

Psychoanalyse sei eigentlich eine „Heilung durch Liebe“, schrieb Sigmund Freud im Brief an C.G. Jung am 6.12.1906. Daran musste ich denken, als ich das Buch „Mein größtes Rätsel bin ich selbst“ (Verlag Hanser, 2023) las. Es erzählt berührende, wahre Therapiegeschichten, die erahnen lassen, wie bedeutsam die Psychoanalyse für den Einzelnen werden kann. Die Psychoanalytikerin Cécile Loetz und der Psychoanalytiker Jakob Müller, Gründerin und Gründer des Podcasts „Rätsel des Unbewussten“, haben mit ihrem Buch etwas ganz Wunderbares geschafft: Sie bringen dem Leser die Psychoanalyse näher und bewirken durch die Art ihrer Sprache gleichzeitig, dass das Gefühl von innerer Bewegung entsteht. Man kann den Geschichten folgen und dabei auch für sich selbst Einsichten gewinnen.Weiterlesen
„Ich brauche mehr Einzelgespräche“ – kaum einen Satz hörte ich öfter, als ich noch als Ärztin in einer psychiatrischen Tagesklinik arbeitete. Der Hunger nach haltgebender und empathischer Beziehung ist riesig. Wenn das Selbst wie „rupturiert“ (eingerissen) ist, braucht der Mensch einen anderen Menschen, der dabei hilft, das Selbst wieder „ganz“ werden zu lassen. Tageskliniken und vollstationäre Behandlungen in den Psychiatrien werden dem großen Bedürfnis der schwer Leidenden nach einer „zweiten Seele“ nicht gerecht. Wenn man sich die Videos der Säuglingsforscherin Beatrice Beebe anschaut oder an das Still-Face-Experiment denkt, dann sieht man, wieviel Gegenüber die menschliche Seele braucht, um gesund zu reifen. Schwer psychisch kranke Menschen haben oft einen großen Drang danach, diese Erfahrung einer engen Beziehung zu einem empathischen Menschen nachzuholen. Weiterlesen
Wenn wir uns in der Kommunikation gegenüber sitzen (Face-to-Face), dann kommunizieren wir im Spiegel-Modus (englisch: Mirror-Image Prototype bei Hill, 1978). Schauen wir uns zusammen einen Film an oder gehen wir spazieren und sprechen dabei, kommunizieren wir im Tandem-Modus (englisch: In-tandem prototype), weil wir beide in die gleiche Richtung schauen. Psychotherapien finden oft im Spiegel-Modus, also im Gegenüber-Sitzen statt, während Psychoanalysen auch im Tandem-Modus, also im Liegen auf der Couch durchgeführt werden, sodass Patient und Analytiker beide zum Fenster herausschauen können.Weiterlesen

„Die Situation an sich ist so wie sie ist. Was sie so unerträglich macht, sind die Gedanken dazu. Unsere Bewertung entscheidet darüber, ob etwas gut ist oder schlecht“, hört man. Ich denke, dass es anders ist für Menschen, die frühe, schwere traumatische Erfahrungen gemacht haben – insbesondere, wenn der Körper mit einbezogen war. Da spürten sie genau: Zuerst ist da das Unerträgliche. Die Gedanken sind nur die Folge, um es zu begreifen. Sie hatten keinen anderen Menschen, der das Unerträgliche mit ihnen ertrug. Weiterlesen
Es war in der Zeit, als ich in meiner eigenen Lehranalyse merkte, dass es in mir ein beobachtendes, ruhiges Ich gibt, das sich von dem ganzen inneren und äußeren Chaos nicht beeindrucken lässt. In dieser Zeit sagte mir ein Patient, der sich in einer schrecklich aufwühlenden Lage befand: „Und wissen Sie – in all der Aufregung gibt es da etwas in mir, das immer ganz ruhig bleibt und das alles nur beobachtet.“ Ich hatte das Gefühl, dass dieser Satz meine Entdeckung, mein Bewusstwerden, noch vertieft. Solche Wechselwirkungen finde ich in den Therapiestunden immer wieder. Dieser Beruf erscheint mir so sinnvoll, weil er aus vielen kleinen Bausteinen besteht, die gegenseitige Befreiung bewirken. Weiterlesen
Wenn wir einen Tinnitus haben, befürchten wir vielleicht, verrückt zu werden, weil da was ist, was wir so absolut nicht wollen oder kontrollieren können. Der eigene Körper quält uns mit Tönen, Summen, Piepsen, Pochen und Geräuschen. Ohren kann man nicht verschließen, das ist ja schon im täglichen Leben so. Aber bei äußerem Lärm kann man sie sich zuhalten oder weglaufen. Da nutzen auch die zahlreichen Erklärungen nichts, etwa, dass jeder Ohrgeräusche habe, aber nicht jeder darauf höre. Das denke ich nicht. Ich denke, dass der Tinnitus tatsächlich ein „neuer Ton“ für den Betroffenen ist. Weiterlesen
Während wir Sport machen, haben quälende Gedanken oft weniger Platz, als wenn wir still im Zimmer sitzen. Das Gehirn konzentriert sich ganz auf die Bewegung: Sowohl motorische als auch sensorische und autonome Hirnregionen sind aktiv. Jene Hirnareale, die während der Bewegung gerade nicht benötigt werden, sind weniger aktiv. Diese Theorie über die Umverteilung der Aktivität im Gehirn während des Sports nennen Wissenschaftler die „transiente Hypofrontalitätstheorie“ (transient = vorübergehend). Das Frontalhirn (= das Vorderhirn) ist der „Sitz der Persönlichkeit“. Unter anderem hier findet das bewusste Denken statt. Während des Sports ist diese Hirnregion herunterreguliert („hypo“ = griechisches Wort für „unter“).Weiterlesen

Verregnete Sommerferien – die Zeit, in der Alleinerziehende feststecken. In der sie verschluckt werden. In der alles stehenbleibt. In der sich nichts bewegt. Man kann nicht weg und kann nicht bleiben. Es ist niemand da. Nur der Müll türmt sich. Während man ganz alleine älter wird. Weiterlesen