Mut zur natürlichen Geburt – und warum das Tönen (Afonesis) so hilfreich sein kann

Heute wird oft von „sanfter Entbindung“ gesprochen, doch in der Regel verläuft eine Geburt gewaltig. Du kannst Dich gut auf Vieles vorbereiten. Einerseits wirst Du vielem ausgeliefert sein, andererseits ist die Entbindung auch eine große Konzentrations-Arbeit. Wenn Du Dir eine selbstbestimmte Schwangerschaft und Geburt wünschst, kennst du bestimmt das Buch Die Hebammensprechstunde von Ingeborg Stadelmann und die Youtube-Videos (z.B. mit der Kieler Frauenärztin Dr. Dorothee Struck) dazu. Die Autorin ist selbst Hebamme und beantwortet einfühlsam zahlreiche Fragen, die sich schwangere Frauen stellen.

„Wir haben die schwangeren Frauen nicht zu kontrollieren“, sagt Ingeborg Stadelmann im Video. „Jede Frau weiß, was sie tun muss, wenn sie ein Kind bekommt. Dazu muss sie nicht lesen und nicht schreiben können“, sagte Hebamme Monika Brühl aus dem Geburtshaus Bonn in einem Vortrag, den ich vor 20 Jahren hörte. Eigentlich braucht die Schwangere dazu auch keinen Vorbereitungskurs. Und dennoch kann ein guter Vorbereitungskurs die halbe Miete sein. Gute Vorbereitungskurse finden Schwangere in Geburtshäusern. Denn Geburtshäuser arbeiten ohne Ärzte (vor Ort) und ohne Betäubung. Daher wird Wert auf eine gute Vorbereitung gelegt und es kommen viele Dinge zur Sprache, die im Krankenhaus oft nicht so benannt werden. Auch wer in einem Krankenhaus entbinden möchte, kann einen Vorbereitungskurs in einem Geburtshaus besuchen.

Wenn es losgeht. Auch, wenn manchmal die Sorge da ist, man könne den Start verpassen – der Geburtsschmerz äußert sich von Anfang an recht eindeutig. Und dann hast du, gerade beim ersten Kind, meistens erst einmal eines: viel Zeit. Zu früh ins Krankenhaus zu gehen, um dann nochmals nach Hause geschickt zu werden, kann sehr frustrierend sein. Stelle dich darauf ein, dass du viele, viele Stunden auf dein erstes Baby warten musst.

Vom Tönen und Stöhnen

Schmerzen wollen kanalisiert werden. Ein wunderbarer Weg von der ersten Wehe an ist das Tönen. Das kann man vor allem in Geburtshaus-Kursen und bei Hebammen lernen. So unangenehm es dir sein kann, im Kurs die „UUUUuuuhs“ und „Aaaahs“ zu tönen, so froh bist du vielleicht über dieses Handwerkszeug, wenn es los geht. Denn meistens entfallen dann alle Hemmungen. Gerade in der Eröffnungsphase, also wenn sich der Muttermund die ersten Zentimeter öffnet, ist das Tönen ein wunderbares Instrument, um mit dem Schmerz umzugehen.

Eine Entbindung ist eine intime Situation. Und sie ist ein „Ausscheidungsvorgang“. Jede Störung, und sei sie auch noch so klein, stört den Vorgang der Entbindung. Es ist ähnlich wie beim Sex oder beim Toilettengang: Wer gestört wird, bei dem geht es zunächst nicht weiter. Wenn Hebammen oder Ärzte hektisch den Geburtsraum betreten und ihn wieder verlassen oder wenn sie – häufig überflüssige – vaginale Untersuchungen vornehmen, dann kann die Eröffnungsphase zum Stillstand kommen. Dann braucht die werdende Mutter schon einmal den Mut, um Ruhe zu bitten. Eine Frau in den Wehen benötigt eine eigene Höhle, in die sie sich zurückziehen kann, um in Ruhe „zu eröffnen“.

Geburtsvorbereitungskurse sind oft auch gut für die Väter, denn sie werden auf die Ohnmachtsgefühle vorbereitet. Es ist oft hilfreich, wenn der Partner während der Wehen nicht mit der Frau spricht. Wenn er sich begreift als ein Schweigender, der gerade im Schweigen aktiv ist, hat er selbst eine sinnvolle Aufgabe. Oft fühlt sich der Partner hilflos. Aber er hilft seiner Partnerin einfach dadurch, dass er da ist und schweigt – wenn ihm das möglich ist. Nicht selten ist der Geburtsvorgang den Männern zu viel – auch sie brauchen „Bemutterung“ und auch manche Väter können eine postpartale Depression entwickeln.

