Wie werde ich Psychoanalytiker*in? Einen Lehranalytiker finden und die Lehranalyse erleben
Am Anfang der Psychoanalyseausbildung steht die Suche nach einem Lehranalytiker. Sie unterscheidet sich eigentlich nicht von der Suche als Patient nach einem Analytiker. Es gibt oft zunächst nur Adresslisten und Websites. Nicht selten wird einer der Lehranalytiker, bei denen man sich im Bewerbungsgespräch vorstellt, später zum eigenen Lehranalytiker.
Manche nehmen sehr weite Wege auf sich und fahren 100 km (pro Strecke) zu ihrer Lehranalyse. Wenn man das vier Mal pro Woche macht, braucht man meist ein gutes Auto und viele gute Hörbücher. Doch Lehranalytiker sind sehr erfahren und die Qualität der Analyse bemerken viele in ihrer Ausbildung. In der Ausbildung muss man sich immer wieder in Geduld üben. Manche finden rasch einen Platz, andere müssen eine ganze Weile auf den Beginn der Lehranalyse warten. Die Zeit lässt sich gut überbrücken, indem man versucht, Geld zu verdienen, zu lesen und vielleicht eine Meditationstechnik zu erlernen.
Es ist sicherlich nicht leicht und fühlt sich an wie ein Wagnis, sich für einen Lehranalytiker zu entscheiden und sich auf ihn einzulassen. Doch die Psychoanalyse-Ausbildung dauert lange und das Warten und die Suche sind oft schon der wichtigste Bestandteil der Ausbildung.
Viele Lehranalytiker haben Beiträge oder Bücher veröffentlicht, die sich im Internet finden lassen. Hier kann man schauen, mit welchen Themen sich der vielleicht zukünftige Lehranalytiker befasst – sollten es Themen sein, die das eigene Leben berühren, ist das ein wichtiger Grund, um genau diesen Lehranalytiker zu kontaktieren.
Die Lehranalyse
An den Punkten im Leben, an denen man selbst noch in problematischer Weise feststeckt, kann man seinen Patienten manchmal nur schwer weiterhelfen. Das Kernstück der Ausbildung zum Psychoanalytiker ist daher die Selbsterfahrung bzw. die Lehranalyse. Bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) geht man als Ausbildungsteilnehmer/-kandidat vier Mal pro Woche zur Lehranalyse. Diese findet im Liegen auf der Couch statt. Hier erfährt der angehende Analytiker am eigenen Leib, wie es ist, auf der Couch zu liegen und nahezu Unaushaltbares zu fühlen. Er spürt, wie es ist, gehalten zu werden und die Dinge mühsam durchzuarbeiten. So ist er für später gerüstet, wenn er selbst Patienten behandelt, die mit schwer erträglichen Spannungszuständen bei ihm auf der Couch liegen.
3-mal pro Woche reicht für den Abschluss „Psychoanalyse“ vor der Ärztekammer
Wenn man lediglich nach den Standards der Ärztekammer oder Psychotherapeutenkammer (Weiterbildungsordnung, WBO) Psychoanalytiker werden möchte (= nach Psychotherapeutengesetz, PTG), reicht eine dreistündige Psychoanalyse aus. Wer eine dreistündige Lehranalyse an einem DPV-Institut macht, ist nach der Ausbildung jedoch kein „DPV-Psychoanalytiker“. Man hat dann nur den Zusatztitel „Psychoanalyse“ erlangt und kann affiliertes, aber kein vollwertiges Mitglied der DPV werden.
„Vor allem müssen wir gar zu gut und „bis zum Grund“ analysiert sein, alle unsere unliebsamen äußeren und inneren Charakterzüge kennen, damit wir so ziemlich auf alles gefaßt sind, was an verstecktem Haß und Geringschätzung in den Assoziationen der Patienten enthalten ist.“ Sandor Ferenczi (1933): Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 19 (1-2): 5-15, PEP-Web
Umstrittene Vierstündigkeit
Die Vierstündigkeit ist umstritten – ist sie wirklich sinnvoll? Das wird wahrscheinlich jeder für sich selbst in der Lehranalyse herausfinden. Ich selbst habe sowohl Erfahrung mit dreistündigen als auch mit vierstündigen Analysen gemacht und meine Erfahrungen mit der Vierstündigkeit empfinde ich als so wertvoll, dass ich sie nicht missen möchte.
