Herz und Trauma: Wenn Herzbeschwerden und die Angst ums Herz uns quälen

Auf dem Bild siehst du die Handhaltung „Hridaya Mudra“, die bei Herzbeschwerden helfen soll (Bill Harvey, Youtube) – halte sie mindestens fünf Minuten lang. Vielleicht leidest du immer wieder an Herzbeschwerden, doch die Ärzte können nichts Ernsthaftes finden – oder es zeigen sich erste Anzeichen einer Herzerkrankung und nun hast du grosse Angst davor, was werden wird.

Früher sprachen Psychoanalytike rasch von „Herzneurose“, Kardiophobie oder Herzsyndrom. Psychische Regungen wie Konkurrenzdenken und Eifersucht wurden zur Erklärung herangezogen. Ich denke, dass heute eher Zusammenhänge zu psychischen Traumata hergestellt werden – diese Sichtweise wird den Betroffenen meiner Meinung nach deutlich gerechter. Es ist eine Angst ums Herz, die dich verzweifeln lässt – gemischt mit dem Gespür für eine schlimmer werdende Herzerkrankung.

Psychologen teilen Herzneurotiker ein in A- und B-Typen. Als A-Typ bist du eher passiv-depressiv. Als B-Typ willst du vorbeugen und trainierst hart, sodass du vielleicht braungebrannt, schlank bist und sehr fit aussiehst. Auch diese Einteilung hat aus meiner Sicht nur tendenziell einen Wert.

Herzdiagnosen wie Vorhofflimmern, Rhythmusstörung, Herzklappeninsuffizienz, Koronarstenosen oder auch Posturales Tachykardiesyndrom (PoTS) führen oft zu starken Ängsten. „Jetzt hat’s mich aber wirklich erwischt!“, denkst du dir beim nächsten Gefühl von Herzrasen oder Panik. Auch die Sorge, das Herz könnte stehenbleiben, steht bei einigen ganz oben.

Wenn sich in einer Echokardiographie Zufallsbefunde ergeben wie z.B. ein leichter Mitralklappenprolaps (MKP), dann erklärt der Arzt dem Patienten manchmal, dass dies die Ursache für die ängstlichen Attacken sein könnte. Einige Studien sagen jedoch, dass der Mitralklappenprolaps nicht ursächlich für die Herzangstneurose verantwortlich ist (Crowe et al. 1980, Margraf et al. 1988). Ich denke, dass sich das Herz und die Angst gar nicht trennen lassen – Unregelmässigkeiten am Herzen können zur Angst führen und Angst belastet das Herz.

Das Leiden lässt sich nicht wegreden

Während sogenannte Herzphobiker unter panikartigen Anfällen leiden, sorgen sich Herzhypochonder ständig um ihr Herz. Herztod-Phobiker sind sich gewiss, irgendwann am Herztod zu sterben. Die Symptome quälen sehr und die Beruhigung durch den Arzt hält nur wenige Stunden an. Viele (früh-)traumatisierte Menschen spüren auch, wie ihre inneren Spannungszustände auf Dauer das Herz belasten. Es ist so traurig, festzustellen, dass sich die Spannungszustände trotz Yoga, Psychotherapie und Pranayama oft nicht kontrollieren lassen und das Herz dadurch merklich belastet wird. Mit diesen Sorgen zu leben, ist nicht leicht. Manche Patienten wünschen sich Beruhigungsmittel, doch die helfen nur wenig, denn was beunruhigt, sind die Spuren der schlimmen Erfahrungen, die du gemacht hast und die du erneut zu erleben befürchtest.

Das frühe Trauma belastet das Herz

Wenn du frühtraumatisiert bist, leidest du wahrscheinlich häufig unter Spannungszuständen, die auch dein Herz belasten – je älter du wirst, umso mehr vielleicht. Bei jüngeren Menschen kann es in Trennungssituationen zu den ersten Herzbschwerden und Herzängsten kommen: beim Auszug von Zuhause oder zu Beginn des Studiums. Viele leiden später auch während der Scheidung oder durch den Tod des Partners an Herzbeschwerden.

Nicht zu vergessen sind auch die Wechseljahre und die Tatsache, dass wir im Alter von über 50 oder 60 oft noch hart arbeiten müssen, obwohl wir spüren, wie unsere Lebensenergie nachlässt. Um die Lebensmitte zeigen sich vielleicht erste objektive Beschädigungen des Herzens. Hier fragst du dich vielleicht, wie du dein Leben nochmal verändern kannst.

