Das Bewusste (Bw) nach Sigmund Freud und die moderne Bewusstseinsforschung: Das „Hard Problem“ der Subjektivität bleibt hartnäckig bestehen

Was „Bewusstsein“ eigentlich ist, wird gerade enorm erforscht. Insbesondere auf das „Hard Problem of Consciousness“ (Wikipedia), also auf die Frage, wie subjektives Bewusstsein entsteht, gibt es kaum Antworten.

Nach Sigmund Freud ist das Bewusste ein Ort in der Psyche (wenn wir nur wüssten, was „Psyche“ ist …). Interessant ist, dass er schon die verschiedenen Bewusstseinsgrade, die heute näher erforscht werden, angedeutet hat. Seinem topographischen Modell nach gibt es drei Bereiche innerhalb des seelischen Apparates: den unbewussten, vorbewussten und bewussten Bereich. „Das Bewußtsein ist die Oberfläche des seelischen Apparates“, schreibt Sigmund Freud (Das Ich und das Es, 1923, Projekt Gutenberg).

Was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, ist nach Freud bewusst: „Von vornherein bewusst sind alle Wahrnehmungen, die von außen herankommen (Sinneswahrnehmungen).“ Damit sind auch Sinnesreize aus dem Körperinneren gemeint. Freud unterschied das Wahrnehmungs-Bewusstsein (W-Bw), das Bewusstsein (Bw), das Vorbewusste (V-Bw) und das Unbewusste (Ubw). Wenn uns etwas bewusst wird, dann erkennen wir es und wir können darüber sprechen. Das Bewusste ist nach Freud eng verknüpft mit der Sprache und den Wortvorstellungen. Es ist auch verknüpft mit unserer quergestreiften Muskulatur.

Wenn wir bewusst über etwas nachdenken, dann denken wir meistens in Worten – sie sind stärer präsent als die darunterliegenden Vorstellungen. Worüber wir sprechen, das ist uns (meistens) bewusst. Im Vorbewussten liegen Dinge, die uns leicht bewusst werden können, wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf lenken. Unser Unbewusstes enthält Verdrängtes sowie Dinge, die nie bewusst geworden sind und teilweise auch nicht bewusst werden können.

„Das Denken in Bildern ist also ein nur sehr unvollkommenes Bewußtwerden“ sagte Freud (1923: Das Ich und das Es, Projekt Gutenberg). Der Psychoanalytiker und Neurowissenschaftler Marc Solms erklärt, dass allein schon die Gefühle Bewusstsein sind – auch, wenn wir keine Worte dafür finden (Youtube). Der Hirnstamm fühle. Dazu sei keine Grosshirnrinde notwendig. Kinder, die ohne Grosshirn geboren sind, reagierten dennoch mit Frust, wenn man ihnen etwas wegnimmt, sie würden schlafen, wach werden und lachen, wenn man sie kitzele, so Solms. Es sei schwierig, Bewusstsein als „an oder aus“ zu denken. Man könne von einem Proto-Bewusstsein ausgehen.

Die Bewusstseinsforschung schreitet voran und die Quantenphysik spielt eine grosse Rolle. Der Psychiater Fredric Schiffer schreibt in einem interessanten Beitrag 2019:(Roger) Penrose asserts that conscious experiences are real and will be explained by natural physical laws, but the laws of a new physics. According to Penrose, the transition from certain quantum states to classical states involves a choice about which of two quantum states are to become classical and that that choice, according to Penrose, may bei associated with the emission of proto-conscious events or „bings“ of consciousness, which according to Hameroff become orchestrated into conscious experience.“ Fredric Schiffer, 2019

(Übersetzt von Voos:) „Roger Penrose geht davon aus, dass bewusste Erlebnisse real sind. Sie können durch physikalische Gesetze erklärt werden, allerdings durch die Gesetze einer neuen Physik. Nach Penrose erfolgt der Übergang von bestimmten Quantenzuständen in klassische Zustände. Das beinhaltet eine Entscheidung: Welche von zwei Quantenzuständen werden zu klassischen Zuständen? Diese Entscheidung, so Penrose, könnte zusammenhängen mit der Emission von proto-bewussten Ereignissen, auch „Bings des Bewusstseins“ genannt. Nach Ansicht des Anaesthesisten Stuart Hameroff werden diese dann orchestriert – durch das Zusammenspiel enstehe bewusste Erfahrung.“

