99 Wie werde ich Psychoanalytiker*in? Sich nicht zu bestimmten Aussagen provozieren lassen

Manchmal spürt man es ganz genau: Der Patient versucht, uns zu einer bestimmten Aussage zu bewegen. Er will uns möglicherweise auch zu einem „Schluss jetzt!“ drängen. Es kann gut und richtig sein, dem Patienten die Antwort zu geben, auf die er wartet – so sie denn der Wahrheit entspricht. Oft aber merken wir auch, dass dem Patienten unsere Antwort nichts bringt. Es ist ein ähnlicher Effekt wie wenn Kinder immer „Warum?“ fragen. Wichtig ist es, zu verstehen, woher dieses Drängen kommt und was die Fragen bewirken sollen. Durch unsere Ratlosigkeit merkt der Patient, dass er nicht wie mit einem Automaten verbunden ist, sondern dass der Therapeut ein eigenständiger, getrennter und mitunter ebenso ratloser Mensch ist. Manchmal soll das Drängen auch von etwas anderem ablenken.
Der Patient hat manchmal das Gefühl, er müsse vergehen, wenn er den Analytiker nicht zu der gewünschten Aussage bewegen kann. Es kann uns fast übermenschliche Kraft kosten, den Versuchungen des Patienten zu widerstehen. Wenn der Analytiker den Verführungen nicht nachkommt, kann das den Patienten wütend machen und gleichzeitig auch irgendwie beruhigen – er spürt die Grenzen seiner Macht. Andererseits möchte der Patient auch spüren, dass er den Analytiker zu Reaktionen bewegen kann. Diese Widersprüche zu bemerken und zu verbalisieren, kann ein Weg aus dem beunruhigenden Drängen sein.
Woher die Kraft nehmen?
Doch woher nehmen wir die Kraft, in solch extrem aufgeladenen Situationen standhaft zu bleiben? Nicht wütend zu werden, weiterhin verstehen zu wollen? „Ich bin sehr gläubig, ich hole mir die Kraft von oben“, erzählt mir eine erfahrene Kollegin. Andere holen sich ihre Kraft aus der Musik, der eigenen Analyse, aus Gesprächen mit Kollegen, aus der Bewegung, aus guten Büchern, aus dem Alleinsein oder ihrer Partnerschaft. Auf dem Weg zum Beruf des Psychoanalytikers ist es wichtig, sich Kraftquellen zu suchen, die dabei helfen, die immer wieder kraftzehrenden Situationen zu bewältigen.
Verwandte Artikel in diesem Blog:
- „Bei Borderlinern muss man hart bleiben und an einem Strang ziehen.“
- 97 Wie wird man Psychoanalytiker? Sich mit dem Aversiven auseinandersetzen
- 98 Wie wird man Psychoanalytiker? Was nützt die emotional korrigierende Erfahrung?
- 100 Wie wird man Psychoanalytiker? Das Ausfallhonorar in der Psychoanalyse umbenennen
- Abschiednehmen von der Allmachtsphantasie
- Warum provozieren wir?
Dieser Beitrag erschien erstmals am 23.2.2020
Aktualisiert am 9.9.2024