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Was heißt „Besetzung“ in der Psychoanalyse?

Etwas sei „libidinös besetzt“ heißt es oft in der Psychoanalyse. Damit meint der Psychoanalytiker, dass quasi unser Herz daran hängt. Wenn wir an unseren Liebsten denken oder immer noch unser rotes Spielzeugauto lieben, sind der Liebste und das Auto „libidinös besetzt“. Sigmund Freud hat den Begriff der „Besetzung“ in diesem Sinne geprägt. Schon die Vorstellung vom Auto kann „libidinös besetzt“ sein, das heißt, die Vorstellung in unserer Psyche ist quasi „energetisch aufgeladen“. Unser Körper gerät in Wallung, wenn wir nur an den Liebsten denken. Der Psychoanalytiker Timo Storck schreibt: „Die Besetzung an sich bedeutet, dass bestimmte Vorstellungen libidinös-triebhaft besetzt sind, weil Lust und Befriedigung (bzw. die Erwartung dessen) damit verbunden sind.“ (Timo Stock: Das dynamisch Unbewusste, Kohlhammer 2019, S. 58)Weiterlesen

Psychosexuelle Entwicklung: Aus oral, anal, ödipal wird depressiv, zwanghaft und hysterisch. In der Psychoanalyse kannst du die Entwicklungsschritte nochmals durchlaufen.

Mit der „Psychosexuellen Entwicklung“ sind die Phasen gemeint, die ein Baby und Kleinkind in der Entwicklung durchläuft: Die orale, anale und ödipale Phase. Zunächst ist der Mund die Körperregion, die wichtig ist und Lust erweckt. Zwischen zwei und drei Jahren spielen die Themen Verdauung, Laufenlernen, Ich-Sagen, Nein-Sagen und Ausscheidung eine wichtige Rolle (anale Phase). Zum Schluss entdeckt das Kind sein Geschlecht – mit vier bis sechs Jahren ist es in der ödipalen Phase. Danach kommt das Kind bis zur Pubertät relativ zur Ruhe (Latenzzeit). Weiterlesen

Wenn wir einen Wunsch begraben müssen, trauern wir wie um einen Toten

Es gibt Herzenswünsche, die begleiten uns von Kindes Beinen an – andere Wünsche entstehen erst im Laufe der Zeit. Gerade für Frauen spielt der Kinderwunsch eine ganz besondere Rolle: Sind Schwangerschaft und Geburt doch körperliche Erlebnisse, die viele Frauen unbedingt erfahren möchten. Viele Paare träumen von einem gemeinsamen Kind. Ein leibliches Kind zu haben ist für viele der größte Wunsch – irgendwann zu dritt oder zu viert morgens im Bett zu liegen, ist ein tiefer Traum vieler Menschen. Weiterlesen

Überwältigtsein. Die Hölle des Jetzt.

Ich bin erstarrt. Kann nur noch da sitzen und ganz flach atmen. Ich kann es nur noch mit Mühe beobachten, denn es gibt kaum ein Ich. Nur leere Schale um Schaule um Schale. Jede einzelne löst sich auf, sobald ich zu ihr komme. Ich kann fast nicht mehr denken. Nur noch zittern und Durchfall haben. Da: Ein kurzer beruhigender Gedanke. Er verwandelt sich sofort zur Bedrohung. Und der nächste auch, der nächste auch, der nächste auch. Weiterlesen

Buchtipp: Psychotische Körperbilder. Oder: Psychotisch ist flüssig, gesund ist fest

Als ich den Titel „Psychotische Körperbilder“ las, war meine Neugier geweckt und ich bestellte gleich das Buch des Psychoanalytikers David Rosenfeld (Buenos Aires, IPA) im Psychosozial-Verlag. „Psychoanalytische Arbeit mit schwer gestörten Patienten“ – auch der Untertitel versprach viel. Dann war ich jedoch ziemlich enttäuscht: Das Buch besteht aus einigen kurzen Patientengeschichten, die nur oberflächlich angeschnitten werden und so manches erschien mir beim Lesen sehr befremdlich. Ein merkwürdiges Buch. Inspiriert vom Psychoanalytiker Harold Searles (1918-2015) sowie dem Film „Take These Broken Wings – Schizophrenie heilen ohne Medikamente“ war ich von folgendem Satz David Rosenfelds erst einmal ernüchtert: Weiterlesen