Besonders interessant finde ich den Beitrag des Psychiaters Fredric Schiffer (Harvard Medical School, 2019) über die „physikalische Natur des subjektiven Erlebnisses und seine Interaktion mit dem Gehirn:

Fredric Schiffer (2019)
The physical nature of subjetive experience and its interaction with the brain
Medical Hypotheses 125 (2019) 57-69
www.sciencedirect.com/…
„Yet, the fact is that subjectivity exists … Penrose argues that understanding, which involves subjetivity, must be brought into physics … Subjectivity is always of or about certain living brain information even though most brain functions do not have subjectivity. Many quantum fields are known to exist and follow Dyson’s definition: „a kind of tension or stress which can exist in empty space in the absence of matter. It reveals itself by producing forces, which act on any material objects that happen to lie in the space the field occupies.“ (Dies erinnert mich sehr an Bion’s „O“ – auch Bion sprach von einer Art „Stress“. Bion schreibt: „O is the source of all anxieties and eternally hovers as the ‚emotional turbulence‘.“ Bion, 1965: S. 48, Transformations, Karnac 1984; Grotstein S. 115)
Fredric Schiffer: „My hypothesis is that there may be undiscovered quantum fields, which unlike known fields, induce subjectiviy when they interact with certain brain information … Inforamtion that transports meaning to living material exerts force through the understnding it conveys. There is a continuous interplay between experience and brain informtion. Experiences profoundly inform the brain and alter brain structure, function , and behavior …“

Bewusstseinsschichten, der Traum und das Ruhenetzwerk (Default Mode Network, DMN)

Das Bewusstsein kann verschiedene Zustände annehmen. Diese hängen mit bestimmten Strukturen im Nervensystem zusammen. Beim Nachttraum spielt das Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network, DMN) eine besondere Rolle. Dieses Netzwerk besteht unter anderem aus dem medialen präfrontalen Kortex, einem Teil des Gyrus cinguli (Posterior Cyngulate Cortex, PCC) und dem Präcuneus. Diese Hirnregionen sind bei der Innenschau, der Imagination, in der Passivität und im Schlaf aktiv (Davey et al., 2016), wohingegen die Regionen, die für das höhere Wach-Bewusstsein zuständig sind (Aufmerksamkeitsnetzwerk für Außenreize), herunterreguliert werden. Man spricht vom „Hierarchischen Modell des Bewusstseins“.

Die Hirnregionen, die das hohe Bewusstsein ermöglichen (insbesondere der anteriore präfrontale Kortex), sind in allen Schlafstadien relativ inaktiv (Domhoff et al., 2023). Daher gibt es im Traum sozusagen „kognitive Insuffizienzen“, also „Denkschwächen“: Wir stoßen uns im Traum nicht an unlogischen Situationen. Auch die Emotionen sind im Traum relativ herunterreguliert. Manchmal werden im Traum jedoch auch die höheren Bewusstseinsschichten bzw. die höheren Netzwerke aktiviert – dann können wir z.B. sehr wütend werden im Traum. Interessant auch: Bei Zwangsgedanken fühlt es sich im Wachen oft so an, als würde sich das vordere Hirn fast schmerzhaft zusammenziehen – im Schlaf ist man davon entlastet.

Das autonoetische Bewusstsein ist das Bewusstsein, mit dem wir über uns selbst nachdenken können (Noesis = Wissen, geistige Tätigkeit, Denk-Akt). Es ermöglicht auch das bewusste Erinnern. Das Ruhezustandsnetzwerk ist bis zum Alter von 9-11 Jahren noch nicht ganz ausgereift. (Dies entspricht dem Alter, in dem eine Apeirophobie möglicherweise oft beginnt – siehe Tiktokkommentare von Betroffenen. Es entspricht auch dem Alter, in dem Kinder beginnen, aus Rührung weinen zu können.) Manche kognitiven Fähigkeiten (Denkfähigkeiten), die im Traum auftreten, entwickeln sich erst schrittweise mit der Zeit.

