Zu viel! Wie gehen wir psychisch mit Überflutung und Überforderung um?

Im Leben ist es uns immer wieder zu viel – sagt der Psychoanalytiker Adam Phillips in seinem Video „On being too much for ourselves“ (Youtube). Wenn wir emotional oder physisch überfordert sind, dann reagieren wir körperlich: Herzrasen, Übelkeit, Bluthochdruck, Tinnitus, Heiserkeit, Atemnot, Zittern und Durchfall sind die Folge. Mit Tränen zeigen wir, wenn es uns zu viel wird – wir laufen dann über.

In extremen Situationen schreien wir, oder wir erstarren und fallen in Ohnmacht. Wenn wir die Augen schließen, jagt ein Bild das nächste. Es sind verwirrende Bilder, die ständig ineinander übergehen und wir können nicht zur Ruhe kommen. Manchmal ist uns auch die An- oder Abwesenheit geliebter Menschen zu viel. Ein „Zuviel“ für die Psyche fühlt sich manchmal vielleicht wie eine schwere Krankheit oder wie ein Verrücktwerden an. Manchmal können wir einfach nur sitzen, abwarten und beten.

Unsere Seele verdaut ein Zuviel sehr langsam. Obwohl wir eigentlich Schlaf bräuchten, können wir nicht schlafen. Manchmal begegnet uns eine passende Musik, die uns in dem Moment gut tut oder wir riechen einen Duft, der uns augenblicklich erleichtern kann.

Auch in einer Psychotherapie begegnen wir dem „Zuviel“. Der Psychoanalytiker Wilfred Bion schreibt: „Wenn ein Patient sagt, er könne etwas nicht aufnehmen, oder wenn der Psychoanalytiker den Eindruck hat, dass er etwas nicht aufnehmen kann, so ist implizit von einem Behälter die Rede und von etwas, was man in ihn hineintut. Die Aussage, dass etwas nicht aufgenommen werden kann, darf deswegen nicht als bloße Redeweise abgetan werden. Außerdem hat man dabei das Gefühl, dass daran wenigstens zwei Objekte beteiligt sind. Sie (die Aussage) könnte als ?? ? 2 dargestellt werden.“ (Wilfred Bion: Elemente der Psychoanalyse, Suhrkamp 1992, S. 35)

Erzählen hilft oft nicht

Oft versuchen wir, irgendwie zu verdauen, indem wir immer und immer wieder von unserer Not erzählen. Manchmal ist das richtig anstrengend. Aber nachdem wir die dritte Freundin angerufen haben, merken wir, dass das nichts nützt. Wir kommen trotzdem nicht zur Ruhe. Es wird vielleicht sogar noch schlimmer, wenn wir immer wieder davon erzählen. Manche psychischen Eindrücke können wir einfach nur selbst verdauen. Vielleicht im Beisein anderer, aber Reden hilft manchmal nicht – es sei denn, der Zuhörer ist geübt im Aufnehmen traumatischer Erfahrungen. Manchmal ist es besser, zu schweigen und zu wissen, dass ein anderer den Schmerz einfach mit aushält.

Wir sind versunken in unsere Situation. Erholung zeigt sich, wenn wir neue Ufer sehen können.

Erholung kommt

Wenn wir spüren: Es wird wieder andere (Gefühls-)Welten geben, auch für uns, dann kommt die Erholung. Wenn sich wieder Hoffnung zeigt und sich neue Möglichkeiten und Auswege auftun, dann merken wir, dass es uns besser geht. Das akute „Zuviel“ fühlt sich manchmal an, als wollte es uns umbringen. Die gefühlte Ausweglosigkeit ist enorm. Sie hält oft viel länger an, als wir jemals gedacht hätten. Wenn wir es geschafft haben, das Zuviel zu bewältigen, fühlen wir uns nicht unbedingt stärker. Wir sind vielleicht weiser und mitfühlender geworden. Aber wir wissen: Es kann immer wieder Situationen geben, die uns überfordern. Man kann sie oft nur durch Sitzen, Durchstehen, innere Gedanken-Tunnel, Abwarten, Tönen, Singen, Beten oder Wandern bewältigen.

System Overload

Wenn uns etwas zu viel wird, dann sagen wir: „Ich hab‘ den Kaffee auf! Mir reicht’s! Ich hab‘ die Nase voll!“ So können wir es bewusst ausdrücken. Wenn uns unbewusst etwas zu viel wird, passiert etwas Subtileres. Der amerikanische Psychoanalytiker Robert Langs (1928-2014) beschreibt sehr anschaulich, was passiert, wenn unser Unbewusstes ein „System overload“ (eine System-Überladung, SOL) erleidet. Robert Langs erklärt, dass eine Überladung/Überforderung des tiefen unbewussten Systems (Deep Unconscious System, D-UCS) oft nur durch Hinweise erkannt werden kann. Es sieht dann aus wie eine emotionale Störung. Der Betreffende kann seine Rollenfunktion nicht mehr aufrecht erhalten.

Eigentlich, so Langs, sei jedes „Emotions-basierte Symptom“ ein Zeichen für Overlaod („In one sense, virtually every emotionally based symptom is a reflection of a measure of SOL.“ Robert Langs: Science, Systems and Psychoanalysis, Karnac Books 1992, S. 154). Ich denke, es ähnelt dem, was Eckhart Tolle als „Pain Body“ bezeichnet.

Jedes System hat eine Obergrenze für die maximal aushaltbare Ladung, bevor es von seiner normalen Funktion zur „SOL-Funktion“ (Funktionsweise während des „Zuviels“) shiftet. Dann zeigen sich pathologische Abwehrmechanismen sowie ein System- und Subsystem-Shutdown. Es komme dann mehr aus „pathologischen Output-Channels“ heraus, so Robert Langs (S. 165).

Manchmal werde das System-Overload maskiert durch ein „System-Shutdown“, das folgt, wenn der Input zu groß ist (S. 184). Werde ein System-Overload nicht erkannt, so Langs, könnten viele unerklärliche Therapiephänomene auftreten: offene Ablehnung oder Verleugnung, körperliche Flucht sowie die Verweigerung, sich mit bestimmten Themen zu beschäftigen. Diese Vorgänge sind dem Betroffenen oft nicht bewusst oder aber er bemerkt sie und weiß nicht, warum er so reagieren muss. Ein System-Overload oder Shutdown des Analytikers kann dazu führen, dass er eigene verwundbare Felder umgeht.

Die Ladungskapazität eines Patient-Therapeuten-Systems ist veränderlich und bestimmt mit, wie sich die Therapie entfaltet.

Link:

Adam Phillips:
On Being Too Much for Ourselves
BBC Radio4 – The Essay – Part 4
„It is impossible to overreact.“ Adam Phillips
Youtube, 2008

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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 8.2.2017
Aktualisiert am 19.5.2023

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