißen diese Beschwerden, die aufgrund eines zu vollen Bauchs oder von zu viel Luft im Bauch zustandekommen. Allerdings ist dieser Begriff sehr umstritten und manchmal nicht mehr als eine Verlegenheitsdiagnose, die besonders häufig auch bei Panikattacken in der Nacht gestellt wird.

Reizdarm – auch ein Beziehungsproblem

„Der Druck kommt immer dann, wenn ich vor einer Verpflichtung stehe oder wenn ich in eine Situation komme, in der etwas Bestimmtes von mir erwartet wird – und sei es nur, während eines Gespräches nicht aufs Klo gehen zu dürfen. Der Stuhldrang taucht unaufhaltsam in mir auf.“ Vielleicht kennst du das. Die Durchfälle schränken das Alltagsleben stark ein. Vielleicht hattest Du schon beim Aufwachen dieses Rumor-Gefühl. Wie soll man erklären, dass man schnell weg muss? Das Reizdarmsyndrom ist eine Qual – und hängt eng mit engen Beziehungen zusammen.

„Der andere ist für mich manchmal wie eine Mauer. Er baut sich vor mir auf, stellt Forderungen, erwartet etwas von mir. Der Druck, den ich spüre, wenn ich mit jemandem zusammen sein muss, ist unglaublich groß“, erzählt eine Betroffene. Vor ihr die Wand. Und hinter ihr der mögliche Ausgang: Der Durchfall wird kommen. Das Gespräch wird unmöglich, die Arbeitswelt zum Drama. Du fühlst Dich gefangen, sobald Du „parat“ sein musst – und sei es nur gegenüber Deinem eigenen Kind oder Partner. Sobald der Uhrzeiger die volle Stunde anzeigt und Du „funktionieren“ musst, funktionierst Du eben nicht mehr.

Vielleicht fühlst Du Dich aufgrund Deines Reizdarms wie gefangen in der Beziehung. Hättest Du keine Beschwerden, wäre alles gut. So aber hast Du vielleicht das Bild, dass der andere Dich anstarrt und ganz viel von Dir erwartet. Selbst, wenn Du Dir klarmachst, dass es nicht so ist, fühlt es sich so an. Schließlich ist es jedoch nicht die Beziehung, die Dich gefangen nimmt, sondern der eigene Durchfall, der Dich zum Weglaufen zwingt. Es scheint keinen Ausweg zu geben. Besonders schlimm ist es oft in Beziehungen, die sehr eng sind. „Ich traue mich gar nicht, meinem Partner zu sagen, dass ich schon wieder auf’s Klo muss“, sagt eine Betroffene. Eine junge Frau sagt: „Ich versuche immer, die Therapiesitzung durchzustehen, ohne auf die Toilette zu müssen.“

„Ich könnte jetzt auf Klo gehen – wenn da nur nicht der andere wäre.“

„Ich komme nicht pünktlich weg“

Manchmal sitzt Du vielleicht auf der Toilette und kommst nicht pünktlich weg. So wie andere nachschauen, ob der Herd aus ist, fragst Du Dich ständig, ob Du nicht doch nochmal lieber zur Toilette gehst. Du merkst vielleicht, dass Du andere Menschen einfach abstoßen willst – Du willst niemanden in Deiner Nähe haben wie bei einer schweren Verletzung oder Krankheit. Es gibt viele psychologische Erklärungen, doch mir scheint, dass körperliche Probleme beim Reizdarm vorrangig sind. Anspannung, Zeitnot und Verpflichtungen verschärfen das Problem.

Psychologisch wird manchmal gesagt, es falle den Betroffenen schwer, ihre Gefühle wahrzunehmen und „aus-zu-drücken“. Auch wenn Psychotherapie kurzfristig helfen mag, so kommt das Problem doch oft zurück. Die vielen Arztbesuche bringen nur selten wirkliche Besserung. Das System „Reizdarmsyndrom“ ist hochkomplex. „Wenn ich Streit mit jemandem habe, habe ich keinen Durchfall“, sagt eine Betroffene. Hier zeigt sich, wie Aggressionen und Darmtätigkeit zusammenhängen können. Es kann viel schwieriger sein, eine gute Beziehung zu haben, in der Du dem anderen gefallen möchtest, als eine offen aggressive Beziehung, in der eh schon alles egal ist. In der guten Beziehung möchtest Du vielleicht auf gar keinen Fall zum falschen Zeitpunkt zur Toilette müssen.

