Das Schlimme hat so einen Sog. Dieser Lärm, verursacht durch das eigene Schreien. Diese Stille, verursacht durch alle, die schweigen. Diese Wut und diese Rachsucht auf alle, die nicht verstehen, die nicht gesehen haben und die auch heute nicht wissen, was sie tun. Das Schlimme zieht mich immer wieder an. Ich gleite hinein. Ich suche es und kann es doch nicht akzeptieren, nicht aushalten. Was heißt un-aus-haltbar überhaupt? Dass man sterben möchte, aber nicht kann? Ein Schwebezustand, in dem es nicht vor und nicht zurück geht. Man solle vertrauen. Alles sei auszuhalten. Sagen die, die noch nie das Nicht-Aushaltbare erlebt haben. Weiterlesen
„Lieben und Arbeiten“ – oftmals wird gesagt, dass dies nach Sigmund Freuds Worten die Ziele der Psychoanalyse seien. Aber hat er das wirklich gesagt? Der amerikanische Sachbuchautor Ralph Keyes geht in seinem Buch „The Quote Verifier“ dieser Frage nach. Es gebe keinen Beweis dafür, dass Freud dies gesagt habe, so Keyes. Doch woher kommt das „Gerücht“? Keyes schreibt, dass es keinen Beweis für ein solches Freud-Zitat gebe. Keyes erwähnt das Buch des Psychoanalytikers Erik Erikson’s „Childhood and Society“ (1963). Dort schreibe Erikson, dass Freud einmal gefragt wurde, was eine normale Person gut können sollte. Freud habe in seinen alten Tagen – so werde berichtet – gesagt: „Lieben und arbeiten“. Erikson sei ehrlich genug gewesen zu sagen, dass Freud dies „angeblich“ sagte.Weiterlesen
Wir kennen eine große Palette an Gefühlen: Angst, Trauer, Freude, Neid, Lust, Liebe, Hass, Ärger. Aber ein Gefühl, für das wir keinen gebräuchlichen Namen haben, ist aus meiner Sicht eine Art „Tiefegefühl“. Es ist ein Gefühl, als würde man in sich selbst hineinfallen. Es entsteht zum Beispiel, wenn wir einen Unfall sehen, wenn wir in der ersten Nachthälfte tief träumen, wenn wir ein kurzes Gefühl des Unheimlichen haben, wenn wir eine „telepathische Begegnung“ haben, wenn uns jemand seinen Traum erzählt oder vielleicht, wenn wir „psychotisch“ sind. Es ist das Gefühl, das entsteht, wenn für Momente das Unbewusste spürbar ist. Weiterlesen
Sexueller (Kindes-)Missbrauch kommt in unzähligen Farben und Varianten vor. Er kann von Vätern, Müttern, Großeltern, Geschwistern, Lehrern und anderen Menschen ausgehen. Er ist meistens umso folgenschwerer, je näher der Täter/die Täterin dem Opfer stand und je chronischer das Geschehen war. Sexueller Missbrauch ist furchtbar. Die Opfer sind echte Opfer und verabscheuen selbst, was ihnen passiert ist. Das ist ein Teil. Was die Sache aber so ungeheuer schwierig macht, ist die „lustvolle“ Komponente, die während des Missbrauchs oder aber in der Erinnerung manchmal auftauchen kann. Weiterlesen
Das kleine Mädchen läuft auf den Papa zu. Es kribbelt in seinem Bauch, vor lauter Freude. Er nimmt es in seine Arme und wirft es hoch in die Luft. Das Mädchen jauchzt. Der gesunde Vater ist stark. So stark, dass er seine eigenen Gefühle kennt, hält, lenkt. Er freut sich mit seinem Kind. Die beiden sind glücklich. Und arglos. Und sie dürfen es bleiben, denn die Mutter schaut zu und freut sich. Weiterlesen
Es nutzt nichts. Sie kommt immer wieder. Egal, wieviel Schutz ich mir vor mich und um mich herumstelle: Sie dringt durch Mauern, durch meine Haut, durch mein Körperfett – direkt in mich ein. Und dann ist ihre Seele in mir und tobt. Sie macht mich krank. Sie schadet mir. Sie will mich aushöhlen, will mich töten. Irgendwo sitzt sie und schickt mir ihre bösen Gedanken, davon bin ich überzeugt. Ich spüre es, ich fühle es. Ich wünschte, sie würde sterben. Aber dann ist die Angst noch größer: Dann kann sie vom Himmel aus, von überall her in mich eindringen. Weiterlesen
„Du musst lernen, Dich selbst zu lieben.“ Das ist so leicht daher gesagt, doch Selbstliebe und Selbstakzeptanz sind die schwierigsten Kunststücke unseres Lebens. „Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst“ – das ist oft so schwierig, weil man sich selbst oft eben nicht liebt, sondern sogar ablehnt. Es ergibt wenig Sinn, sich die Selbstliebe zwanghaft aufzuerlegen. Selbstliebe und Selbstinteresse entstehen vor allem dadurch, dass wir von anderen liebevoll und mit Interesse angeblickt werden – von Mutter und Vater, von Lehrern, vom Partner, vom Psychoanalytiker.Weiterlesen
Ich sitze ihm gegenüber. Dem Mörder. Er ist hoch-explosiv, gefährlich. Ich sage den anderen Bescheid, sie schauen kurz nach, aber sie können ihn nicht wirklich entschärfen. Sie zucken mit den Schultern und gehen wieder. Und ich sitze wieder da. Zusammen mit dem Mörder. Ich kann mich dabei nicht entspannen. Ich muss ihn im Blick behalten. Und in mir das ständige Gefühl des elektrischen Aufgeladenseins.Weiterlesen
Etwas sei „libidinös besetzt“ heißt es oft in der Psychoanalyse. Damit meint der Psychoanalytiker, dass quasi unser Herz daran hängt. Wenn wir an unseren Liebsten denken oder immer noch unser rotes Spielzeugauto lieben, sind der Liebste und das Auto „libidinös besetzt“. Sigmund Freud hat den Begriff der „Besetzung“ in diesem Sinne geprägt. Schon die Vorstellung vom Auto kann „libidinös besetzt“ sein, das heißt, die Vorstellung in unserer Psyche ist quasi „energetisch aufgeladen“. Unser Körper gerät in Wallung, wenn wir nur an den Liebsten denken. Der Psychoanalytiker Timo Storck schreibt: „Die Besetzung an sich bedeutet, dass bestimmte Vorstellungen libidinös-triebhaft besetzt sind, weil Lust und Befriedigung (bzw. die Erwartung dessen) damit verbunden sind.“ (Timo Stock: Das dynamisch Unbewusste, Kohlhammer 2019, S. 58)Weiterlesen
Mit der „Psychosexuellen Entwicklung“ sind die Phasen gemeint, die ein Baby und Kleinkind in der Entwicklung durchläuft: Die orale, anale und ödipale Phase. Zunächst ist der Mund die Körperregion, die wichtig ist und Lust erweckt. Zwischen zwei und drei Jahren spielen die Themen Verdauung, Laufenlernen, Ich-Sagen, Nein-Sagen und Ausscheidung eine wichtige Rolle (anale Phase). Zum Schluss entdeckt das Kind sein Geschlecht – mit vier bis sechs Jahren ist es in der ödipalen Phase. Danach kommt das Kind bis zur Pubertät relativ zur Ruhe (Latenzzeit). Weiterlesen