Postpartale Depression
Wäscheberge, Isolation und Babygeschrei. Wie ist das alles zu schaffen? Wo bleibt das Mutterglück? Anders als beim “Babyblues”, den Heultagen, finden die Frauen bei einer Postpartalen Depression aus einer tiefen Lähmung und inneren Leere nicht mehr heraus.
Die Tränen kommen leicht
Wer zwischen dem 3. und dem 5. Tag nach der Entbindung weinerlich wird, leidet wahrscheinlich am Postpartalen Stimmungstief, auch Babyblues genannt. Das Tief dauert etwa 10 Tage – danach fühlen sich die meisten Frauen wieder besser. Es wird verursacht durch den Hormonabfall nach der Geburt, aber natürlich auch durch die Umstellung. Die “Frau” wird zur “Mutter”. Da heißt es Abschiednehmen von einer alten Identität, aber auch von dem Kind im Bauch, das noch kurz zuvor mit der schwangeren Frau unzertrennlich verbunden war. All dies wird betrauert. Diese Phase endet bald mit neuer Zuversicht und einer positiveren Grundstimmung.
Leere ohne Tränen
Bei der Postpartalen Depression (post = lat. “nach”, partus = lat. “Leibesfrucht”) ändert sich auch zwei Wochen nach der Entbindung nichts an der negativen Grundstimmung. Die Frauen haben ein schwer zu beschreibendes, unangenehmes Gefühl. Diesen Frauen geht es “schlecht”. Manche sind tief traurig und können weinen, anderen ist eigentlich zum Heulen zumute, aber die Tränen der Erleichterung bleiben aus. Der Schlaf, wenn er nachts denn überhaupt kommt, ist unruhig und nicht erholsam. Die Gedanken kreisen und manchmal kommen Selbstmordgedanken hinzu. Gedanken wie: “Ich werde das Kind nicht großziehen können, es ist besser, wenn mein Partner das alleine macht” kommen nicht selten.
Aggressionen in der Phantasie
Die verschiedensten Ängste haben mitunter auch gesunde Mütter, doch bei einer Depression lassen sie sich nicht so leicht abschütteln. Die Phantasie, sich oder dem Kind etwas anzutun, scheint sich so sehr aufzudrängen, dass sie nur schwer auszuhalten ist. Am besten ist es dann, sich jemandem anzuvertrauen. Viele Frauen befürchten, andere damit zu schockieren. Sie sollten sich jedoch klar machen, dass sich andere momentan nicht in so einer Gefühlslage befinden und meistens besser mit dem Gehörten umgehen können, als angenommen.
Die Postpartale Psychose
Neben dem Babyblues und der Postpartalen Depression gibt es noch die Postpartale Psychose. Hiervon sind etwa 3 von 1000 Müttern betroffen. Dabei verliert die Frau den Bezug zur Realität: Sie hat Wahnvorstellungen, sieht Tiere oder hört Stimmen, die gar nicht da sind. Unter Umständen ist sie dabei in einer manischen Stimmung und gibt sich rastlos unsinnigen Aktivitäten hin. Die Psychose beginnt in den ersten zwei Wochen nach der Entbindung. Meistens bildet sie sich vollständig zurück.
Ursachen der Postpartalen Depression
Häufig sind Frauen betroffen, die eine schwere Entbindung hinter sich haben. Frauen, die Stunden oder Tage von ihrem Kind getrennt waren oder die ohnmächtig plötzlich einem Kaiserschnitt gegenüberstanden. Junge Mütter, die wenig Hilfe von ihrem Umfeld erfahren und sozial nur wenig eingebunden sind, sind ebenfalls häufiger betroffen als solche aus intakten größeren Familien und mit einem großen Freundeskreis. Viel zu hohe Ansprüche an sich, das Kind oder den Partner können ihr Übriges beitragen.
Auch, wenn es vielen so erscheint – die Postpartale Depression fällt nicht vom Himmel. Oft bahnt sie sich schon in der Schwangerschaft an. Häufig gab es Probleme in der eigenen Kindheit, denen man sich jetzt, da das eigene Kind kommt, plötzlich stellen muss. So aussichtslos die Depression scheinen mag: Sie ist ein Signal der Psyche. Sie hat den “Vorteil”, dass man jetzt Hilfe suchen kann und muss und dass vielleicht Dinge in Ordnung kommen, die schon länger in Unordnung waren.
Wenn das Baby unangenehme Wahrheiten widerspiegelt
Die Mutter, die auf ihr Kind blickt, schaut auch immer ein Stück vom Partner an. Spannungen in der Partnerschaft oder der Wunsch, am liebsten doch nicht eben von jenem Mann schwanger geworden zu sein, können hinter der Depression stecken. Aber auch das Gefühl, dass man selbst in der Kindheit zu kurz gekommen ist und ein unbewusster Neid auf das glückliche eigene Kind können schmerzen.
