Intuition – wie sehr kann ich ihr trauen?

Manchmal liegen wir mit unserem Bauchgefühl richtig. „Ich hab’s doch gewusst!“, sagen wir. „Ich bin meiner inneren Stimme gefolgt und habe an diesem Institut genau das gefunden, was ich gesucht habe“, berichten wir froh, wenn’s gut ging. Auch in Bezug auf unseren Körper haben wir manchmal eine gute Intuition. „Dies wird meine letzte Nacht sein“, sagt eine sterbenskranke Frau – und sie hat recht. Und doch können wir mit unseren Vorahnungen, mit unserem „sicheren Gespür“, oft auch komplett falsch liegen.
Manchmal gaukelt uns die Intuition eine Sicherheit vor in einer Situation, in der wir eben nicht wissen können, was uns erwartet Wie finden wir heraus, wann wir unserer Intuition gerade trauen können und wann nicht? Eine gute Voraussetzung für Intuition ist Ruhe. Wir können unsere Intuition wie einen Kompass nutzen. Doch dabei sollten wir mit einrechnen, dass unser Kompass auch mal gestört sein kann – durch innere oder äußere Umstände. Auf dem Weg zur Rettung laufen viele eben auch in die falsche Richtung.
Innere Gewissheit muss nicht mit der Realität übereinstimmen
„Ich bin mir so sicher, dass es meinem Kind gerade schlecht geht!“, sagt eine Mutter schwer beunruhigt. Doch dem Kind geht es gut und es kehrt wohlbehalten zurück. Innere Gewissheiten fühlen sich oft sehr gewiss an, aber sie sind oft nicht so verlässlich, wie sie sich anfühlen. Starke Befürchtungen oder starke Wünsche fühlen sich manchmal ähnlich an wie Intuition. „Ich will meiner Intuition folgen“, sagen wir. Doch leichter gesagt als getan. Manchmal möchten wir nur dem Ungewissen aus dem Weg gehen und hoffen, durch unsere sicheren Gefühle die Dinge im Griff zu haben und sie lenken zu können.
Intuition ist etwas Wunderbares. Wer eine gute Verbindung zu sich selbst hat, der weiß oft genau, was er gerade braucht und was er will. Wenn Du ruhig auf Deinem Stuhl sitzt und dann Dein rechtes Bein fragst, wo es hin will, wirst Du eine gute Antwort erhalten. Mit Achtsamkeitsübungen dieser Art lassen sich Rückenschmerzen und Verspannungen lösen. Wir können eine gute Intuition in Bezug auf uns selbst, aber auch in Bezug auf andere haben. Wobei wir uns immer irren können. Jeder Hypochonder weiß, wie echt sich seine Krankheit anfühlen kann und wie wenig objektivierbar sie oft ist. Das EKG zeigt: „Herz gesund.“ Und doch kann das Herz auf einer nicht objektivierbaren Ebene krank sein. Es ist kompliziert mit der Intuition.
Blitzschnelle Ereignisse führen manchmal zu mehr Sicherheit: „Ich wusste schon während des Fallens, dass mein Arm gleich gebrochen ist. Und nach dem Sturz wusste ich direkt: Er ist gebrochen.“ Wenn wir keine Zeit mehr zum Denken haben, kann die Intuition sehr verlässlich sein.
„Stimmt jetzt meine Ahnung, oder stimmt sie nicht?“, fragen wir uns und versuchen, die Ahnung einzuordnen. Wir müssen uns nicht selten zwischen unserem Gefühl und dem Gedachten entscheiden. Währenddessen können wir oft nicht wissen, was richtig ist. Wir können uns einerseits vertrauen. Gleichzeitig müssen wir die Dinge aber auch offen lassen, weil wir so vieles nicht wissen und nicht kontrollieren können – vor allem auch dann nicht, wenn es um Dinge geht, die andere Menschen, aber nicht wir selbst in der Hand haben. Intuition ist einerseits angeboren – andererseits ist sie auch Folge reicher Erfahrung.
Unserer Intuition können wir oft trauen, aber manchmal täuscht sie uns auch. Wir können uns bewusst dazu entscheiden, unserer Intuition zu folgen, doch ein gesunder innerer Abstand kann helfen, das Gleichgewicht zu behalten. Oft können wir mit vielen kleinen Intuitionsschritten weit kommen.
Wann sind meine Gefühle richtig und wann täuschen sie mich?
Gefühle sind immer „echt“. Sie passen immer zu etwas, das wir gedacht oder im Körper gefühlt haben. Aber manchmal sind wir uns „ganz sicher“, dass der andere uns verstanden hat oder eben nicht. Dass es mit uns den Bach runter geht. Dass wir im Lotto gewinnen werden, dass etwas Schreckliches passiert ist. Am wichtigsten ist es uns aber vielleicht, einschätzen zu können, ob wir uns in den Gefühlen dem anderen gegenüber täuschen oder nicht. Liebt der andere uns oder nicht?
Wenn wir uns in einem Gefühl „ganz sicher“ sind, dann ist es wichtig, skeptisch zu bleiben. Denn in dieses „ganz sicher“ gesellen sich viele Wünsche und Vorerfahrungen aus der Kinder- und Babyzeit. Menschen in einer Psychose sind sich „ganz sicher“, dass sie verfolgt, beäugt oder abgehorcht werden und dass niemand sich „in sie hineinversetzen“ kann. Mit Engelszungen kann man dagegen anreden: Sie sind sich ganz sicher.
Unsere Gefühle sind wie ein Kompass, der nicht ganz, aber ausreichend sicher ist. Hinhorchen, hinspüren, offen und fragend bleiben hilft.