Psychische Entlastung beruhigt den Darm

Viele Reizdarm-Betroffene haben ein zu großes und dichtes Pensum an Verpflichtungen. Der Reizdarm kann sich nur bessern, wenn es mehr Raum gibt, vor allem morgens. Da kann manchmal nur helfen: „Warten, bis die Kinder älter sind oder die Rente kommt“, so denkt man sich. Der gereizte Darm ist einerseits das Ergebnis von Stress und noch nicht passender Ernährung – andererseits ist er ein sogenanntes „Affektäquivalent“, das heißt, der Durchfall tritt zusammen mit einem Affekt oder anstelle eines Affektes auf. Psychische Spannungen zeigen sich meistens an der körperlich schwächsten Stelle. Das Völlegefühl oder der Durchfall können das Äquivalent sein für eine psychische Not, für ein inneres Aufgeregtsein. Innen bist Du „voll“ – voll von Ängsten und anderen Affekten.

Das Reizdarmsyndrom kann auch mit einer Sozialen Phobie zusammenhängen: Der Reizdarm führt zur Sozialphobie oder aber die Sozialphobie führt zum Reizdarm. Die Therapie kann auf beiden Seiten beginnen.

Etwas loswerden

Manchmal willst Du vielleicht einen anderen „los-werden“, das spürst Du ganz deutlich. Der Durchfall kann trotz aller Qual auf einer bestimmten Ebene auch eine Entlastung sein – das Alleinsein auf der Toilette wird erzwungen. Du kannst nicht anders. Du musst Dich von etwas Quälendem befreien. Dann kann diese Frage hilfreich sein: Muss die Toilette zum einzig möglichen Privatraum werden? Die innere Anspannung in der Beziehung zum anderen übersetzt sich direkt in den Darm. Wie kann es Dir gelingen, in der Beziehung Privaträume für Dich allein zu schaffen?

Vielleicht kannst Du innere Bilder finden, die Dir helfen, mit dem Reizdarmsyndrom besser zurechtzukommen.

  • Stelle Dir einen inneren Garten oder Privatraum vor, in dem Du ganz für Dich sein kannst.
  • Lerne, in einer guten Form zu sagen, dass Du jetzt zur Toilette gehen musst.
  • Stelle Dir vor, dass sich zwei Menschen verabreden und sich dabei wohlfühlen können, weil sie sich gegenseitig in Ruhe und in Freiheit lassen.
  • Oft hilft auch der Gedanke an etwas Drittes: Wenn ich weiß, dass heute Nachmittag etwas Schönes passiert, fällt es mir vielleicht leichter, den Druck, den ich jetzt gerade spüre, besser zu tolerieren.

Psychoperistaltik: Blähungen und Pupse in der Kommunikation

Da steht man in der Schlange und plötzlich entweicht ein dünnes Lüftchen, das es in sich hat. Man zeigt deutlich: „Mir stinkt’s!“. Besonders Kinder tun durch ihren Pups ihren Unmut kund. Wer einmal darauf achtet, dass wir auch mit Körpergerüchen kommunizieren, wird erstaunt sein, wie oft wir das tun. Menschen, die angeblich „zu viel Schweiß“ produzieren und unangenehm riechen, werden oft in eine Klinik zur Behandlung der „Hyperhidrosis“ (= „zu viel Wasser“) geschickt, doch ein Blick auf die Psyche täte gut.

Dabei ist Schweiß selbst zunächst geruchslos. Wenn jedoch Bakterien mit ihrer Arbeit beginnen, kann der Schweiß binnen Sekunden(!) zur massiven Geruchsbelästigung werden. Kommt der Chef ins Büro, um uns über die Schulter zu schauen, kann sich in kürzester Zeit heftiger Schweißgeruch entwickeln – obwohl wir uns kurz vorher noch frisch fühlten. Die Kommunikation über Körpergerüche spielt also nicht nur bei Verliebten eine große Rolle. Körpergerüche können sowohl Zuneigung als auch Abneigung signalisieren. Bei manchen Patienten könnte eine Psychotherapie möglicherweise eine dermatologische „Hyperhidrosis-Behandlung“ ersetzen.

Flatulenz bei Schizophrenie

Wer mehr über die Kommunikation mittels Flatulenz (also „Furzen“) erfahren möchte, dem empfehle ich Texte des amerikanischen Psychoanalytikers Harold Searles – er beschreibt, wie man gerade bei der Psychotherapie von Psychotikern die Kommunikation über Rülpsen, Furzen und Darmgeräusche beobachten kann.