Alleingelassen

Vielleicht fühlst du dich ziemlich alleingelassen mit deiner Angst um’s Herz bzw. deinen Spannungszuständen und den erkennbaren Herzschäden. Auch das medizinische System an sich, das oft so steril und beängstigend wirkt, kann beunruhigen. Es kann beängstigend sein, wenn im Freundes- oder Verwandtenkreis Menschen an einem Herzinfarkt sterben. Es kann jedoch auch Trost spenden und Halt geben, wenn man innerlich ein Vorbild hat, das auf gute Weise mit seiner Herzerkrankung umgegangen ist. Wenn nahe Verwandte (z.B. Geschwister) zu früh an einem Herzinfarkt gestorben sind, kann eine Herzangstneurose entstehen. Der Überlebende fühlt sich vielleicht unbewusst schuldig für sein Überleben („Survivor’s Guilt“ = Schuld des Überlebenden). Es kann sich aber auch um eine Art starke Empathie handeln – als Nahestehender fühlst du vielleicht körperlich sehr genau mit, wie sich dein verstorbener Angehöriger gefühlt haben muss.

Psyche oder Körper – was war zuerst da bei der Angst ums Herz?

Oft ist der Körper zuerst da: Als schwer traumatisierter Mensch spürst du vielleicht schon früh, wie wenig Lebensenergie du nach den immensen Kraftaufwendungen hast. Du spürst, wie kräftezehrend das Leben für dich ist und wie du immer wieder in Spannung gerätst. Du kannst vielleicht schon sehr früh fühlen, dass dein Herz belastet ist, noch bevor sich objektive Zeichen in den Herzuntersuchungen zeigen. Das frühe „Einfühlen in das Organ“ kann zu einer sogenannten Herzangstneurose führen, doch ist dies weniger als „psychisch bedingt“ zu betrachten, sondern vielleicht als eine schon sehr früh erlebbare körperliche Belastung und Veränderung.

Wer immer wieder Herzbeschwerden hat, der wird auch häufig untersucht. Du fühlst dich vielleicht zunehmend hilflos. Da kann es helfen, wenn du dich zu den Möglicheiten der Selbsthilfe schlau machst und eigene Pläne dazu entwirfst, wie du vorgehen möchtest. Das kann alles Mögliche sein. Mir hilft die Vorstellung von Zenmeister Muho des „Auf dem Kissen sterben – ist das wörtlich gemeint?“ (Youtube).

In der klassischen Psychoanalyse gab es früher vielfältige Theorien zur Herzangstneurose. Bekannt ist z.B. das Buch von Horst Eberhard Richter und Dieter Beckmann: Herzneurose (erstmals erschienen 1969), Psychosozial-Verlag 2003. In der ICD10 galt die Herzneurose als somatoforme autonome Funktionsstörung, F45.3. Neurotische und psychotische Ängste ums Herz können ineinander übergehen, sich jedoch auch sehr voneinander unterscheiden.

Theorien, die oft zur Herzneurose gebildet worden sind, wie z.B. unterdrückter Ärger und Konkurrenzdenken, halte ich heute für nicht mehr ausreichend. Psychoanalytische Therapien sind oft hilfreich, jedoch denke ich, dass das Hilfreiche durch die gute und intensive Beziehung zum Psychoanalytiker selbst entsteht – um welche Themen die Sitzungen sich drehen, ist aus meiner Sicht zweitrangig. Oft wurden in den zahlreichen klassischen Theorien frühe Traumata und dadurch entstandene tatsächliche Herzbelastungen nicht ausreichend betrachtet, finde ich.

Das gebrochene Herz

Das gebrochene Herz (Broken-Heart-Syndrom, Tako-Tsubo-Kardiomyopathie, TTC) kommt häufig bei Frauen vor. Es äußert sich wie ein Herzinfarkt, doch bei näherem Hinsehen ist es keiner. Der linke Herzventrikel funktioniert zwar nicht richtig, aber dieser Zustand geht wieder zurück – er ist also reversibel. Die linke Herzkammer (= linker Ventrikel) zieht sich zu sehr zusammen (Hyperkontraktilität); die Herzspitze bewegt sich gar nicht oder falsch (Akinesie, Dyskinesie).

