Münchhausen-by-Proxy-Syndrom: Wenn Mütter ihre Kinder medizinisch quälen

Kindesmisshandlung ist oft sehr schwer erkennbar – vor allem, wenn Eltern ihre Kinder mit „Gutem“ quälen. Manche Mütter führen extreme Therapien bei ihren Kindern durch und schädigen sie damit. Wenn sie die Kinder dann dem Arzt vorstellen, kann es sehr verwirrend werden, zum Beispiel wenn ein Kind immer wieder hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel oder Medikamente bekommt, durch die es sich erbrechen muss. Manche Mütter drängen die Ärzte auch wiederholt zu fragwürdigen Operationen oder forcieren ein Leiden des Kindes, sodass der Arzt sich zum Handeln gezwungen sieht. Auch manche Mütter, die die Vojta-Therapie bei ihren Babys extrem durchführen, können ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom haben.

Der Psychoanalytiker Professor Ulrich Sachsse erklärt das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (Münchhausen-by-Proxy-Syndrom, MBPS) sehr gut auf Youtube. Es kommen im schlimmsten Fall auch erweiterte Selbstmorde vor, also ein Selbstmord, bei dem die Mutter auch ihre Kinder tötet. Ein relativ „unauffälliger“ Tod eines Kindes kann eintreten, nachdem die Mutter mit ihrem Gewicht den Brustkorb des Kindes gedrückt hat (Burking, Wikipedia, lagebedingter Erstickungstod, posturale Asphyxie, Positional Asphyxia Syndrome, PAS, Wikipedia). So starben z.B. viele Menschen bei der LoveParade: Der Brustkorb wurde ihnen abgedrückt.

Die meisten Fälle des Münchhausen-Stellvertretersyndroms liegen wohl irgendwo in der Mitte – sie sind schwer zu erkennen. Oft taucht die Frage auf: Ist es nur eine überbesorgte Mutter oder haben wir es mit einem Münchhausen-Stellvertretersyndrom zu tun? Nicht wenige Mütter quälen ihre Kinder jahrelang mit unnötigen oder übertriebenen medizinischen Behandlungen. Die verdeckten Aggressionen und der Sadismus dahinter kann kaum in Worte gefasst werden. So schwierig es ist: Es ist wichtig, den Müttern ein bisschen Schuldgefühl zu „nehmen“, damit sie sich überhaupt öffnen und darüber sprechen können. Viele betroffene Mütter wissen selbst, dass das, was sie tun, unmoralisch ist. Um zu helfen, müssen wir manchmal die Moral wie einen Vorhang zur Seite schieben, um dem Verstehen und dem Erforschen mehr Platz zu machen.

Wer helfen will, muss oft sehr vorsichtig vorgehen. Dem Drang, das Kind der Mutter sofort zu entziehen, kann oft nur schwer widerstanden werden. Doch auch gequälte Kinder wollen oft nicht von ihrer Mutter weg und auch quälende Mütter hängen sehr an ihrem Kind und lieben es, wenn auch oft in einer schwer verstehbaren Form. Mit einer (sofort einsetzenden, evtl. hochfrequenten) Psychotherapie, die die Mutter wirklich erreicht, können meiner Erfahrung nach manchmal binnen Wochen gute Veränderungen herbeigeführt werden.

Wichtig ist es auch hier wieder, die Symbole aufzuspüren, die hinter mancher „therapeutischen Aktivität“ der Mutter steht. Beispielsweise sprechen Kindertherapeuten davon, dass der „Glanz im Auge der Mutter“ sehr wichtig ist für eine gesunde Entwicklung des Kindes. Das bedeutet, dass es gut ist, wenn die Mutter ihr Kind ausreichend bewundert. Es ist gut, wenn das Kind die Augen der Mutter zum Leuchten bringen kann. Auf Tiktok beschreibt ein Kinderarzt, wie eine Mutter die Augen ihres Kindes immer wieder durch Augentropfen schädigte, die sie mit Nagellackentferner versetzt hatte. Mütter, die von einem Münchhausen-Stellvertretersyndrom betroffen sind, wirken manchmal wie psychotisch bzw. dissoziiert.

