Wie werde und bleibe ich Psychoanalytiker*in? Auf die Ohren achten und sich gesund halten

Ein Psychoanalytiker kann wohl blind seinen Beruf ausüben, nicht aber gehörlos. Psychoanalyse auf der Couch in Gebärdensprache funktioniert leider nicht. Psychoanalytiker fürchten sich daher besonders vor einer Schwerhörigkeit. Denn die Voraussetzung für gutes Zuhören (englisch: Listening) ist ganz simpel die körperliche Fähigkeit zu hören (to hear).

Als Psychoanalytiker geht es einem wie einer Mutter oder einem Vater: Man muss immer funktionieren. Ein einziger Terminausfall kann für den Patienten schon eine kleine Katastrophe sein. Viele Analytiker achten sehr auf ihre Gesundheit, denn ihr Beruf ist ihre Leidenschaft. Nicht hören zu können, beunruhigt zutiefst. Einen guten Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Alternativmediziner an der Hand zu haben kann sehr entlastend sein.

Schwerhörige Analytiker haben Schwierigkeiten, unterschwelliges Gemurmel, Schlucken, Atemgeräusche und Seufzer ihrer Patienten zu hören. Freudsche Verhörer können öfter auftreten – mit Vor- und Nachteilen. Ein Verhörer kann sehr wertvoll bei dem Versuch sein, den Patienten und die Beziehung zu ihm zu verstehen. Der Verhörer kann jedoch auch sehr subjektiv eingefärbt sein und wenig mit dem Patienten zu tun haben. Der schwerhörige Analytiker muss sich immer wieder sehr anstrengen, dem Patienten zu folgen.

Bewerbungsgespräche: Nach Ohrproblemen wird kaum gefragt

Wenn Akademiker den Beruf des Psychoanalytikers ergreifen wollen und sich zu Bewerbungsgesprächen bei Lehranalytikern vorstellen, geht es hauptsächlich um die charakterlichen (und finanziellen) Fähigkeiten des Bewerbers. Doch die Ohren werden nur selten zum Thema gemacht.

Hörgeräte können helfen

Insbesondere ältere Analytiker brauchen häufiger Hörgeräte, doch nicht jeder kommt damit zurecht und nicht jedem reicht die damit erreichte Hörqualität. Eine Otosklerose, ein Hörsturz, ein Morbus Meniere, ein Tinnitus, eine hartnäckige Mittelohrentzündung kann einen Analytiker an den Rand der Verzweiflung bringen. Die Schwerhörigkeit kann den Analytiker im Extremfall dazu zwingen, seinen Beruf aufzugeben. Was das bedeutet, können sich wohl nur Analytiker vorstellen.

Cyberborgs: Mischung aus Mensch und Maschine

Die Sendung „Planet Wissen“ vom 25.2.2016 kann hier vielleicht Mut machen: Der Wirtschaftsinformatiker Enno Park ertaubte mit 14 Jahren infolge einer Masernerkrankung. Heute kann er ganz normal an Gesprächen teilnehmen, weil er sich mit Ende 30 ein Cochlea-Implantat (CI) implantieren ließ und dieses Gerät voll und ganz in seinen Körper und sein Leben integriert hat. Er gründete einen Verein für Menschen, die mithilfe technischer Geräte und Implantate ihre Lebensqualität verbessern konnten. In einem Vortrag hörte ich die bekannte Psychoanalytikerin Donna Orange von ihrem Cochlea-Implantat schwärmen.

Mehr Informationen finden Sie auf der Website von Cyborgs e.V., der Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik.

Der Beruf hängt an den Ohren

Wohl die meisten Psychoanalytiker üben ihren Beruf mit großer Leidenschaft aus. Die Fähigkeit zu hören ist für den Analytiker ebenso wichtig wie es gesunde Finger für den Geiger oder Pianisten sind. Auch Musiker leiden extrem, wenn sie durch körperliche Schäden genötigt werden, den Beruf aufzugeben. Welche Alternativen gibt es? Gebärdensprache lässt sich nicht so schnell erlernen, aber immerhin lässt sie sich erlernen. Vielleicht wären dann wenigstens wieder tiefenpsychologische und psychoanalytische Behandlungen mit hörgeschädigten Menschen im Sitzen möglich.

Der schwerhörige Psychoanalytiker ist in der Literatur kaum zu finden

Obwohl das Thema sicher viele Analytiker beschäftigt, findet es kaum Erwähnung in der Literatur, wie der Psychoanalytiker Salman Akhtar in seinem Buch „Psychoanalytic Listening: Methods, Limits and Innovations“ schreibt (Karnac Books, 2012, S. 104. Akhtar wurde ausgebildet am Psychoanalytic Center of Philadelphia IPA, USA.)

