Die Mutter war außer sich. Schon wieder. Das Kind hatte alles falsch gemacht. Und doch hatte es etwas richtig gemacht: Weil es die Mutter nicht einschätzen konnte, machte es die Mutter wütend, damit es wusste, wo es dran war. Damit es Eindeutigkeit hatte. Doch ein kleines Kind kann die Welt nicht entdecken, wenn die Mutter wütend mit ihm ist. Also versucht es, die Mutter wieder zu besänftigen. „Hab mich wieder lieb, Mama!“, sagt das Kind mit all seiner Kraft. Die erschöpfte, versteinerte Mutter kann nicht sagen: „Ist schon gut, mein Schätzchen.“ Aber die Mutter hat ein Minimum an Fähigkeit, gnädig zu sein. Als sie ausreichend gnädig ist, lässt das Kind los. Weiterlesen
Jeden Tag dasselbe. Jede Nacht dasselbe. Dieses unaushaltbare, unaufhörliche Das. Nicht nur, wer im Gefängnis sitzt, ist gefangen. Das Alltagsrad lässt keinen Ausgang zu. „Wie lange noch?“, fragt man sich, obwohl das Ende der Fahnenstange schon längst erreicht ist. Weiterlesen

Die Mutter lässt nicht los. Sie hat Angst vor dem Verlassenwerden. Jeder Schritt des Kindes eine Bedrohung. Das Kind, es schielt nach der Mutter. Es spürt ihre Angst. Es muss sich heimlich entwickeln. Es klettert eine Etage höher. Die Mutter bemerkt es. Und gerät in Rage. Das Kind will die Mutter schützen. Es zeigt ihr mutig: „Schau her, ich bin eine Stufe höher gekommen, aber ich freue mich nicht daran. Ich bleibe bei Dir.“ Das Kind sitzt eingesperrt mit der Mutter im Turm. Es heißt Rapunzel. Weiterlesen
Darf man das machen? Darf man ein weinendes Kind mit großen hungrigen Augen rausschmeißen? Darf man es aus seinem Inneren rausschmeißen, wenn man meint, dass es die innere hungrige Mutter ist, die da weint? Vielleicht wurde man geboren, um der Mutter zu helfen. Vielleicht war man das Ein und Alles für eine Mutter, die sonst nichts hatte. Eine Mutter, in Not geboren und fast verhungert. Es gab nie Geld. Kein Zuhause. Nur Unruhe und Angst. Weiterlesen
Mit leisem Summen öffnet sich das Tor. Der Junge empfängt mich freundlich. Ich darf mit in den riesigen Garten kommen. Kinder springen in den Pool, doch sie werden ermahnt, das Wasser zu verlassen, weil Blitz und Donner nahen. Es ist schwül. Wir setzen uns an den reich gedeckten Kaffeetisch und genießen die Luft. „Was ist an Deinem Leben luxuriös?“, frage ich den Jungen. „Dass meine Eltern sich lieben, dass beide mich lieben, dass sie für mich da sind und mich ernst nehmen“, antwortet er. Weiterlesen
„Es wird ernst“ – heißt: Es gibt kein Entrinnen mehr. Es ist real. Kein Spiel, kein Humor, kein Lockersein. Kein „Das-wird-schon-wieder“, kein „Alles-ist-möglich“. Es wird ernst. Der Boden unter den Füßen wird fest, die Blicke sind ehrlich, die Gefühle echt. Weiterlesen
Es ist still. Nur der Atem geht. Einer schlägt die Beine übereinander. Einer streicht sich mit der Hand durch das Gesicht. Schlucken. Die Uhr tickt. Ein Räuspern. Darmgeräusche. Spannung auf der Haut. Leichte Übelkeit. Schwindet wieder. Wechselt mit Wohlgefühl. Die Ohren lauschen. Die Augen geschlossen. Wieder offen. Wo sind die Grenzen? Über dem Körper eine Schicht, die man nicht sieht. Ob der andere wohl darauf blickt und starrt und beobachtet? Ob er nur schaut? Oder sich lustig macht? Ob er gleich angreift – im Guten wie im Bösen? Oder gar schläft? Weiterlesen
Er lässt sich nicht verdrängen. Nicht begraben. Nicht erdrücken. Er ist immer da. Untransformierbar. Mal im Hintergrund, mal im Vordergrund. Er lässt sich nicht erweichen, nicht zum Lachen bringen. Er versteht Dich nicht. Er ist das Konglomerat des Bösen, das Du erlebt hast. Er steht da. Unerbittlich. In Dir. Der Böse. Und ist doch Teil von Dir. Weiterlesen
Das Schlimme hat so einen Sog. Dieser Lärm, verursacht durch das eigene Schreien. Diese Stille, verursacht durch alle, die schweigen. Diese Wut und diese Rachsucht auf alle, die nicht verstehen, die nicht gesehen haben und die auch heute nicht wissen, was sie tun. Das Schlimme zieht mich immer wieder an. Ich gleite hinein. Ich suche es und kann es doch nicht akzeptieren, nicht aushalten. Was heißt un-aus-haltbar überhaupt? Dass man sterben möchte, aber nicht kann? Ein Schwebezustand, in dem es nicht vor und nicht zurück geht. Man solle vertrauen. Alles sei auszuhalten. Sagen die, die noch nie das Nicht-Aushaltbare erlebt haben. Weiterlesen
Manchmal, da war es so einsam. Das Kind ging ins Bett, ohne Mutter. Die saß nebenan. Das Einzige, was dann noch tröstete, war der Strahl der tiefstehenden Abendsonne, der durch die Jalousetten fiel und auf dem Boden ein warmes Licht hinterließ. Weiterlesen