Das weckt unter Umständen Aggressionen gegen das Kind. Blitzschnell “verbietet” sich die Mutter diese Aggressionen, ohne es zu merken. Vielleicht erzählt sie scheu lächelnd dem Arzt, dass es ihr gerade nicht gut geht. Diese aggressiven, aber “verbotenen” Gefühle zuzulassen, ist oft ein wichtiger Schritt in der Therapie. Denn es ist unmöglich, dass man dem eigenen Kind gegenüber immerzu vollkommene Liebe empfindet.
Eine Frage der Vorbereitung
Viele Mütter sind einfach schlecht vorbereitet auf das, was nach der Geburt kommt. Während der Schwangerschaft macht sich die Frau ein bestimmtes Bild von ihrem Kind. Ist das Baby geboren, ist es oft völlig anders als erwartet. Manchmal ist es anfangs fremd. Manchmal muss sich das Liebesgefühl erst langsam einstellen. Mütter, die die reinste Wonne und die rosa Wolke nach der Geburt erwartet haben, fallen natürlich tiefer als solche, die behutsam von der Hebamme auf diese Situationen vorbereitet worden sind.
Die Kinder beanspruchen die Mutter voll
Zur guten Geburtsvorbereitung gehört auch, der Schwangeren vorausschauend bewusst zu machen, dass das Baby sie voll beanspruchen wird. Es wird ständig Hunger haben, manchmal stündlich gestillt werden wollen, die Windel wird öfter voll sein als je gedacht und der Schrei nach Zuwendung und körperlicher Nähe wird fordernd sein.
Nur, wenn die Mutter psychisch selbst “satt” ist, kann sie all das geben. Nur, wenn sie unterstützt wird und nicht allein allen Forderungen entsprechen muss, kann sie darauf eingehen. Ansonsten stellt sich möglicherweise statt Liebe eine ungeahnte Gefühlskälte und Ablehnung ein. Auch können Fehlinterpretationen entstehen wie z. B. der Gedanke “Das Kind will mich nur ärgern.” Wichtiges Therapieziel ist hier, der Mutter Möglichkeiten zu zeigen, wie sie selbst Quellen der Zuwendung und Kraft finden kann. Der tägliche Besuch der Nachsorge-Hebamme und das Gespräch mit älteren Müttern kann ein guter Anfang sein.
Beruf: Ja oder Nein?
Manche Frauen erwarten ein Baby zu der Zeit, in der sie in einer beruflichen Sackgasse stecken. Sie erhoffen sich Entlastung und Freiraum für neue Weichenstellungen. Das ist völlig legitim. Aber manchmal wird die Erwartung nicht erfüllt. Die Berufsfrage existiert weiter, das Kind hat das Problem nicht aus der Welt geschafft. Das kann eine enttäuschende Feststellung sein.
“Ausreichend gut” genügt
Viele Frauen haben zwei Jahre Erziehungsurlaub eingereicht, weil sie eine “gute Mutter” sein wollen. Doch ihr wahrer Wunsch ist es eigentlich, so bald wie möglich wieder in den Beruf zurückzukehren. Diese Möglichkeit zu erfassen und sich dabei nicht als “schlechte Mutter” zu fühlen, kann bei diesen Müttern aus dem Tief führen. Der amerikanische Kinderpsychiater Donald Winnicott prägte den Begriff der “ausreichend guten Mutter”. Niemand ist perfekt. Kinder bleiben psychisch gesund, wenn die Mütter einfach ausreichend gut sind.
Aktiv ist besser als passiv
Hinter einer Depression kann eine ungeahnte Kraft stecken. Vielleicht eine Aggression, eine Wut oder die Kraft des eigenen Kerns, der wieder zum Leben erweckt werden will. Auch, wenn die Depression noch so unangenehm ist – diejenigen Frauen, die sich Hilfe suchen und ernsthaft mit sich selbst auseinandersetzen, können neue Wege finden. Wenn eine Therapie gelingt, dann ist es vielleicht ein doppeltes Glück: endlich die Freude am Muttersein zu empfinden und sich selbst ein Stück näher gekommen zu sein.
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Tipp:
Sie kämpfen schon länger mit Ihrer Depression und fragen sich, wo Sie auf Dauer Hilfe finden? Ich berate Sie gerne telefonisch oder per E-Mail. Die Beratung kostet 30 Euro.
Links:
Adressen in Deutschland:
www.schatten-und-licht.de, Krise nach der Geburt e. V.
www.beiallerliebe-verein.de
www.psychiatrie-herten.de
www.wochenbettdepression-hotline.de
Adressen in der Schweiz:
www.elternnotruf.ch
www.muetterhilfe.ch
Fernsehsendung 37 Grad am Donnerstag, den 19. Oktober 2006 um 18 Uhr in 3-SAT: Kein Gefühl fürs Baby – wenn Mütter nicht lieben können.





Januar 11th, 2007 13:25
Toller Artikel!
Die Materie ist äußerst interessant und wurde gut aufbereitet.
Danke!
Grüße,
René Kriest