Eine andere Mutter erzählt: „Als ich Kind war, ist meine Mutter durch ein Versehen von mir fast zu Tode gekommen.“ Darüber durfte nie gesprochen werden. Heute behandelt diese Mutter sowohl ihren eigenen Körper als auch die Körper der Kinder oft mit grossem Aktivismus. Es muss immer gehandelt werden, sonst passiert Schlimmes, so der unbewusste Gedanke. Ich weiss von einer weiteren Mutter, die ihr Kind so oft hat operieren lassen, bis es schliesslich „im Rollstuhl landete“ – zuvor hatte sie bei ihrem Kind die Vojtatherapie unerbittlich durchgeführt. Ein häufiges Argument der Vojtatherapeuten: „Die Therapie bewirkt, dass Ihr Kind nicht im Rollstuhl landet.“ Das, was die Mutter verhindern will, führt sie durch ihre Überfürsoge oft selbst herbei. Und auch hier gibt es ein Symbol: „Ich will später mal ein Kind im Rollstuhl haben, denn dann ist es, als könnte ich es immer weiter im Kinderwagen herumfahren“, sagt ein kleines (nicht gesundes) Mädchen beim Mutter-Vater-Kind-Spiel.

„Aber wenn das Kind gequält wird, muss ich es der Mutter doch sofort entreißen!“, sagt man allzu schnell. Doch nach sorgfältiger Abwägung und je nach Fall kann es besser sein, Mutter und Kind Zeit zu geben, als sofort dramatische Lebensveränderungen herbeizuführen.

Nachdenken unter Druck

Wichtig ist es, zu versuchen, einen Zugang zur Mutter zu finden, auch, wenn sich der Blick fast automatisch und ausschließlich aufs Kind richtet. Die Mütter sind in einer prekären psychischen Verfassung und haben selbst als Kind meistens Unfassbares erlebt. Unbewusste Erinnerungen an eigene frühe Erlebnisse, Dissoziationen, psychotische Entgleisungen, Amnesien und vieles mehr kann vorkommen. Ein unbewusster Hass auf das Kind, Nöte, die im eigenen Körper gespeichert sind, aber auch Neid auf das Kind können die Mutter zu absurden Handlungen bewegen. Dennoch hängen diese Mütter oft sehr am Kind. Es gibt Fälle, in denen die Mütter einen Suizidversuch unternehmen, sobald man ihnen das Kind wegnimmt. Es laufen hochkomplexe psychische Vorgänge ab und es erfordert eine gute Schulung der Therapeuten, um nicht zu Kurzschlussreaktionen zu kommen.

Natürlich lässt sich schnelles Handeln oft nicht vermeiden – manchmal muss das Kind sofort von der Mutter weg, damit es nicht mit seinem Leben bezahlt. Doch über das Münchhausen-by-proxy-Syndrom wird erst langsam aufgeklärt. In der ZDF-Serie „Lena Lorenz“ wird das Syndrom in der Folge „Gefährliche Liebe“ (ZDF-Mediathek) sehr eindrucksvoll dargestellt. Wann immer der Verdacht auftaucht, ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen, die Nerven zu behalten und mit Fachleuten zu sprechen, die sich damit auskennen.

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Links:

Ein Kinderarzt präsentiert einen Fall von Münchhausen-by-Proxy-Syndrom auf Tiktok. Eine Mutter hatte ihrem Kind Augentropfen verabreicht, die mit Nagellackentferner (Aceton) vermischt waren. Danke an @handfussmund für das Video:
www.tiktok.com/@handfussmund/video/7509902758129061142

Julie Gregory, Marc D. Feldman (2003)
Sickened: The Memoir of a Munchausen by Proxy Childhood
www.amazon.com/dp/0553803077/
„Munchausen by proxy (MBP) is the world’s most hidden and dangerous form of child abuse, in which the caretaker—almost always the mother—invents or induces symptoms in her child because she craves the attention of medical professionals.“

Herbert A. Schreier and Judith A. Libow:
Hurting for Love – Münchhausen by proxy Syndrome
The Guilford Press 1993
www.amazon.com/Hurting-Love-Munchausen-Proxy-Syndrome/dp/0898621216

Ulrich Sachsse (Hrsg.)
Proxy – dunkle Seite der Mütterlichkeit
Nachdruck 2019 der 1. Aufl. 2015
www.klett-cotta.de

David A. Waller (1983)
Obstacles to the Treatment of Munchausen by Proxy Syndrome
Journal of the American Academy of Child Psychiatry
Volume 22, Issue 1, January 1983, Pages 80-85
https://doi.org/10.1097/00004583-198301000-00013
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S000271380960861X
„The Munchausen by Proxy Syndrome, in which a parent makes a child appear to be ill, was first reported in 1977.“

Münchhausen-Stellvertretersyndrom = französisch:  syndrome de Münchhausen par procuration (MPB)

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht am 16.9.2022
Aktualisiert am 20.7.2025

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