Wenn depressive Patienten psychoanalytisch behandelt werden und es ihnen besser geht – was hat dann gewirkt? War es die psychoanalytische Technik an sich oder war es auch die höhere Therapiefrequenz, die ihre Wirkung zeigt? Die Psychologen Johannes Zimmermann, Cord Benecke und Kollegen der Universität Kassel führten hierzu eine Studie mit 77 depressiven Patienten durch. 27 Patienten erhielten eine psychoanalytische Therapie, 26 Patienten eine psychodynamische Therapie und 24 Patienten eine kognitiv-behaviorale Therapie (CBT). Weiterlesen
Mir scheint manchmal, dass die Erwachsenen sich an den Regeln, die sie den Kindern aufstellen, festhalten wie Ertrinkende an einem Strohhalm. Warum sind Regeln so furchtbar wichtig (für die Erwachsenen)? Weiterlesen
Wenn wir wütend sind, ist die Sache schnell gegessen: Wir zeigen unsere Wut und reagieren uns ab. Wenn ein Kleinkind immer wieder wütend wird, weil es von seiner Mutter wiederholt eingeengt oder verlassen wird, dann kann die immer wiederkehrende Wut jedoch zum festen Hass werden. Das Kind hat dann ein Bild von einer Beziehung im Kopf, die immer nur wütend macht. So entsteht eine Repräsentanz, also eine Vorstellung von einer hasserfüllten Beziehung. Der Hass ist dann im Gegensatz zur Wut dauerhaft installiert. Dieses Beziehungsmuster kann sich dann leicht auf andere Beziehungen im Erwachsenenalter übertragen. Manche Menschen leiden sehr darunter, dass ihre engeren Beziehungen schnell hasserfüllt sind.
Hassliebe tritt oft dann auf, wenn eine große, ungute Abhängigkeit zwischen zwei Menschen besteht. Das kleine Kind fühlt mitunter Hassliebe gegenüber seiner Mutter, von der es ganz und gar abhängt. Wenn die Mutter dem Kind nicht den Entwicklungsraum bietet, den es braucht, wird die Hassliebe zum Alltag. Wie eng Liebe und Hass zusammenhängen, zeigt schon unsere Sprache: „Den hab‘ ich gefressen“, sagen wir, wenn wir jemanden verabscheuen. Oder aber wir haben jemanden „zum Fressen gern“. „Du bist zum Anbeißen süß“, sagt die Mutter entzückt zu ihrem Kind oder der Mann zur Partnerin. Das Problem mit der Hassliebe ist, dass sie so verwirrend ist und uns oft so hilflos zurücklässt. Erwachsene, die sich in einer Hass-Liebes-Beziehung befinden, finden oft nur schwer heraus.
Man kann jemanden dafür hassen, dass man ihn liebt.
Man merkt dann, dass man den anderen „braucht“ – und das hasst man.
Bei der Hassliebe scheinen Aktivität und Passivität ganz nah beieinander zu liegen. Hass kann man relativ leicht „machen“: Man zerstöre bei einem anderen etwas, das ihm lieb ist und schon hat man in wenigen Augenblicken den Hass des anderen auf sich gezogen. Auch mit Schweigen oder Liebesentzug kann der Hass entflammt werden. Die Liebe zu entflammen erscheint da weitaus schwieriger. Während man Hass durch Aktion herbeiführen kann, ist man bei der Liebe stärker auf das Glück angewiesen.
Wir haben Glück, wenn ein anderer uns anschaut und uns liebt. Manche Menschen sind sicherer, geliebt zu werden als andere. Diejenigen, die in der Kindheit genug Liebe von ihren Eltern mit auf den Weg bekommen haben, gehen selbstverständlicher davon aus, Liebe zu erhalten. Diejenigen jedoch, die Liebe in ihrer Kindheit vermissten, wissen oft nicht so genau, ob es möglich ist, dass ein anderer sie liebt. Sie fühlen sich dann sehr ohnmächtig. Ob die Liebe im anderen erweckt wird, das weiß man eben nicht so genau. Man kann sich noch so attraktiv machen und noch so sehr an sich arbeiten – ob man geliebt wird, das kann man eben kaum steuern. Weil diese Ohnmacht oft so schwer auszuhalten ist, „machen“ manche Menschen, dass man sie hasst – das ist ihnen lieber, als dass gar nichts passiert.
Innere Zwiegespräche können zu Hass führen: „Der will das bestimmt nicht“, sagt man sich. Und fragt ihn gar nicht. Allein durch falsche Annahmen kann Hass entstehen.
