„Ich soll spätestens nach einer Stunde Schmerzen etwas einnehmen, damit sich der Schmerz nicht ins Schmerzgedächtnis einprägt und dann immer leichter kommt und länger bleibt“, erklärt mir ein Patient, der an chronischen Schmerzen leidet. Dies habe ihm ein Arzt empfohlen. Ich höre das oft. Es ist, als ob viele Menschen sich gar keine Chance mehr gäben, bei Schmerzen nach Lösungen ohne Schmerzmittel zu suchen. Zu groß ist die Angst, die Schmerzen könnten sich wie auf einer Nerven-Autobahn in die Nervenbahnen einbrennen. Weiterlesen
„Es wird ernst“ – heißt: Es gibt kein Entrinnen mehr. Es ist real. Kein Spiel, kein Humor, kein Lockersein. Kein „Das-wird-schon-wieder“, kein „Alles-ist-möglich“. Es wird ernst. Der Boden unter den Füßen wird fest, die Blicke sind ehrlich, die Gefühle echt. Weiterlesen
Manchmal wird es uns plötzlich übel, ohne dass wir wissen, warum. Möglicherweise erleben wir gerade eine Situation, die wir unbewusst mit einer früheren Situation verknüpfen, die wir als überwältigend erlebten. Bereits damals wurde uns übel, denn das Überwältigende konnten wir nicht gänzlich aufnehmen – wir versuchten es, wieder auszustoßen. Vorgänge wie diese lassen sich mit dem Begriff „Embodiment“ beschreiben: Psychisches ist nicht nur in unserer Psyche vorhanden, sondern auch in unserem Körper. Weiterlesen
Vater und Mutter sind ein Paar. Das Kind ist ausgeschlossen. Das Kind wird größer. Zusammen mit anderen geht es zur Schule. Die anderen gehen auf Parties. Die anderen heiraten und bekommen Kinder. Sie leben in Häusern, aus deren Fenstern abends gemütliche Lichter funkeln. Einsam geht das Mädchen daran vorbei. Das Mädchen wird zur Frau – ganz alleine. Die Männer kehren zu ihren Frauen zurück. Die Frau bekommt ein Kind. Der Vater holt es in den Ferien ab. Vater und Tochter sind zusammen. Die Mutter ist ausgeschlossen. Es ist ausgeschlossen, dass sie jemals jemanden an ihrer Seite haben wird Weiterlesen
In Kasuistisch-Technischen Seminaren, in denen angehende Psychoanalytiker*innen ihren Fall vorstellen, ist oft der Satz zu hören: „Und dann war die Stunde zu Ende.“ Dieser Satz zeigt vielleicht, wie gehaltvoll der Anfang und das Ende der Stunde sind. Gerade an diesen Rändern der Stunde, an den Übergängen „von der Realität auf die Couch“ und von der Couch zurück in die Realität, passiert ungeheuer viel. Wie blicken sich Patient und Analytiker an? Was wird gesagt oder nicht gesagt? Wie sieht das Schweigen aus? Was passiert im Flur?Weiterlesen
Es ist still. Nur der Atem geht. Einer schlägt die Beine übereinander. Einer streicht sich mit der Hand durch das Gesicht. Schlucken. Die Uhr tickt. Ein Räuspern. Darmgeräusche. Spannung auf der Haut. Leichte Übelkeit. Schwindet wieder. Wechselt mit Wohlgefühl. Die Ohren lauschen. Die Augen geschlossen. Wieder offen. Wo sind die Grenzen? Über dem Körper eine Schicht, die man nicht sieht. Ob der andere wohl darauf blickt und starrt und beobachtet? Ob er nur schaut? Oder sich lustig macht? Ob er gleich angreift – im Guten wie im Bösen? Oder gar schläft? Weiterlesen
Er lässt sich nicht verdrängen. Nicht begraben. Nicht erdrücken. Er ist immer da. Untransformierbar. Mal im Hintergrund, mal im Vordergrund. Er lässt sich nicht erweichen, nicht zum Lachen bringen. Er versteht Dich nicht. Er ist das Konglomerat des Bösen, das Du erlebt hast. Er steht da. Unerbittlich. In Dir. Der Böse. Und ist doch Teil von Dir. Weiterlesen
Man solle sich „in sich selbst zu Hause fühlen“ – dann könne man auch eine Partnerschaft eingehen, heisst es. Und doch ist das für manche Menschen ein Ding der Unmöglichkeit, weil das „Zuhause“ ein Ort von Geschrei, Missachtung und Grausamkeit war. Weiterlesen

Manchmal haben wir vielleicht das Gefühl, uns vor uns selbst ekelig zu fühlen. Möglicherweise fing dieses Gefühl in der Pubertät an. Da bekam man Akne, fing an, zu riechen, Speckröllchen anzusetzen und sich mit Haar und Körper unwohl zu fühlen. Lieblose Eltern haben durch ihre kritischen Blicke und distanzlose Sprache dafür gesorgt, dass sich das Gefühl von Ekel verstärkte. Frauen, die darunter leiden, sich ekelig zu fühlen, hatten oft Mütter, die sich selbst als Frau nicht schätzten und sich nicht gut pflegten. Oft kamen die Mütter oder Väter einem mit ihrem Körper viel zu nah.Weiterlesen
Bei schweren psychischen Störungen spielen unbelebte Dinge oft eine sehr große Rolle: Messies häufen Müll an, zwanghafte Menschen sammeln Briefmarken, Fetischisten erregen sich an Stöckelschuhen und narzisstische Menschen brauchen dicke Autos. Bei Psychosen werden Dinge oft ganz speziell verwendet. Beispielsweise versuchen sich manche Psychotiker, sich mit Alufolie vor Strahlen zu schützen. Andere verwenden einen Schrank als Symbol für den psychischen Container oder nutzen ihn als Projektionsfläche und fürchten sich vor dem Dunklen darin.Weiterlesen