Verwandte Artikel in diesem Blog:

Links:

Jonathan M. Lieberman and Matthew D. Sacchet (2026)
Toward a neuroscience of consciousness using Advanced meditation.
Neuroscience and Biobehavioral Reviews, Volume 181, February 2026, 106520
https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2025.106520
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0149763425005214
„Here, we propose that advanced meditation—referring to states and stages of practice that unfold progressively with increasing expertise—offers a powerful yet unexplored opportunity to isolate the core features of consciousness through a theory-driven neuroscience approach. We focus on two classes of meditative phenomena: advanced concentrative absorption (related to what have been called jh?na), which involves the preservation of highly abstract forms of awareness alongside the attenuation of typical features of consciousness; and meditative endpoints—namely, cessation events (related to what have been called nirodha)—which involve the temporary suspension of consciousness altogether.“

Freeman Dyson
Part I: From Physics to the Far Future | Episode 2101 | Closer To Truth, with Robert Lawrene Kuhn, youtube.com: „We understand the physical world extremely well, we understand the mental world hardly at all.“ Freeman Dyson empfiehlt: The Black Cloud (Valancourt 20th Century Classics) von Fred Hoyle, amazon

Michael C. Wiest (2025)
A quantum microtubule substrate of consciousness is experimentally supported and solves the binding and epiphenomenalism problems.
Anaesthesia and Consciousness,
Neuroscience of Consciousness, Volume 2025, Issue 1, 2025, niaf011, doi.org/10.1093/nc/niaf011, academic.oup.com/…
„I also review experimental evidence that functionally relevant quantum effects occur in microtubules at room temperature, and direct physical evidence of a macroscopic quantum entangled state in the living human brain that is correlated with the conscious state and working memory performance. Having established the physical and biological plausibility of quantum microtubule states related to consciousness, I turn to consider potential practical advantages of a quantum brain and enormous theoretical advantages of a quantum consciousness model. … I propose that, contrary to a certain (zombie) intuition, the quantum approach can also solve this problem in a nontrivial way. The Orchestrated Objective Reduction (Orch OR) theory of Penrose and Hameroff embodies these advantages of a quantum model and also accounts for nonalgorithmic human understanding and the psychological arrow of time.

Quantenphysik für Anfänger – drei grundlegende Phänomene kurz erklärt
www.youtube.com/…

Neural Correlates of Consciousness, NCC
www.sciencedirect.com/…
„Consciousness can be conceptualized along two primary dimensions: the state or level of consciousness, which refers to arousal or wakefulness, and the content of consciousness, which encompasses the qualitative aspects of subjective experience.
AI generated definition based on: Jaan Aru et al. (2012), Review: Distilling the neural correlates of consciousness. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, Volume 36, Issue 2, February 2012, Pages 737-746 doi.org/10.1016/…, Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 2012

The dissolution of the hard problem of consciousness
Why consciousness isn’t a mysterious property we “have”, but the process of what we “are”.
medium.com/@homophoria/… „But what if the hard problem persists because we’re asking the wrong question? Like medieval astronomers adding epicycles to explain planetary motion within a geocentric model, we might be complicating something that’s actually quite simple once you shift perspective. A process, not a property … From biology to physics: consciousness as information processing …“

Réduction objective orchestrée: „Une théorie qui postule que la conscience prend naissance au niveau quantique à l’intérieur des neurones“ (Übersetzt von Voos: Eine Theorie, die besagt, dass das Bewusstsein auf einem bestimmten Quantenniveau im Inneren der Nervenzellen geboren wird.) fr.wikipedia.org/…