Das Broken-Heart-Syndrom wurde nach dem japanischen Fangtopf für Tintenfische (Tako tsubo) benannt, weil er mit seinem engen Hals und bauchigen Boden so aussieht wie das Broken Heart in der akuten Phase. So steht es in einem Beitrag von Jana Boer und Kollegen in der Thieme-Zeitschrift „XX – Die Zeitschrift für Frauen in der Medizin“, August 2013). Der Begriff „Broken Heart“ tauchte „bereits 1969 im British Medical Journal als Titel einer Studie auf, bei der ca. 4500 verwitwete Männer nach dem Tod ihrer Frauen neun Jahre lang beobachtet wurden. Ca. 5% der Witwer über 55 Jahren starben innerhalb der ersten sechs Monate und zwar hauptsächlich an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie es auch bei ihren Ehefrauen der Fall gewesen war.“ Parkes CM et al.: Broken Heart: A Statistical Study of Increased Mortality among Widowers. In: The British Medical Journal, 1969, Mar 22; 1 (5646): S. 740-743″. (Gefunden in: Zahide Özkan-Rashed: Die Psychosomatische Medizin bei Abu Zaid al-Balhi, S. 2, amazon)

Das Broken-Heart-Syndrom kann bei starkem Kummer, psychischer Anspannung, komplexen Traumata oder plötzlichem Stress auftreten – zum Beispiel nach der Nachricht, dass der Ehepartner verstorben ist. Es kommt zu Atemnot und Herzschmerzen. Wie beim Herzinfarkt sind auch die typischen Laborwerte erhöht (Troponin T, Kreatinkinase, Brain Natriuretic Peptide). Doch das EKG (Elektrokardiogramm) und die Koronarangiographie sehen anders aus als beim Herzinfarkt. Beim EKG sehen Ärzte oft eine besonders große „T-Welle“. Im Echokardiogramm wird die Bewegungsstörung der linken Herzkammer sichtbar. In der Koronarangiografie erkennt der Arzt jedoch, dass die Herzkranzgefäße weitgehend frei sind.

Leben ist immer auch ein Kampf. Viele schwanken zwischen der Haltung „Ich gebe mich meinem quälenden, unruhigen Zustand einfach hin“ und der Einstellung „Ich werde jetzt etwas dagegen tun“. Intensives Yoga, Psychotherapie, die Beschäftigung mit Philosophie, Musik oder Kunst können hilfreich sein. Und doch merkst du vielleicht, dass es ist, als wollte man viele kleine Pflaster auf eine viel zu große Wunde legen. Die Wunden leben und sie wollen berücksichtigt werden. Manchmal hilft einfach nur Beten und Hoffen. Wer warten kann, erlebt immer wieder auch Gutes. „Good things come to those who can wait“, heißt es. Doch was kann noch kommen, wenn der geschwächte und alternde Körper immer mehr zerfällt?

Panikattacken können bei älteren Frauen das Herzinfarktrisiko erhöhen

„Das ist nur eine Panikattacke – daran sterben Sie nicht“, sagen Ärzte manchmal lapidar. Doch wieso fühlt es sich so anders an? Wer als 20-Jähriger eine Panikattacke erleidet, der stirbt mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht daran. Doch wer ein psychisches Leiden hat, das immer wieder von Panikattacken und Spannungszuständen geprägt ist, der ist in der Tat gesundheitlich schwer belastet. Panikattacken und Herzinfarkte lassen sich gerade bei Frauen häufig kaum voneinander unterscheiden. Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Panikattacken auf Dauer eben doch zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen führen können.

Durch großen Kummer, Gefühle der Einsamkeit, innere Qualen und häufige Anspannung kann das Herz geschädigt werden. Vielen Angstpatienten ist dieser Zusammenhang mehr oder minder bewusst und schwer traumatisierte Menschen spüren vielleicht schon früh, wie ihr psychisches Leiden ihr Herz belastet.

Was hilft?

Das Erlernen von Meditationstechniken oder Yoga kann helfen, Angstattacken und Spannungszustände zu reduzieren. Immer wieder hilft es, sich innerlich selbst in den Arm zu nehmen und sich selbst zu trösten: Ja, die Folgen eines Traumas und ständig wiederkehrende Spannungszustände können das Herz belasten und mit der Zeit zu objektiven Schäden führen. Manchmal kommt es dann auch zu einem Hass auf die Welt, vielleicht auch auf sich selbst und zu einem Neid auf die Menschen um einen herum, denen es anscheinend besser geht.

Es ist wichtig, die Trauer zu spüren, die mit diesen Lebensumständen zusammenhängt. Ein tiefes Verständnis für sich selbst und die ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema können schrittweise zu innerem Frieden führen – und dann auch wieder weg davon. Es kann hilfreich sein, täglich Yoga oder Tai Chi zu üben, sich immer wieder mit der eigenen Atmung zu beschäftigen, Lebensziele zu haben und eine Psychotherapie oder Psychoanalyse zu machen.