Liebe ist oft nicht sofort da. Zwar gibt es die „Liebe auf den ersten Blick“, doch bei vielen entsteht die Liebe erst im Laufe des längeren Zusammenseins. Zwei Menschen, die viel zusammen erleben, beginnen, sich zu lieben, weil sie sich genau kennengelernt haben. Mit der Zeit ist die Liebe entstanden und gewachsen. Liebe kann langsam entstehen – zum Beispiel auch aus Gefühlen der Dankbarkeit, weil man merkt, dass ein anderer stets verlässlich für einen da ist. Sie kann entstehen, wenn man den anderen verstehen lernt.
Liebe ist wie Vertrauen etwas Langsames, das wächst. Hass kann dagegen sehr schnell sein.
Ein Liebesband wurde vielleicht über viele Jahre hinweg geflochten – mit großer Leichtigkeit oder aber auch mit viel Mühe. Dieses Liebesband hält viel aus, mitunter auch Hass, der immer mal wieder entstehen kann. Hass kann das Liebesband aber auch anreißen und durchschneiden. Hass ist ein starkes Gefühl, bei dem man den anderen abstößt – gleichzeitig kann man mit ihm aber auch im Hass verbunden sein.
Beziehungen, in denen einer vom anderen stark abhängig ist, sind oft besonders pappig. Zwei Menschen kleben dabei aneinander und fühlen sich nicht frei. Sie können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander. Hass und Liebe können dabei schnell wechseln oder auch parallel bestehen. „Zuckerbrot und Peitsche“ ist eine Erziehungsmethode, die Erfahrungen tief in das Gehirn von Kindern einbrennt. Die Erlebnisse sind auf eine ungute, aber eben sehr stabile Art in der Erinnerung vorhanden. Kinder, die viel „Zuckerbrot und Peitsche“ erlebt haben, suchen sich später oft Partnerschaften, in denen sie dieses Auf und Ab wieder erleben. So können sadomasochistische Beziehungen entstehen.
Catullus 85: „ÅŒdÄ« et amÅ. QuÄrÄ“ id faciam fortasse requÄ«ris.
NesciÅ, sed fierÄ« sentiÅ et excrucior.“ – „Ich hasse und ich liebe. Warum ich das mache?, magst Du Dich vielleicht fragen. Ich weiß es nicht. Aber ich fühle es und es quält mich.“
Eine Psychotherapie kann helfen, die Gefühle auseinanderzuklamüsern, sie zu verstehen und zu sortieren. Wer seine Hassliebe tiefer verstehen möchte, der kann mithilfe einer Psychoanalyse oft viel erreichen. Therapeuten-Adressen gibt es unter www.dpv-psa.de, www.dpg-psa.de oder www.dgpt.de.
„Das Äußere, das Objekt, das Gehaßte wären zu allem Anfang identisch. Erweist sich späterhin das Objekt als Lustquelle, so wird es geliebt, aber auch dem Ich einverleibt … Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar Liebe-Indifferenz die Polarität Ich-Außenwelt spiegelt, so reproduziert der zweite Gegensatz Liebe-Haß die mit der ersteren verknüpfte Polarität von Lust-Unlust.“
Sigmund Freud: Psychoanalyse. Ausgewählte Schriften. Reclam 1984: S. 246)
Eine mögliche Interpretationen:
Wenn das Kind feststellt, dass es getrennt ist von der Mutter, hasst es die Mutter zunächst, weil es sich so anfühlt, als hätte sie sich ihm entzogen.
Der Andere wird auch „gehasst“, weil man sich durch seine pure Anwesenheit vielleicht gehemmt fühlt, einfach so frei zu leben wie man es täte, wenn man ganz allein wäre. Der andere „zwingt“ einen zu Rücksichtnahme und der andere löst vielleicht Neid in einem aus. Er erinnert uns auch daran, dass wir Menschen voneinander abhängig sind – das Kind fühlt sich abhängig von der Mutter, der Erwachsene fühlt sich abhängig vom Partner, von Kindern und Freunden, was ein Grund zum „Hass“ sein kann. Das Sich-gehemmt-Fühlen und der Neid können jedoch nachlassen, sodass der andere als nicht störend, also „indifferent“, erlebt wird.
Und Wikipedia sagt:
„According to Ian Suttie, Freud saw love and hate as two distinct instincts. Hate had to be overcome with love, and because both terms are seen as two different instincts, this means repression. … Suttie saw hate as the frustration aspect of love. … Hate has to be overcome with love by the child removing the cause of the anxiety and hate by restoring harmonious relationships. The feeling of anxiety and hate can then change back into the feeling of love and security.“ https://en.wikipedia.org/wiki/Love_and_hate_(psychoanalysis)
„Laut Ian Suttie sah Freud Liebe und Hass als zwei verschiedene ‚Triebe‘ an. Hass sollte mit Liebe überwunden werden. Doch weil beide als zwei verschiedene Triebe anzusehen sind, bedeutet dies Verdrängung. … Suttie sah den Hass als einen frustrierten Aspekt der Liebe an. … Hass muss beim Kind durch Liebe überwunden werden, indem die Ursachen von Angst und Hass entfernt und harmonische Beziehungen wiederhergestellt werden. Das Gefühl von Angst und Hass kann sich wieder verändern hin zu einem Gefühl von Liebe und Sicherheit.“
Dunja Voos:
Liebst Du mich, auch wenn ich wütend bin?