Akhtar schreibt, dass Psychoanalytiker mit Hörverlust ihr Problem selbst oft hinunterspielen oder ignorieren.

Auch die Kollegen würden die Schwerhörigkeit kaum thematisieren – selbst dann, wenn das Problem groß ist. Das Problem sei zu vergleichen mit Händezittern eines Chirurgen: Auch hier würden Kollegen den Betroffenen schützen, aber ab einem gewissen Grad wäre das Problem doch unübersehbar. Im Englischen gibt es beim Hören die schöne Unterscheidung von „to listen“ (zuhören) und „to hear“ (hören). Akhtar erinnert daran, dass das Zuhören eine mentale Fähigkeit ist, dessen Voraussetzung jedoch immer die körperliche Fähigkeit, zu hören, bleiben wird.

The Unsung Psychoanalyst:
„It is evident from even a cursory survey of the psychoanalytic literature that the inner world of the deaf person has been virtually unexplored by psychoanalysts – to the impoverishment of both deaf people and psychoanalysis. The sign language of the deaf has not been explored as an alternative psychoanalytic tool. Some forms of psychotherapy are undertaken using American Sign Language (ASL). No report of an analysis using sign language of a person congenitally or prelingually deaf has been found. Furthermore, a deaf person has yet to be trained as a psychoanalyst. Initially, this might only be possible by training a hearing person born of deaf parents who learned to sign and speak simultaneously in childhood. That person could then train a deaf person as a psychoanalyst.
What are the implications of a „visual“ language for psychoanalysis?
Fred Levin, forcefully argues against psychoanalysis taking a narrow linguistic approach which appears to ignore the non-verbal realm for a ‚total language‘ approach with attention to both verbal and non-verbal communication. He recognizes that verbal communication is not superior to non-verbal communication any more than a spoken language is superior to the sign language of the deaf community.“ Kay O’Neil, Mary: The Unsung Psychoanalyst: The Quiet Influence of Ruth Easser. University of Toronto Press 2004: S. 178

Sich gesund halten

Der Psychoanalytiker Robert Langs beschreibt, dass Absagen traumatisch wirken können (Classics in Psychoanalytic Technique, Karnac 1991). Ein Ziel der Psychoanalyse ist es, eine stabile Struktur in der Psyche des Patienten zu errichten. Diese Struktur wird unter anderem durch den verlässlichen Rahmen gebildet. Auf einen Psychoanalytiker, der immer da ist, kann man sich verlassen.

Das Gefühl der Sicherheit kann sich der Patient in einer verlässlichen Analyse zu eigen machen. Wenn wir selbst Psychoanalytiker werden, stellen wir die Anforderung, Stabilität zu vermitteln, an uns selbst. Wir wollen für unseren Patienten verlässlich da sein. Doch was, wenn die Gesundheit wackelt?

Analytiker stellen oft sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Wenn ich als Ausbildungskandidatin unter dem Druck der Ausbildung und des Alltagslebens oft krank werde und die Stunde ausfallen lassen muss, bleibt mir oft nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren und mit dem Patienten zu besprechen. Es kann zusätzlich belastend sein, wenn der Supervisor die häufigen Absagen kritisiert, wobei nicht immer sicher ist, ob der äußere Supervisor nicht auch Teil der inneren kritischen Stimme ist.

Im Laufe der Ausbildung kommt meistens mehr sicherer Grund ins Leben. Einige belastende Lebensthemen können in der Lehranalyse bearbeitet werden, was häufig schon per se zu einer stabileren Gesundheit führt. Ich selbst habe in der Ausbildung das Yoga entdeckt, was besonders mein vegetatives Nervensystem gestärkt hat.

Psychotherapie für Gehörlose

Es gibt Psychotherapeuten, die mit Gehörlosen arbeiten. Entweder beherrschen sie selbst die Deutsche Gebärdensprache (DGS) oder sie arbeiten mit Dolmetschern. Eine Liste mit Therapeuten, die mit Gehörlosen bzw. mit Gebärdensprache arbeiten, findet sich beim Deutschen Gehörlosenbund (DGB). Psychotherapeuten, die Interesse daran haben, die Gebärdensprache zu erlernen, finden ebenfalls Adressen beim DGB. Das Fachgebärdenlexikon Psychologie ist ein hervorragendes Glossar psychologischer Begriffe.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Lesetipp:

Saladin, Shawn (2016):
Counseling Persons Who are Deaf or Hard of Hearing
In: Chapter 28 of Stebnicki, Mark A and Marini, Irmo (Editors):
The Professional Counselor’s Desk Reference, Second Edition
Springer Publishing Company, 2016

Schreibe einen Kommentar