Herzratenvariabilität: Bei Depressionen schlägt das Herz anders

Unser Herzschlag und unsere Emotionen gehen Hand in Hand. Diese Variationen in der Herzfrequenz sind normal und gesund. Ein Zeichen von geschwächter Gesundheit ist es, wenn die Herzrhythmusvariabilität (HRV = Herzfrequenzvariabilität, HFV) kleiner wird – das Herz wird also weniger flexibel. Normalerweise schlägt unser Herz beim Einatmen etwas schneller und beim Ausatmen etwas langsamer. Das kommt besonders stark bei Jugendlichen vor und wird als „respiratorische Sinusarrhythmie“ bezeichnet – es ist etwas völlig Normales. Bei einer Depression ist die Herzrhythmusvariabilität verringert – das konnten die Forscher Andrea Chambers and John Allen in einer Studie herausfinden (Vagal tone as an indicator of treatment response in major depression, Cambridge University Press, 2003). Gleichzeitig ist die Herzfrequenz insgesamt erhöht (Siepmann et al., 2008).

Biofeedback kann helfen: Indem Du mithilfe eines Pulsoxymeters siehst, wie schnell Dein Herz schlägt, kannst Du durch mentales Training in Deinen Herzschlag beeinflussen – zwar vielleicht nur ein wenig, aber immerhin etwas. Die Depression drückt also irgendwie aufs Herz. Geht die Depression zurück, kann sich auch die Herzratenvariabilität wieder verbessern. Doch Depressionen können Teil eines ganzen Lebens sein. Ich finde es wichtig, sich mit den Themen Sterben und Tod auseinanderzusetzen, denn das hilft beim Leben und beim Kranksein. So ist man den ärztlichen Ritualen nicht so ausgeliefert und kann mehr mitbestimmen, was mit einem geschieht. Das Mitgefühl mit sich selbst führt auch zu mehr Verstehen bei anderen – Verbundenheitsgefühle können viele Lebensschmerzen lindern.

Traumatische Zustände und das Herz

Wer frühkindliche Traumata erlitten hat (z.B. durch frühe Trennungen von der Mutter, medizinische Eingriffe, Therapien und Gewalt), der leidet oft ein Leben lang unter immer wiederkehrenden „traumatischen Zuständen“. Das sind Zustände höchster körperlicher Anspannung und einer Beunruhigung, die sich kaum beruhigen lässt. Solche Zustände sind auch belastend für den Kreislauf. Nicht wenige bemerken verspannte Muskeln und „Herzschmerzen“, die durch Verspannungen bedingt sind.

Mit dem Älterwerden können solche Zustände dem Körper mehr und mehr zu schaffen machen. Fragt der Arzt: „Haben Sie Stress?“, kann man gar nicht richtig antworten. Natürlich haben wir alle Stress. Doch wer frühe Traumata erlebt hat, für den ist Stress viel belastender. Das ganze System ist viel empfindlicher als von weniger traumatisierten Menschen. Die psychischen Schmerzen sind oft so groß, dass nur Essen beruhigen kann. So kann es zum Übergewicht kommen und zu weiteren herzbelastenden Folgen.

„Stress“ bedeutet in dem Fall auch ein wiederholtes Auftreten dieser angespannten Zustände, die sich kaum in Worte fassen lassen. Besonders belastend ist der „Duldungsstress“, also das Leben in Situationen, die sich über mehrere Jahre hinziehen und die sich nur schwer oder über lange Zeit verändern lassen. Nur durch viel Disziplin, durch fast tägliches Yoga oder TaiChi oder Zen-Meditation lassen sich Körper und Psyche beruhigen.

Das vegetative Nervensystem lässt sich nur durch viel Üben beeinflussen. Wichtig ist es, das eigene Leiden anzunehmen. Wir können über unsere Lebensnöte und Lebensthemen meditieren und uns immer wieder neu damit auseinandersetzen.

Wer sich das Stressgeschehen auf Molekül-Ebene anschauen möchte, kann durch einige Studien stöbern, die versuchen, die Folgen des frühen Traumas irgendwie dingfest zu machen. Neben der Feststellung, dass die „Schutzkappen der Chromosomen“ (Telomere) bei Traumatisierten oft verkürzt sind und somit auch die Lebenserwartung verkürzen (Spiegel.de), gibt es auch Theorien rund um das Vasopressin.

