Wenn die Katastrophe da ist, fühlen sich viele zwar allein, aber das quälende Einsamkeitsgefühl scheint gewichen zu sein. Man ist beschäftigt mit der Katastrophe und auch irgendwie „gehalten“, denn in der Katastrophe wird das katastrophale Bild zur Gewissheit. Man weiß dann, was man hat. Man sieht den Feind, man spürt genau, was das Leiden verursacht. Ist hingegen alles ruhig, kann sich das wie eine latente Gefahr anfühlen. „Wann kommt der nächste Absturz und wie sieht er aus?“, fragt man sich.Weiterlesen
Manchmal wundern wir uns, dass wir in schweren Zeiten relativ gut einschlafen und am nächsten Morgen gut aufwachen. Das kann daran liegen, dass wieder eine Ordnung hergestellt wurde, auch, wenn der Vorgang schmerzlich war. Wenn du dich jedoch kurze Zeit danach wieder sehr schlecht fühlst, kann es auch ein anderer Mechanismus sein. „Dieses große Wohlgefühl beim Aufwachen, vielleicht nach einem schönen Traum, ist zwar unglaublich angenehm, aber es ist nicht gut für Körper und Geist. Es verschwendet Lebensenergie“, sagte mir einmal ein chinesischer Mediziner. Weiterlesen
Kinder, die in „Bildungsferne“ aufwuchsen, die Gewalt, Armut und Vernachlässigung erlebt haben, haben oft nur geringe Fähigkeiten, sich zu spüren, auszudrücken oder zu mentalisieren. Sie wuchsen bei psychisch kranken Eltern auf und haben in ihrem Umfeld kaum etwas anderes erlebt als Desaster.Weiterlesen
Jetzt geht’s rund. Perversion bedeutet Aufregung, Faszination und „Böses“. Dieser Beitrag handelt nicht von der sexuellen Perversion, sondern von Menschen mit perversen Charakterzügen. „Pervertere“ ist das lateinische Wort für „verdrehen“. Wir alle lieben es, auch mal die Dinge auf den Kopf zu stellen, um mit den harten Realitäten des Alltags klarzukommen. Jeder hat auch „perverse“ Züge in sich. Weiterlesen
Ich dachte, es sei normal: das Geschreie, das Gezerre, das Gesperre, der Mangel, der Liebesentzug, die blauen Flecken, der Alkoholgeruch, die Lügen, das Drama, die Nacktheit. Irgendwann dämmerte es mir. Ich fragte mich, ob es wirklich normal sei. Bis eines Tages Einer kam und mich freundlich behandelte. Da tat sich ein riesiger Schmerz auf: Der Schmerz des Unterschieds. Was hatte ich alles verpasst? Was fehlte mir da? Ein großer Schrei machte sich breit. Es dauerte lange, bis ich den Frieden, die Ruhe, die Freundlichkeit und Zärtlichkeit ertragen konnte. Bis sie mir nicht mehr weh taten. Bis ich sie genießen konnte. So oder ähnlich geht es vielen Menschen, die aus psychisch kranken Familien kommen.
Feindselige Beziehungen sind relativ einfach: Hier schaue ich, dass ich zu meinem Recht komme und dass der andere nicht zu viel Gutes abbekommt. Schwierig wird es für uns oft dann, wenn wir eine Beziehung eingehen mit jemandem, den wir wirklich mögen. „Es ist, als verließe ich mich selbst“, sagt eine Studentin in der Psychotherapie und beschreibt die Situation, in die sie kommt, wenn sie jemanden mag: „Dann ist es nur noch wichtig, dass Frieden herrscht. Meine eigenen Bedürfnisse stelle ich hinten an und Missstände spreche ich nicht an. Ich bin in einer guten Beziehung wie gelähmt.“ „Aggression“ bedeutet nicht nur wütendes Schreien oder gewaltsamer Kampf. Aggression (vom Lateinischen: aggredi = herangehen) heißt, dass man auf jemanden zugeht. Weiterlesen
So, wie man bei einer Magen-Darm-Grippe das gute Essen nicht riechen und nicht essen kann, so, wie man bei Heuschnupfen die schöne Frühlingsluft nicht verträgt, so, wie man bei einer Wunde Berührung meidet, so ist es bei psychischem Leid: Der, der die psychische Wunde hat, kann das Gute nicht vertragen, auch wenn es direkt neben ihm liegt. Solange die Krankheit da ist, will man das Gute auch gar nicht: Der Heuschnupfler zieht sich in die Wohnung zurück, der Magen-Darm-Kranke will nichts essen. Weiterlesen
Im Traum verarbeitet man seine Erfahrungen und lässt sie zu einem Teil von sich selbst werden. Psychoanalytiker sagen, man „introjiziert“ seine Erfahrungen. Die rohen Erfahrungen und Gefühle werden zu bedeutungsvollen Bildern und Worten. Manchmal ist es auch umgekehrt: Wir verarbeiten innere Erfahrungen außerhalb von uns selbst. Wir „projizieren“ sie nach aussen – in andere Menschen, aber auch in Gegenstände, beispielsweise, wenn wir die Unordnung in einem Schrank besonders dann unerträglich finden, wenn auch in unserem Inneren gerade Chaos herrscht. Im Traum lernen wir etwas aus unseren emotionalen Erfahrungen. Weiterlesen
„Beziehung ist halt immer harte Arbeit.“ | „Den Traumprinzen gibt es nicht.“ | „Das ist eben die Realität! | „Du kannst Dir nicht immer die Rosinen rauspicken.“ | „Letzten Endes sind wir doch immer alleine.“ | „In der Psychoanalyse kann man doch auch nur lernen, mit seinen Symptomen umzugehen, oder?“ | Es gibt so viele Sätze, die zeigen: Da hat jemand noch nicht die Erfüllung erlebt. „Beziehung ist nicht ‚harte Arbeit‘. Ich musste mit meinem Partner noch nie an unserer Beziehung ‚arbeiten‘. Es ist einfach etwas Natürliches“, sagt Barbara. „Ich weiß seit 25 Jahren wie es ist, mit Männern zu schlafen. Doch erst seit einem Jahr weiß ich, dass es zutiefst befriedigend sein kann“, sagt Lea. „Bei meiner Arbeit habe ich immer das Gefühl: ‚Ja, das ist es!'“, sagt Peter. Weiterlesen
Ich war weit hinaus geschwommen. Als ich zurück schwimme, spüre ich einen Sog unter mir. Ich schwimme und er zieht mich zurück. Ich schwimme mehr und er zieht mich mehr zurück. Ich verzweifle. Am Strand stehen die beiden Jungs. Sie schauen auf mich. Sie können nichts tun, außer blicken. Sie sehen mich. Sie sind bei mir. Ich blicke zurück. Und bekomme Kraft. Ich schwimme zurück. Sie helfen mir aus dem Wasser. „Da war was!“, sage ich. „Wir haben’s gesehen“, sagen sie. Manchmal ist es einfach nur wichtig, dass andere wissen und sehen. Weiterlesen