Die Angst vor dem Mittendrin – eingeschlossen in Freiheit. Zugehörigkeit kann befreiend sein – für’s Elektron wie für den Menschen

Manche Menschen bewegen sich immer am Rande. Sie scheinen immer kurz vor dem Absturz zu stehen oder kurz vor dem Rauswurf. Da heiraten zwei und ein Partner geht sofort fremd. Da erhält ein Schüler seinen begehrten Studienplatz und gefährdet ihn gleich wieder durch Nicht-Lernen.

Die Feststellung, irgendwo tatsächlich „angedockt“ zu sein, irgendwo plötzlich mittendrin und festgelegt zu sein, macht Angst. Von dieser Angst sind besonders die Menschen betroffen, die als Kind viele traumatische Erfahrungen in ihrer Familie gemacht haben: Dieses Gefühl des Gefangenseins in der Gefahr wollen sie nie wieder haben.

Viele Menschen verhalten sich scheinbar ganz unverständlich. Ihre Situation scheint immer gefährdet und doch stürzen sie nicht ab. Sie sind sozusagen „sicher am Rand“. Verbindlichkeit, Abhängigkeit, Verpflichtung, Liebe, echte Bindung – das alles gibt ihnen das Gefühl, gefangen zu sein. Da möchte man sich emotional die Möglichkeit offenhalten, zur Not doch noch wieder rausfallen zu können. Am Rande zu stehen mag ein Gefühl der Sicherheit geben, denn man kann schnell fliehen. Aber man nimmt sich damit auch das sichere Gefühl, in der Mitte zu sein und eben nicht so schnell rausfliegen zu können. Wenn man stabil in der Mitte steht, muss man nicht mehr so viel Kraft zum Festhalten aufwenden. Sowohl die Mitte als auch der Rand können Gefahr und Sicherheit gleichzeitig bieten.

„Zu zweit zu sein irgendwo im 4.Stock ohne Notausgang ist für mich die absolute Horrorvorstellung.“ So oder ähnlich sagen es manchmal früh traumatisierte Menschen. Sie hatten in Zweiersituationen Lebensbedrohliches erlebt: Allein mit Mutter oder Vater (oder anderen Bezugspersonen) kam es zu Szenen, die sie (real und/oder phantasiert) fast umgebracht hätten. Das Fazit, das Traumatisierte daraus schließen: „Nie wieder allein zu zweit mit jemandem sein! Ich brauche den Überblick.“ Dadurch führen sie manchmal ein sehr einsames Leben.

„Freiheit“ bedeutet für die Traumatisierten meistens „Sicherheit“. Doch sie sind oft so bedacht auf Freiheit, dass diese selbst zum Gefängnis werden kann. „In der Schule war ich fast ständig auf Toilette“, erzählt eine ehemals schizophrene Patientin. Sie brauchte ihren eigenen Raum, ihre „Freiheit“. Vielen Traumatisierten fällt es schwer, Berufe zu ergreifen, die reguliert sind – daher suchen sie oft die Freiberuflichkeit, obwohl diese häufig mit viel Kampf und Geldsorgen verbunden ist. So manch Obdachloser schläft lieber unter Brücken, als sich irgendwo wieder fügen zu müssen und die Freiheit aufgeben zu müssen. Manche steigen nie in ein Flugzeug, andere bleiben nicht lange in Gruppen, wieder andere können sich eine Partnerschaft oder Heirat nicht vorstellen. Das Prinzip ist immer dasselbe: „Ich suche meine Sicherheit, indem ich außen stehen bleibe und beobachte.“

Vermeiden geht immer – aber das ist nur anfangs leichter. Auf Dauer bringt Vermeiden meistens Leid – aber nicht immer: Wer das Leben auf dem Land sucht, weil er die Enge der Stadt nicht erträgt, wird oft sehr glücklich damit.

„Nie gehöre ich wirklich dazu“, sagen manche. „Ich schaue immer, dass ich auch Geräusche von Nachbarn hören kann, wenn ich mit meinem Freund alleine bin – das gibt mir Sicherheit“, sagen andere. Zweisamkeit erscheint als etwas äußerst Gefährliches.

Wie kommt man raus?

Doch wie kommen Betroffene aus dieser „Zwickmühle“ heraus? Wichtig ist es, sich bewusst zu machen, dass man „innere Freiheit“ hat. Selbst, wenn man mit einem Partner alleine ist, hat man seinen Kopf, seinen Verstand, seine Möglichkeit, Emotionen zu regulieren und nachzudenken. Theoretisch jedenfalls. Wichtig ist es, innerlich beweglich zu bleiben und an etwas Drittes zu denken, wenn es zu zweit zu eng wird. Wichtig ist es, sich bewusst zu sein, dass man aufgrund des Traumas Angst hat vor dem „Mittendrin“. Wichtig ist es zu spüren, wie man anspannt, wenn man „mittendrin“ oder „zu zweit“ ist. Und dann kann man versuchen, sich bewusst aus dieser „Alarmstellung“ herauszuholen.