Oft heißt es auch, die Vierstündigkeit sei nicht mehr zeitgemäß – wer habe denn heute noch die Muße und das Geld, viermal pro Woche zur Lehranalyse zu gehen? Es ist erstaunlich, wieviel auf einmal denkbar wird, wenn man das Argument „Heutzutage“ weglässt. Auch heute noch brauchen die Menschen Beziehungen und auch heute noch ist es möglich, die Zeit und Mühe für die persönliche Weiterentwicklung aufzubringen.
„Es ist eine Tortur“, sagt der Psychoanalytiker Neville Symington (1937-2019), wenn er davon spricht, sich in der Psychoanalyse selbst kennen zu lernen („The psychology of the person“).
Die Vorteile der Vierstündigkeit
Wer eine Psychoanalyse macht, weiß, wie quälend es sein kann, wenn man ein schwieriges Thema aufgebracht hat und dann über das Wochenende auf die nächste Stunde warten muss. In einer vierstündigen Lehranalyse ist es leichter, schwierige Themen aufzubringen, wenn man weiß: Morgen sehen wir uns wieder. Am Ende der Stunde muss man nicht immer auf den Punkt kommen und Spannungen lassen sich rascher wieder abbauen, wenn man sich am nächsten Tag wiedersieht.
Die vierstündige Psychoanalyse fühlt sich für mich an wie ein „Mantel“, während die dreistündige Analyse einem „löchrigen Mantel“ ähnelt.
Die vierstündige Lehranalyse erinnert mich an einen Fluss: Veränderungen kommen weniger holperig daher und schwierige Situationen lassen sich leichter meistern. Veränderungen stellen sich ein und es ist nicht immer so leicht zu erfassen, was genau diese Veränderungen bewirkt hat. Das ist manchmal beängstigend, aber oft auch beruhigend.
Psychoanalyse ist kein Partnerersatz
„Wenn du zur Lehranalyse gehst, brauchst du doch keinen Partner mehr. Du ruhst dich auf der Beziehung zum Psychoanalytiker aus. Die Psychoanalyse wird zum Partnerersatz“, hörte ich manchmal. Wie ist es mit der Psychoanalyse und der Partnerschaft?
Die vierstündige Psychoanalyse kann gleichzeitig als eine Belastung und eine Entlastung erlebt werden. Oft fühlt man sich gehalten und weniger allein. Doch die Lehranalyse – oder die Psychoanalyse im Allgemeinen – ist eine spezielle Situation. Gemeinsam erforscht man das Unbewusste, lernt viele Probleme zu verstehen und bekommt eine Vorstellung davon, wie man Beziehungen befriedigend gestalten kann. Doch der Psychoanalytiker kann einen Partner nicht ersetzen – das spürt man als Analysand ganz genau.
Die Situation lässt sich vielleicht vergleichen mit der Situation von Kindergärtnerinnen, die keine eigenen Kinder bekommen konnten. Zu „ihren“ Kindern baut die Erzieherin eine wertvolle Beziehung auf, doch diese Beziehung ist eine andere als die Beziehung zum eigenen Kind. Sie kann auf gewisse Weise erfüllend sein, aber sie ist eben etwas anderes. Es kommt gelegentlich der Schmerz der Unvollständigkeit oder der Nicht-Erfüllung auf. Ähnlich ist es wohl mit der Psychoanalyse: Die Sehnsucht nach einer „echten“ Beziehung – insbesondere mit ihrer körperlichen Intimität – wird durch die Beziehung zum Analytiker nicht geschmälert. Oft wird die Sehnsucht sogar größer und die Suche nach dem Partner intensiver.