Wikipedia about Stuart Hameroff: „Plus tard, il précisera sa pensée en affirmant que les microtubules pourraient être la source de la conscience et que cette dernière serait donc influencée par des phénomènes quantiques.“ (Übersetzt von Voos: Die Mikrotubuli könnten die Quelle des Bewusstseins sein, beeinflusst durch Quantenphänomene.) Wikipedia

Domhoff, G. W. (2023, in press):
The relationship between dreaming and autonoetic consciousness:
The neurocognitive theory of dreaming gains in explanatory power by drawing upon the multistate hierarchical model of consciousnessDreaming33(1)
dreams.ucsc.edu/…

Margaret R. Zellner (2013):
Some Psychoanalytic Notes
Dreaming and the Default Mode Network
Contemporary Psychoanalysis, Vol. 49, 2013, Issue 2
https://doi.org/10.1080/00107530.2013.10746548
www.tandfonline.com/…

Europäisches Collegium für Bewusstseinsstudien (ECBS) 

Haas, Henriette et al. (1988):
Die Erfassung bizarrer Elemente im Traum
Universität Zürich, 1988
www.zora.uzh.ch/….pdf

G. William Domhoff (1996):
Finding Meaning in Dreams: A Quantitative Approach.
link.springer.com/book/…

Adolf Dittrich:
Außergewöhnliche Bewußtseinszustände (ABZ) – „große Gefühle“ und Wahrnehmungsveränderungen
www.kunstforum.de/…

Schlaf: Nachts im Gehirn
Spektrum.de, 22.2.2011

Christopher G. Davey, Jesus Pujol, Ben J. Harrison (2016):
Mapping the self in the brain’s default mode network
NeuroImage, Volume 132, 15 May 2016, Pages 390-397
sciencedirect.com/…

Veröffentlicht am 20.1.2026 (Arbeit am Beitrag begonnen: 2014)

2 thoughts on “Das Bewusste (Bw) nach Sigmund Freud und die moderne Bewusstseinsforschung: Das „Hard Problem“ der Subjektivität bleibt hartnäckig bestehen

  1. Melande sagt:

    Hallo, Harald Fischer,

    das, was Sie am 2.11.2020 geschrieben haben, finde ich sehr interessant.
    Wo haben Sie das her?

    Liebe Grüsse

    Melande

  2. Harald Fischer sagt:

    Im Kopf sind drei aktiv.
    Das Gehirn, nur ein Arbeiter, der nach einem 16-Stundentag zusammen mit dem Körper ausruht.
    Darüber das Ich, der Wille und darüber das Überhirn, das ist für unser Leben, unsere Gesundheit und unser Glück zuständig und es macht die Träume..
    Die Natur baut es in alle ihre Geschöpfe ein, Pflanzen, Tiere und uns, macht es aber nicht selbst, sie bekommt es vom Welthirn.
    Zu seinem Schutz schuf sie die Seele, die nur diesen einen Auftrag hat und am Lebensende mit ihm stirbt,
    Das Gehirn kann nicht selbständig denken, alles, was es am Tage erledigt, sind Anweisungen des Überhirns. Nachts wird es mit dem Körper ruhig gestellt, damit beide das Überhirn bei seiner lebenserhaltenden Arbeit nicht behindern. Alles was sich im Kopf abspielt, hat also nur etwas mit dem Überhirn zu tun., so auch das Bewusstsein. Oder wenn jemand von den Selbstheilungskräften den Körpers spricht, reiner Unsinn. Wiedererscheinen eines Verstorbenen, eine Leistung des Überhirns, genauer, seines beweglichen Teils. Der feste Teil bleibt im Körper und stirbt mit ihm.
    Der bewegliche Teil kann sich viele Jahre erhalten, samt einem Teil des Gedächtnisses, wenn der Körper, zu dem er gehörte schon lange tot ist. Natürlich gibt es keinen klinischen Tod oder Hirntod, das sind nur Erfindungen von Ärzten. Ein Mensch kommt ins Leben, wenn sein Überhirn da ist und stirbt, wenn es tot ist. Harald Fischer.

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