Viel Zeit – vielleicht Jahrzehnte

Um aus dem „Ich-bleibe-lieber-draußen-Gefühl“ herauszukommen, braucht es unglaublich viel Kraft, Arbeit und Geduld. Es ist gemein: Erst verpasst einem das Schicksal diese Not und dann muss man auch noch selbst ackern, um da wieder herauszukommen. Man braucht wirklich einen langen Atem. Oft ist jahrelange Psychotherapie bzw. Psychoanalyse notwendig.

Man möchte nie mehr zurück in die Festanstellung. Heiraten schon mal gar nicht. Wohnen geht nur im Erdegeschoss und auf dem Land im eigenen Land. Der Aufzug könnte einen bequem nach oben fahren, aber da man nicht eingeschlossen sein will, entscheidet man sich für die Treppe. Aber eigentlich entscheidet man sich nicht. Eigentlich lenkt die Angst und lässt einem keine freie Wahl. Irgendwann ist man eingeschlossen. In seiner Freiheit. Ausgeschlossen vom Leben. Und dann entscheidet man sich doch: Gegen die Angst und für das zeitweilige Eingesperrtsein. Und man merkt: Das Eine geht ohne das Andere nicht. Man kann nur frei atmen, weil die Lungen von festen Rippen gehalten werden. Wirklich frei ist man erst, wenn man die zeitweise und gelegentliche Unfreiheit als Stütze der Freiheit erkennt.

Erkenne die eigene harte Arbeit an.

Viele erlernen Tai Chi, Yoga oder ähnliche Methoden, um ihr vegetatives Nervensystem wenigstens ansatzweise steuern zu können. Das hat aber nur Erfolg, wenn man es fast täglich übt. Und da kann leicht wieder ein Gefühl des „Sich-Beugens“ oder „Sich-Unterwerfens“ auftauchen. Da kann sich manchmal der Kreis schließen und man wirft hoffnungslos das Handtuch. Aber man kann es wieder aufheben und es wie eine große Lebensübung ansehen: Immer wieder in kleinen Schritten sich dem „Mittendrin“ nähern. Mit wiederkehrenden Enttäuschungen, Einsamkeitsgefühlen und Versagensgefühlen, die Scham mit sich bringen. Aber es kommen auch gute Tage und immer wieder das Gefühl: „Ich habe es geschafft.“

Wohl die meisten Menschen streben nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die ihnen etwas bedeutet. Wir wollen zur Klasse gehören, zur Familie, zum Verein, zum Team. Manchmal vielleicht auch nicht – dann wehren wir uns mit Händen und Füßen. Wir wollen individuell bleiben, unser eigenes Ding machen und streben manchmal so sehr nach Freiheit, dass wir uns dadurch einengen. In dem wunderbaren Video „Infinite Potential: The Life and Ideas of David Bohm“ (1917-1992) (Youbute) sagt der Physiker F. David Peat (1938-2017):

„The extend to which an electron participated in this gas, it became relatively free. He (David Bohm) went back to the old idea of the Russian Experiment: If I’m a member of the collective – can I have individual freedom? It seems to be a paradox: If I’m a memer of the collective, then I don’t have freedom – I’m part of the group. But he (David Bohm) found that the extend to which an electron participated in the plasma, it became free. It became free of the interactions of the other electrons, so he began to see: yes! Within the plasma, within the collective, it can be individual freedom. So it’s both – it’s a theory of plasma in metals and a theory of freedom in the collective.“ F. David Peat

„In dem Maße, wie ein Elektron in diesem Gas teilnahm, wurde es relativ frei. David Bohm kam auf die alte Idee des Russischen Experimentes zurück: Wenn ich ein Mitglied eines Kollektivs bin – kann ich dann individuelle Freiheit haben? Es scheint paradox zu sein: Wenn ich ein Mitglied des Kollektivs bin, dann habe ich keine Freiheit – ich bin dann Teil der Gruppe. Doch David Bohm fand, dass in dem Maße, in dem das Elektron im Plasma teilnahm, wurde es frei. Es wurde frei von der Interaktion mit den anderen Elektronen. Und Bohm sah: Ja! Mitten im Plasma, mitten im Kollektiv, kann es individuelle Freiheit geben. So haben wir beides – es ist eine Theorie des Plasmas in Metallen und eine Theorie von Freiheit im Kollektiv.“ F. David Peat

Dieser Beitrag erschien erstmals am 13.12.2014
Aktualisiert am 23.6.2020

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