Was gefühlsstarke Kinder wirklich wollen
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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am: 15.12.2012
Aktualisiert am 11.12.2020

Wenn Menschen mit einer Schizophrenie Bilder zeichnen oder malen, finden sich immer wieder ähnliche Elemente. Oft malen sie z.B. Spiralen. Ich habe einmal ein gesundes Kind gebeten, eine Spirale zu malen (rechts): Hier sieht man Bewegung und Entwicklung: Es zeigt sich ein Weg hin zur Schrift, ein Weg nach draußen, ein Blick von der Seite. Psychotische Patienten malen oft Spiralen in einer Ebene (links) – Spiralen, die „einer Schnecke ähneln“, wie das Kind es beschreibt. Weiterlesen
Die Begriffe „Schizophrenie“ und „Psychose“ werden oft gleichsinnig verwendet. Und tatsächlich ist es oft nicht leicht, zu sagen, ob ein Patient eine Psychose oder eine Schizophrenie hat. Bei der Psychose hat der Patient zum Beispiel Wahnvorstellungen, Halluzinationen und fühlt sich verfolgt. Psychotisch kann man kurzfristig werden, z.B. nach einem traumatischen Erlebnis, nach der Geburt eines Kindes oder im Rahmen einer körperlichen Erkrankung. Viele Psychosen klingen rasch wieder ab. „Er ist psychotisch“ heißt, dass gerade jetzt jemand unter wahnhaftem Erleben leidet und dabei oft sehr aufgebracht ist, also an „Positiv-Symptomen“ leidet. Die Schizophrenie hält in der Regel jedoch länger an. Sie entwickelt sich meistens langsam, ist „zäh“ und chronisch. Häufig zeichnet sie sich durch eine scheinbare Gefühlsverflachung aus, also durch „Negativ-Symptome“. Weiterlesen
In der Intersubjektiven Psychoanalyse „wird die gemeinsame Aktivität der Beteiligten, Analytiker und Analysand, im Hier und Jetzt betont“ (Wolfgang Mertens, Psychoanalytische Schulen im Gespräch, 2010, Band I, S. 20). Die intersubjektive Psychoanalyse präsentiert sich als „Feld- oder Systemtheorie“ (Mertens, S. 19). Sie ist eine Weiterentwicklung der Selbstpsychologie von Kohut (Mertens, S. 19, 24). Weiterlesen
Das „Ich“ ist sehr schwer zu definieren. Es gilt als eine Einheit der Persönlichkeit. Das Ich denkt, plant, fühlt und nimmt die Realität wahr. Es ist vorrangig bewusst, enthält aber auch unbewusste Anteile. Die steuernden Funktionen werden Ich-Funktionen genannt. Mithilfe des „Ichs“ regulieren wir unsere innere Gefühlswelt und die Beziehung zu anderen Menschen. Weiterlesen
Der Psychoanalytiker Neville Symington (1937-2019) (IPA) arbeitete gerne mit Psychotikern. Ihm gingen die Erklärungen, die die Psychoanalyse heute für Psychosen hat, oft nicht weit genug. Daher beschäftigte er sich intensiv mit religiösen Sichtweisen und versuchte sie mit der Psychoanalyse zu vereinen. In seinem wunderbaren Buch „The Psychology of the Person“ schreibt er darüber. Es ist 2012 bei Karnac Books, London, erschienen und lässt sich sehr leicht auf Englisch lesen.Weiterlesen
Wir kommen im Alltag oft in die Position, uns rechtfertigen zu wollen: „Aber das habe ich doch gar nicht so gesagt!“ Sätze wie diese sind in der Psychoanalyse meistens nicht so sinnvoll. Hier geht es darum, dass der Patient Altbekanntes neu erlebt. Der Patient stellt mit dem Analytiker unbewusst und wie automatisch Situationen her, unter denen der/die Patient*in schon immer gelitten hat. Weiterlesen
Barry Goldwater (1909-1998) war ein US-amerikanischer Politiker, der sich 1964 zur Präsidentschaftswahl aufstellen ließ. Er verlor, nachdem das fact-magazine über 12.000 Psychiater zu ihrer Meinung zur Person Barry Goldwaters befragten. Über 1000 Psychiater schätzten es so ein, dass sich Barry Goldwater aufgrund seiner Persönlichkeit nicht für das Amt des Präsidenten eigne (siehe vox.com). Weiterlesen