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Bist du vielleicht eine „Too-good-Mother“?

Wenn uns jemand zu sehr bemuttert, werden wir ungehalten. Ich war einmal zu Gast bei einer übereifrigen Gastgeberin. Jedesmal, wenn ich meinen letzten Schluck Kaffee genießen wollte, fand ich schon wieder frischen Kaffee in meiner Tasse vor. Das war unglaublich frustrierend. Ich hatte das Gefühl, mir sei der „letzte Schluck“ nicht gegönnt. Auch ein Kind, das zu häufig etwas erhält, bevor es sich äußern darf, reagiert irgendwann mit Abwehr. Es fühlt sich in seinem Eigenleben beschnitten und versucht, sich Raum zu schaffen, um eigene Gefühle zu erleben. Es schiebt die Mutter weg. Dadurch fühlt sich die Mutter abgelehnt und versucht vielleicht umso mehr, dem Kind entgegenzukommen und seine Wünsche – vorzeitig – zu erfüllen. Weiterlesen

Wie werde ich Psychoanalytiker*in? Das Vorkolloquium (Beispiel DPV) und der Beginn der Patientenbehandlungen. Wie Patienten finden?

Die Psychoanalyseausbildung beginnt mit der eigenen Lehranalyse. Frühestens eineinhalb Jahre später kann man das Vorkolloquium machen. Voraussetzung ist, dass man 10 supervidierte psychoanalytische Erstgespräche mit Patienten geführt hat und 10 weitere Gespräche schriftlich bestätigt sind. Das Vorkolloquium findet entweder auf der Frühjahrs- oder der Herbsttagung der DPV statt. Weiterlesen

Psychische Integration – was heißt das?

Oft sprechen Psychologen davon, etwas sei „psychisch integriert“. Aber was heißt das? Wir alle kennen Seiten an uns, die wir nicht mögen. Oder wir haben unangenehme Erinnerungen, die wir weit von uns schieben, weil sie schmerzlich sind. Doch wenn wir einen Film sehen oder Worte hören, die uns an das erinnern, was wir eigentlich vergessen wollten, reagieren wir allergisch. Wir merken: Die kleine, abgeschobene Insel in unserer Psyche taucht wieder auf. Weiterlesen

Still Face Experiment: Babys brauchen unser Lächeln. Zuwendung wirkt sich auf die Gene aus (Epigenetik)

Babys sind darauf angewiesen, dass die Mutter mit ihrem Gesicht auf sie reagiert. Wenn die Mutter im Gesicht keine Reaktion auf das Baby zeigt, wird es misstrauisch, unruhig, ängstlich und verzweifelt. Das lässt sich leicht in Experimenten nachweisen. Erfunden wurde das „Still Face Experiment“ (bewegungsloses-Gesicht-Experiment) von dem Entwicklungspsychologen Edward Tronick, University of Massachusetts, USA. Hier ein Video: youtu.be/apzXGEbZht0 Weiterlesen

Therapeutische Ich-Spaltung – was ist das?

Wer eine Psychoanalyse macht, kann das sicher oft erleben: Man ist verwirrt, wütend oder in Aufruhr und weiß doch, dass da ein Vertrauensband zum Therapeuten ist, das diese Gefühle erträglich macht. Man kann zwar die Gefühle von Spannung und Verwirrung spüren, hat aber gleichzeitig oder etwas später einen distanzierten Blick darauf. „Therapeutische Ich-Spaltung“ bedeutet, dass man sich in der Therapie zwar auf seine Gefühle mehr oder weniger einlassen kann, dass da aber auch ein „zweites Band“ mitläuft: Man kann über sich nachdenken und die Situation analysieren.Weiterlesen