Wiedergutmachung

Es ist ein tiefes Bedürfnis des Menschen, Schaden wieder gut zu machen. Schon kleinste Kinder unternehmen Versuche des Wiedergutmachens, wenn sie merken, dass sie einem anderen Menschen, insbesondere der Mutter, wehgetan haben. Häufig bemerken wir diese Versuche der Wiedergutmachung nicht, weil wir immer noch in unserem Schrecken, unserer Empörung oder unserem Schmerz stecken. Wie konnte er/sie uns das antun? Gerade bei Kindern oder Jugendlichen muss man manchmal genau hinschauen, um zu bemerken, dass sie wiedergutmachen wollen. Auch in der Partnerschaft können wir Wiedergutmachung oft versteckt erleben, doch sehr oft haben wir gar nicht den Gedanken, dass Wiedergutmachung den meisten Menschen ein so wichtiges Bedürfnis ist. Weiterlesen

Psychoanalytische Therapie bei Depressionen: Hohe Frequenz hilft

Wenn depressive Patienten psychoanalytisch behandelt werden und es ihnen besser geht – was hat dann gewirkt? War es die psychoanalytische Technik an sich oder war es auch die höhere Therapiefrequenz, die ihre Wirkung zeigt? Die Psychologen Johannes Zimmermann, Cord Benecke und Kollegen der Universität Kassel führten hierzu eine Studie mit 77 depressiven Patienten durch. 27 Patienten erhielten eine psychoanalytische Therapie, 26 Patienten eine psychodynamische Therapie und 24 Patienten eine kognitiv-behaviorale Therapie (CBT). Weiterlesen

Regeln – das Allheilmittel in der Erziehung? „Ich nehme dir das Handy weg und Nein heisst Nein!“

Mir scheint manchmal, dass die Erwachsenen sich an den Regeln, die sie den Kindern aufstellen, festhalten wie Ertrinkende an einem Strohhalm. Warum sind Regeln so furchtbar wichtig (für die Erwachsenen)? Weiterlesen

Hassliebe – Liebe und Hass gehen oft Hand in Hand

Wenn wir wütend sind, ist die Sache schnell gegessen: Wir zeigen unsere Wut und reagieren uns ab. Wenn ein Kleinkind immer wieder wütend wird, weil es von seiner Mutter wiederholt eingeengt oder verlassen wird, dann kann die immer wiederkehrende Wut jedoch zum festen Hass werden. Das Kind hat dann ein Bild von einer Beziehung im Kopf, die immer nur wütend macht. So entsteht eine Repräsentanz, also eine Vorstellung von einer hasserfüllten Beziehung. Der Hass ist dann im Gegensatz zur Wut dauerhaft installiert. Dieses Beziehungsmuster kann sich dann leicht auf andere Beziehungen im Erwachsenenalter übertragen. Manche Menschen leiden sehr darunter, dass ihre engeren Beziehungen schnell hasserfüllt sind.

Ungute Abhängigkeit schürt Hass

Hassliebe tritt oft dann auf, wenn eine große, ungute Abhängigkeit zwischen zwei Menschen besteht. Das kleine Kind fühlt mitunter Hassliebe gegenüber seiner Mutter, von der es ganz und gar abhängt. Wenn die Mutter dem Kind nicht den Entwicklungsraum bietet, den es braucht, wird die Hassliebe zum Alltag. Wie eng Liebe und Hass zusammenhängen, zeigt schon unsere Sprache: „Den hab‘ ich gefressen“, sagen wir, wenn wir jemanden verabscheuen. Oder aber wir haben jemanden „zum Fressen gern“. „Du bist zum Anbeißen süß“, sagt die Mutter entzückt zu ihrem Kind oder der Mann zur Partnerin. Das Problem mit der Hassliebe ist, dass sie so verwirrend ist und uns oft so hilflos zurücklässt. Erwachsene, die sich in einer Hass-Liebes-Beziehung befinden, finden oft nur schwer heraus.