Wir können uns eines Gefühls eher sicher sein, wenn wir etwas unsicher bleiben. „Der andere hat jetzt bestimmt gedacht, dass ich ihm lästig bin.“ Stimmt das? Woran machen wir es fest? Der andere kann ganz anders gedacht und gefühlt haben; diese Möglichkeit besteht immer, denn der andere ist eben ein anderer. Nur er kann sagen, was er fühlt. Andererseits kann sich niemand ganz erfassen und manchmal nimmt ein Außenstehender etwas wahr, das die Person selbst ausblendet. Wenn wir etwas fühlen, aber uns dennoch durch eine gewisse Unsicherheit tasten können, dann können wir uns eher auf unser Gefühl verlassen. Ob wir getäuscht wurden oder richtig lagen, erfahren wir oft erst im Nachhinein.
Immer der Intuition nachgehen! Aber wie?
„Ich bin mir sicher, ich bekomme ein Mädchen, ich spüre das“, sagt die Schwangere – und bekommt einen Jungen. „Ich will heute nicht aus dem Haus – ich habe das Gefühl, ich baue einen Unfall“, sagt die Mutter. Doch sie überwindet ihre Angst, fährt zu ihrem Termin und kommt wohlbehalten zurück. „Intuition“ halten wir oft für etwas, das wir spüren und wo wir ganz sicher sind, dass es eintrifft und wahr ist. Doch oft sehen wir, dass es nicht so ist. Es handelte sich lediglich um unbewusste Wünsche und verdrängte Gefühle. Intuition ist etwas viel Feineres. Es ist sehr subtil. Man geht immer der Nase nach.
Intuition hat etwas mit dem Gespür für die Wahrheit zu tun. Es riecht nach Apfel, doch wenn wir hinschauen, ist es ein Stück Seife, das mit Apfelduft parfümiert wurde. Dennoch ist das wahre Element der Apfelduft. Wenn wir von Intuition sprechen, kommt immer wieder der Geruchssinn ins Spiel: „Da hatte ich den richtigen Riecher“, sagen wir.
Intuition ist flüchtig
„Auf den ersten Blick war mir dieser Mensch unsympathisch“, sagen wir. Manchmal kann sich dieses Bild verändern, doch dieser flüchtige erste Eindruck, bevor wir überhaupt etwas bewusst wissen, bleibt manchmal wie ein Band, das immer mitläuft, bestehen. Intuition hat etwas mit Bauchgefühl zu tun, das heißt, das vegetative Nervensystem ist beteiligt. Es reagiert auf „die Wahrheit“, auch wenn andere versuchen, uns etwas vorzumachen.
Wahrheit
Der Psychoanalytiker Wilfred Bion (1897-1979) beschrieb die Intuition als einen Teil des Wahrheitstriebs („Truth Drive“). Wir wollen herausfinden, was die Wahrheit ist und wir können sie oft spüren. Bion beschrieb die Intuition oft als unseren „Siebten Diener“. Sie ist unser „Siebter Sinn“.
Der Psychoanalytiker James Grotstein (1925-2015) schreibt: „Man kann sagen, dass die Funktionen des Wahrheitstriebs zusammen mit einem ‚unbewussten Bewusstsein‘ arbeiten.“
Das kennen wir: Wir entscheiden uns bewusst für links oder rechts, aber unsere Entscheidung beruht auf einem vagen Gefühl, also auf einer unbewussten Wahrnehmung. Dieses „unbewusste Bewusstsein“ sei verbunden mit einer Art Achtsamkeit oder Aufmerksamkeit, die auch als „Intuition“ bezeichnet wird, schreibt Grotstein.
James Grotstein: „It is further hypothesized that the truth drive functions in collaboration with an ‚unconscious consciousness‘ that is associated with the faculty of ‚attention‘, which is also known as ‚intuition‘. It is responsive to internal psychical reality and constitutes Bion’s ’seventh servant‘.“
The seventh servant: the implications of a truth drive in Bion’s theory of ‚O‘.
Int J Psychoanal. 2004 Oct; 85(Pt 5): 1081-1101. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15509333
Safi Nidiaye ermutigt, der Intuition zu folgen
Ich schätze die Bücher von Safi Nidiaye sehr. Sie beschreibt in ihrem Buch „Den Weg des Herzens gehen“, dass sie einen Tag der Woche ganz besonders ihrer Intuition widmete und nur das tat, was ihre Intuition ihr sagte. Sie machte dabei viele interessante Entdeckungen. Mehr Informationen finden Sie auf ihrer Website: safi-nidiaye.de
Unerklärlich
Intuition ist oft unerklärlich. Die ZDF-Sendung „Drehscheibe“ stellte im Herbst 2016 den Wünschelrutengänger Bernd Textor vor. Sein Geschäft lebt von seiner Fähigkeit, Wasser tief unter dem Gestein zu erspüren. Er gibt sogar eine Erfolgsgarantie.
Ein Text-Ausschnitt aus dem Filmbeitrag „Was ist dran am Wünschelrutengehen?“: „Doch zunächst einmal stoßen die Brunnenbauer auf harten, trockenen Fels. Überall ist Staub. Abschnitt um Abschnitt kämpfen sich die drei Meter langen Bohrstangen in den steinigen Untergrund. Für Skepsis ist es nun zu spät. … Was, wenn der Wünschelrutengänger falsch lag? Doch dann die Erlösung: Eine immense Wasserfontäne schießt in den Himmel.“ Bernd Textor sagt: „Verstehen, Warum es funktioniert, tu ich auch nicht. Ich weiß nur, dass es funktioniert.“
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Dieser Beitrag erschien erstmals am 24.2.2015
Aktualisiert am 25.5.2024


