Interpersonal Discrimination Exercise (IDE) im CBASP und in der Psychoanalyse

Gerade in nahen Beziehungen finden wir Störendes, Beängstigendes oder Aggressives wieder, was wir doch schon aus vorherigen Beziehungen kennen und schon lange abgelegt haben wollten. Solange uns Dinge unbewusst sind, handeln und sprechen wir oft wie „automatisch“. Wenn wir eine feindselige Übertragung auf unseren Psychotherapeuten haben, dann ist es wichtig, die Übertragung zu erkennen – wenn es denn eine Übertragung ist.
Vielleicht sind wir wütend auf unseren Psychotherapeuten, weil er uns einengt, so meinen wir. Vielleicht sprechen wir noch nicht einmal darüber – doch wir fühlen uns eingeengt oder gehen davon aus, dass der Therapeut uns einengt. Bewusst kann uns das werden, indem der Therapeut so etwas sagt wie: „Jetzt bin ich hier für Sie auch einer von denen, der Sie immer einengt.“
Dies ist eine typisch psychoanalytische Intervention, die auch bei der Psychotherapiemethode CBASP (kognitiv-behaviorales Analyse-System in der Psychotherapie nach James P. McCullough) besonders hervorgehoben wird und als „Interpersonal Discrimination Exercise“ (IDE, Interpersonale Diskiminierungs-Übung) bezeichnet wird. Sie findet im Rahmen der „Situationsanalyse“ (CBASP) statt. Psychoanalytiker würden hier zum Beispiel von einer Übertragungs-Deutung und einer Übertragungs-Analyse sprechen. Auch die „Role Responsiveness“ nach Joseph Sandler (1976) kann sich dazu gesellen (siehe Joseph Sandler: Countertransference und Role Responsiveness, International Review of Psychoanalysis): Hierbei übernimmt der Analytiker oft zunächst unbewusst die Rolle, die ihm zugetragen wird – er „wird“ z.B. zur sadistischen Mutter.
Der Patient kann durch die anregende Intervention des Therapeuten (z.B. „Jetzt bin ich für Sie hier auch so einer?“ oder: „Hier ist es anders.“) wach werden, denn er bemerkt an dieser Stelle, dass er den Therapeuten als einengend erlebt, obwohl dieser gar nicht einengend ist.
Was so leicht klingt, ist für den Therapeuten oft eine hohe Kunst, denn er muss sich selbst so gut kennen, dass er bemerkt, welche Impulse in ihm stecken. Das heißt, die feine Unterscheidung beginnt im Therapeuten. Ansonsten könnte der Patient mit seiner Wahrnehmung, eingeengt zu werden, recht haben und auf die Ebene antworten, die dem Therapeuten selbst vielleicht gar nicht bewusst ist. Der Therapeut kann seine Deutung also erst aussprechen, wenn er sich sicher ist, was in ihm selbst passiert. Das kann z.B. so aussehen:
- Der Therapeut spürt, dass er den Patienten tatsächlich eingeengt hat, z.B. weil er selbst ängstlich und und sich von seiner Persönlichkeit eher real einengend verhält.
- Der Therapeut spürt, dass er den Patienten tatsächlich eingeengt hat, weil der Patient ihn durch seine z.B. grenzüberschreitende Art dazu gebracht hat, sich so zu verhalten. Hier hat dann ein „(Mit-)Agieren“ in der Gegenübertragung stattgefunden, das dem Therapeuten im Nachhinein langsam bewusst wird. So kann der Therapeut sich schließlich freier bewegen und den Patienten freier lassen, auch, wenn der Patient ihn durch viel Druck zu einem anderen Verhalten bewegen mag.
- Der Therapeut spürt, dass er weder bewusst noch unbewusst den Patienten eingeengt hat und dass es sich hierbei tatsächlich recht eindeutig um die Phantasie, Vorstellung und das Erleben des Patienten handelt, der sich in der Regression und der „Übertragung“ befindet.
Egal, um welche Version es sich handelt – der Therapeut kann dem Patienten seine Deutung geben, sobald er bemerkt hat, was wirklich passiert ist. Das Geschehen wird sich wahrscheinlich in vielen Facetten wiederholen.
Danach beginnt dann das „Wiederholen und Durcharbeiten“, wie Freud es genannt hat. Immer wieder werden Patient und Therapeut an die Stelle gelangen, an der sich der Patient eingeengt fühlt. Dann kann die Situation, die zum Erleben der Einengung führt, wiederholt analysiert werden („Situationsanalyse“). Ganz langsam macht der Patient dann eine neue, korrigierende emotionale Beziehungserfahrung und spürt dann: Früher, bei meinen Eltern, wurde ich sehr oft eingeengt. Ich habe mir einen Partner gesucht, der mich einengte. Hier aber, bei meinem Therapeuten kann ich mich freier bewegen. Das ist neu für mich und fühlt sich gut an.
CBASP – das kognitiv-behaviorale Analyse-System in der Psychotherapie hilft bei Chronischer Depression
James McCullough ist ein sympathischer Psychiater, der auf Youtube (Major Techniques of CBASP) erklärt, wie das von ihm entwickelte kognitiv-behaviorale Analyse-System in der Psychotherapie (CBASP) funktioniert. Er zeigt ein Video seiner beiden Enkelinnen im Alter von 3-4 Jahren. Die Kinder sind noch in der „präoperativen Phase“ (2-7 Jahre) nach Piaget (siehe Sensolern.de).