Man kann jemanden dafür hassen, dass man ihn liebt.
Man merkt dann, dass man den anderen „braucht“ – und das hasst man.

Die Mischung aus Aktivität und Passivität

Bei der Hassliebe scheinen Aktivität und Passivität ganz nah beieinander zu liegen. Hass kann man relativ leicht „machen“: Man zerstöre bei einem anderen etwas, das ihm lieb ist und schon hat man in wenigen Augenblicken den Hass des anderen auf sich gezogen. Auch mit Schweigen oder Liebesentzug kann der Hass entflammt werden. Die Liebe zu entflammen erscheint da weitaus schwieriger. Während man Hass durch Aktion herbeiführen kann, ist man bei der Liebe stärker auf das Glück angewiesen.

Ist es möglich, dass ein anderer mich liebt?

Wir haben Glück, wenn ein anderer uns anschaut und uns liebt. Manche Menschen sind sicherer, geliebt zu werden als andere. Diejenigen, die in der Kindheit genug Liebe von ihren Eltern mit auf den Weg bekommen haben, gehen selbstverständlicher davon aus, Liebe zu erhalten. Diejenigen jedoch, die Liebe in ihrer Kindheit vermissten, wissen oft nicht so genau, ob es möglich ist, dass ein anderer sie liebt. Sie fühlen sich dann sehr ohnmächtig. Ob die Liebe im anderen erweckt wird, das weiß man eben nicht so genau. Man kann sich noch so attraktiv machen und noch so sehr an sich arbeiten – ob man geliebt wird, das kann man eben kaum steuern. Weil diese Ohnmacht oft so schwer auszuhalten ist, „machen“ manche Menschen, dass man sie hasst – das ist ihnen lieber, als dass gar nichts passiert.

Innere Zwiegespräche können zu Hass führen: „Der will das bestimmt nicht“, sagt man sich. Und fragt ihn gar nicht. Allein durch falsche Annahmen kann Hass entstehen.

Liebe kann entstehen

Liebe ist oft nicht sofort da. Zwar gibt es die „Liebe auf den ersten Blick“, doch bei vielen entsteht die Liebe erst im Laufe des längeren Zusammenseins. Zwei Menschen, die viel zusammen erleben, beginnen, sich zu lieben, weil sie sich genau kennengelernt haben. Mit der Zeit ist die Liebe entstanden und gewachsen. Liebe kann langsam entstehen – zum Beispiel auch aus Gefühlen der Dankbarkeit, weil man merkt, dass ein anderer stets verlässlich für einen da ist. Sie kann entstehen, wenn man den anderen verstehen lernt.

Liebe ist wie Vertrauen etwas Langsames, das wächst. Hass kann dagegen sehr schnell sein.

Ein Liebesband wurde vielleicht über viele Jahre hinweg geflochten – mit großer Leichtigkeit oder aber auch mit viel Mühe. Dieses Liebesband hält viel aus, mitunter auch Hass, der immer mal wieder entstehen kann. Hass kann das Liebesband aber auch anreißen und durchschneiden. Hass ist ein starkes Gefühl, bei dem man den anderen abstößt – gleichzeitig kann man mit ihm aber auch im Hass verbunden sein.

Hassliebe klebt

Beziehungen, in denen einer vom anderen stark abhängig ist, sind oft besonders pappig. Zwei Menschen kleben dabei aneinander und fühlen sich nicht frei. Sie können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander. Hass und Liebe können dabei schnell wechseln oder auch parallel bestehen. „Zuckerbrot und Peitsche“ ist eine Erziehungsmethode, die Erfahrungen tief in das Gehirn von Kindern einbrennt. Die Erlebnisse sind auf eine ungute, aber eben sehr stabile Art in der Erinnerung vorhanden. Kinder, die viel „Zuckerbrot und Peitsche“ erlebt haben, suchen sich später oft Partnerschaften, in denen sie dieses Auf und Ab wieder erleben. So können sadomasochistische Beziehungen entstehen.

