Wir können unsere Ohren bewusst spitzen

Wenn Dir etwas interessant erscheint, dann spannt sich Dein Trommelfellmuskel an, sodass Du in dem Moment besser hören kannst. Der französische Hals-Nasen-Ohren-Arzt Alfred Tomatis widmete sich diesem Phänomen ganz besonders. Der Arzt Dr. Dirk Beckedorf und der Psychologe Franz Müller beschreiben in ihrem Zeitschriftenbeitrag, wie die Ohren mit den Themen Beruhigung, Bindung und Kommunikation zusammenhängen. Dabei erläutern sie auch die Polyvagaltheorie nach Stephen Porges (1999).

Wir tragen einen großen Ruhenerv in uns, den Nervus vagus (= 10. Gehirnnerv, gehört zum parasympathsichen Nervensystem). Der Vagusnerv erhält auch Äste vom Trommelfell. Er ist also insbesondere für den Empfang von Sinnesreizen zuständig. Für die Bewegung des Trommelfells sorgt der 5. Hirnnerv (Nervus trigeminus). Er bewirkt, dass sich der Trommelfellmuskel (Musculus tensor tympani) anspannt. Der Steigbügelmuskel wird vom 7. Hirnnerven (Nervus facialis) bedient.

Der Nervus vagus hingegen leitet Erregungen an das Gehirn weiter und ist somit ein sensibler (= sensorischer) Nerv. Für Bewegung sorgt der Nervus vagus unter anderem im weichen Gaumen, in der Speiseröhre und im Darmbereich – dort wirkt er also „motorisch“. Der Forscher Stephen Porges stellte die Theorie auf, dass der Vagus-Nerv aus einem älteren, hinteren (= dorsalen) Anteil besteht und einem jüngeren, vorderen (= ventralen) Anteil, der insbesondere an unserer Kommunikation inklusive Hören, Stimme und Gesichts-Mimik beteiligt ist.

Der vordere Nervus vagus sorgt für Ruhe

Der vordere Nervus Vagus ist aktiv, wenn wir ruhig und entspannt sind. Der Nervus vagus gibt Äste zum Trommelfell und auch zum Kehlkopf ab – hier sieht man, wie sehr das Hören mit unserer Stimme zusammenhängt. Der Nervus vagus gibt auch einen kleinen Hautast über dem Ohr ab (Ramus auricularis). „Der Ramus articularis ist der einzige Hautast des Nervus vagus“ (www.kenhub.com/de/library/anatomie/nervus-vagus). Vielleicht greifen sich kleine Kinder auch deshalb immer zum Ohr, wenn sie müde sind.

Wenn wir bestimmte Frequenzen nicht hören können, dann können wir auch mit unserer Stimme diese Frequenzen kaum erklingen lassen (Erstes Tomatis-Gesetz). So wird klar, warum bei Erkältungen sowohl die Ohren als auch die Stimme leiden. Das Zweite Tomatis-Gesetz besagt, dass die fehlenden Frequenzen in der Stimme wieder auftauchen, sobald das Ohr die Gelegenheit bekommt, „schlecht gehörte Frequenzen wieder normal zu hören“ (Beckedorf und Müller, 2014).

Gute Musik hilft dem Körper

Wenn wir also Gutes hören, so beeinflussen wir damit unseren ganzen Körper. Wir werden ruhiger, atmen ruhiger und auch der Herzschlag beruhigt sich. Bei der Ausatmung geht der Herzschlag etwas langsamer als bei der Einatmung – das ist mit ein Grund, warum bei den Atemübungen im Yoga (Pranayama) die Ausatmung eine so wichtige Rolle spielt.

Interessant werden diese Zusammenhänge auch für die Psychoanalyse, denn der Psychoanalytiker sitzt hinter der Couch und der Patient hört nur seine Stimme. Wenn der Psychoanalytiker eine stimmige Deutung abgibt, dann wirkt das in Kombination mit der Stimme des Analytikers ganz besonders beruhigend.

Das Vagusparadox

So sehr der Nervus vagus für die gute Ruhe zuständig ist, so sehr kann er aber auch in starken Stresssituationen gefährlich aktiv werden: Er kann das Herz so verlangsamen (Vagusbremse), dass man daran sterben kann (siehe auch Auge-Herz-Reflex). Er ist auch am Totstellreflex beteiligt – eine Mischung aus äußerem Gelähmtsein und höchster innerer Anspannung unter Beteiligung des sympathischen Nervensystems. Der vordere Vagus aber kann die Vagusbremse auch wieder lockern (gemäß Polyvagaltheorie).

Der hintere Teil des Vagus hat keine Myelinscheiden, also keine Ummantelung, das heißt, er leitet die Nervenimpulse langsamer als der vordere Teil, der Myelinscheiden hat. Nerven mit Myelinscheiden leiten etwa 10-mal schneller als Nerven ohne Myelinscheiden (gut erklärt auf Spektrum.de).

„Unter normalen Umständen ist der dorsale Vagus durch den Sympathikus und dieser wiederum durch den ventralen Vagus gebremst. Immer kontolliert also das entwicklungsgeschichtlich jüngere System das ältere. Nur im Notfall springt das ältere System sozusagen in die Bresche (Prinzip von Jackson JH: Evolution and dissolution of the nervous system., 1958)“ (Beckedorf und Müller, 2014).

Unser emotionaler Zustand zeigt sich besonders in unserer Stimme: Wir brummen tief, wenn wir entspannt sind, und schreien spitz, wenn wir in Aufregung sind. Wir können uns selbst einmal zuhören – können wir uns selbst durch unsere eigene Stimme beruhigen? Manchmal wohl ja und manchmal eher nein …

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Literatur:

Dirk Beckedorf, Franz Müller:
Enrico Caruso, Alfred Tomatis und die moderne Neurobiologie
Prosoziales Hören, ruhiger Herzschlag und gelingende Kommunikation
Schweiz Z Ganzheitsmed 2014;26: 156-161, https://doi.org/10.1159/000362487, www.karger.com/Article/Fulltext/362487

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 2.2.2020
Aktualisiert am 18.4.2023

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