Jedoch sollte man sich hier nicht verrückt machen: Andere „Medizin“ wie z.B. die Traditionell Chinesische Medizin, Ayurveda, die Yoga-Medizin etc. sehen die Veränderungen durch frühe Traumata weniger schicksalhaft an. Früher glaubte man, dass sich Nervenzellen und -bahnen kaum verändern könnten, doch heute weiß man von der Plastizität des Gehirns und Nervensystems. Solch eine Plastizität ist auch für andere Körpersysteme anzunehmen. Man kann also trotz allem – auch noch später im Leben – mit guten Maßnahmen anfangen, um die Folgen der schlechten Voraussetzungen zu Beginn des Lebens in etwas Sinnvolles zu transformieren.

Für Molekularbiologie-Liebhaber:

Bei Frühtraumatisierten ist die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophsen-Nebennieren-Achse) empfindlicher, das heißt, die Betroffenen produzieren bei Stress rascher höhere Mengen des Stresshormons Cortisol. Auch die Konzentration von Vasopressin (Antidiuretisches Hormon, ADH) kann erhöht sein.

Wenn wir uns ein Vasopressin-Gen anschauen, dann lässt sich beobachten, wie das Gen gehemmt werden kann durch das Andocken von Methylgruppen. Es wird dann weniger Vasopressin gebildet. Bei traumatisierten Mäusen wird die Vasopressin-Produktion kaum gehemmt, sodass sie mehr Vasopressin bilden. (Max-Planck-Gesellschaft: „Gene lernen aus Stress“)

Eine Methylgruppe ist ein Kohlenstoffatom mit drei Wasserstoffatomen (-CH3). Wenn ich nun einen Abschnitt einer Genkette (DNA, Desoxyribonukleinsäure) habe, dann können sich dort Methylgruppen (über das Methylgruppenbindende-Protein-2, MeCP2) anheften.

Je nachdem, wie viele Methylgruppen sich an bestimmte Gene heften, werden diese Gene mehr oder weniger häufig abgelesen. Wann immer Gene (von sogenannten RNA-Polymerasen) abgelesen werden, entstehen in der Folge Aminosäuren, aus denen Eiweiße gebildet werden. So kann z.B. in einer Gehirnzelle das Eiweißmolekül Vasopressin (Antidiuretisches Hormon, ADH, Arginin-Vasopressin, AVP) hergestellt werden.

Vasopressin hemmt die Wasserausscheidung und verengt gleichzeitig die Gefäße. Vasopressin kann auch Durst auslösen.

„Die Vorläufermoleküle von Vasopressin werden im Hypothalamus gebildet“ (Pharmazeutische Zeitung, 5/2011). Sie wandern dann in den Hypophysenhinterlappen (Neurohypophyse). Diese Moleküle werden dann gespalten in Vasopressin und Oxytozin – interessanterweise ist Oxytozin das Bindungshormon, also das Hormon, das Mutter und Kind oder Verliebte besonders stark miteinander verbunden fühlen lässt. Vasopressin hingegen sorgt für Stress. Es fördert die Ausschüttung von Corticotropin (ACTH) aus dem Vorderlappen der Hypophyse. Gleichzeitig sorgt es jedoch dafür, dass sich – im Experiment – Rattenmütter um ihren Nachwuchs kümmern.

Durch frühen Stress kann unser Nervensystem also auf „empfindlich“ eingestellt werden. An die frühkindlichen Situationen, die uns in die Hölle versetzten, können wir uns bewusst oft nicht erinnern – jedoch treten die körperlichen Spannungszustände immer wieder auf. Und sie belasten das Herz. Sich dessen bewusst zu werden, tut unglaublich weh. Es kann auch wütend machen. Doch es kann auch dazu führen, ein bewusst gesünderes Leben zu führen und sich selbst mehr zu behandeln wie eine „Wunde“, wie ein empfindliches System.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 26.2.2012
Aktualisiert am 12.12.2025

One thought on “Herz und Trauma: Wenn Herzbeschwerden und die Angst ums Herz uns quälen

  1. Jay sagt:

    Interessant, wie ich mich durch Lesen dieses Blogs in so ziemlich jeder beschriebenen, neurotischen Störung wiederfinde … Ich kann mich erinnern, wie ich früher, mitten in der Nacht, in die Notfallambulanz gefahren bin, weil ich schon seit Stunden ein merkwürdiges Ziehen im linken Arm und in der Brust verspürte. Die diensthabenden Ärzte nahmen mir genervt Blut ab und machten ein EKG, nur um mir anschließend noch genervter zu erklären, dass ich nichts am Herzen hätte und eventuell unter einer Muskelverspannung oder etwas ähnlichem leiden würde. Da war es bereits 3:30 Uhr morgens.

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