Catullus 85: „ÅŒdÄ« et amō. QuārÄ“ id faciam fortasse requÄ«ris.
Nesciŏ, sed fierÄ« sentiō et excrucior.“ – „Ich hasse und ich liebe. Warum ich das mache?, magst Du Dich vielleicht fragen. Ich weiß es nicht. Aber ich fühle es und es quält mich.“

Mit Psychotherapie die Gefühle sortieren

Eine Psychotherapie kann helfen, die Gefühle auseinanderzuklamüsern, sie zu verstehen und zu sortieren. Wer seine Hassliebe tiefer verstehen möchte, der kann mithilfe einer Psychoanalyse oft viel erreichen. Therapeuten-Adressen gibt es unter www.dpv-psa.de, www.dpg-psa.de oder www.dgpt.de.

„Das Äußere, das Objekt, das Gehaßte wären zu allem Anfang identisch. Erweist sich späterhin das Objekt als Lustquelle, so wird es geliebt, aber auch dem Ich einverleibt … Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar Liebe-Indifferenz die Polarität Ich-Außenwelt spiegelt, so reproduziert der zweite Gegensatz Liebe-Haß die mit der ersteren verknüpfte Polarität von Lust-Unlust.“
Sigmund Freud: Psychoanalyse. Ausgewählte Schriften. Reclam 1984: S. 246)

Eine mögliche Interpretationen:
Wenn das Kind feststellt, dass es getrennt ist von der Mutter, hasst es die Mutter zunächst, weil es sich so anfühlt, als hätte sie sich ihm entzogen.
Der Andere wird auch „gehasst“, weil man sich durch seine pure Anwesenheit vielleicht gehemmt fühlt, einfach so frei zu leben wie man es täte, wenn man ganz allein wäre. Der andere „zwingt“ einen zu Rücksichtnahme und der andere löst vielleicht Neid in einem aus. Er erinnert uns auch daran, dass wir Menschen voneinander abhängig sind – das Kind fühlt sich abhängig von der Mutter, der Erwachsene fühlt sich abhängig vom Partner, von Kindern und Freunden, was ein Grund zum „Hass“ sein kann. Das Sich-gehemmt-Fühlen und der Neid können jedoch nachlassen, sodass der andere als nicht störend, also „indifferent“, erlebt wird.

Und Wikipedia sagt:
„According to Ian Suttie, Freud saw love and hate as two distinct instincts. Hate had to be overcome with love, and because both terms are seen as two different instincts, this means repression. … Suttie saw hate as the frustration aspect of love. … Hate has to be overcome with love by the child removing the cause of the anxiety and hate by restoring harmonious relationships. The feeling of anxiety and hate can then change back into the feeling of love and security.“ https://en.wikipedia.org/wiki/Love_and_hate_(psychoanalysis)

„Laut Ian Suttie sah Freud Liebe und Hass als zwei verschiedene ‚Triebe‘ an. Hass sollte mit Liebe überwunden werden. Doch weil beide als zwei verschiedene Triebe anzusehen sind, bedeutet dies Verdrängung. … Suttie sah den Hass als einen frustrierten Aspekt der Liebe an. … Hass muss beim Kind durch Liebe überwunden werden, indem die Ursachen von Angst und Hass entfernt und harmonische Beziehungen wiederhergestellt werden. Das Gefühl von Angst und Hass kann sich wieder verändern hin zu einem Gefühl von Liebe und Sicherheit.“

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Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am: 15.12.2012
Aktualisiert am 11.12.2020

Bilder von Menschen mit Psychosen verstehen

Wenn Menschen mit einer Schizophrenie Bilder zeichnen oder malen, finden sich immer wieder ähnliche Elemente. Oft malen sie z.B. Spiralen. Ich habe einmal ein gesundes Kind gebeten, eine Spirale zu malen (rechts): Hier sieht man Bewegung und Entwicklung: Es zeigt sich ein Weg hin zur Schrift, ein Weg nach draußen, ein Blick von der Seite. Psychotische Patienten malen oft Spiralen in einer Ebene (links) – Spiralen, die „einer Schnecke ähneln“, wie das Kind es beschreibt. Weiterlesen