Therapieabbrecher haben gute Gründe

Herablassend diskutieren Psychotherapeuten über einen Patienten: „Der bricht jede Therapie ab, das kannste vergessen.“ Patienten, die mit starken Ängsten, Zwängen oder Selbstmordgedanken einen Psychotherapeuten aufsuchen, haben einen starken Leidensdruck. Dieser Leidensdruck ist das gesunde Zeichen der Psyche, dass hier etwas nicht stimmt. Der Patient wünscht sich Hilfe und geht zu einem Psychotherapeuten. Er trifft vielleicht auf einen Therapeuten, der nicht die für ihn passende Methode anwendet. Einen Therapeuten, der tief innen ähnliche, ungelöste Probleme hat. Oder auf einen schlecht ausgebildeten Therapeuten. Weiterlesen

Freie psychoanalytische Insitute – Adressliste

Freie psychoanalytische Institute sind psychoanalytische Ausbildungs-Institute, die zwar der „Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie“ (DGPT) angehören, aber sonst keiner weiteren Fachgesellschaft (DPG, DPV, DGAP oder DGIP) angeschlossen sind. Die Ausbildungsgänge an diesen Instituten sind staatlich anerkannt. Eine Liste aller psychoanalytischen Weiterbildungsinstitute in Deutschland findest Du auf der Website der DGPT. Nachfolgend habe ich die Adressen der freien psychoanalytischen Institute in Deutschland, nach Postleitzahl geordnet, aufgelistet: Weiterlesen

Alfred Adler, die Individualpsychologie und die humanistische Psychologie

Der österreichische Arzt und Psychologe Alfred Adler (1870-1937) entwickelte die Individualpsychologie. Sie gehört ebenso zur Tiefenpsychologie wie die Analytische Psychologie von Carl Gustav Jung und die Psychoanalyse von Sigmund Freud. Adler hielt die Minderwertigkeitsgefühle, unter denen jeder Mensch leidet, für den zentralen Motor der Psyche. Gerade Minderwertigkeitsgefühle bewegten seiner Meinung nach den Menschen dazu, sich weiter zu entwickeln. Alfred Adler stammte aus einer armen jüdischen Familie. Er litt unter seiner schwachen Gesundheit und unter der Konkurrenz zu seinem älteren Bruder – die Themen „körperliche Schwächen“ und „Geschwisterrivalität“ beschäftigten ihn sehr.

Adler studierte Medizin in Wien. Er setzte sich insbesondere für die Gesundheit der Arbeiterschaft und für eine ganzheitliche Medizin ein. Er ging davon aus, dass Menschen, die mit körperlichen Gebrechen zur Welt kommen, diese Schwächen kompensieren wollen. Sie würden nach Anerkennung und Macht streben und daher zur „Überkompensation“ neigen. Den Kampf um Macht hielt Adler für entscheidender als die Sexualität.

Er stellte die psychoanalytischen Theorien seines 14 Jahre älteren Kollegens Sigmund Freud in Frage. Adler und Freud hatten zwar einige Berührungspunkte, aber „richtige Freunde wurden Freud und Adler nie“ (Hoffman 2011). Im Gegenteil: Die beiden verfeindeten sich schließlich.

Alfred Adler war davon überzeugt: Aus dem „kindlichen Gefühl der Hilflosigkeit und Minderwertigkeit“ (Hoffman 2011) würde der Wille nach Macht und Dominanz entstehen. Unbewusst würden viele Betroffene ihre Macht dadurch ausüben, dass sie andere manipulieren. Diese Mechanismen sollten dem Patienten in der Therapie bewusst werden.

Vom Individuellen zum Gemeinschaftsgefühl

In der Folge des ersten Weltkrieges beschäftigte sich Adler mit der Frage nach den psychologischen Ursachen des Krieges. Er fand für sich die Antwort, dass ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl Kriege verhindern könnte. Um das zu erreichen, sei eine gute Bildung durch die Eltern und die Schule unabdingbar. Adler beschäftigte sich mehr und mehr mit Familientherapien und Lernförderung. Es war ihm wichtig, neurotische Kinder mithilfe der Therapie unabhängiger werden zu lassen, ohne sie gegen ihre Mutter aufzubringen. Adler führte nun seine Psychotherapien im Sitzen durch. Das aktuelle Leben seiner Patienten erschien ihm wichtiger als die Konzentration auf „unterdrückte Erinnerungen“ (Hoffman 2011). Humor und eine einfache Sprache zeichneten ihn dabei aus. Anfang der 30iger Jahre wanderte Adler in die USA aus. Er starb 1937 während einer Vortragsreise in Aberdeen, Schottland.

