Neid – das Spiegelgefühl zu Schuld?

Da ist die magere Frau, die immer dünner wird. Sie spürt ihren Lebenshunger, ihre Sehnsucht. Dann ist da der wohlhabende Gesunde, der alles zu haben scheint. Die magere Frau beneidet den wohlhabenden, gesunden Menschen, der direkt neben ihr steht. Ihr Neid wächst ins Unermessliche. Sie spürt ihn im Magen. Vom Gefühl her bringt sie der Neid fast um. Und der Wohlhabende, der Gesunde sieht, wie die Frau neben ihm langsam zu vergehen scheint. Er fühlt sich schuldig. Menschen, die einen nahestehenden Menschen verloren haben, fühlen sich allzuoft schuldig. „Warum durfte ich überleben, aber er nicht?“, fragen sie sich.

Wer sich schuldig fühlt, der möchte sich unbewusst manchmal selbst bestrafen. Er belastet sich selbst mit Schuldgefühlen, er verhindert, dass er die nächste Prüfung besteht, verhält sich ungesund. Damit versucht er irgendwie, es wiedergutzumachen, dass er der Überlebende ist, während der andere nicht leben durfte. Durch die Selbstbestrafung kann man das Gefühl haben, dem anderen irgendwie näher zu sein. Aber oft folgt dann irgendwann der Ärger darüber, dass man sich selbst so ausgebremst hat. Oft kann man sich dann von dem selbstbestrafenden Verhalten lösen und wieder nach vorne schauen.

Neid kann auch eine Form der Selbstbestrafung sein.

Wer Neid hervorruft, fühlt sich schuldig

Der, dem es gut geht, merkt manchmal, dass er Neid in anderen erweckt. Manchmal gewollt, manchmal ungewollt. Manchmal fördern wir es, dass andere uns beneiden. So verhalten wir uns manchmal, wenn wir ein tieferes Unglücklichsein übertünchen wollen. Manchmal aber tut man auch nichts und wird dennoch beneidet. Manche Menschen fühlen sich für ihren Erfolg schuldig, weil ein anderer sie dafür beneidet.

Auch wer neidisch ist, fühlt sich schuldig

Neid ist ein „aggressives Gefühl“. „Da will ich auch hin“, denkt sich der Neidische. Doch es stellt sich die Frage, ob man es selbst dorthin schaffen kann, wohin der andere es geschafft hat. Manches haben andere einfach geschenkt bekommen – Gesundheit oder materiellen und emotionalen Reichtum von den Eltern. Dann kann es schwer sein, dorthin zu kommen, wo der andere steht, weil man sich Manches nur schwer erarbeiten kann. Wenn der, dem es gut geht, dann auch noch gut zu dem ist, dem es schlecht geht, fühlt sich der „Untergebene“ auch noch schuldig für seinen Neid. „Jetzt gönn‘ es ihm doch“, denkt er sich.

Neid kann wie Hunger ein Zeichen echten Mangels sein. Neid ist der Hunger der Seele.

Die Neid-Schuld-Spirale

Manchmal steckt man einfach in einer Spirale, in der sich Neid und Schuldgefühle abwechseln. Wie kommt man da raus? „Jetzt freu dich doch mal“ ist eine Aufforderung, die sich genauso wenig umsetzen lässt wie „Jetzt ärgere dich doch mal.“ Man kann die Gefühle bewusst wahrnehmen. Man kann sie zulassen, untersuchen und interessant finden. Man kann sich an ihnen reiben und bewusst an ihnen leiden.

Rauskommen

Man kann die unangenehmen Gefühle akzeptieren und da lassen, wo sie sind. Vielleicht kann man sie verdauen. Wahrnehmen und Abwarten. Gefühle kommen und gehen. Man kann auch versuchen, diese unangenehmen Neid- und Schuldgefühle bewusst loszulassen, indem man den Blick auf sich selbst lenkt. Vergleich macht reich – oh, Verzeihung, ich wollte sagen: Der Vergleich ist der Anfang der Unzufriedenheit. Ein Cappuccino schmeckt auch, wenn man neidisch ist oder sich schuldig fühlt. Ein schöner Sonnenaufgang kann trösten – ebenso wie der Kontakt zu guten Menschen, denen es ebenso geht, die gute Wege gefunden haben und die sich gut einfühlen können.

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Links:

Steffen Ahrens , Dennis Snower:
Envy, Guilt, and the Phillips Curve
Kiel Working Paper No 1754, Januar 2012
https://www.ifw-members.ifw-kiel.de/publications/envy-guilt-and-the-phillips-curve

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