Das bedeutet, dass sie eine gewisse Art zu denken haben – sie wissen z.B. noch nicht, warum die Kugeln in der Kugelbahn rollen, weil sie das Prinzip der Schwerkraft noch nicht erkennen. Zeigt man kleinen Kindern z.B. fünf Münzen in einer Reihe von 10 cm und dann fünf Münzen auf 15 cm verteilt, glauben sie, dass in der längeren Reihe mehr Münzen liegen. Es ist der alte Trick mit der Frage: Was ist schwerer: 10 kg Watte oder 10 kg Reis? James McCullough geht davon aus, dass chronisch Depressive nach schweren Traumata auf dieser Stufe des präoperativen Denkens stehengeblieben sind. Die CBASP ermöglicht ihnen eine Weiterentwicklung.
James McCullough erklärt, wie schwierig die Arbeit mit chronisch depressiven Menschen sein kann. Viele sprächen in Monologen „zu einem“, jedoch nicht „mit einem“. Nicht wenige erzählten jedem Dasselbe, Hauptsache der andere höre ihnen zu, so McCullough. Dieses „Nicht-Wahrnehmen des Anderen“ finden wir auch in der Psychoanalyse, wenn Patienten z.B. den Analytiker nur als beruhigendes „Teil-Objekt“ betrachten, jedoch den ganzen Menschen mit eigenen Interessen noch nicht erkannt haben. Auch in diesem Fall ist ein echter Austausch häufig noch nicht gut möglich. Die Betroffenen kleben zudem häufig an Alltagsgeschehnissen. Aus Sicht der Psychoanalyse wollen sie häufig auch nichts anderes wissen (Nicht-Wissen als Abwehr, Minus-K nach Bion). So kommen viele Betroffene auch mit anderen Menschen nicht wirklich in Kontakt.
Es sei, als hätten der Therapeut und der chronisch depressive Patient zwei völlig verschiedene Welten, so McCullough. Der Patient sei verschlossen, mache zu und lasse den Therapeuten an sich abprallen. Der Therapeut könnte dann versucht sein, enttäuscht mit Abwendung zu reagieren. Doch der Psychotherapeut macht es bewusst anders: Er schafft eine sichere Atmosphäre und spricht zum Patienten sozusagen von einem höheren Niveau aus – von einem Niveau des abstrakten Denkens.
Es sei nicht ganz klar, wie es funktioniere – doch es funktioniere, so McCullough im Video: In der sicheren Atmosphäre im Zusammensein mit dem Psychotherapeuten reife der Patient nach. Auch hier denke ich an Erfahrungen aus der Psychoanalyse: Man braucht dem Patienten nicht alles zu sagen. Eine Deutung wirkt manchmal auch dann, wenn der Therapeut sie einfach nur denkt.
Aus einem Entweder-Oder wird mit zunehmender Reife ein „Sowohl-als-auch“. Aus der ganzen, geschlossenen Welt des Patienten, in der er mit Begriffen wie „Immer, Überall, Jeder, Ganz sicher“ arbeitet, wird häufig eine relativere Welt, in der der Patient sagen kann: „Hier ist es glaube ich nicht so. Früher, bei meinen Eltern war es oft so.“ Oder: „Manchmal ist es bei einigen Menschen vielleicht so, aber manchmal auch nicht.“
Genau wie Kinder irgendwann lernen, welche Ursachen zu welchen Folgen führen, so lernt der Patient in Situationsanalysen auch, dass seine eigenen Handlungen und Verhaltensweisen Konsequenzen in der Beziehung haben. Auch hier wieder ist die Nähe zur Psychoanalyse erkennbar.
Eine wichtige Intervention bei der CBASP ist die Interpersonal Discrimination Exercise, also die Übung zur interpersonalen Diskriminierung (= Unterscheidung). Der Therapeut interveniert so, dass der Patient sehen und empfinden kann: „Meine Eltern/meine Angreifer waren vielleicht so, aber mein Therapeut hier ist anders.“
Was jedoch so einfach klingt, ist aus psychoanalytischer Sicht gar nicht so einfach, denn der Therapeut empfindet in der Gegenübertragung vielleicht manchmal genau das, was auch die ursprünglichen Angreifer spürten, z.B. Resignation oder Aggression. Auch in der Psychoanalyse fragt der Analytiker den Patienten: „Und wie ist es hier und jetzt bei mir? Sie fragen sich vielleicht, ob ich auch so einer bin, der Sie angreifen will.“ Doch der Analytiker stellt erst solche Fragen, wenn er bei sich selbst überprüft hat, in welcher Stimmung er ist und was er in der Gegenübertragung gegenüber dem Patienten empfindet. Man kann also dem Patienten nicht einfach sagen: „Hier bei mir ist es anders“, wenn es innerpsychisch gerade vielleicht gar nicht anders ist. Ich glaube, der Therapeut braucht gerade hier genügend Selbsterfahrung, um in dieser Weise effektiv arbeiten zu können.
James McCulloughs Video ist auf jeden Fall sehr sehenswert und lehrreich.
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 25.12.2023