Oft ist es auch gut, wenn der Partner gar nicht dabei ist. Eine Zeitlang war es so in Mode, dass die werdenden Väter mit in den Kreissaal kamen, dass viele Männer traumatisiert wieder dort herauskamen. Und umgekehrt: Wenn eine Frau im Vorhinein oder während der Geburt merkt, dass der Partner sie stört, dann darf sie ihn wegschicken. Es ist oft hilfreich, vorher über so eine Situation mit dem Partner zu sprechen. Und keine Angst: Gerade die Tage vor einer Entbindung können wie ein aufkommendes Gewitter sein: Streitereien mit dem Partner sind dann keine Seltenheit. In diesen Tagen wird sogar die Partnerschaft infrage gestellt. Das Paar bereitet sich auf die neue Rolle vor.

Eine Doula (Geburtsbegleiterin) ist oft eine gute Idee

Frauen, die eine feste Bezugsperson während der gesamten Entbindung haben, sind oft zufriedener mit dem Geburtserlebnis. In Geburtshäusern lernt die Schwangere ihre Hebammen gut kennen, so dass sie weiß, wer da die ganze Zeit an ihrer Seite sein wird. Wird eine Hebamme krank, kann die Schwangere immer noch sicher sein, die andere bereits gut zu kennen. Eine Lösung kann auch eine Geburtsbegleiterin, eine sogenannte Doula, sein. Doula und Schwangere lernen sich während der Schwangerschaft kennen. Geht es los, kommt die Doula zur Geburt und begleitet die Frau bis zum Ende der Entbindung. Etwa 400 Euro kostet es, sich von einer Doula begleiten zu lassen. Das kann besonders sinnvoll sein in Krankenhäusern, in die man „seine“ Hebamme nicht mitnehmen darf.

Die Schmerzen während einer Geburt sind enorm. Es ist weniger der Druck auf der Scheide, der schmerzt, als der Druck im gesamten Bauch, ja im gesamten Körper. Der Schmerz „überkommt“ die Frau. Man sagt, die Frau ist „unter“ der Geburt. Sie ordnet sich dem Geschehen unter. Wenn die Geburt mit Durchfall oder Erbrechen beginnt, ist das oft ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass die glatte Muskulatur in Gang kommt und somit auch die Geburt gut auf dem Weg ist. Immer wieder gibt es Pausen zwischen den Wehen, die kurz Zeit zur Erholung bieten. Während der Entbindung entstehen schmerzlindernde Endorphine heisst es (ich hab davon nix gemerkt – der Schmerz blieb die ganze Zeit ohne Dämmung da). Die Frau kann sich auf die Entbindung konzentrieren. Das Erleben während der Geburt kann ganz gespalten sein. Während sich die werdende Mutter bewusst ist, dass sie Schmerzen hat und schreit, merkt sie auf einer anderen Ebene, dass sie ganz klar ist und denkt: „Was sollen wir heute kochen? Ob morgen das Wetter schön ist?“. Sie geht somit innerlich auf Abstand.

Ein Buch mit dem Titel „Die Lust aufs Gebären“ von Traude Trieb spiegelt wider, dass der Geburtsschmerz nicht nur etwas Negatives ist. Hingegen werden Eingriffe wie zum Beispiel die Periduralanästhesie (PDA, Rückenmarksbetäubung) schon während der Prozedur als etwas „extra“ Unangenehmes empfunden. Oft ist man überrascht, mit wieviel Problemen so eine Betäubung behaftet sein kann (z.B. nur halbseitige Betäubung, Nachlassen der Wehentätigkeit/Verlängerung der Geburtsdauer, Taubheitsgefühle in den Beinen, Kopfschmerzen nach der Entbindung). Natürlich findet man oft auch das umgekehrte Bild: Die Frau nach der natürlichen Geburt sagt: „Nie wieder!“ und die Frau mit der PDA sagt: „So war es genau richtig.“ Das Erlebnis ist von vielen Umständen abhängig – nicht zu letzt von der Persönlichkeit der Frau selbst.