Der Begriff „Psychoperistaltik“ steht für „Darmbewegungen (= Peristaltik) im Zusammenhang mit der Psyche. Wenn wir psychisch etwas verdauen müssen, merken wir das oft auch an unserer Verdauung. Sind wir ruhig und entspannt, ist alles ok mit unserer Verdauung. Haben wir jedoch viele Termine ohne Pause dazwischen, kann es auch schon mal zu Durchfall kommen. Unsere Verdauung war dann – genau wie unser Denken – zu schnell.

Colitis ulcerosa und die Psyche

Die Colitis ulcerosa zählt nicht nur zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED), sondern ist oft auch eine psychosomatische Erkrankung (Holy Seven). Auch, wenn es keine typische Colitis-Persönlichkeit gibt – viele Patienten wirken jünger als sie sind.

Aufgrund der vielen Durchfälle wird die Verlässlichkeit des Körpers infrage gestellt. Der Arzt und Psychoanalyseprofessor Peter Kutter (1930-2014) wies bereits 1988 auf die Störungen der Körperbesetzung bei Colitis ulcerosa hin. Betroffene gehen oft über die Grenzen ihrer körperlichen Belastbarkeit hinaus. Die Colitis ulcerosa ist oft verbunden mit Ekzemen, Aphthen im Mund oder Gelenkentzündungen. Die Betroffenen haben zumeist das Gen namens „HLA-B27“, das auch bei Schuppenflechte vorhanden ist.

Empfohlene Psychotherapieverfahren: „Bewährt haben sich verhaltenstherapeutische Kombinationsverfahren, psychoanalytische Kurzzeittherapie, kognitive Verhaltenstherapie, progressive Muskelentspannung und die Hypnotherapie.“ Jürgen Hotz et al.: Das Reizdarmsyndrom: Definition, Diagnosesicherung, Pathophysiologie und Therapiemöglichkeiten. Dtsch Arztebl 2000; 97(48)

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Links:

Magnus Halland and Yuri A Saito (2015)
Irritable bowel syndrome: new and emerging treatments
BMJ 2015;350:h1622, doi.org/10.1136/bmj.h1622
www.bmj.com/content/350/bmj.h1622

Daniel Mackler:
Why I quit being a therapist
Youtube

Anne-Marie Leroi et al. (Universitaire de Rouen, France, 1995):
Prevalence of sexual abuse among patients with functional disorders of the lower gastrointestinal tract.
International Journal of Colorectal Disease, October 1995, Volume 10, Issue 4, pp 200-206
DOI 10.1007/BF00346219, link.springer.com/…

Leslie A. Aaron et al. (2000):
Overlapping Conditions Among Patients With Chronic Fatigue Syndrome, Fibromyalgia, and Temporomandibular Disorder
Arch Intern Med. 2000;160(2):221-227. doi:10.1001/archinte.160.2.221
jamanetwork.com/…

Anastasios Roussos et al. (2003):
Increased prevalence of irritable bowel syndrome in patients with bronchial asthma.
Respiratory Medicine, Volume 97, Issue 1, January 2003, Pages 75-79
DOI: 10.1053/rmed.2001.1409
sciencedirect.com/…

Laird, Kelsey T. et al. (2016)
Short- and Long- Term Efficacy of Psychological Therapies for Irritable Bowel Syndrome:
A Systematic Review and Meta-analysis

Clinical Gastroenterology and Hepatology, Volume 14, Issue 7, July 2016, Pages 937-947.e4
sciencedirect.com/…

Whorwell PJ et al. (University Hospital of South Manchester, United Kingdom) (1984):
Controlled Trial of Hypnotherapy in the Treatment of Severe Refractory Irritable Bowel Syndrome
The Lancet, Volume 324, Issue 8414, Pages 1232 – 1234, 1 December 1984
doi:10.1016/S0140-6736(84)92793-4

Amarjeet Singh:
Changing the Toilet Design – An Intervention With Enormous Health Promotion Impact: Use Pattern of Squatting and Pedestal Latrines in India. PDF
Health Promotion – Need for Public Health Activism

Sigmund Freud (1917):
Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik
„Ausgangspunkt dieser Erörterungen kann der Anschein werden, daß in den Produktionen des Unbewußten – Einfällen, Phantasien und Symptomen – die Begriffe Kot (Geld, Geschenk), Kind und Penis schlecht auseinandergehalten und leicht miteinander vertauscht werden.“
Projekt Gutenberg

Beitrag vom 15.3.2024 (begonnen am 14.7.2015)

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