Die humanistische Psychotherapie

Die Psychoanalyse beschäftigt sich mit dem Unbewussten, die Verhaltenstherapie mit dem Verhalten und die humanistische Psychologie mit der Selbstverwirklichung des Menschen. So wird es oft vereinfacht gesagt.

Unabhängig von den Genen ist es auch aus humanistischer Sicht möglich, die eigene Entwicklung positiv zu beeinflussen. Als Gründer der humanistischen Bewegung gelten die Kinderpsychologin Charlotte Bühler (charlotte-buehler-institut.at) (1893-1974), Abraham Maslow (1908-1970), Carl Rogers (1902-1987), Rollo May (Ärzteblatt) und Alfred Adler. Aber auch Otto Rank (1884-1939, Ärzteblatt: „Vom Trauma der Geburt“) und Wilhelm Reich gelten als „Väter der Humanistischen Psychologie und Körperpsychotherapie“ (Quelle: Ludwig Janus, Psychoanalyseforum, 2013 [leider nicht frei zugänglich]). Seit 2010 gibt es die Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT).

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Edward Hoffman:
Alfred Adler: Begründer der Individualpsychologie.
Psychologie heute, Juli 2011: 72-77

Edward Hoffman:
Alfred Adler. Ein Leben für die Individualpsychologie.
Ernst Reinhardt Verlag. Link zu Amazon.

Karl Heinz Witte, Almuth Bruder-Bezzel, Rolf Kühn (Hg.); Alfred Adler:
Über den nervösen Charakter (1912)
Grundzüge einer vergleichenden Individualpsychologie und Psychotherapie.
Unter Mitarbeit von Michael Hubenstorf
Vandenhoeck & Ruprecht 2008

Alfred Adler:
Wozu leben wir?
Verlag Fischer
Link zu krammerbuch.at

Zeitschrift für Individualpsychologie
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht

Verlagsgeschichte des Ernst-Rheinhardt-Verlags
„Ab 1912 – Ernst Reinhardt Verlag als erster bedeutender ‚Alfred-Adler-Verlag'“

Michael Ermann:
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage
Kohlhammer, Stuttgart 2004: 503-512

Wilhelm Reich und das Orgon, die Lebensenergie

Wilhelm Reich (1897-1957) war ein bekannter Psychiater und Psychoanalytiker. Geboren 1897 in Österreich-Ungarn, wanderte er 1939 in die USA aus. Er erstellte eigene Theorien über die „Lebensenergie“. War er anfangs noch ein hoffnungsbringender Schüler Sigmund Freuds, so wurde er aufgrund seiner radikalen Theorien später aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA, Association) ausgeschlossen. Wilhelm Reich erstellte Tonnen von Schriftwerken, wovon Einiges in den USA 1956 verbrannt wurde. Sein Buch „Die Massenpsychologie des Faschismus“ gehört zu den bekanntesten in der psychoanalytischen Literatur. Weiterlesen

Holy Seven: Die sieben psychosomatischen Erkrankungen

Psychische Spannungen können zu körperlichen Erkrankungen führen. Bereits 1950 hat der Arzt und Psychoanalytiker Franz Alexander, psicoterapiaintegrativa.com (1891-1964) sieben psychosomatische Erkrankungen zusammengefasst, die später als „Holy Seven“ bezeichnet wurden. Franz Alexander war der Meinung, dass jede dieser Erkrankungen eine Antwort auf einen spezifischen Konflikt darstellt – ähnlich wie das Weinen eine Reaktion auf Trauer ist. Weiterlesen