„Ich will sterben“ – Die Übergangsphase

Irgendwann kommt fast jede Frau während der Entbindung zu dem Punkt, an dem sie sagt: „Ich will sterben.“ Manche schreien auch um Hilfe, sie rufen nach der Polizei oder sagen: „Ich gehe jetzt nach Hause.“ Das ist der Höhepunkt der Geburt. Es ist die Phase, in der der Muttermund sich von 8 auf 10 cm öffnet. Das ist richtig „fies“. Viele Frauen wollen genau dann doch noch eine Periduralanästhesie (PDA). Doch wenn du weisst, dass es so kommen fühlst du dich in der Verunsicherung vielleicht sicherer. Gemessen an der Geburtsdauer ist dies nur eine relativ kurze Zeit. Es ist quasi der Schmerz kurz vor Erreichen des Gipfels. Frauen, die diesen Zeitpunkt bei sich bemerken, können trotz dieses Gefühls denken: „Bald ist es geschafft.“

Eingriffe in den Geburtsverlauf

Wann immer Ärzte in den Geburtsverlauf eingreifen, hat dies zwei Seiten: Zunächst kann der Eingriff erleichtern. Aber kurz später zeigen sich auch Nachteile. Werden beispielsweise Wehenhemmer verabreicht, werden später manchmal wieder wehenfördernde Mittel gegeben. Sie bewirken einen unangenehmeren Schmerz als die natürlichen Wehen, weil sie quasi von Null auf Hundert gehen und oft auch keine Pausen mehr zulassen. Eine PDA beispielsweise kann den Geburtsverlauf verlangsamen oder auch zum Stillstand bringen. Bei manchen Frauen führt die PDA später zu Kopfschmerzen, die nur durch tagelanges Liegen wieder gebessert werden können.

Viele Frauen fühlen sich durch die Kanüle in der Hand oder durch den Wehenmesser am Bauch „behindert“. Sie können sich unter der Geburt nicht so frei bewegen. Es ist viel angenehmer, auf diese Dinge, die bei gesunden Schwangeren in der Regel gar nicht notwendig sind, zu verzichten. So kannst du in Ruhe deine Geburtsposition finden. Viele Frauen entscheiden sich für den Gebärhocker. So kann die Schwerkraft mitwirken und das Kind kann leichter herausgepresst werden.

Schwangerschaft und Geburt sind immer noch Lebenssituationen, die trotz aller Technik nur in Grenzen unserer eigenen Kontrolle unterliegen. Wenn du dich irgendwie damit anfreunden kannst, kann dir das gut tun. Die Schmerzen während der Entbindung haben ihren Sinn. Wenn du dich ihnen zumindest annäherungsweise hingeben kannst, kannst du zeitweise deinen Rhythmus und Umgang damit finden. Und dann kommt wieder Neues. Vielleicht verlierst du das Gefühl für die Zeit. Und vielleicht wirst du sogar einen Orgasmus erleben.

Wenn es nicht läuft, wie gewünscht

Niemand kann vorhersagen, wie eine Geburt ausgeht. Ein plötzlicher Kaiserschnitt ist für viele Frauen ein schockierendes und trauriges Erlebnis. Vielleicht bekommst du nur einmal in deinem Leben die Gelegenheit zur (natürlichen) Geburt. Wie du vielleicht damit umgehen kannst, zeigt das von der Ärztin Katrin Mikolitch gegründete Kaiserschnittnetzwerk. Auch die modernste Medizin kann nicht verhindern, dass ein Baby im Mutterleib stirbt oder mit Behinderungen zur Welt kommt. Dann fühlst du dich vielleicht trotz aller Gesprächsangebote erst einmal unglaublich allein und unverstanden.

Vom Tönen

„Schade, dass ich vom Tönen bei der Geburt meiner ersten beiden Kinder nichts wusste. Erst beim dritten Kind stand mir die Technik des Tönens zur Verfügung. Ich musste nicht mehr ungezielt irgendwo hinschreien, sondern konnte das Tönen nutzen, um meinen Schmerz zu kanalisieren“, sagt eine Mutter.

Besonders in Geburtshäusern wird das „Tönen“ (Afonesis) unter der Geburt angewendet. Beim Tönen begleitest du jede Wehe mit einem langgedehnten Ton. Meistens fangen die Frauen mit einem tiefen „Uuuuh“ an. Je weiter die Geburt fortschreitet, desto näher kommen die Töne dem „Auuua“ oder „Aah“. Häufig ruft das Tönen in Vorbereitungskursen Scham hervor. Doch wenn die Geburt losgeht und die Hebamme die Schwangere in dieser Methode unterstützt, kommen die Töne bei vielen Gebärenden von ganz alleine, weil sie so wohltuend sind. Manche Hebammen tönen mit – das kann dir das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Wenn du es nicht magst, kannst du das zeigen. Vielleicht aber möchtest du während der Geburt aber auch ganz still sein.