Non-Reporting System – der Lehranalytiker hält sich aus der übrigen Ausbildung heraus
Bei der DPV ist der eigene Lehranalytiker ausschließlich für die eigene Analyse zuständig. Aus allen anderen Fragen der Ausbildung hält er sich heraus. Er berichtet niemandem über die Analyse, sodass man als Ausbildungskandidat frei erzählen kann. Dennoch gehört der Analytiker ja zum Institut und zur Vereinigung, sodass – vielleicht anders als bei einer Patientenanalyse – man die eigene Übertragung auf den Analytiker ausweitet. Der Analytiker ist „Teil der Familie“. Probleme, die man als Kind mit der eigenen Familie hatte, können im Institut wieder auftauchen und in der Lehranalyse besprochen werden. So greift Eins ins Andere, was einerseits belastend, aber auch sehr entwicklungsfördernd und schließlich befreiend sein kann.
Wer eine Lehranalyse gemacht hat, fühlt sich vielleicht wie ein Musiker, der sein Instrument gut zu spielen gelernt hat – durch guten Unterricht. Der angehende Psychoanalytiker kann eigene Zustände und „Störungen“ zunehmend genauer beschreiben. Es ist ein wenig so, als hätte man vorher die psychische Störung durch Lehrbücher und Patienten-Beispiele kennen gelernt und könnte nun plötzlich die psychische Störung wirklich verstehen, weil die eigene Depression, die eigene psychische Störung in der Lehranalyse durchlitten wird. Wer diese Erfahrung gemacht hat, hat oft weniger Angst vor den Gefühlen und Zuständen des Patienten, weil er vieles selbst erfahren hat und bereits ein Treppchen weiter gegangen ist als der Patient.
Das Eitingon-Mdell in der Psychoanalyseausbildung
Der Psychoanalytiker Max Eitingon (1881-1943) hatte ein bewegtes Leben. Er hatte es schwer in der Schule, stotterte, konnte erst relativ spät Medizin studieren und litt darunter, keine Kinder bekommen zu können. Seit seinem Studium aber lebte er für die Psychoanalyse und arbeitete mit Kollegen psychoanalytische Ausbildungsrichtlinien aus, die 1925 festgelegt wurden und in ihrer grundlegenden Struktur bis heute bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV), bei der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA) gelten.
- Der angehende Analytiker muss eine eigene Lehranalyse machen, die vier Mal pro Woche stattfindet und mindestens 600 Stunden bzw. die gesamte Ausbildung lang dauert.
- Der angehende Analytiker behandelt mindestens zwei Patienten über jeweils mindestens 300 Stunden, ebenfalls in einer Frequenz von vier Mal pro Woche. Jede Behandlung wird nach der 4. Stunde mit einem Supervisor besprochen, sodass der Ausbildungskandidat mindestens zwei Supervisoren benötigt.
- Der Lehranalytiker behandelt den Ausbildungskandidaten. An Entscheidungen rund um die Ausbildung ist er nicht beteiligt.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
Links:
Dr. Peter Wegner (DPV, Tübingen):
Zur Funktion der Lehranalyse in der psychoanalytischen Ausbildung (Eitingon-Modell)
www.drpeterwegner.de/…
Psychoanalytic training in the Eitingon model and its controversies: A way forward (PDF)
David Tuckett, Jaqueline Amati Mehler, Sara Collins, Michael Diercks, Denis Flynn, Claudia
Frank, David Millar, Elisabeth Skale and Marie-Ange Wagtmann
wpv.at/….pdf
Ann Casement:
Training Programs.
In: Murray Stein (Hrsg.):
Jungian Psychoanalysis: Working in the Spirit of C.G. Jung
Verlag Open Court, Chicago and La Salle, Illinois
www.opencourtbooks.com
Carus Publishing Company, 2010, S. 376
Dieser Beitrag erschien erstmals am 7.3.2014
Aktualisiert am 22.7.2022
One thought on “Wie werde ich Psychoanalytiker*in? Einen Lehranalytiker finden und die Lehranalyse erleben”
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Ich verstehe nicht, wieso man ganz oben auf die Seite „Worte statt Pillen“ schreiben kann. Das ist wirklich grausam. Ich wäre ohne diese Pillen vollkommen unter gegangen. Erst viel später konnte die Therapie helfen. Das hier gegeneinander auszuspielen halte ich für hochgradig unprofessionell und gefährlich.