Stell dich auf Leiden ein. Gerade wenn du frühtraumatisiert bist und sowieso Schwierigkeiten hast, dich in die Hände anderer Menschen zu begeben, kannst du immer wieder auch Abwehrreaktionen bei dir spüren. Dahinter steckt auch eine grosse Kraft. Du willst autonom bleiben. Und das kannst du auch – du wirst auf der hohen See deine Segel so gut wie möglich richtig einstellen. Und du wirst beobachten können, was passiert, wenn die See so hoch wird, dass sich gar nichts mehr einstellen lässt. Die Zeit wird vergehen.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Der lange Weg ans Licht
Ein Film von Douglas Wolfsperger. Hebamme Edeltraut Hertel erzählt in bewegender Weise von ihren Erfahrungen in Afrika und Deutschland.

Anafonesis – geführtes Tönen in der Geburtshilfe
www.anafonesis.com

Zentrum für Entwicklung und Forschung der Haptonomie
www.haptonomie.org

György Hidas, Jenö Raffai (2021)
Nabelschnur der Seele
Psychoanalytisch orientierte Förderung der vorgeburtlichen Bindung zwischen Mutter und Baby
Psychosozial-Verlag
www.bindungsanalyse.de

Michel Odent:
Geburt und Stillen – Über die Natur elementarer Erfahrungen
6. Auflage 2021, C.H. Beck Verlag

Ursula Volz-Boers:
Empfängnisbezogene Psychoanalyse: Erspüren der Gebärmutter.
Int J. Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine, Vol. 20 (2008) No. 3/4, pp. 226-236
Mattes-Verlag, Heidelberg
www.mattes.de/buecher/praenatale_psychologie/PP_PDF/PP_20_3-4_Volz.pdf

Die Entstehung der Bindungsanalyse
APV, Arbeitskreis Psychosomatik Vorderpfalz
www.schroth-apv.com/Bindungsanalyse.html

Eltern-Kind-Bindung
Dr. med. Cyril Lydin, Schweiz
www.eltern-kind-bindung.net

ISPPM
Internationale Studiengemeinschaft für Prä- und Perinatale Psychologie und Medizin, Schweiz
www.isppm.ch

Dieser Beitrag erschien erstmals am 27.4.2011
Aktualisiert am 24.7.2025

2 thoughts on “Mut zur natürlichen Geburt – und warum das Tönen (Afonesis) so hilfreich sein kann

  1. Dunja Voos sagt:

    Liebe Erol,
    vielen Dank für diesen wichtigen Kommentar.
    Die Trennung vom Kind durch die Geburt ist ein wichtiges Thema, auf das die Mütter vorbereitet werden sollten. Ich habe im Geburtshaus Bonn erlebt, dass in den Geburtsvorbereitungskursen genau das besprochen wurde: dass die Geburt erschwert werden kann, weil die bevorstehende Trennung innerlich zu weh tut. Die Hebamme dort sagte: „Die Frau wird entbunden und neu verbunden.“ Dieses Thema wurde so anschaulich und ernsthaft durchgearbeitet, dass sich die Frauen in den letzten Schwangerschaftswochen intensiv damit befassen konnten.
    Bei der Geburt wurde dann darauf geachtet, der Mutter das Baby erst auf den Bauch zu legen, wenn sie bereit dafür war. Dann wurde darauf geachtet, dass das Baby nicht eine Minute aus dem Blickfeld der Mutter verschwand – auch bei der Untersuchung des Kindes nicht.
    Dieses einfühlsame Vorgehen führt dazu, dass die Mutter sich gehalten fühlt, vorbereitet ist und das Kind gehen und kommen lassen kann.

  2. Erol sagt:

    Liebe Frau Voos,

    die Geburt eines Kindes ist auch immer eine erste Trennung von ihm. Mich hat dieses mir nicht wirklich bewusste aber gefühlte Erleben unter der Geburt stark beeinflusst, die ‚aktive Austreibung‘ verzögert.
    Zum Glück ist alles gut verlaufen, doch es würde mich interessieren, ob Sie derartiges Schilderungen schon einmal vernommen haben.

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